Hausziege

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Hausziege
Hausziege (Capra aegagrus hircus)

Hausziege (Capra aegagrus hircus)

Systematik
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Gattung: Ziegen (Capra)
Art: Wildziege (Capra aegagrus)
Unterart: Hausziege
Wissenschaftlicher Name
Capra aegagrus hircus
Linnaeus 1758

Die Hausziege (Capra aegagrus hircus) ist nach dem Hund und zusammen mit dem Schaf vermutlich das erste wirtschaftlich genutzte Haustier. Hausziegen gehören zur Gattung der Ziegen in der Familie der Hornträger.

Benennung[Bearbeiten]

Das weibliche Tier wird neben Ziege auch Geiß (vgl. nl./norw./dän. geit), Zicke, Hippe oder Zibbe genannt, das männliche Tier Bock, das kastrierte männliche Mönch und das Ziegenjunge Ziegenkitz,Ziegenlamm oder Geißlein genannt.

In den oberdeutschen Dialekten stehen Gaiß/Goiß/Goaß allgemein für die weibliche Ziege (vergl. engl. goat, schwed. get) und Geißbock für das Männchen. Durch Luthers Bibelübersetzung hat sich Ziege in der Hochsprache durchgesetzt.[1]

Domestikation[Bearbeiten]

Die Hausziege stammt von der Bezoarziege ab. Die Domestizierung erfolgte wahrscheinlich vor dem 11. Jahrtausend v. Chr. im vorderen Orient, vermutlich in der südlichen Levante (heute Israel und Jordanien) oder im Zagrosgebirge (heute im Iran). Gewöhnlich wird angenommen, dass mit der Domestikation rasch morphologische Änderungen am Skelett eintreten, besonders die Form des Hornzapfens, außerdem eine Größenabnahme. Auch das Geschlechter- und Altersverhältnis in Tierknochen von archäologischen Fundstellen wird herangezogen, um domestizierte und gejagte Populationen zu unterscheiden.

Hausziege in Bayern

Fundorte, die eine frühe Domestikation der Ziege belegen sollen, sind:

  • Ganj Dareh, Irak, 9000–7500 v. Chr. Hier wurde die Alterszusammensetzung als Beleg der Domestikation angeführt (es wurden bevorzugt männliche Jungtiere getötet), außerdem waren die Tiere durchschnittlich kleiner als heutige Wildtiere.
  • Ali Kosch, Irak, 7500–5500 v. Chr. Hier wird das Überwiegen junger Tiere als Beleg der Domestikation angeführt, zusammen mit Veränderungen im Querschnitt des Hornzapfens. Im vorgeschichtlichen Mitteleuropa ist die Ziege selten.
Ziegenbock einer Herde halbwilder Hausziegen auf Mallorca

Wirtschaftliche Bedeutung[Bearbeiten]

Ziegen liefern Fleisch, Leder, Milch (mehr als Schafe) und mitunter auch Wolle. Sie fressen, wenn alle Pflanzenarten vorkommen, zu 60 % Blätter und Baumbewuchs, zu 20 % Kräuter und nur zu 20 % Gras.[2] Sie sind sehr genügsam, da sie über ein sehr effektives Verdauungssystem verfügen. Sie werden auch als die Kuh des kleinen Mannes bezeichnet, da sie einfacher zu ernähren und zu halten sind, wenn man über wenig Platz und Futter verfügt. Sie wurden und werden heute insbesondere in bergigen Landschaften (z. B. Alpen, Norwegen) gehalten und können aufgrund ihrer Kletterfähigkeiten auch dort gehalten werden, wo die Haltung von Rindern nicht mehr möglich ist.

Ziegen können den Bewuchs ganzer Landschaften zerstören und so zur Wüstenbildung beitragen, da sie fast alle Pflanzen abfressen.

Wirtschaftlich genutzt werden:

Landwirtschaftlich von Bedeutung war die Hausziege schon im antiken Rom; sie ist es bis heute in Kleinasien, Zentralasien und der Mongolei.

Die Nutzung der Ziege als Zugtier war bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Europa weit verbreitet. Die erstaunlich kräftigen, genügsamen und robusten Ziegen wurden vor Kutschen und Wagen gespannt und, falls keine größeren Tiere verfügbar waren, auch zum Pflügen verwendet. In bergigem Gelände dienten Ziegen als Lasttiere.

Ziegenherde zur Landschaftspflege an einem Steilhang der A 59.

In Deutschland werden Ziegen auch in der Landschaftspflege eingesetzt. Hier eignen sie sich insbesondere zur Eindämmung der Verbuschung an Steilhängen, bei denen eine manuelle Gehölzbeseitigung personalintensiv und daher teuer wäre.[3] In Nordrhein-Westfalen werden von der Straßenbauverwaltung im Rahmen von Modellversuchen Ziegen auch zur Pflege von Hanglagen an Autobahnen eingesetzt. Dabei sind sie durch ihre Fähigkeit, sich auf die Hinterbeine zu stellen, in der Lage auch größere Gehölze abzuschälen und so absterben zu lassen.[4] Dies ist häufig bei der Zurückdrängung von Neophyten erwünscht, wie etwa der Robinie. In den abgefressenen Gebieten ist nach Standortwechsel der Tiere meist eine Zunahme seltener bzw. lebensraumtypischer Arten festzustellen.[5]

Im Alpenraum werden (heute nurmehr selten) Ziegen herdenweise zusammen mit Schafen in Transhumanz gehalten. Schaf und Ziege sind keine Nahrungskonkurrenten, denn die Schafe halten sich überwiegend an das stets ausreichend vorhandene Gras.

Zu Pferden, die einzeln im Stall oder auf der Weide gehalten werden, führt man nicht selten eine oder mehrere Ziegen, um Aggression oder Depression beim Herdentier Pferd zu verhindern. Eine Ziege in derartiger Funktion nennt man Beistellziege.

Verbreitung[Bearbeiten]

Verwilderte Ziegen auf dem An Teallach, Schottland

Hausziegen sind heute außer in extrem kalten Regionen weltweit verbreitet. Darüber hinaus wurden Hausziegen als Proviant für vorbeifahrende Schiffe auf vielen Inseln ausgesetzt, wo sie verwilderten. Sie hatten dort, etwa auf den Galápagos-Inseln, eine verheerende Wirkung auf die einheimische Flora und Fauna. Deshalb hat man Ziegen auf vielen Inseln bewusst ausgerottet. Verwilderte Hausziegen in großer Zahl gibt es auch in Australien.

Hausziegenrassen[Bearbeiten]

Rove-Bock in der Provence

Es gibt eine große Anzahl regionaler Rassen von Hausziegen. Je nach Züchtungsziel und Hauptverwertungsart werden sie in Fleischziegen, Milchziegen und Fellziegen unterteilt. Zu diesen zählen unter anderem:

Siehe auch: Liste von Ziegenrassen

Krankheiten der Hausziege[Bearbeiten]

Die Schaf- und Ziegenbrucellose ist eine Deckseuche von Schafen und Ziegen, die vom Bakterium Brucella melitensis aus der Gattung Brucella verursacht wird.

Ziegen in Mythologie, Religion und Brauchtum[Bearbeiten]

Östliches Mittelmeer[Bearbeiten]

Der Sündenbock wird in die Wüste geschickt. Illustration von William James Webbe, vor 1904

Der griechische Hirtengott Pan ist ein Mischwesen aus einer Menschengestalt mit den Füßen, den Hörnern und dem Bart eines Ziegenbocks. Pan ist der schreckerregende Gott des Waldes, bösartig, wenn er um die Mittagszeit gestört wird, und als phallischer Gott in zahlreiche Liebschaften verwickelt. Den Hirtenjüngling Daphnis unterweist er in männlicher Sexualität. Daphnis gehörte selbst als Kind zu den Ziegen. Er wurde im Wald von einer Ziege gesäugt, bis ihn der Ziegenhirte Lamon fand und bei sich aufnahm. Dies und das Verhältnis mit der zur Männlichkeit Daphnis’ hingezogenen Chloe, die als Säugling von einem Schaf genährt worden war, erzählt Longos im 3. Jahrhundert in seinem Liebesroman Daphnis und Chloe. Die jahreszeitlich bedingten Verhaltensweisen der Ziegen in der Herde prägen analog die enger werdende Beziehung der Protagonisten des Romans. Der Kampf um die Vorherrschaft unter Ziegenböcken im Frühjahr wird als männlich-sexuelle Aggression gezeigt.[6]

Die Chimäre (von griechisch chímaira, „Ziege“), ein weiteres Mischwesen der griechischen Mythologie, wird mit einem Ziegenkopf und Ziegenleib in der Mitte sowie einem Löwenkopf und als Schwanz einem Schlangenkopf beschrieben. Durch die Hilfe von Pegasos, einem anderen Mischwesen, konnte der Held Bellerophon das dreiköpfige Wundertier, das Feuer spie, aus der Luft erschießen.

Ein Ziegenhirte zur Zeit des mythischen Königs Oineus sah einen seiner Ziegenböcke am Weinstock fressen und entdeckte so die Trauben, aus denen Oineus den ersten Wein kelterte. Dem griechischen Gott des Weines, Dionysos, wurden bei den Dionysos-Festspielen Zicklein nach alter Sühneopfer-Tradition dargebracht.[7] Laut einem Mythos vom Tod und der Auferstehung des Dionysos stieg dieser durch den „alkyonischen See“ bei Lerna in den Hades hinunter, um seine Mutter Semele von den Toten zu erretten. Seine Rückkehr aus dem grundlosen See an einer Stelle, an der nach dem Mythos ein Phallus auf einem Grabhügel stand, feierten die lokalen Griechen jedes Jahr mit einem Fest, das vermutlich ein Frühlingsfest war, indem sie mit Trompetenblasen den Gott aus dem Wasser riefen und dem Totenwärter als Opfer ein Lamm in den See warfen.[8]

Die griechische Liebesgöttin Aphrodite wurde auf einem Bock oder einer Ziege reitend dargestellt. Im 2. Jahrhundert n. Chr. beschreibt der griechische Schriftsteller Pausanias ein Standbild dieses Typs der Aphrodite mit dem Beinamen Epitragia („auf oder bei einem Bock“) als Werk des Bildhauers Skopas aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. Epitragia genannte Figuren sollten wohl speziell die für die Sexualität der männlichen Jugendlichen verantwortliche Göttin zeigen, weil junge Männer in diesem Zusammenhang tragoi („Böcke“, Sg. tragos) genannt wurden. Hierzu passt auch, dass Aristoteles sich mehrmals zu Gemeinsamkeiten der Sexualität bei Ziegenböcken und bei jungen Männern äußerte.[9]

Ziegen gehörten in vielen alten Kulturen zu den bevorzugten Opfertieren bei religiösen Ritualen. Im Alten Testament werden Ziegenböcke vor allem im Zusammenhang von Reinigungszeremonien und Sühneopfern erwähnt, die zum Versöhnungstag (hebräisch Jom Kippur) gehören. Jom Kippur ist bis heute der höchste jüdische Feiertag. Mit dem Begriff Sündenbock ist die in Levitikus 16 beschriebene Entsühnung des Heiligtums zu einem geflügelten Wort geworden. Dem Sündenbock werden alle Sünden des Volkes in einer Symbolhandlung aufgeladen und zusammen mit dem Tier in die Wüste zum Dämon Asasel geschickt. Der Eigenname Asasel geht auf semitische Wurzeln zurück: El (al), für „Gott“, und es, hebräisch für „Ziegenbock“.

Ziegenböcke gelten – als übersteigerte Reaktion auf die heidnische Vorstellung eines vor allem auf seine sexuellen Triebe reduzierten Tieres – in biblischen Texten als wesenhaft schlecht und teuflisch, im Gegensatz zu Schafen, denen positive Eigenschaften zugemessen werden. Entsprechend heißt es im Jüngsten Gericht in Matthäus 25,31 EU, dass Christus die Völker zu sich kommen lässt und sie wie der Hirte seine Schafe und Böcke in Gute und Schlechte unterscheidet. Der Hirte versammelt die guten Schafe zu seiner Rechten und die Böcke zu seiner Linken. Christus segnet mit der rechten Hand diejenigen, die in den Himmel auffahren werden, während zu seiner Linken die zur Hölle Verdammten sitzen.

Das Buch Daniel im Tanach, der hebräischen Bibel, erzählt die endzeitliche Vision des Sehers Daniel. Dan 8 enthält den Traum vom Widder und vom Ziegenbock und dessen Hörnern: Ein Ziegenbock mit einem großen Horn besiegt einen Widder mit zwei Hörnern und wirft ihn zu Boden. Danach wird der Ziegenbock sehr groß, bis schließlich das große Horn zerbricht und an seiner Stelle vier kleinere Hörner in den vier Haupthimmelsrichtungen wachsen. Der Ziegenbock steht für den König von Griechenland, die beiden Hörner symbolisieren die Könige von Medien und Persien. Gegen Ende – so die Deutung der Vision – werden aus dem siegreichen griechischen Reich vier kleinere, weniger mächtige Reiche entstehen.[10] Rembrandt malte um 1650 ein Ölbild mit der Danielvision.[11]

Im vorislamischen Südarabien verkörperte der Steinbock eine männliche Gottheit, der in einer rituellen Jagd nachgestellt wurde, während die Oryxantilope mit einer weiblichen Gottheit in Verbindung stand. Auf der zum Jemen gehörenden Inselgruppe Sokotra vor der Küste Somalilands haben sich einige Mythen und Bräuche im Zusammenhang mit Ziegen erhalten, die mit der Rolle des Ziegenbocks in den nahöstlichen Opferkulten zu tun haben. Die Mythen enthalten die Vorstellung von Ziegen als Lebensrettern, wenn etwa eine Ziege einen Jungen vor seinen Feinden versteckt und ihn mit Milch nährt oder ein Junge mit Hilfe der magischen Fähigkeiten der Ziege siegreich aus einem Kampf hervorgeht. Letzteres wird in der „Geschichte von Makon“ geschildert. Hierin kommt auch das verbreitete Motiv der Zwillinge vor. Um eine Ziege mit magischen Fähigkeiten zu besitzen, besorgt sich der Großvater des Jungen zwei trächtige Ziegen. Als beide ihren Nachwuchs bekommen haben, tötet der Großvater eines der Zicklein, damit das andere von zwei Müttern gesäugt wird und so die magischen Kräfte erhält. Das Zwillingsmotiv steht mit den für die ugaritische Religion wesentlichen Fruchtbarkeitsmythen in Verbindung. Dort wird ein Ritual beschrieben, bei dem gleichzeitig ein weibliches Ziegenkitz in Milch und ein junger Ziegenbock in Öl gekocht wird. Beim alttestamentlichen Opfer am Versöhnungstag (Jom Kippur) musste der Priester Aaron einen jungen Bullen und zwei, Zwillingen gleichende Ziegenböcke hernehmen, einen Ziegenbock dem Gott zum Opfer und den anderen, um ihn als Sündenbock zum Dämon in die Wüste zu schicken.[12]

Die Nymphe Amaltheia, Mutter des Pan, zog den jungen Zeus mit der Milch einer Ziege auf; nach anderen Erzählungen war Amaltheia selbst die säugende Ziege. Diesen Überfluss verkörpert Amaltheia auch mit ihrem Füllhorn (latein cornu copiae, „Horn der Fülle“).

Zentraleuropa[Bearbeiten]

Die Ziege Heidrun im Baum Lärad. Zeichnung von 1895 in einem Werk des dänischen Schriftstellers Karl Gjellerup.

Weibliche Ziegen kommen bei den Germanen häufig wie Amaltheia als großzügig austeilende Ammen vor. In der nordischen Mythologie ist es die Ziege Heidrun, die von den Blättern des Baums Lärad frisst und aus deren Eutern Met fließt.

Der Ziegenbock ist für die Germanen ein edles Tier, welches dem Donnergott Thor geopfert wird. Thor erscheint in Abbildungen und in der Snorra-Edda auf seinem Streitwagen, den zwei Ziegenböcke ziehen, die Tanngnjostr („Zähneknisterer“) und Tanngrisnir („Zähneknirscher“) heißen. Wenn der Wagen über die Himmelsbahn rumpelt, donnert es. Thors Böcke können darüber hinaus wiederholt geschlachtet und verspeist werden. Nach jeder Mahlzeit werden sie aus Haut und Knochen wieder zum Leben erweckt. An die germanischen Böcke erinnert in Skandinavien der als Weihnachtsschmuck verwendete Julbock, der auf einen Fruchtbarkeitskult zurückgeht. Eine entsprechende Figur ist im Alpenraum die Habergeiß, die ursprünglich wohl ebenso für Fruchtbarkeit stand und unter dem Einfluss des Christentums zu einem Dämon in Ziegen- und Vogelgestalt herabsank.

In der keltischen Mythologie von Wales genießen Ziegen wegen ihrer magischen Fähigkeiten und ihrer Nähe zu den koboldartigen Wesen namens Tylwyth Teg ein hohes Ansehen. Ferner stehen sie mit den Gwyllion, nachtaktiven und unguten Geistern, in Beziehung.[13]

In der frühchristlichen Kunst taucht die Ziege eher dekorativ (wie in den Domitilla-Katakomben in Rom) und weniger als Symboltier auf. Das bekannteste Beispiel für eine symbolische Funktion im Mittelalter liefert die Darstellung der Wollust (latein luxuria), eine der sieben Todsünden in der mittelalterlichen christlichen Bildsprache. Sie erscheint in der Vorhalle des Freiburger Münsters als nackte Jungfrau, die nur um die Schultern das Fell eines Ziegenbocks trägt, neben einem die Sünde verkörpernden Mann in schöner Kleidung, aber mit einer von üblem Getier bedeckten rechten Körperseite.[14] Auf Reliefs des 13. Jahrhunderts sitzt die Wollust im deutschen Raum als nackte junge Frau auf einem Ziegenbock (Ernstkapelle des Magdeburger Doms), im 14. Jahrhundert ist diese auf die griechische Aphrodite zurückgehende Darstellung in Frankreich weit verbreitet, etwa an einer Konsole im südlichen Querschiff in der Kathedrale von Auxerre. Bis ins 15. Jahrhundert kommen Zeichnungen der auf einem Ziegenbock reitenden Wollust in Stundenbüchern vor.[15]

Der mittelalterliche Teufel macht sich durch seinen scharfen Geruch bemerkbar und vereint ansonsten – in seiner äußeren Erscheinung mit schwarzen Haaren und einem Ziegenfuß in der Nachfolge des Pan – die negativen Eigenschaften des Ziegenbocks. Ähnlich dämonisierte das mittelalterliche Christentum das Pferd, etwa wenn der Teufel alternativ mit einem Pferdefuß dargestellt wird.[16]

Als gemeine Figur kommen Ziegenbock und Ziege als Wappentier in der Heraldik vor. In Sagen und Ortschroniken haben es einzelne Ziegen zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. An ein bestimmtes Tier erinnert die jährliche Geißbockversteigerung in der vorderpfälzischen Stadt Deidesheim. Angeschafft als Glücksbringer 1950 hat sich der Geißbock Hennes zwischenzeitlich als Maskottchen des 1. FC Köln eingerichtet.

Jedes Jahr am 10. August wird in der irischen Kleinstadt Killorglin beim Puck Fair ein Ziegenbock zum König erklärt. Das dreitägige Volksfest geht der Legende nach etwa auf das 10. Jahrhundert zurück, als Grænlendingar, dänische Siedler auf Grönland, Raubzüge in Irland durchführten, die Einwohner massakrierten und ausplünderten. Einmal geschah es, dass die Eindringliche, als sie landeinwärts marschierten, auf einem Hügel einen Ziegenbock sahen und sich dermaßen erschraken, dass sie zu ihren Schiffen zurück rannten und sich nie wieder blicken ließen.[17]

Iranisches Hochland und Zentralasien[Bearbeiten]

Im Avesta, der heiligen Schrift des iranischen Zoroastrismus findet sich die Ziege (buz) in der Liste der zu opfernden Tiere, und im Bundahischn, einem anderen mittelpersischen religiösen Werk werden fünf Ziegenartige unterschieden. In zentralasiatischen Palästen (etwa in Samarkand und Khulbuk im Süden Tadschikistans) des 11. und 12. Jahrhunderts kommen innerhalb von geometrischen und floralen Ornamenten der islamischen Kunst unter anderem Abbildungen von Adlern, Fischen, Widdern, Ziegen, Pferden und Greifen vor, die in der vorislamischen Zeit Gottheiten verkörperten.[18]

Die berühmteste Ziege der mittelpersischen Literatur kommt in dem Gedicht „Der babylonische Baum“ (darakht i asürik) vor. Es handelt sich um eine Streitfabel eines unbekannten Dichters, die mündlich überliefert und zuerst in parthischer Sprache festgehalten wurde.[19] Eine Ziege tritt mit einer Dattelpalme in einen argumentativen Wettstreit, wer von beiden die meisten Vorteile habe und am nützlichsten sei.[20] Abschließend erklärt der Dichter die Ziege, die über Bergweiden davonlaufen kann, während die Palme am Ort festgewurzelt bleibt, zum Sieger.[21]

In Kirgisien gibt es eine Marionettenaufführung namens tak-teke („die springende Ziege“), die von einer meist weiblichen Person gezeigt wird, die zugleich die Maultrommel temir-komuz spielt. Die Darstellerin hält, während sie Maultrommel spielt, einen Faden in einer Hand, mit dem sie die vor sich auf einem Tisch aufgestellte Marionettenfigur einer Ziege im Rhythmus zur Musik tanzen lässt.[22] Ein ähnliches Spiel ist aus Turkmenistan bekannt, wo ein männlicher Akteur vor sich einen Kasten positioniert hat, auf dem sich zwei Ziegenfiguren gegenüberstehen, die er mit zwei Schnüren in einer Hand zum Tanzen bringt, während er eine Langhalslaute (dotar) spielt. Im Norden Afghanistans heißt die ähnliche Aufführung eines Dambura-Spielers buz bazi („Ziegen-Spiel”). Der afghanische Musiker lässt eine Ziege mittels eines Fadens auf- und abhüpfen.[23]

In Afghanistan und den nördlich benachbarten Ländern Zentralasiens ist das Reiterspiel Buzkaschi ein leidenschaftlich betriebener Nationalsport an Feiertagen. Mehrere Reiter kämpfen darum, eine tote Ziege auf dem Spielfeld aufzugreifen, mitzunehmen und sie an einem Zielpunkt abzulegen. Es kommt zu heftigen Gerangel zwischen den galoppierenden Rivalen und der Sieger genießt hohes Ansehen bei den Zuschauern.

Südasien[Bearbeiten]

Dem aus der vedischen Religion stammenden Feuergott Agni ist als Reittier ein Widder oder eine Ziege beigesellt. Ziegen kommen ansonsten in der indischen Mythologie kaum vor. Ziegen, Widder und Pferde waren die hauptsächlichen Opfertiere der vedischen Zeit in Südasien. Im heutigen Hinduismus sind Tieropfer weitgehend tabu und werden nur noch bei einigen volksreligiösen Praktiken zur Verehrung von Lokalgottheiten praktiziert. Eine Ausnahme bildet die Verehrung der furchtbaren schwarzen Göttin Kali. Ihre bekannteste Erscheinungsform ist die Dakshina Kali, die mit vier Armen, einer Halskette aus Schädeln und das Blut ihrer Besiegten trinkend auf dem am Boden liegenden Shiva steht. Kali erhält täglich oder zumindest regelmäßig Ziegenopfer (hindi pathabali), eine Form hinduistischer Tieropfer (pashubali), an mehreren Tempeln in Westbengalen, besonders an ihrem Haupttempel Kalighat in Kolkata und im Nepal am Dakshinkali-Tempel nahe Kathmandu. Am Kalighat-Tempel leitet ein Brahmanen-Priester die Zeremonie, während Angehörige einer niedrigen Kaste im Auftrag des Opferers das Tier zerteilen, um es nach Hause mitzunehmen, wo es verspeist wird. Die tägliche Opfernahrung Kalis (bhog) beinhaltet gekochtes Ziegenfleisch, das von Brahmanen dargeboten wird.[24]

Afrika[Bearbeiten]

Ziege, auf der drei Vögel sitzen. Bronzefigur der westafrikanischen Akan

In der afrikanischen Kosmogonie kommen Ziegen nur gelegentlich als Ersatz für andere Tiere, etwa Ameisenbären und Chamäleons vor. Ein Mythos der westafrikanischen Aschanti erklärt, wie die frühen Menschen das Paradies verloren haben. Üblicherweise überbringt das Chamäleon im Wettstreit mit der Eidechse die Botschaft, dass die Menschen von nun an sterblich sein werden. Einmal werden stattdessen eine Ziege und ein Schaf losgeschickt. Die Ziege soll mitteilen, dass die Menschen zwar sterben, aber später im Himmel leben werden. Weil die Ziege unterwegs stehenbleibt und Gras frisst, schickt der Schöpfergott das Schaf mit derselben Botschaft los. Das Schaf kann sich die Botschaft nicht richtig merken und erzählt den Menschen, dass der Tod ihr Ende sein wird. Als später die Ziege eintrifft und vom jenseitigen Leben erzählt, haben sich die Menschen bereits mit ihrer Sterblichkeit abgefunden.

In den meisten afrikanischen Ursprungsmythen ist die Welt bereits entstanden und muss nur noch in weiteren Mythen alltagstauglich eingerichtet werden. In einer Volkserzählung der westafrikanischen Yoruba suchten ein Leopard, eine Ziege und ein Ziegenbock nach Land, um darauf ein Haus zu bauen. Als der Ziegenbock als erster einen geeigneten Platz erreichte, befreite er ihn vom Gehölz und kehrte abends heim. Am nächsten Tag fand der Leopard den freien Platz vor, fragte sich, wer wohl vor ihm dagewesen sein mag, vermengte Wasser mit Erde zu Lehm und ging heim. Als der Ziegenbock am nächsten Morgen erstaunt den Lehm vorfand, mauerte er damit die erste Lage der Wände und ging heim. So arbeiteten beide abwechselnd und nichts vom anderen wissend, bis das Dach des Hauses fertiggestellt war. Erst als am nächsten Tag beide in das Haus einziehen wollten, weil sie es für das ihre hielten, kam es zum Streit. Die Ziege schlug vor, sich zu vertragen und zu dritt einzuziehen. Zu einer späteren Zeit brachte der Leopard zuerst den getöteten Vater und dann die Mutter des Ziegenbocks als Nahrung nach Hause. Der entsetzte Ziegenbock bat daraufhin einen Jäger, einen Leoparden für ihn zu erlegen. Als der Ziegenbock den toten Leoparden auf der Straße heimwärts schleppte, sah dies der Leopard, war fassungslos, weil der Ziegenbock zu so einer Tat fähig gewesen war und rannte für immer in den Wald. Seither wohnt das Ziegenpaar friedlich allein in dem Haus. Die Erzählung erklärt, weshalb Ziegen als Haustiere im Dorf und Leoparden draußen im Wald leben.[25]

Literatur[Bearbeiten]

  • D. E. Wilson, D. M. Reeder: Mammal Species of the World. 2. Auflage. Smithsonian, Washington 1993, S. 405.
  • M. A. Zeder, B. Hesse: The Initial Domestication of Goats (Capra hircus) in the Zagros Mountains 10,000 Years Ago. In: Science. 287, März 2000, S. 2254–2257.
  • D. Zohary, E. Tchernov, L. Kolska Horwitz: The role of unconscious selection in the domestication of sheep and goats. 1998.
  • Annette Arnold, René Reibetanz: Alles für die Ziege. Handbuch für die artgerechte Haltung. pala-verlag, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-89566-235-5.
  • C. Naaktgeboren: The Mysterious Goat. Images and Impressions. BBPress, Eindhoven 2006. (Zur Kulturgeschichte der Ziege, international. Illustrationen) (Auszüge im Web: bbpress.nl)
  •  Wolfgang Beck, Jan Ulrich Büttner, Hans Reichstein: Ziege. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Nr. 34, de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-018389-4, S. 526–532.
  • Ch. Hünemörder, D. Hägermann: Ziege. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 9, LexMA-Verlag, München 1998, ISBN 3-89659-909-7, Sp. 598–599.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hausziege – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ziege. In: Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 3. Auflage. 1997.
  2. Jack L. Albright, Clive Wendell Arave: The behaviour of cattle. CAB International, Wallingford (Oxon, UK)/ New York 1997, ISBN 0-85199-196-3.
  3. Eignung zur Landschaftspflege Infodienst Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Abgerufen am 19. Mai 2013.
  4. Management von Offenland-Lebensräumen an pflegeproblematischen Steilhängen durch Ziegenbeweidung Veröffentlichung der Hochschule Anhalt. Abgerufen am 5. Mai 2013.
  5. Landschaftspflege mit Ziegen - 10 jährige Erfahrungen aus Nordrhein Westfalen (PDF; 51 KB) Veröffentlichung des Ziegenhof-Stumpf . Abgerufen am 12. Mai 2013.
  6. Stephen Epstein: The Education of Daphnis: Goats, Gods, the Birds and the Bees. In: Phoenix, Vol. 56, No. 1/2, Frühjahr–Sommer 2002, S. 25–39, hier S. 29
  7. Karl Kerényi: Die Mythologie der Griechen. Band II: Die Heroen-Geschichten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1966, S. 95f, 239
  8. James George Frazer: Der goldene Zweig. Eine Studie über Magie und Religion. Band 2. Ullstein, Frankfurt/Main 1977, S. 568
  9. Katharina Waldner: Geburt und Hochzeit des Kriegers. Geschlechterdifferenz und Initiation in Mythos und Ritual der griechischen Polis. (Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten, Band 46) Walter de Gruyter, Berlin/New York 2000, S. 201
  10. Daniel 8,1 EU
  11. Daniel’s Vision. Art and the Bible
  12. Vitaly Naumkin, Victor Porkhomovsky: Sheep and Goat in Socotran Mythology. In: Proceedings of the Seminar for Arabian Studies, Vol. 26 (Papers from the twenty-ninthmeeting of the Seminar for Arabian Studies held in Cambridge, 20–22 July, 1995) 1996, S. 115–124
  13. Wirt Sikes: British Goblins: Welsh Folk-lore, Fairy Mythology, Legends and Traditions. S. Low, Marston, Searle & Rivington, London 1880
  14. Wilhelm Molsdorf: Christliche Symbolik der mittelalterlichen Kunst. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1984, S. 221
  15. Susanne Blöcker: Studien zur Ikonographie der Sieben Todsünden in der niederländischen und deutschen Malerei und Graphik von 1450–1560. Lit, Münster 1993, S. 123f
  16. Kristina Jennbert: Sheeps and goats in Norse paganism. In: Barbro Santillo Frizell (Hrsg.): Pecus, Man and Animal in Antiquity: Proceedings of the conference at the Swedish Institute in Rome, September 9–12, 2002. 2004, S. 160–166, hier S. 164
  17. M. A. Murray: The Puck Fair of Killorglin. In: Folklore, Vol. 64, No. 2, Juni 1953, S. 351–354
  18. R. Suleimanov: On Relicts of Ancient Culture and Ideolohy of Islam in Central Asia. In: Oriente Moderno, Nuova serie, Anno 87, Nr. 1, (Studies on Central Asia) 2007, S. 203–223, hier S. 210
  19. Christopher J. Brunner: The Fable of the Babylonian Tree Part I: Introduction. In: Journal of Near Eastern Studies, Vol. 39, No. 3, Juli 1980, S. 191–202
  20. The verbal contest between a goat and a Babylonian date-palm. (Umschrift und englische Übersetzung des Gedichts)
  21. DRAXT Ī ĀSŪRĪG. In: Encyclopædia Iranica
  22. Svein Westad "Tak teke". Свеин Вестад Варган и куклы. Youtube Video
  23. Mark Slobin: Buz-Baz: A Musical Marionette of Northern Afghanistan. In: Asian Music, Vol. 6, No. 1/2 (Perspectives on Asian Music: Essays in Honor of Dr. Laurence E. R. Picken) 1975, S. 217–224, hier S. 219
  24. Suchitra Samanta: The "Self-Animal" and Divine Digestion: Goat Sacrifice to the Goddess Kali in Bengal. In: The Journal of Asian Studies, Vol. 53, No. 3, August 1994, S. 779–803, hier S. 783
  25. William R. Bascom: The Relationship of Yoruba Folklore to Divining. In: The Journal of American Folklore, Vol. 56, No. 220, April–Juni 1943, S. 127–131