Hattuša

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40.01805555555634.6175Koordinaten: 40° 1′ 5″ N, 34° 37′ 3″ O

Reliefkarte: Türkei
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Hattuša
Magnify-clip.png
Türkei
Löwentor in Hattuša
Festungsböschung von Hattuša

Hattuša (auch Hattusa oder Hattuscha, türkisch Hattuşaş) war die Hauptstadt des Hethiter-Reiches. Sie liegt in der Provinz Çorum beim Dorf Boğazkale (früher Boğazköy) im anatolischen Hochland am Bogen des Kızılırmak nördlich der antiken Landschaft Kappadokien, etwa 170 Kilometer östlich von Ankara.

1986 wurden Hattuša und das benachbarte hethitische Heiligtum Yazılıkaya als Kulturdenkmal Nr. 176 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eingetragen. Beide Orte gehören mit der weiteren Umgebung zum türkischen Nationalpark Boğazköy-Alacahöyük.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

1834 besuchte der französische Forschungsreisende Charles Texier das zentral-anatolische Hochland und entdeckte die Ruinen der alten Hauptstadt, allerdings ohne dass er die vorgefundenen Ruinen richtig zuordnen konnte. Von der Existenz der Stätte wusste man aber aus dem Alten Testament (Genisis 23). Texier dokumentierte und skizzierte aber neben den offensichtlichen Ruinen des Stadtareals auch das nahe gelegene Felsheiligtum Yazılıkaya, das durch seine Darstellungen von Gottheiten (sog. Götterprozession) weltberühmt wurde. Nach Texier besuchten in den folgenden Jahrzehnten weitere Forschungsreisende das Stadtgebiet, darunter u.a. der Engländer William John Hamilton, der Franzose Ernest Chantre, der die ersten Photographien machte, der deutsche Architekt Carl Humann, Heinrich Barth und nochmals Humann und Otto Puchstein.

Hugo Winckler, ein Berliner Assyriologe und Keilschriftforscher, begann 1906 im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft, eine Grabung, um zu überprüfen, ob es sich bei den Ruinen um die Hethiterhauptstadt Hattuša handelte. Zusammen mit dem türkischen Archäologen Theodor Makridi Bey fand er in der ersten Grabungskampagne 1906 den Beleg dafür. In weiteren Grabungskampagnen 1907 sowie 1911/12 wurden an die zehntausend Keilschrift-Tontafelfragmente geborgen, die in akkadischer Sprache verfasst waren. Nach dem Ersten Weltkrieg ruhten die Grabungen für mehr als ein Jahrzehnt und wurden erst 1931 unter der Leitung von Kurt Bittel wieder aufgenommen.

Reste eines Turms auf dem Felsen Yenicekale

Winckler sowie auch später Bittel stießen auf die Tontafel-Archive der hethitischen Könige, die u. a. die internationale Korrespondenz und Verwaltung enthielten. Nach kurzer Grabungszeit hielt Winckler den in Akkadisch verfassten Friedensvertrag zwischen Ägypten und Hatti in der Hand, der zwischen Hattušili III. und Ramses II. geschlossen worden war – der erste bekannt gewordene und bedeutende Friedensvertrag der Weltgeschichte, den wir besitzen. Eine Kopie der Tontafel hängt im Gebäude der UNO in New York. Bittels Nachfolger wurde 1978 Peter Neve, diesem folgte 1994 Jürgen Seeher als Leiter der Ausgrabungen. Die Grabungsleitung wurde 2006 von Andreas Schachner übernommen.

Bis heute gräbt das Deutsche Archäologische Institut (DAI) in der Stadt und fördert jährlich neue Erkenntnisse und auch Keilschrifttexte zu Tage. Von der mehr als 6 km langen Befestigungsmauer, deren Reste erhalten geblieben sind, wurden zwischen 2003 und 2005 mit vermutlich alten Bautechniken und nach den gefundenen Tonmodellen der Hethiter 65 m durch das DAI aufgebaut. Drei 8 m hohe Mauerabschnitte und die 13 m hohen Türme wurden rekonstruiert. Dabei stellten die Archäologen 64.000 Lehmziegel nach altem Verfahren her. Aber noch immer sind ganze Stadtviertel unerforscht, auch die Königsgräber harren noch der Entdeckung.

Hattuša wurde 1986 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. Es ist eines der größten antiken Stadtanlagen der Welt. 2001 wurden die Keilschrifttafelarchive aus Bogazköy, die heute in den Museen von Istanbul und Ankara aufbewahrt werden, in die UNESCO-Liste Memory of the World aufgenommen. Weitere Funde sind im lokalen Museum in Boğazkale sowie im archäologischen Museum von Çorum ausgestellt.

Seit 2007 wird in der Unterstadt ein intensiver Survey zur Erfassung der sog. verlorenen Architektur, das sind die mittels Felsabarbeitungen rekonstruierbaren Reste von Gebäuden, unter der Leitung von Reinhard Dittmann durchgeführt.

Rückforderung der „Sphinx von Hattuša“ [Bearbeiten]

2011 forderte die türkische Regierung die Rückgabe einer Plastik aus dem Museum für Vorderasiatische Kunst in Berlin, der sogenannten „Sphinx von Hattuša“.[1] Es handelt sich dabei um eine der beiden 1907 von Otto Puchstein bei der Freilegung des Sphinx-Tors, der zentralen Toranlage im Süden der Stadt, gefundenen Sphinx-Figuren. Diese Kalksteinplastiken waren durch Feuereinwirkung zerplatzt, und die Fragmente wurden während des Ersten Weltkriegs zur Restaurierung nach Berlin gebracht. Die besser erhaltene Sphinx wurde restauriert und kehrte 1924 in die Türkei zurück. Die zweite, sehr stark beschädigte, blieb in Berlin. 1938 wurde erstmals von der Türkei die Rückstellung gefordert, zuletzt 2011 ultimativ, verbunden mit der Androhung des Entzugs von Grabungslizenzen für deutsche Archäologen.

Diese Forderung wurde von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit Hinweis auf die unklare rechtliche Situation zurückgewiesen. Große Teile der Dokumentation der Berliner Museen seien im Krieg verlorengegangen, und auch von türkischer Seite seien Dokumente, die den Anspruch eindeutig begründen, zwar angekündigt, aber nie vorgelegt worden. Parzinger erklärte dennoch Gesprächsbereitschaft.[2][3]

Im Mai 2011 wurde eine Einigung erzielt, laut der die Sphinx bis zum 28. November 2011 an die Türkei zurückgegeben werden soll.[4] Im Juli 2011 wurde die Sphinx schließlich an die Türkei zurückgegeben.[5]

Lage[Bearbeiten]

Vegetation[Bearbeiten]

Die potentielle natürliche Vegetation ist ein winterharter lichter Mischwald (vor allem durch Flaumeichen geprägt), der in hethitischer Zeit wohl auch teilweise noch bestand, jedenfalls wurde in der Architektur viel Holz verwendet. Die heutige Vegetation ist durch die Weidenutzung geprägt. Heute gibt es in der Gegend nur noch in einigen abgelegenen Tälern Reste von Weißdornen, Eschen und Eichen, in Gebirgslagen Eichen, Wacholder und Kiefern. Wie Holzkohlen aus den phrygischen Schichten zeigen, wuchsen zu diesem Zeitpunkt im Umfeld vor allem Eichen, Obstbäume und Bäume der Hartholzaue, wie Pappel, Ahorn und Ulme. Nadelholz ist häufig vertreten.

An der Südseite der Stadt, gut zu sehen vom Sphinxtor, wurde in den Achtzigerjahren auf Veranlassung des damaligen Grabungsleiters Peter Neve ein Waldbereich eingezäunt, um ihn vor dem Verbiss durch Ziegenherden zu schützen und so dem Besucher einen Eindruck vom früheren Aussehen der umgebenden Landschaft zu vermitteln.

Geschichte[Bearbeiten]

Kopie der Stele mit dem Hethitisch-Ägyptischen Friedensvertrag aus Hattuša ausgestellt im Istanbuler Archäologischen Museum

Die frühesten Besiedlungsspuren im Stadtgebiet von Hattuša stammen aus dem Chalkolithikum im 6. Jahrtausend v. Chr. Eine kontinuierliche Besiedlung setzt gegen Ende des 3. Jahrtausend v. Chr., in der entwickelten Frühbronzezeit ein. Die Hattier, anatolische Ureinwohner, gründen hier eine Siedlung und nennen sie Hattusch.

Im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. entsteht am Rand der hattischen Siedlung ein Karum, eine Kolonie von assyrischen Händlern. Mit ihren Eselskarawanen transportierten sie Güter über große Entfernungen, sowohl innerhalb Anatoliens als auch nach Mesopotamien. Mit ihnen kommt erstmals die Schrift nach Anatolien. Im Verlauf dieser Epoche hat man auf der Höhe von Büyükkale eine Befestigung angelegt, um sich vor Feinden zu schützen. In diesen ersten Jahrhunderten des 2. Jahrtausends v. Chr. gab es in Zentralanatolien häufig Konflikte zwischen den einheimischen hattischen Fürsten und den zugewanderten hethitischen Gruppen, die ihre Macht auszudehnen versuchten.

Die ausgegrabenen Ruinen zeigen, dass die Stadt Hattuscha um ca. 1700 v. Chr. in einem großen Brand zugrunde gegangen ist. Für die Zerstörung des Orts gibt es sogar eine Überlieferung in einem Keilschrifttext, in dem ein König Anitta von Kuschara davon berichtet, dass er den König Pijuschti von Hattusch geschlagen und seine Stadt zerstört habe. Er verflucht die Stadt auf ewig, säte sie mit Fenchel ein[6] und richtet sein Handelszentrum in der 160 km südöstlich gelegene Stadt Kaneš, die als Hauptort der assyrischen Handelskolonien bereits Macht und Ansehen besaß, ein.

Hattuša wurde jedoch bereits ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts v. Chr. wiederbesiedelt. Der hethitische Fürst Labarna (1565-1540 v. Chr.) baute hier seine Residenz auf und nannte sich danach Hattušili, „Der von Hattuša“. Damit beginnt die Geschichte Hattušas als hethitische Hauptstadt und des hethitischen Königshauses, von dem man bisher 27 Großkönige mit Namen kennt. Die Kultwelt wurde von vielen männlichen und weiblichen Gottheiten beherrscht. "Tausend Götter des Hatti-Landes" heißt es öfters in alten Schriften.

Aufbau der Stadt[Bearbeiten]

Reste des großen Tempels
Ausgrabungsstätten mit Tempelbezirk

Hattuša war unter anderem eine Stadt der Götter und Tempel. In der zentralen Oberstadt konnten zahlreiche Tempel eines sakral genutzten Areals freigelegt werden. Daneben legten die neuesten Grabungen aber auch Stadtbereiche, die für verschiedenste nichtreligiöse Tätigkeiten genutzt wurden, frei. Die mit Löwen, Sphingen oder der reliefierten Darstellung eines Gottes dekorierten Stadttore der Oberstadt sind möglicherweise Bestandteile einer repräsentativen Prozessionsstraße. Das Sphinxtor (Wall von Yerkapi) in der Neuen Stadt (Oberstadt) bildet mit 1242 Meter den höchsten Punkt der Stadtanlage. In Hattuša wurden bisher nur kleine Flächen der Wohnviertel und der Werkstattbezirke freigelegt.

Wirtschaftsweise[Bearbeiten]

An Getreide wurde Einkorn, Emmer, Weizen und Gerste angebaut, außerdem Erbsen, Linsen, Saat-Platterbsen, Linsenwicke und Lein. Auf der Burg wurden relativ häufig Knochen des Rothirsches gefunden. Vermutlich gehörte die Jagd zum Freizeitvergnügen des Adels. In der Unterstadt sind Hirschknochen nur halb so häufig. Aus einem verbrannten Silo der althethitischen Zeit stammen riesige Getreidevorräte, vor allem von Gerste, aber auch Einkorn. Die Gerstenkörner waren relativ klein, und das Getreide schlecht gereinigt. Die Ausgräber nehmen an, dass es sich dabei um Zwangsabgaben handelt, für die nicht das beste Getreide verwendet wurde.

Literatur[Bearbeiten]

  • Andreas Schachner: Die Ausgrabungen in Boğazköy-Hattuša 2009, AA 2010/1, S. 161–221.
  • Andreas Schachner: Hattuscha. Auf der Suche nach dem sagenhaften Großreich der Hethiter. C.H. Beck Verlag, München 2011, ISBN 978-3-406-60504-8.
  • Bogazköy-Hattusa. Ergebnisse der Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts und der Deutschen Orient-Gesellschaft. 21 Bände. Gbr. Mann, Berlin 1952 ff., Zabern, Mainz 1996 ff. ISSN 0342-4464.
  • Peter Neve: Hattusa – Stadt der Götter und Tempel. Neue Ausgrabungen in der Hauptstadt der Hethiter. 2. Auflage. Zabern, Mainz 1996, ISBN 3-8053-1478-7.
  • W. Dörfler u. a.: Untersuchungen zur Kulturgeschichte und Agrarökonomie im Einzugsbereich hethitischer Städte. In: MDOG. Berlin 132.2000, ISSN 0342-118X, S. 367–381.
  • Die Hethiter und ihr Reich – das Volk der 1000 Götter. Ausstellungskatalog. Die Hethiter. Das Volk der 1000 Götter vom 18. Januar bis 28. April 2002 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1676-2.
  • Michael Mott: Die tausend Götter aus dem Hatti-Land / Von Ruinen, Tafeln, Kammern und Burgen: Ein Besuch im Reich der hethitischen Großkönige in Kleinasien / Einzigartige Quellen für Historiker. In: Fuldaer Zeitung. 26. Oktober 2002, Thema am Wochenende.
  • Jürgen Seeher: Hattuscha-Führer. Ein Tag in der hethitischen Hauptstadt. 4., überarbeitete Auflage. Ege Yayınları, Istanbul 2011, ISBN 978-605-5607-57-9.
  • Die Lehmziegel-Stadtmauer von Hattusa. Bericht über eine Rekonstruktion. Ege Yayınları, Istanbul 2007, ISBN 978-975-8071-94-7 (formal falsche ISBN).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hattusa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Susanne Güsten: Türkisches Ultimatum: Berlin soll Sphinx zurückgeben. In: Der Tagesspiegel. 24. Februar 2011.
  2. Hermann Parzinger: Es muss eine gerechte Lösung geben. In: FAZ.NET. 2. März 2011.
  3. Neumann. Bei Rückgabe von Sphinx gesprächsbereit. In: berlin.de. 6. März 2011.
  4. Deutschland gibt Sphinx an Türkei zurück. FAZ.net vom 15. Mai 2011, abgerufen am 5. Februar 2013.
  5. Sphinx ist wieder in der Türkei. n-tv vom 27. Juli 2011, abgerufen am 5. Februar 2013.
  6. S. P. B. Durnford, J. R. Akeroyd: Anatolian marashanha and the many uses of Fennel. In: Anatolian Studies. London 55.2005, 1-13. ISSN 0066-1546