Hartmann Lauterbacher

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hartmann Lauterbacher

Hartmann Lauterbacher (* 24. Mai 1909 in Reutte (Tirol); † 12. April 1988 in Seebruck am Chiemsee) war Stabsführer und stellvertretender Reichsjugendführer der Hitler-Jugend, NSDAP-Gauleiter des Gaus Süd-Hannover-Braunschweig, Oberpräsident der Provinz Hannover sowie SS-Obergruppenführer.

Leben[Bearbeiten]

Der Sohn eines k.u.k. Tierarztes besuchte die Volksschule und das Reformgymnasium in Kufstein und erlernte anschließend den Beruf des Drogisten.

Karriere in HJ und NSDAP[Bearbeiten]

Lauterbacher stieß bereits als Gymnasiast zu den Nationalsozialisten. 1923, mit 14 Jahren, gründete er in Kufstein die erste Ortsgruppe der Deutschen Jugend in Österreich und veranstaltete eine Gedenkfeier für Albert Leo Schlageter.[1] 1925 übernahm er die Führung der DJ und überführte sie 1927 in die Hitlerjugend (HJ). Nach eigenen Angaben begegnete er am 19. April 1925 als 16-Jähriger in Rosenheim erstmals Adolf Hitler.[2] Nach einer anderen Quelle war er am 20. April 1925 zu Gast bei Hitlers Geburtstagsfeier.[3] 1927 ging Lauterbacher zur Ausbildung an der dortigen Drogistenakademie nach Braunschweig. Dort trat er noch im selben Jahr der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 86837[4]) und baute von 1929 an die HJ des Gaus Süd-Hannover-Braunschweig auf, seit 1930 hauptberuflich als HJ-Gauführer. Bis 1932 gründete er in den zehn niedersächsischen HJ-Bezirken 31 Gefolgschaften mit 93 Scharen.[5] Die Zahl der HJ-Mitglieder im Gau wuchs zwischen März 1930 und dem Jahresende 1931 von 98 auf 2500, 1932 waren es schon 4000.[6] Sein Organisationstalent ließ Lauterbacher schnell Karriere machen. 1932 wurde er HJ-Gebietsführer Westfalen-Niederrhein, 1933 Obergebietsführer West und 1934 HJ-Stabsführer und Stellvertreter von Reichsjugendführer Baldur von Schirach. 1935 war Joseph Goebbels sein Trauzeuge.[7] Lauterbacher wurde Vater von drei Kindern.

Lauterbacher unternahm in dieser Zeit zahlreiche Auslandsreisen, u. a. in die Niederlande, nach Belgien, Rumänien, Ungarn, Portugal und Spanien.[8] In Italien traf er sich 1934 mit Funktionären der faschistischen Opera Nazionale Balilla (ONB), des Vorbilds der HJ, und lernte auch die Akademie der ONB kennen. Nach ihrem Beispiel entstand kurz darauf in Braunschweig die Akademie für Jugendführung,[9] in der der HJ-Führernachwuchs geschult wurde. 1937 war Lauterbacher Delegationsleiter, als die gesamte HJ-Führung zur Weltausstellung nach Paris reiste.[10] Im selben Jahr besuchte er Großbritannien und besichtigt die Eliteschule in Eton und die Militärakademie in Aldershot. Höhepunkt der Reise war ein Treffen mit Robert Baden-Powell, dem Gründer der Pfadfinder-Bewegung.[11] Nachdem er aus England zurückgekehrt war, war Lauterbacher an der Gründung des BDM-Werks „Glaube und Schönheit“ für die 17- bis 21-jährigen Mädchen beteiligt.

In den folgenden Jahren vereinigte Lauterbacher in seiner Person zahlreiche Ämter, Titel und Funktionen. 1936 wurde er Mitglied des Reichstages. 1937 folgte die Ernennung zum Preußischen Ministerialrat.

Im November 1940 wurde er in die SS (SS-Nr. 382.404) im Rang eines Brigadeführers übernommen, wurde im April 1941 zum Gruppenführer befördert und stieg innerhalb der SS Ende Januar 1944 bis zum Obergruppenführer auf.[12] Im Mai 1940 wurde Lauterbach, wie damals für Parteiführer üblich, zu einem kurzen Militärdienst zur SS-Leibstandarte Adolf Hitler einberufen; während dieser Zeit hatte er einen Autounfall mit Folge einer dauerhaften Knieverletzung.

Gauleiter Süd-Hannover-Braunschweig[Bearbeiten]

Im August 1940 verließ Lauterbacher die HJ-Führung und wurde zunächst stellvertretender Gauleiter von Süd-Hannover-Braunschweig, bereits im Dezember 1940 folgte die Beförderung zum Gauleiter und zum Bevollmächtigten für den Arbeitseinsatz.[13] Lauterbachers Vorgänger in der Gauleitung war Bernhard Rust, seit 1934 Reichserziehungsminister und damit in Hannover nur wenig präsent. Lauterbacher war 31 und damit der jüngste NS-Gauleiter. Im selben Jahr erhielt er den Titel Ehrenführer der Akademie für Jugendführung in Braunschweig.

Im Januar 1941 wurde Lauterbacher preußischer Staatsrat, im April 1941 Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover als Nachfolger von SA-Stabschef Viktor Lutze. 1942 folgte noch die Ernennung zum Gau-Reichsverteidigungskommissar.

„Aktion Lauterbacher“[Bearbeiten]

Im September 1941 ordnete der Gauleiter die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung in Hannover an. Rund 1.200 Juden wurden aus ihren Wohnungen vertrieben und unter katastrophalen Lebensumständen in 15 sogenannten „Judenhäusern“ untergebracht.[14] Diese „Aktion Lauterbacher“ war die Vorstufe zu der im Dezember 1941 beginnenden Deportation der hannoverschen Juden in die Vernichtungslager.[15]

Während des Krieges tat sich Lauterbacher als fanatischer Nationalsozialist hervor. Noch am 4. April 1945, wenige Tage bevor alliierte Truppen Hannover erreichten, verkündete er über Rundfunk und Zeitungen Durchhalteparolen. Unter der Überschrift „Lieber tot als Sklav“ hieß es u. a.: „… wer weiße Fahnen hißt und sich kampflos ergibt, ist des Todes.“[16]

Er selbst zog die Flucht vor. Am 8. April 1945 ließ er sein Auto mit 1,78 Millionen Zigaretten beladen und setzte sich als Handelsvertreter getarnt in den Harz nach Hahnenklee ab. Von dort floh er weiter Richtung Süden. Das Kriegsende soll er in Bad Gastein bei Salzburg erlebt haben.[7] Am 12. Juni vermeldete der „Neue Hannoversche Kurier“, ein britisches Kommando hätte ihn in Kärnten verhaftet.[17]

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Nach dem Krieg leitete die Justiz insgesamt acht Verfahren gegen Lauterbacher ein, unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.[18] Zur Rechenschaft wurde er jedoch nicht gezogen. Anfang Juli 1946 sprach ihn das Obere Britische Militärgericht in Hannover von der Anklage frei, Anfang April 1945 die Ermordung deutscher und alliierter Häftlinge des Gefängnisses von Hameln angeordnet zu haben. Im August 1947 begann im Internierungslager Dachau ein weiteres Verfahren gegen Lauterbacher. Dieses Mal ging es um einen Befehl aus dem September 1944, wonach Lauterbacher die Erschießung von zwölf amerikanischen Fliegern, die über Goslar abgeschossen worden waren, befohlen haben sollte. Im Oktober 1947 endete auch dieser Prozess mit einem Freispruch. Die deutsche Justiz, die durch die Staatsanwaltschaft Hannover bereits 1947 ein Verfahren eröffnet hatte, dem weitere Ermittlungsverfahren in München und Hannover folgten, begnügte sich damit, die Ermittlungen wegen Verjährung einzustellen; das Verfahren aus dem Jahre 1947 wurde nach „gründlicher Prüfung“ erst zwölf Jahre später eingestellt.[19] In den Nürnberger Prozessen trat der ehemalige stellvertretende Reichsjugendführer als Entlastungszeuge für seinen einstigen Chef Baldur von Schirach auf.[7]

Lauterbacher, der seit Kriegsende im Lager Sandbostel bei Bremervörde interniert war, konnte am 25. Februar 1948 unter bis heute ungeklärten Umständen fliehen. Die Braunschweiger Zeitung berichtet von amerikanischen Geheimdienstunterlagen, nach denen angeblich die Antikommunistische Front hinter der Aktion stehen sollte, eine Organisation hoher Wehrmachts- und SS-Offiziere.[7] Angeblich hatte Lauterbacher in dieser Zeit bereits Verbindungen zum US-Geheimdienst CIC. In Ungarn soll er mit Unterstützung der Amerikaner die NAESZ gegründet haben, eine „internationale anti-bolschewistische Organisation“.[7] Später tauchte er in Rom unter dem Namen „Bauer“ unter.[7] Er verkehrte – offenbar im Auftrag von alliierten Geheimdiensten[19] – in einem Kreis von Schleusern, die belastete Personen entlang sogenannter Rattenlinien, etwa der sogenannten „Vatikan-Route“, aus ehemaligen faschistischen Staaten nach Südamerika oder in den Nahen Osten brachten. Lauterbacher nutzte in diesen und den späteren Jahren seine zahlreichen Auslandskontakte, die er vor dem Krieg als HJ-Funktionär geknüpft hatte. Im April 1950 wurde er von den Italienern verhaftet und als „lästiger Ausländer“ in das Lager La Frachette bei Rom gebracht; von wo Lauterbacher nach wenigen Monaten im Dezember 1950 nach Argentinien fliehen konnte.[19]

Lauterbachers Familie lebte in Salem (Schleswig-Holstein). Er kehrte nach Deutschland zurück und arbeitete in München für die Firma „Labora“ seines Bruders, einen Vertrieb von Industrie-Erzeugnissen im Ausland.[7] Als intensivere Nachforschungen angestellt wurden, tauchte Lauterbacher erneut unter. 1960 berichtete Der Spiegel, Lauterbacher sei Inhaber von Labora und habe sich zum Experten für Nahost-Geschäfte entwickelt. Unter anderem verkaufe er an europäische Firmen Werbeflächen, die entlang des Suezkanals aufgestellt würden.[20] Nach Darstellung des Magazins arbeitete Lauterbacher in den 1950er Jahren als Kontaktmann für den Bundesnachrichtendienst (BND). Im Auftrag von BND-Chef Reinhard Gehlen soll er im Nahen Osten ehemalige SS-Führer für den Dienst angeworben haben, die für arabische Geheimdienste arbeiteten.[21] Bei der CIA gab es Bedenken gegen Lauterbacher. In einem Bericht der Amerikaner heißt es, Lauterbacher arbeite für einen östlichen Geheimdienst, sei homosexuell und damit erpressbar. 1965 beendete der BND die Zusammenarbeit.[22] 1965 beriet Lauterbacher die Regierung in Ghana, später arbeitete er für verschiedene arabische und afrikanische Staaten.[7] Bis Mitte der 1970er Jahre soll er dann für eine Werbeagentur in Dortmund gearbeitet haben.[7] Zwischen 1977 und 1979 war der ehemalige Gauleiter offizieller Berater des Sultans von Oman, Qabus ibn Said, in Jugendfragen. Anschließend lebte er in Marokko und nahm 1981 seinen Wohnsitz in Österreich.[23]

1984 veröffentlichte Lauterbacher seine Lebensbeschreibung unter dem Titel „Erlebt und mitgestaltet“, ein typisches Beispiel für Rechtfertigungsliteratur der Nazi-Chargen der mittleren Ebene. Seine Biografie zeigt, dass es ihm nie gelungen ist, sich nach dem Krieg von seiner Rolle im Nationalsozialismus zu lösen. Er verteidigte die Verbrechen an den Juden. 1947 erklärte er: „Ich stehe auf dem Standpunkt, dass uns das Judentum den Krieg erklärt hat (…).“[24] Sein Leben nach 1945 war geprägt von Seilschaften und undurchsichtigen Geheimdienstverbindungen mit wechselnden Loyalitäten. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er sehr zurückgezogen in Deutschland; nur sein Totenschein belegt, dass er in Seebruck am Chiemsee verstorben ist.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Hartmann Lauterbacher: Erlebt und mitgestaltet. Kronzeuge einer Epoche 1923-1945. Zu neuen Ufern nach Kriegsende; Preußisch-Oldendorf: K.W.Schütz-Verlag, 1984; ISBN 3-87725-109-9 (Autobiografie)
  • Heinrich-Sohnrey-Wettbewerb des Gauheimatwerkes Süd-Hannover-Braunschweig; Hannover: Gauheimatwerk Süd-Hannover-Braunschweig, 1942

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Graf: Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Hermagoras-Verlag, Klagenfurt/ Ljubljana/ Wien 2012, ISBN 978-3-7086-0578-4.
  • Werner Klose: Generation im Gleichschritt: Die Hitlerjugend; Oldenburg, Hamburg, München 1982; ISBN 3-7979-1365-6
  • Gerhard Rempel: Hitler’s Children. The Hitler Youth and the SS; Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1990; S. 41–44; 122–123; ISBN 0-8078-4299-0
  • Wolfgang Leonhardt: „Hannoversche Geschichten“ – Berichte aus verschiedenen Stadtteilen, Norderstedt 2009/2010, S. 77 ff. mit einer detaillierten Schilderung der Rolle Lauterbachers bei der Judenverfolgung

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Werner Klose: Generation im Gleichschritt: Die Hitlerjugend, S. 11
  2. Hartmann Lauterbacher: Erlebt und mitgestaltet, Kronzeuge einer Epoche 1923–1945, zu neuen Ufern nach Kriegsende, Preußisch-Oldendorf 1984, S. 30 f.
  3. Paul Bruppacher: Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP – Eine Chronik; Norderstedt 2009, S. 140
  4. luftschutzbunker-hannover.de (PDF; 79 kB) abgerufen 13. März 2010
  5. vernetztes-gedaechtnis.d, abgerufen 13. März 2010
  6. Annika Singelmann: Die Akademie für Jugendführung und die Stadt Braunschweig, 2008, S. 21
  7. a b c d e f g h i Stefanie Waske: Braunschweigs Gauleiter und der BND, Serie in der Braunschweiger Zeitung vom 26. Januar 2009 – 23. Februar 2009; newsclick.de
  8. Gisela Miller Kipp (Hrsg.) „Auch Du gehörst dem Führer“ Die Geschichte des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Quellen und Dokumenten. Weinheim und München 2001, S. 371
  9. in: Alessio Ponzio: Ein totalitäres Projekt des italienischen Faschismus. Die Ausbildung des Führungsnachwuchses in der ONB und der GIL im Vergleich zur Hitlerjugend. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, 88/2008, S. 489, 503
  10. Roland Ray: Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers? - Otto Abetz und die deutsche Frankreichpolitik 1939-1942, München 2000, S. 223
  11. Süddeutsche Zeitung, 9. März 2010; Basler Zeitung, 9. März 2010
  12. Wolfgang Graf: Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Klagenfurt/ Ljubljana/ Wien 2012, S. 142
  13. Erich Stockhorst: 5000 Köpfe – Wer war was im 3. Reich, Kiel, 1998, S. 264
  14. Was wurde aus Lauterbacher? In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 8. August 2003; Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.): Stadtlexikon Hannover: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Schlütersche, Hannover, 2009, S. 17, Aktion Lauterbacher
  15. Wolfgang Leonhardt: „Hannoversche Geschichten“ – Berichte aus verschiedenen Stadtteilen, Norderstedt 2009/2010, S. 77 ff.
  16. zitiert nach: Wolfgang Leonhardt: „Hannoversche Geschichten“ – Berichte aus verschiedenen Stadtteilen, Norderstedt 2009/2010, S. 80
  17. Steinweg, Wolfgang: Das Rathaus in Hannover, Von der Kaiserzeit bis in die Gegenwart, Schlütersche, 1988, Hannover, S. 160
  18. Was wurde aus Lauterbacher?, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 8. August 2003
  19. a b c Hermann Weiß (Hrsg.): Personenlexikon 1933–1945, Wien 2003, S.290 ff.
  20.  Hartmann Lauterbacher. In: Der Spiegel. Nr. 47, 1960, S. 95 (online).
  21.  Pullach intern. In: Der Spiegel. Nr. 23, 1971, S. 100, 108 f. (online).
  22. ausführlich zu den Verbindungen Lauterbachers zum BND: Stefanie Waske: Mehr Liaison als Kontrolle – Die Kontrolle des BND durch Parlament und Regierung 1955–1978, Wiesbaden 2009, S. 113 ff.
  23. Wolfgang Graf: Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Klagenfurt/ Ljubljana/ Wien 2012, S. 143
  24. zitiert nach: Anke Quast: Jüdische Gemeinden in Niedersachsen seit 1945 – das Beispiel Hannover. S. 325