Hauptmann von Köpenick

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für weitere Bedeutungen siehe Der Hauptmann von Köpenick
Das Denkmal des Hauptmanns vor dem Rathaus Köpenick

Friedrich Wilhelm Voigt (* 13. Februar 1849 in Tilsit; † 3. Januar 1922 in Luxemburg) war ein aus Ostpreußen stammender Schuhmacher. Bekannt wurde er als der Hauptmann von Köpenick durch seine spektakuläre Besetzung des Rathauses der Stadt Cöpenick[1] bei Berlin, in das er am 16. Oktober 1906 als Hauptmann verkleidet mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten eindrang, den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse raubte.

Dieses Ereignis, das auf großes öffentliches Interesse stieß und als die Köpenickiade sprichwörtlich in die deutsche Sprache einging, wurde häufig künstlerisch verarbeitet. Besonders bekannt ist die dramatische Umsetzung durch Carl Zuckmayer in seiner Tragikomödie Der Hauptmann von Köpenick.

Der historische Wilhelm Voigt[Bearbeiten]

Werdegang und Vorgeschichte[Bearbeiten]

Teile seiner Offiziersuniform erwarb der Schuster Voigt beim Potsdamer Altwarenhändler Bertold Remlinger in der Mittelstraße 3
Extrablatt vom Abend des 16. Oktober 1906 mit einer Darstellung der Geschehnisse (die Abschrift ist auf der Bildseite nachlesbar)

Wilhelm Voigt wurde am 13. Februar 1849 als Sohn eines Schuhmachers in Tilsit geboren. Schon mit 14 Jahren wurde er wegen Diebstahls zu 14 Tagen Haft verurteilt. Seine Wanderjahre als Schuhmachergeselle führten ihn durch weite Teile Pommerns und nach Brandenburg. Zwischen 1864 und 1891 wurde er viermal wegen Diebstahls und zweimal wegen Urkundenfälschung verurteilt und verbrachte viele Jahre im Gefängnis. Zuletzt hatte er 1890 mit einer Brechstange versucht, die Gerichtskasse in Wongrowitz in der damaligen preußischen Provinz Posen zu berauben, und erhielt dafür 15 Jahre Zuchthausstrafe. Nach seiner Entlassung Anfang 1906 zog Voigt nach Wismar, wo ihm der Anstaltsgeistliche eine Gesellenstelle beim Hofschuhmachermeister Hilbrecht verschafft hatte, bei dem er sich gut führte. Aufgrund seiner Vorstrafen erhielt er jedoch nach wenigen Monaten ein polizeiliches Aufenthaltsverbot für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Daraufhin zog er nach Rixdorf bei Berlin, wo er bei seiner älteren Schwester Bertha und deren Mann, dem Buchbinder Manz, wohnte und in einer Schuhwarenfabrik Arbeit fand. Am 24. August 1906 wurde Wilhelm Voigt auch für den Großraum Berlin ein Aufenthaltsverbot erteilt, an das er sich allerdings nicht hielt. Stattdessen zog er in eine unangemeldete Unterkunft nach Berlin. Seine Arbeitsstelle behielt er zunächst, hatte aber aufgrund seines illegalen Status kaum noch Aussichten auf dauerhafte Beschäftigung.

Die Köpenickiade[Bearbeiten]

Für seinen Coup hatte sich Voigt aus bei verschiedenen Trödlern erworbenen Teilen die Uniform eines Hauptmanns des preußischen 1. Garde-Regiments zu Fuß zusammengestellt. In dieser Verkleidung hielt er am 16. Oktober 1906 an der damaligen Militärbadeanstalt Plötzensee im Westen Berlins mittags zur Zeit des Wachwechsels auf der Straße einen Trupp Gardesoldaten an, ließ noch einen zweiten Trupp abgelöster Wachsoldaten herbeirufen und unterstellte zehn Mann unter Hinweis auf eine nicht existierende Kabinettsorder „auf allerhöchsten Befehl“ seinem Kommando. Mit ihnen fuhr er in der Berliner Stadtbahn nach Köpenick, da es ihm, wie er den Soldaten erklärte, nicht möglich gewesen sei, „Kraftwagen zu requirieren“. Bei einem Zwischenhalt gab er den Männern Bier aus. Nach der Ankunft in Köpenick übergab er jedem Soldaten eine Mark (heute: rund 6 Euro) und ließ sie auf dem Bahnhof zu Mittag essen. Anschließend erklärte er ihnen, er werde „den Bürgermeister und vielleicht noch andere Herren verhaften“.

Sie marschierten dann zum Rathaus der damals noch selbstständigen Stadt. Mit seiner Truppe besetzte Voigt das Gebäude, ließ alle Ausgänge abriegeln und untersagte den Beamten und Besuchern im Hause „jeglichen Verkehr auf den Fluren“. Sodann verhaftete er „im Namen Seiner Majestät“ Oberstadtsekretär Rosenkranz und Bürgermeister Georg Langerhans, ließ sie in ihren Dienstzimmern festsetzen und bewachen. Im Rathaus anwesenden Beamten der Gendarmerie gab er den Befehl, die Umgebung abzusperren und für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen, wobei er sich „zur besseren Orientierung“ sogar eigens einen Gendarmen abstellen ließ. Den Kassenrendanten von Wiltburg wies er an, einen Rechnungsabschluss zu machen, und erklärte ihm, den Bestand der Stadtkasse beschlagnahmen zu müssen. Nachdem das Geld, das in Teilen beim örtlichen Postamt abgehoben und herbeigeholt werden musste, abgezählt war, ließ er sich Beutel bringen, in die er es mit Hilfe des Rendanten, der die Beutel hielt und anschließend versiegelte, einfüllte. Der ‚beschlagnahmte‘ Barbestand belief sich auf 3557,45 Mark (inflationsbereinigt in heutiger Währung: rund 21.000 Euro), wobei 1,67 Mark zum Sollbestand des Kassenbuches fehlten.[2] Eine vom Rendanten erbetene Quittung unterschrieb Voigt mit dem Nachnamen seines letzten Gefängnisdirektors („von Malzahn“) und dem Zusatz „H.i.1.G.R.“ (Hauptmann im 1. Garde-Regiment).

Schließlich ließ der falsche Hauptmann Langerhans und von Wiltburg in gemieteten Droschken unter militärischer Bewachung zur Neuen Wache nach Berlin bringen, nachdem er ihnen zuvor das Ehrenwort abgenommen hatte, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Presseberichten zufolge war es ihm zuvor auch gelungen, das Köpenicker Postamt für Telefonate nach Berlin eine Stunde lang sperren zu lassen. Erst nach dem Abtransport der Gefangenen konnten einige Stadtverordnete das Landratsamt telegrafisch in Kenntnis setzen.

Historischer Tresor im Rathaus Köpenick

Nach Beendigung seiner Aktion gab der Hauptmann von Köpenick seiner Truppe den Befehl, das Rathaus noch eine halbe Stunde besetzt zu halten. Er selbst begab sich unter den Augen einer neugierigen Menschenmenge zurück zum Bahnhof. Im Bahnhofsrestaurant ließ er sich nach Zeitungsberichten „ein Glas Helles kredenzen, das er in einem Zuge leerte“, und verschwand mit der nächsten Bahn in Richtung Berlin. Kurz darauf beschaffte er sich bei einem Herrenausstatter zivile Kleidung. Zehn Tage später wurde er beim Frühstück verhaftet, nachdem ein ehemaliger Zellengenosse, der von Voigts Plänen wusste, der Polizei in Erwartung der hohen Belohnung einen Tipp gegeben hatte. Vom Landgericht II in Berlin „wegen unbefugten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung“ zu vier Jahren Gefängnis verurteilt,[3] wurde er von Kaiser Wilhelm II. begnadigt und am 16. August 1908 vorzeitig aus der Haftanstalt Tegel entlassen.

Personenbeschreibung aus der Strafvollzugsakte

Über das Motiv des Überfalls gibt es widersprüchliche Angaben. Während Voigt selbst vor Gericht, in seiner Autobiografie und auch bei seinen späteren Auftritten stets behauptete, er habe das Geld nur verwahren und eigentlich einen Auslandspass erbeuten wollen, vermutet sein Biograf Winfried Löschburg, tatsächlich sei es Voigt um zwei Millionen Mark (heute: rund 12 Millionen Euro) gegangen, von denen er gehört hatte, dass sie im Köpenicker Rathaus im Panzerschrank lägen. Pässe wurden nicht im Rathaus Köpenick, sondern auf dem Landratsamt des Kreises Teltow in Berlin ausgestellt. Dies wäre Voigt, hätte er es tatsächlich allein auf einen Pass abgesehen, angesichts seiner sorgfältigen Recherchen und Tatvorbereitungen sicherlich nicht entgangen. Für eine Bereicherungsabsicht spricht auch der Umstand, dass Voigt während der Rathausbesetzung nichts unternahm, was auf eine Suche nach Pässen hindeutet, während „sein ganzes planmäßiges Verhalten den Kassenbeamten gegenüber“ (vgl. Urteilsbegründung vom 1. Dezember 1906) klare Züge eines absichtsvoll geplanten Vorgehens trägt. Tatsächlich hatte er die Art und Weise seines Vorgehens auch bereits während seines letzten Gefängnisaufenthaltes geplant und seinem Zellengenossen Kallenberg davon berichtet, während sein illegaler Aufenthaltsstatus, den er nach seinen Angaben mithilfe eines gefälschten Passes zu beenden gedachte, erst kurz vor der Tat entstanden war. Entsprechend hielt auch das (insgesamt „auffallend wohlwollende“)[4] Königliche Landgericht die Behauptung Voigts, er habe es ursprünglich nur auf ein Passformular abgesehen, für „gänzlich unglaubwürdig“. Als strafmildernden Umstand ließ das Gericht hingegen gelten, dass er „nach Verbüßung seiner letzten Strafe ernst und – soweit es an ihm lag – erfolgreich bemüht gewesen ist, sich seinen Lebensunterhalt ehrlich zu erwerben, und auf dem besten Wege war, ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu werden, daß aber dieses Bemühen ohne seine Schuld vereitelt und er wieder auf den Weg des Verbrechens gedrängt worden ist.“ Insoweit erkannte auch das Gericht an, dass Voigts Tat entscheidend durch seine aussichtslose Lage als Vorbestrafter veranlasst war, der nach den damaligen Regeln der Polizeiaufsicht nicht auf einen gesicherten Aufenthaltsstatus hoffen konnte.

Zeitgenössische Resonanz[Bearbeiten]

Ganz Deutschland lachte über den Geniestreich. Der Kaiser forderte unverzüglich einen telegrafischen Bericht über die Affäre an. Bei dessen Lektüre soll auch er gelacht und gesagt haben: „Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!“ Dieser Ausspruch des Kaisers ist allerdings nicht verbürgt.[5] Als historisch gesichert wird dagegen die Notiz in einem Korrespondentenbericht der Daily Mail angesehen, wonach Wilhelm II. den Köpenicker Täter in einer Anmerkung zu dem Dossier als „genialen Kerl“ bezeichnete.

Der Redakteur der Vossischen Zeitung nannte den Täter in der Einleitung zu seiner Meldung vom Morgen des 17. Oktober 1906 augenzwinkernd einen „Räuberhauptmann“ und erkannte die Bühnentauglichkeit des Geschehens, das er mit romantisch-verwegenen Räubergeschichten verglich:

„Ein unerhörter Gaunerstreich, der stark an die russischen Banküberfälle[6] erinnert und gleichzeitig wie ein lustiger Operettenstoff anmutet, hat gestern Nachmittag die Stadt Köpenick in Aufregung versetzt.“

Vossische Zeitung
Satirische Darstellung auf einer zeitgenössischen Ansichtskarte

Das große Echo in der Presse und in den Kulturmedien und eine Vielzahl lustiger Postkarten, Fotos und satirischer Gedichte machten die Episode in ganz Deutschland und über die Reichsgrenzen hinaus auch im Ausland bekannt und führten zu dem bis heute anhaltenden Ruf des Hauptmanns von Köpenick als „Eulenspiegel des wilhelminischen Militärstaats“, wie ihn der luxemburgische Historiker Marc Jeck nennt (siehe Literatur). Zum Prozess gegen Voigt reisten Journalisten aus aller Welt an. Während seiner Haft wurden die Behörden mit Nachfragen, Grußbotschaften, Autogrammwünschen und Ersuchen um Begnadigung des Übeltäters aus dem In- und Ausland überschüttet. Voigt selbst wurden schon während seiner Zeit in der Haftanstalt Tegel hohe Summen für eine exklusive Vermarktung seiner Geschichte geboten. Ab seiner vorzeitigen Haftentlassung wurde er endgültig zum Objekt der Unterhaltungsindustrie.

Neben Belustigung und Schadenfreude machte sich in der Öffentlichkeit aber schon unmittelbar nach dem Ereignis auch Nachdenklichkeit bemerkbar. Konnte es wirklich sein, dass ein Offizier ohne jegliche Legitimation außer seiner Uniform die Zivilgewalt außer Kraft setzte? Viele sahen in diesem Vorfall ein Symptom für die bedenkliche Rolle des Militärs im Kaiserreich.

So konstatierte die Berliner Morgenpost am Tag nach dem Überfall:

„Daß ein ganzes Gemeinwesen mit allen seinen öffentlichen Funktionen, ja daß eine Abteilung Soldaten selbst auf so überwältigend komische und dabei doch völlig gelungene Art von einem einzigen Menschen düpiert wurde, das hat in unserem Lande der unbegrenzten Uniform-Ehrfurcht ein militärisches Gewand getan, mit dem sich ein altes, krummbeiniges Individuum notdürftig behängt hatte.“

Berliner Morgenpost

Der Kommentator der linksliberalen Berliner Volks-Zeitung fasste den politischen Symbolgehalt des Köpenicker Gaunerstreichs am gleichen Tag so zusammen:

„So unsagbar komisch, so unbeschreiblich lächerlich diese Geschichte ist, eine so beschämend ernste Seite hat sie. Das Köpenicker Gaunerstückchen stellt sich dar als der glänzendste Sieg, den jemals der militaristische Gedanke in seiner äußersten Zuspitzung davongetragen hat. Das gestrige Intermezzo lehrt klipp und klar: Umkleide dich in Preußen-Deutschland mit einer Uniform, und du bist allmächtig. […] In der Tat: Der Held von Köpenick, er hat den Zeitgeist richtig erfasst. Er steht auf der Höhe intelligentester Würdigung moderner Machtfaktoren. Der Mann ist ein Realpolitiker allerersten Ranges. […] Der Sieg des militärischen Kadavergehorsams über die gesunde Vernunft, über die Staatsordnung, über die Persönlichkeit des einzelnen, das ist es, was sich gestern in der Köpenicker Komödie in grotesk-entsetzlicher Art offenbart hat.“

Berliner Volks-Zeitung

Etwas versöhnlicher ermahnte der Feuilletonist Paul Block seine Leserschaft in der Abendausgabe des Berliner Tageblatts vom 17. Oktober 1906:

„Wir merken, dass unsere Vorliebe für militärisches Gepränge und Gepräge, die jedem Preußen im Blute steckt, in den letzten Jahren allzu reichliche Nahrung erhalten hat. Deshalb müssen wir fortan unsern Respekt etwas schweigen lassen.“

Berliner Tageblatt

Kritisiert wurde in der Presse auch das allzu ‚respektvolle‘ Verhalten der Soldaten: Sie hätten den Weisungen eines unvorschriftsmäßig uniformierten „Hauptmanns, der auffälligerweise keinen Helm, sondern eine Mütze trug“ (wie die Vossische Zeitung in der oben bereits zitierten Nachricht berichtete), an der überdies die obere Kokarde fehlte (wie Zeugen bestätigten), nicht so einfach Folge leisten dürfen, hieß es vielerorts. Dazu schrieb Voigt später in seiner Autobiografie:

„Was soll da alles Gerede, womit man an meinem Vorgehen, ja selbst an meiner Uniform herumkritisiert?! […] Beispielsweise, ich hätte keinen Helm getragen! – Der Helm stand ruhig in meiner Wohnung auf dem Tische. Ich hielt es aber nicht der Sachlage nach nötig, 17 Stunden lang einen Helm auf dem Kopfe zu tragen zu einer Diensthandlung, die ich bequemer in der Mütze ausführen konnte und wollte.“

Wilhelm Voigt

Auch im Ausland sorgte der Vorfall für viel Aufsehen und wurde mehrheitlich als realkomische Manifestation des preußisch-deutschen Militarismus und der beherrschenden Rolle des deutschen Militärs in Staatswesen und Gesellschaft interpretiert.

“For years the Kaiser has been instilling into his people reverence for the omnipotence of militarism, of which the holiest symbol is the German uniform.”

„Seit Jahren flößt der Kaiser seinem Volk Ehrfurcht vor der Allmacht des Militarismus ein, dessen heiligstes Symbol die deutsche Uniform ist.“

The Illustrated London News

„Mit seiner dreisten Tat machte der falsche Hauptmann den deutschen Untertanengeist in der ganzen Welt lächerlich“,[7] schreibt der Berliner Sachbuchautor Wilhelm Ruprecht Frieling in diesem Zusammenhang. Trotzdem änderte sich an diesen Verhältnissen in Deutschland bis zur Novemberrevolution von 1918 nichts. Die staatspolitisch fragwürdige Sonderstellung des Militärs als „Machtinstrument der Systemerhaltung nach innen“ und der „Missbrauch des Militärs als innenpolitisches Kampfinstrument“, die Stig Förster[8] als Wesen des „konservativen Militarismus“ beschreibt, wurden vielmehr vom Kaiser und den hinter ihm versammelten politischen Kräften weiterhin aktiv befördert. So forderte der konservative Abgeordnete Elard von Oldenburg-Januschau in einer viel Aufsehen erregenden Reichstagsrede im Januar 1910 offensichtlich in Anspielung auf den einige Jahre zurückliegenden Vorfall in Köpenick:

„Der König von Preußen und der Deutsche Kaiser muss jeden Moment imstande sein, zu einem Leutnant zu sagen: Nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag!“

Stenographische Berichte des Reichstages, XII. Legislaturperiode, 2. Session[9]

In diesem Kontext lässt sich die Begebenheit von Köpenick gewissermaßen als komödianter Vorläufer der Zabern-Affäre einordnen, die um die Jahreswende 1913/1914 (wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs) noch einmal in ganz Deutschland und quer durch alle Schichten heftige Diskussionen über die Kompetenzanmaßungen militärischer Stellen gegenüber der Zivilverwaltung hervorrief. Der Kriegsausbruch und die im Kriegsverlauf auch politisch vollzogene Machtübernahme der Militärs im Staate führten schließlich zu den Umwälzungen von 1918, die eine Neudefinition der Rolle des Militärs in Deutschland notwendig machten und die Situation im Kaiserreich als ferne Vergangenheit erscheinen ließen. Vor diesem Hintergrund erwachte das Interesse an der Geschichte des Hauptmanns von Köpenick Ende der 1920er Jahre von Neuem.

Nach der Haftentlassung[Bearbeiten]

Voigt verlässt die Strafanstalt Tegel

Die „Köpenickiade“ machte Voigt weltbekannt. Gleich am Tag nach seiner Entlassung verewigte er seine Stimme in Form einer Grammophonaufnahme, für die er 200 Mark (heute: rund 1.100 Euro) erhielt. In dieser Aufnahme sagte er:

„Immer größer wurde die Sehnsucht in mir, als Freier unter Freien zu wandeln. Frei bin ich ja nun wohl geworden, aber ich wünsche […] und bitte Gott möge mich davor bewahren, noch einmal vogelfrei zu werden.“

Wilhelm Voigt[10]
Polizeifoto aus der Strafvollzugsakte

In den Tagen darauf sorgte sein Auftreten in Rixdorf für tumultartige Menschenaufläufe, die sogar das Einschreiten der Ordnungskräfte erforderlich machten. 17 Personen wurden binnen zweier Tage wegen Ruhestörung und ähnlicher Übertretungen verhaftet. Schon vier Tage später präsentierte er sich in Berlin anlässlich der Enthüllung seiner Wachsfigur im Wachsfigurenkabinett Castans Panoptikum Unter den Linden wiederum der Öffentlichkeit, signierte Fotos und hielt Ansprachen, was ihm jedoch sofort verboten wurde. Später bereiste er ganz Deutschland und trat in Lokalen und auf Jahrmärkten auf. In Sälen oder Zirkuszelten mimte er den Hauptmann von Köpenick und verkaufte Autogrammkarten mit Bildern, die ihn in Uniform oder in Zivil zeigten. Auch einzelne Mitglieder der ‚Truppe‘, die er seinerzeit befehligt hatte, nahmen an den Auftritten teil oder ließen sich mit ihm fotografieren. 1909 erschien in einem Leipziger Verlag seine Autobiografie: Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Mein Lebensbild / Von Wilhelm Voigt, genannt Hauptmann von Köpenick.

Da er als meldepflichtiger Krimineller unter Polizeiaufsicht stand, musste Voigt, dem „zumeist von den niederen Schichten der Bevölkerung auffallende Sympathie entgegengebracht wurde“ (wie es im Bericht eines saarländischen Bürgermeisters heißt), immer wieder Belästigungen und sogar Verhaftungen durch die örtlichen Behörden über sich ergehen lassen, denen der bei seinem Auftreten latent mitschwingende Spott über Staat und Militär missfiel. Daher war er auf der Suche nach einer neuen Heimat und trat bevorzugt im europäischen Ausland auf. Angeblich gelang ihm im März 1910 sogar die Einreise in die USA, wo er mit seiner Tournee große Erfolge gefeiert haben soll (was historisch nicht gesichert ist; fest steht nur, dass der US-amerikanische Zirkus Barnum and Bailey eine Tour durch mehrere europäische Städte finanzierte).

Das Grab am Liebfrauenfriedhof

Am 1. Mai 1910 erhielt er einen luxemburgischen Ausweis und siedelte nach Luxemburg über, wo er – nachdem die Häufigkeit seiner öffentlichen Auftritte abgenommen hatte – überwiegend als Kellner und Schuhmacher arbeitete. Dank seiner Popularität brachte er es zu einem gewissen Wohlstand und gehörte zu den ersten Besitzern eines Automobils im Großherzogtum, in dem er bisweilen Ausflüge mit seiner Wirtin und deren Kindern unternahm. 1912 kaufte er das Haus an der Neippergstraße (Rue du Fort Neipperg) Nr. 5, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Noch einmal kam Voigt mit preußischem Militär in Berührung, das ihn im Spätherbst 1914, als Luxemburg während des Ersten Weltkrieges von deutschen Truppen besetzt war, kurzzeitig in Gewahrsam nahm und verhörte. Der mit dem Vorgang befasste Leutnant notierte in sein Tagebuch: „Mir bleibt rätselhaft, wie dieser armselige Mensch einmal ganz Preußen erschüttern konnte.“

Tod und Begräbnis in Luxemburg[Bearbeiten]

In seinen letzten Lebensjahren trat Wilhelm Voigt in der Öffentlichkeit nicht mehr in Erscheinung. Am 3. Januar 1922 starb er im Alter von 72 Jahren, schwer gezeichnet von einer Lungenerkrankung und infolge von Krieg und Inflation völlig verarmt, in Luxemburg und wurde auf dem dortigen Liebfrauenfriedhof begraben. Angeblich begegnete der Trauerzug einem Trupp französischer Soldaten, die in Luxemburg stationiert waren. Auf die Frage des Truppführers, wer denn der Tote sei, antwortete die Trauergemeinde „Le Capitaine de Coepenick“. Daraufhin habe der Truppführer in der Annahme, hier werde ein echter Hauptmann (frz. Capitaine) zu Grabe getragen, seine Leute angewiesen, den Leichenzug mit einer militärischen Ehrenbezeugung passieren zu lassen.

Der Zirkus Sarrasani kaufte 1961 das Grab von Wilhelm Voigt für 15 Jahre und stiftete zugleich einen Grabstein. Dieser zeigte die bissige Karikatur des Kopfes eines offensichtlich deutschen Soldaten mit Pickelhaube, der den Mund zum Erteilen von Befehlen öffnet, umrahmt von der Aufschrift „Der Hauptmann von Köpenick“.

Seit 1975 wird das Grab von der Stadt gepflegt und auf Betreiben einiger Abgeordneter des Europäischen Parlamentes wurde auch zugleich der Grabstein erneuert. Er zeigt nun eine Pickelhaube und die Aufschrift „HAUPTMANN VON KOEPENICK“. Darunter steht in kleinerer Schrift „Wilhelm Voigt 1850–1922“, wobei hier das Geburtsjahr falsch angegeben ist.

Die Stadt Luxemburg lehnte 1999 den Antrag ab, die Grabstätte nach Berlin umzubetten. Das Haus, in dem er bis zu seinem Tode wohnte, steht heute nicht mehr.

Gedenkstätten und Anschauungsmaterial[Bearbeiten]

Berliner Gedenktafel für Wilhelm Voigt
Eine Wachsfigur Voigts wird in die Ausstellung „Altes Berlin“ gebracht, Mai 1930

Vor dem Rathaus in Köpenick wurde 1996 ein Denkmal aufgestellt. Die Figur wurde von dem Armenier Spartak Babajan entworfen und von der Kunstgießerei Seiler in Bronze gegossen.[11] Am Rathaus wurde auch eine Berliner Gedenktafel für Voigt angebracht. Innerhalb des Gebäudes berichtet eine Dauerausstellung des Heimatmuseums Köpenick mit zahlreichen Anschauungsstücken über den „Hauptmann von Köpenick“. Im Filmarchiv in Berlin existiert ein Originalfilmdokument mit Wilhelm Voigt.

In Wismar wurde am Haus in der Lübschen Straße 11, in dem Wilhelm Voigt bei dem Hofschuhmacher H. Hilbrecht gewohnt und gearbeitet hat, eine Tafel angebracht. Auch eine Figur bei Madame Tussauds wurde ihm zu Ehren aufgestellt.

Literarisches Echo[Bearbeiten]

Theater, Literatur und Film[Bearbeiten]

Unmittelbar nach der Tat, noch bevor der Hochstapler gefasst war, wurde die Episode bereits für das Berliner Theaterpublikum in Form satirischer Darbietungen aufbereitet. Über einen solchen kabarettistischen Sketch berichtet der Vorwärts vom 19. Oktober 1906: „Auch die Bühne hat sich bereits der Geschichte bemächtigt.“ In der täglichen Revue im Metropol-Theater „marschierte gestern eine Anzahl Soldaten auf, die sich darauf beschränkte, zu allen Befehlen eines Hauptmanns zu nicken“. Im Passage-Theater (in der Berliner Passage Ecke Friedrichstraße /Behrenstraße) wurde ein Sherlock Holmes in Köpenick betitelter Schwank geprobt und im Deutsch-Amerikanischen Theater (in der Köpenicker Straße in Berlin-Kreuzberg) eine Einlage mit dem Titel Der Hauptmann von Köpenick in die Posse Im Wilden Westen eingebaut.

Ein erstes Theaterstück (Der Hauptmann von Köpenick. Ein Lustspiel in 4 Aufzügen), dessen Aufführung sich aber nicht nachweisen lässt, entstand in Berlin 1906 aus der Feder des Dramatikers Hans von Lavarenz. In Mainz, Triest (November 1906) und Innsbruck (Januar 1907) sind die Uraufführungen dreier offenbar possenhaft-komisch konzipierter Stücke belegt, die alle den Titel Der Hauptmann von Cöpenick trugen. In Leipzig kam ein ähnliches Schauspiel (Der Hauptmann von Köpenick) im Jahr 1912 ins Theater.

Im Jahr 1908 (nach Voigts Entlassung) brachte ein Kieler Varieté ein lustiges Programm mit dem Titel Der Hauptmann von Köpenick auf die Bühne. Wilhelm Voigt selbst schreibt in einem Brief an seinen Bekannten Kallenberg, er habe „großes Verlangen und Interesse“ gehabt, sich die Vorstellung anzusehen. Obwohl er eigens dazu nach Kiel reiste, wurde ihm das Betreten des Zuschauerraums jedoch von den Behörden untersagt, da man einen Auflauf befürchtete.

Das kolossale öffentliche Interesse illustriert auch die Tatsache, dass es schon 1906 die ersten Filmversionen der Köpenickiade gab: Noch keine drei Monate waren verstrichen, da lagen bereits drei kurze Streifen (gedreht von Heinrich Bolten-Baeckers, Carl Sonnemann und einem nicht weiter bekannten Schaub) vor, die den Vorfall von Köpenick in dokumentarischer Manier nachstellten und das in ganz Deutschland Aufsehen erregende Thema in die Kinos brachten.

Ebenfalls noch im Jahr 1906 brachte der bekannte Kriminalschriftsteller Hans Hyan einen illustrierten Gedichtband mit dem Titel „Der Hauptmann von Köpenick, eine schaurig-schöne Geschichte vom beschränkten Untertanenverstande“ heraus. Hyan schrieb auch das Vorwort für die Lebenserinnerungen, die Wilhelm Voigt nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft 1909 veröffentlichte.

Den ersten längeren Kinofilm produzierte der Drehbuchautor und Regisseur Siegfried Dessauer, der 1926 die skurrile Episode des falschen Hauptmanns unter dem Titel Der Hauptmann von Köpenick mit Hermann Picha in der Titelrolle verfilmte. Anders als in Katalogen häufig zu lesen, beruht dieser Film, dessen Kopien im Dritten Reich größtenteils vernichtet wurden, natürlich nicht auf dem bekannten Drama Zuckmayers, das ja erst einige Jahre später entstand.

Ebenfalls noch vor Zuckmayer griff der rheinische Heimatdichter und Redakteur Wilhelm Schäfer das Thema auf und veröffentlichte 1930 einen nur mäßig erfolgreichen Roman über das Leben des Schusters Wilhelm Voigt mit dem Titel Der Hauptmann von Köpenick. Der Köpenickiade selbst widmet Schäfer nur wenige Kapitel, während er zuvor das traurige Landstreicherdasein Voigts breit darstellt und sich bemüht, eine einleuchtende psychologische Begründung für die Rache des gedemütigten Schusters zu geben.

Im gleichen Jahr schrieb Carl Zuckmayer, der von seinem Bekannten Fritz Kortner auf den Stoff aufmerksam gemacht worden war und das Buch von Schäfer nach eigenem Zeugnis bewusst nicht gelesen hatte, eine dreiaktige Tragikomödie mit dem Titel Der Hauptmann von Köpenick. Ein deutsches Märchen in drei Akten. Das Stück wurde am 5. März 1931 am Deutschen Theater Berlin in der Regie von Heinz Hilpert mit Werner Krauß in der Titelrolle uraufgeführt. Noch im selben Jahr folgte unter der Regie von Richard Oswald die erste Verfilmung für das Kino, in der Max Adalbert, der die Rolle mittlerweile auch auf der Bühne verkörperte, die Titelrolle übernahm. Albert Bassermann spielte die Rolle in einem 1941 im amerikanischen Exil entstandenen Remake von Oswalds Kinofilm erstmals in englischer Sprache. Helmut Käutner, später Drehbuchautor und Initiator des Rühmann-Films, nahm 1945 ein sehr erfolgreiches Hörspiel nach dem Drama auf. Es folgten weitere Verfilmungen, die alle auf Zuckmayers Stück basieren, zum Teil mit sehr bekannten Schauspielern wie Heinz Rühmann (1956) und Harald Juhnke (1997). Eine englische Bearbeitung des Zuckmayerschen Dramas entstand 1971 unter dem Titel The Captain of Koepenick (Übersetzer war der englische Dramatiker John Mortimer) und wurde im selben Jahr mit dem bekannten Shakespeareinterpreten Paul Scofield in der Titelrolle in London uraufgeführt.

Eine weitere dramatische Umsetzung des Stoffes in Form der 1932 ebenfalls unter dem Titel Der Hauptmann von Köpenick erschienenen Komödie von Paul Braunshoff blieb dagegen weitestgehend unbekannt.

Als Nebenfigur taucht der Hauptmann von Köpenick neuerdings auch in dem Roman In den Schründen der Arktik (2003) von Otto Emersleben auf, der darin Karl May und Wilhelm Voigt aufeinander treffen und die Idee der Köpenickiade von May ausgehen lässt. Ihren besonderen Reiz erhält die Szene dadurch, dass May in seiner Jugend selbst als Hochstapler mehrfach Amtspersonen (vor)täuschte.

Erstmals zum 100. Jubiläum der Köpenickiade im Jahr 2006 und seither jedes Jahr im Oktober wird das Zuckmayer-Stück im Festsaal des Rathauses Köpenick durch das „Stadttheater Cöpenick“[12] in Szene gesetzt.

Ebenfalls zum Jubiläumsjahr 2006 entstand unter dem Titel Das Schlitzohr von Köpenick – Schuster, Hauptmann, Vagabund ein neues Theaterstück über Wilhelm Voigt, das die Autoren Felix Huby und Hans Münch dem Volksschauspieler Jürgen Hilbrecht auf den Leib geschrieben haben, einem Hauptmannsdarsteller, der diese Rolle bereits seit Jahren am historischen „Tatort“ in Berlin-Köpenick verkörpert und die Geschichte Voigts Touristen und geschichtlich Interessierten mit viel persönlichem Engagement näher bringt. Das neue Stück ist insofern besonders interessant, als ihm umfangreiche historische Forschungen vorausgegangen sind und eine Reihe von neuen Erkenntnissen und bislang nicht oder nur wenig bekannte Details und Episoden aus dem ‚wirklichen‘ Leben der Hauptfigur in seine Handlung einfließen. Insoweit ist das Stück geeignet, das heute fast ausschließlich von Zuckmayers Interpretation und den daran orientierten Filmen geprägte Bild von Wilhelm Voigt in der Öffentlichkeit fundiert zu ergänzen und stärker an die historischen Geschehnisse anzubinden.

Gleichfalls am historischen Tatort findet seit Mai 2000 jeden Mittwoch und Samstag um 11 Uhr ein halbstündiges Straßentheater vor dem Köpenicker Rathaus statt. In dieser kleinen Köpenickiade, ursprünglich im Jahr 2000 vom Tourismusverein Treptow-Köpenick initiiert und seit 2005 vom Verein Köpenicker HauptmannGarde e. V. weitergeführt, wird in humoristisch abgewandelter Zuckmayer-Version des Hauptmanns von Köpenick der Coup vom 16. Oktober 1906 nachgestellt.

Handlung von Zuckmayers Drama[Bearbeiten]

Uniform des Hauptmanns im Ausstellungsraum des Rathauses Köpenick

Zuckmayers Stück behandelt im zweiten und dritten Akt die Zeit um den spektakulären Überfall und im ersten Akt eine fiktive Vorgeschichte, die zehn Jahre vorher spielt. Neben kleineren Änderungen (so wird Voigts Geburtsort in die Nähe der Wuhlheide verlegt, sodass Voigt Berliner Dialekt spricht), besteht der Hauptunterschied des Stückes zur Wirklichkeit wohl in der Stilisierung Voigts zum ‚edlen Räuber‘. So übernimmt Zuckmayer die (wenig glaubhafte) Selbstdarstellung Voigts, wonach das Motiv für seinen Überfall ausschließlich der Erwerb eines Passes gewesen sei, den er dringend brauchte, um wieder ein normales Leben beginnen zu können. Da das Amt in Köpenick jedoch keine Pass-Abteilung hatte, stellt sich der Übeltäter – die Stadtkasse fast unangetastet – in Zuckmayers Stück am Ende freiwillig der Polizei und lässt sich für die Zeit nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis einen Pass versprechen.

Dadurch, dass Voigt anders als in der Wirklichkeit die Uniform komplett bei einem Händler erwirbt – eine an sich eher banale Änderung –, bekommt der ‚blaue Rock‘ eine eigene Geschichte. Indem Zuckmayer die Vorbesitzer der Reihe nach vorstellt, nimmt er die Gelegenheit wahr, die Vorgeschichte einiger Nebenfiguren (des Köpenicker Bürgermeisters beispielsweise) vor dem Hintergrund einer kritischen, teilweise bis zur Karikatur überzeichneten Schilderung der Verhältnisse in der kaiserlichen Armee und der vom Militarismus geprägten Gesellschaft jener Zeit zu erzählen, wobei die Allgegenwart des Militärs immer wieder neu in Szene gesetzt wird.

Einzelne Episoden setzen sich mit den Auswirkungen des Ehrenkodex des Offizierskorps auf das persönliche Leben und mit der gesellschaftlichen Stellung des Reserveoffiziers auseinander oder thematisieren die unbedingte Gläubigkeit eines ‚bodenständigen‘ Berliner Soldaten und Arbeiters, personifiziert in der Gestalt von Voigts Schwager, eines biederen Unteroffiziers, an Armee und Staat. Alltagsphänomene wie die stereotype Frage bei der Arbeitssuche „Wo hamse jedient?“ und das von jedermann verinnerlichte, automatische ‚Strammstehen‘ vor Uniformträgern werden ebenso gezeigt wie groteske und wohl der Phantasie des Autors entsprungene militärische Rollenspiele, die der Gefängnisdirektor seine Sträflinge, darunter auch den sich hier sehr hervortuenden Voigt, zur Feier des Jahrestages der Schlacht von Sedan aufführen lässt.

Auch antisemitische Klischees, wie sie bereits in der Kaiserzeit verbreitet waren, greift Zuckmayer (der bekennender Gegner des zur Zeit der Abfassung des Stückes aufkommenden Nationalsozialismus war und dessen Mutter aus einer assimilierten jüdischen Familie stammte) in karikierender Weise auf, so etwa in der Figur des geschäftstüchtigen jüdischen Krämers Krakauer oder in der Darstellung des jüdischen Uniformschneiders Wormser und seines Sohnes, denen er in den Regieanweisungen bestimmte Ausprägungsgrade der „jüdischen Rassemerkmale“ zuschreibt und damit auch das Scheitern der Judenassimilation im Kaiserreich thematisiert.

Verfilmungen[Bearbeiten]

Die wichtigsten Filme im Überblick:

Hörspiele[Bearbeiten]

Alle hier aufgeführten Hörspiele entstanden nach dem Stück von Carl Zuckmayer.

Literatur[Bearbeiten]

  • Annette Deeken: Der Hauptmann von Köpenick. In: Bernd Heller, Matthias Steinle (Hrsg.): Filmgenres – Komödie. Stuttgart: Reclam, 2005, S. 280–285.
  • Wilhelm Ruprecht Frieling: Der Hauptmann von Köpenick. Die wahre Geschichte des Wilhelm Voigt. Mit dem Originalurteil des Berliner Landgerichts. Internet-Buchverlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-941286-69-6.
  • Wilhelm Große: Erläuterungen zu Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, Textanalyse und Interpretation (Bd. 150), C. Bange Verlag, Hollfeld 2012, ISBN 978-3-8044-1956-8.
  • Robert von Hippel: Der „Hauptmann von Köpenick“ und die Aufenthaltsbeschränkungen bestrafter Personen. In: Deutsche Juristen-Zeitung. Jg. 11 (1906), Bd. 11, S. 1303/1304 (online hier veröffentlicht).
  • Marc Jeck: Auf allerhöchsten Befehl. Kein deutsches Märchen. Das wahre Leben. In: Die Zeit, Nr. 42, 12. Oktober 2006, S. 104 (online hier abrufbar).
  • Winfried Löschburg: Ohne Glanz und Gloria – Die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick. Ullstein, 1998. ISBN 3-548-35768-7.
  • Philipp Müller: Auf der Suche nach dem Täter. Die öffentliche Dramatisierung von Verbrechen im Berlin des Kaissereichs, (Campus: Historische Studien; 40) Frankfurt am Main 2005.
  • Matthias Niedzwicki: Das Grundrecht auf Freizügigkeit nach Art. 11 GG – Zugleich ein Beitrag zum 100. Jahrestag der Köpenickiade des Hauptmanns von Köpenick. In: Verwaltungsblätter für Baden-Württemberg (10/2006), Zeitschrift für öffentliches Recht und öffentliche Verwaltung, S. 384 ff.
  • Henning Rosenau: Der Hauptmann von Köpenick ein Hangtäter? – Studie zu einem Urteil des Königlichen Landgerichts II in Berlin und einem Schauspiel von Carl Zuckmayer. In: ZIS 2010, S. 284 ff.; enthält im Anhang den Abdruck des Urteils vom 1. Dezember 1906 (online hier (PDF; 199 kB) abrufbar).
  • Claus-Dieter Sprink (Red.): Unterordnen – jewiß! Aber unter wat drunter?! Vom Schuster Friedrich Wilhelm Voigt zum „Hauptmann von Köpenick“. Ausstellung im Rathaus Köpenick, Festschrift zum 90. Jahrestag der Köpenickiade am 16. Oktober 1996. Köpenick, 1996.
  • Wilhelm Voigt: Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde: mein Lebensbild. Verschiedene Verlage 1909, 1931, 1986, 2006. ISBN 3-935843-66-6 (Text auch hier online veröffentlicht).
  • Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick: Ein deutsches Märchen in drei Akten. Fischer, ISBN 3-596-27002-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wilhelm Voigt – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Der Name der Stadt lautete zum damaligen Zeitpunkt in amtlicher Schreibweise Cöpenick (mit C im Anlaut). Offiziell wurde diese Schreibweise des Ortsnamens erst 1931 in Köpenick geändert. In zeitgenössischen Dokumenten (auch amtlichen Urkunden wie beispielsweise dem Urteil des Landgerichts, in dem Wilhelm Voigts Tat abgeurteilt und beschrieben wird), Büchern und Presseberichten herrschte seit Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings bereits die Schreibung mit anlautendem K vor. Im vorliegenden Artikel wird der Name im Folgenden einheitlich als Köpenick wiedergegeben (außer in Zitaten aus Quellen, die die Schreibweise Cöpenick verwenden).
  2. Der in der Quittung angegebene Betrag von 4000,70 Mark (statt 3557,45 Mark) erklärt sich nach der Darstellung des Tatgeschehens im Gerichtsurteil dadurch, dass der Rendant versehentlich die von Voigt nicht mitgenommenen Zinsscheine der Köpenicker Stadtanleihe über 443,25 Mark eingerechnet hatte.
  3. Das Urteil ist abgedruckt in der Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 2010, S. 294–298, online hier (PDF; 199 kB).
  4. Meint Rosenau (s. Literatur), S. 287
  5. Zuckmayer, der in seinem Drama zeitgenössische Pressestimmen und Nachrichten verarbeitet, lässt seine Figuren von dem (nach Erinnerung des Autors „glaubwürdig kolportierten“) Ausspruch des Kaisers berichten. Er erinnert stark an Bismarcks damals sprichwörtlichen Satz: „Den preußischen Leutnant macht uns keiner nach.“ Zuckmayer legt dieses wohlbekannte Bismarcksche Bonmot (vgl. Louis Reynaud: Histoire générale de l’influence française en Allemagne, 13. Aufl., Paris 1924. S. 231) in ironisch verfremdeter Form auch dem Uniformschneider Wormser in den Mund: „Der alte Fritz, der kategorische Imperativ, und unser Exerzierreglement, das macht uns keiner nach!“ Auch Karl Liebknecht nimmt in seiner Schrift Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung (Leipzig, 1907) darauf Bezug, wenn er sagt: „Wie uns angeblich noch keiner – um mit Bismarck zu reden – den preußischen Leutnant nachgemacht hat, so hat uns in der Tat noch keiner den preußisch-deutschen Militarismus ganz nachzumachen vermocht, der da nicht nur Staat im Staate, sondern geradezu ein Staat über dem Staat geworden ist […].“ (Zitiert nach Volker R. Berghahn (Hrsg.): Militarismus. Köln, 1975. S. 91)
  6. Mit seinem Hinweis auf die „russischen Banküberfälle“ spielt der Redakteur offenbar auf die aus dem vorrevolutionären Russland seit den Unruhen von 1905 häufiger vermeldeten, spektakulären Banküberfälle seitens revolutionärer Gruppen zwecks Devisenbeschaffung an. Der blutigste von ihnen, der Überfall auf die Bank von Tiflis, bei dem 40 Menschen starben und an dem Josef Stalin beteiligt war, fand erst im Jahr darauf (Juli 1907) statt.
  7. 100 Jahre „Hauptmann von Köpenick“ (Teil I) (9. Oktober 2006 um 11:37 Uhr von Wilhelm Ruprecht Frieling)
  8. Vgl. Stig Förster: Militär und staatsbürgerliche Partizipation. Die allgemeine Wehrpflicht im Deutschen Kaiserreich 1871–1914. In: Roland G. Foerster (Hrsg.): Die Wehrpflicht. Entstehung, Erscheinungsformen und politisch-militärische Wirkung. München, 1994. S. 58
  9. Bd. 259, S. 898
  10. Eva Pfister: Rundfunksendung auf DLF Gegen den Uniformfetischismus. In: Kalenderblatt. 5. März 2011, abgerufen am 5. März 2011.
  11. Märkische Oderzeitung vom 18./19. März 2006, S. 14
  12. Stadttheater Cöpenick
  13. Filmplakate und Basisdaten des Films von 1931 aus dem Westdeutschen Tonfilmarchiv
  14. Filmplakate und Basisdaten des Films von 1956 aus dem Westdeutschen Tonfilmarchiv