Haus Vaterland

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Das Haus Vaterland bei Nacht, 1932

Das Haus Vaterland war von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann. Nach einem kriegsbedingten Großbrand 1943 wurde in Teilen des Gebäudes ein eingeschränkter Restaurantbetrieb mit mehreren Unterbrechungen fortgeführt und schließlich im Juni 1953 endgültig eingestellt.

Beschreibung[Bearbeiten]

In den Gasträumen am Potsdamer Platz gab es eine Vielzahl von unterschiedlichen Themenrestaurants, die von einer zentralen Küche versorgt wurden: Rheinterrasse, Löwenbräu (bayerisches Bierrestaurant), Grinzing (Wiener Café und Weinstube), Türkisches Café, Spanische Bodega, Czardas, Japanische Teestube, Bremer Kombüse, Wild-West-Bar (Arizona-Bar; später als Kolonialstube bezeichnet), Osteria (italienische Spezialitäten), Teltower Rübchen sowie der Palmensaal (Tanzlokal, Gestaltung: Ernst Stern und Josef Thorak). Hier gab es neben landesüblichen Speisen und Getränken auch diverse musikalische und künstlerische Veranstaltungen, Vorführungen und Varietéprogramme.

Berühmt waren die Wettersimulationen in der Rheinterrasse. Unter dem Motto „Im Haus Vaterland ißt man gründlich, hier gewitterts stündlich“ wurden in einer nachgebauten Kulisse der Rheintallandschaft bei St. Goar (mit Blick auf die Burg Rheinfels und den Loreleyfelsen) zu jeder Stunde die Saalbeleuchtung gedämpft sowie Donner, Blitz und Wolkenbrüche simuliert. Zum Schutz der Gäste vor den Regengüssen waren die Tischreihen mit Glasscheiben zur Kulisse hin abgetrennt. Im nachgebauten Rheintal fuhren Modelleisenbahnen, außerdem bewegten sich Schiffsmodelle auf dem Wasserlauf. Es wurden sogar in Kooperation mit der Lufthansa Flugzeugmodelle an dünnen Fäden durch die Kulissenlandschaft bewegt.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Haus Potsdam kurz nach Fertigstellung, 1913

Das sechsgeschossige Gebäude wurde von Februar 1911 bis Februar 1912 von dem Architekten Franz Schwechten zunächst als „Haus Potsdam“ unmittelbar östlich des Potsdamer Bahnhofs erbaut. Ursprünglich beherbergte es neben Büroräumen und einem Filmtheater der UFA, der das Grundstück gehörte, das 2500 Sitzplätze große Café Piccadilly im Erdgeschoss. Dieses wurde 1914 während des Ersten Weltkriegs in Kaffee Vaterland umbenannt.

Der Umbau zur Großgaststätte durch Carl Stahl-Urach erhielt 1929 den Namen „Haus Vaterland – Betrieb Kempinski“.[1] Das Haus Vaterland wurde nun von der Firma OHG M. Kempinski & Co. betrieben („Haus Vaterland Gaststätten GmbH“). Sie hatte das Haus für zehn Jahre von der Bank für Handel und Grundbesitz gepachtet, die es ihrerseits 1926 von der UFA übernommen hatte. Das Gebäude bot einschließlich des Kinos Platz für ca. 8000 Gäste und wurde beim Umbau 1928 mit modernster Technik ausgestattet. Seit diesem Jahr beherbergte es die im Vorspann genannten und unterschiedlich ausgerichteten Gaststätten.

Das Gebäude vermittelte mit seiner Außenansicht, insbesondere mit den Steingewölben über den Bogenfenstern den Eindruck einer massiven Steinbauweise, tatsächlich handelte es sich aber um einen Stahlskelettbau mit vorgeblendeter Steinfassade. Der große Kinosaal wurde in voller Breite von fünf kräftigen Stahlträgern überspannt.

Haus Vaterland mit schweren Kriegsschäden, Oktober 1947

Der repräsentative Bau brannte bei Luftangriffen 1943 teilweise (insbesondere im Bereich des Mittelbaus) aus. 1944 stand das noch nutzbare Kaffee Vaterland als Wehrmachtsheim für durchreisende Soldaten zur Verfügung, in dem jede Nacht Unterhaltungsveranstaltungen stattfanden. Von den Soldaten begeistert gefeiert, gastierten dort populäre Tanzorchester wie das von Kurt Widmann, die auch verbotene Swing-Titel spielten, was stillschweigend geduldet wurde. Das Tanzen war aber in den Kriegsjahren strikt verboten. Nach weiteren Luftangriffen und den Kämpfen zum Kriegsende 1945 brannte das Haus erneut.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lag das Gebäude im sowjetisch besetzten Sektor Berlins. Die Räume des Kaffee Vaterland wurden mit einfachen Mitteln und schlichtem Mobiliar wieder hergerichtet und unter dem Namen „Haus Vaterland“ als HO-Gaststätte noch wenige Jahre bis zum Juni 1953 weiterbetrieben. Nach Brandstiftung während des Volksaufstands in der DDR am 17. Juni 1953 brannte das Gebäude schließlich völlig aus. Durch die Eskalation der politischen Situation in Berlin und die Lage im Grenzgebiet wurde das Haus Vaterland nicht wieder saniert und auch nicht mehr in Betrieb genommen. Es wurden lediglich die Fenster zugemauert und weitere Sicherungsmaßnahmen im Zuge der Grenzbefestigung, insbesondere nach dem Bau der Berliner Mauer 1961, vorgenommen, da das Gebäude unmittelbar an die zum Westteil Berlins gehörende Köthener Straße grenzte.

Haus Vaterland (rechts) kurz vor dem Abriss, 1975

Zunächst auf dem Gebiet Ost-Berlins im Grenzstreifen gelegen, kam die große Ruine am 21. Juli 1972 durch Gebietstausch[2] zusammen mit dem Gelände des 1952 endgültig stillgelegten Potsdamer Bahnhofs zu West-Berlin. Sie ragte als einige der wenigen verbliebenen Bauten aus der innerstädtischen Brachlandschaft am Potsdamer Platz heraus. Baufachleute hatten seinerzeit festgestellt, dass ein Wiederaufbau des Gebäudes grundsätzlich möglich gewesen wäre, da die tragende Substanz noch erhalten geblieben war. Aufgrund der Lage im Grenzgebiet bestand hier jedoch vor dem Mauerfall kein Bedarf für eine neue Nutzung. Aus Verkehrssicherungsgründen wurde die Ruine schließlich im Jahr 1976 abgetragen.

Heute steht an dieser Stelle ein Büro- und Geschäftshaus, das zum Ensemble der Park Kolonnaden gehört, dessen Kopfbau durch die geschwungene Fassade architektonisch entfernt an die äußere Gestalt des Hauses Vaterland anknüpft. Die angrenzenden Flächen des ehemaligen Potsdamer Bahnhofs wurden nicht bebaut, sondern als Grünfläche (Tilla-Durieux-Park) gestaltet.

Die Gaststätten des Hauses Vaterland 1928[Bearbeiten]

Schnitt durch die Ruine des Hauses Vaterland mit der Lage der Gaststätten, 1976

Künstlerische Ausgestaltung der Gaststätten[Bearbeiten]

Mit einer Ausnahme, dem Ballsaal (Palmensaal), sind alle Gasträume von dem Künstler Carl Benesch aus Wien gestaltet worden. Der Ballsaal (Palmensaal) wurde von Prof. Ernst Stern unter Verwendung von Plastiken von Josef Thorak gestaltet. Das Kino (Kammerlichtspiele) wurde von Carl Stahl-Urach, auch innenarchitektonisch gestaltet.

Kaffee Vaterland[Bearbeiten]

Der Ort der Räumlichkeit hat sich nie geändert. Von 1912 bis 1914 hatte das „Kaffee“ den Namen Café Piccadilly, dieser Name änderte sich mit Beginn des Ersten Weltkriegs, wie auch die Namen vieler anderer Institutionen in Berlin, in Deutsches Kaffeehaus Vaterland, kurz als Kaffee Vaterland. Die Gestaltung des Kaffee Vaterland erfuhr bis in die späten 1920er-Jahre keine Veränderungen, erst beim Umbau des „Haus Potsdam“ zum „Haus Vaterland“ wurden durch die notwendigen Eingriffe in die Baustrukturen die Deckenmalereien beseitigt. Auch die Wandmalereien wurden beseitigt. Das Kaffee wurde von der Firma M. Kempinski schon 1926 übernommen. Der frühere Besitzer war Heinrich Braun.

Sonstiges[Bearbeiten]

Die Schriftstellerin Inge von Wangenheim verwendete den Namen des Etablissements im Titel ihrer Autobiografie Mein Haus Vaterland. Ihre Mutter war Schneiderin und hatte sich im Jahr 1929 den Generalauftrag für die Kleider der Darsteller im Haus Vaterland gesichert.[3] Die Tätigkeit, bei der von Wangenheim ihre Mutter nach Kräften unterstützte, war zur Zeit der Weltwirtschaftskrise zwar ein einigermaßen sicherer Broterwerb, aber dennoch eher gnadenlose Selbstausbeutung denn ein lukrativer Job.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Haus Vaterland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dokumentation zum Umbau (Text, Listen und Fotos) von Haus Vaterland (PDF; 1,3 MB), In: „Stadtbaukunst“, 20. November 1928 (digitalisiert), S. 129 ff
  2. Vereinbarung vom 21. Juli 1972 in „Dokumente zur Berlin-Frage, 1967–1986“
  3. „[…] Denn meine Mutter kam eines Tages auf die kühne Idee, zum großen Kempinski persönlich hinzugehen und ihm vorzustellen, er käme doch viel billiger weg, wenn er seine Animierrevuen von einer kleinen ehrlichen Schneiderin ausstatten ließe, anstatt diese Aufträge einer größeren Firma zu geben, die ihn doch bloß übers Ohr hauen würde. Und es gelang ihr in der Tat, den Geschäftsmann zu überzeugen. Sie bekam die Aufträge.“ (Wangenheim: Mein Haus Vaterland, Halle 1962, S. 321)

52.50805555555613.377222222222Koordinaten: 52° 30′ 29″ N, 13° 22′ 38″ O