Hausziege

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Hausziege
Hausziege (Capra aegagrus hircus)

Hausziege (Capra aegagrus hircus)

Systematik
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Gattung: Ziegen (Capra)
Art: Wildziege (Capra aegagrus)
Unterart: Hausziege
Wissenschaftlicher Name
Capra aegagrus hircus
Linnaeus 1758

Die Hausziege (Capra aegagrus hircus) ist nach dem Hund und zusammen mit dem Schaf vermutlich das erste wirtschaftlich genutzte Haustier. Hausziegen gehören zur Gattung der Ziegen in der Familie der Hornträger.

Benennung[Bearbeiten]

Das weibliche Tier wird neben Ziege auch Geiß (vgl. nl./norw./dän. geit), Zicke, Hippe oder Zibbe genannt, das männliche Tier Bock, das kastrierte männliche Mönch und das Ziegenjunge Ziegenkitz,Ziegenlamm oder Geißlein genannt.

In den oberdeutschen Dialekten stehen Gaiß/Goiß/Goaß allgemein für die weibliche Ziege (vergl. engl. goat, schwed. get) und Geißbock für das Männchen. Durch Luthers Bibelübersetzung hat sich Ziege in der Hochsprache durchgesetzt.[1]

Domestikation[Bearbeiten]

Junge Ziegen

Die Hausziege stammt von der Bezoarziege ab. Die Domestizierung erfolgte wahrscheinlich vor dem 11. Jahrtausend v. Chr. im vorderen Orient, vermutlich in der südlichen Levante (heute Israel und Jordanien) oder im Zagrosgebirge (heute im Iran). Gewöhnlich wird angenommen, dass mit der Domestikation rasch morphologische Änderungen am Skelett eintreten, besonders die Form des Hornzapfens, außerdem eine Größenabnahme. Auch das Geschlechter- und Altersverhältnis in Tierknochen von archäologischen Fundstellen wird herangezogen, um domestizierte und gejagte Populationen zu unterscheiden.

Hausziege in Bayern

Fundorte, die eine frühe Domestikation der Ziege belegen sollen, sind:

  • Ganj Dareh, Irak, 9000–7500 v. Chr. Hier wurde die Alterszusammensetzung als Beleg der Domestikation angeführt (es wurden bevorzugt männliche Jungtiere getötet), außerdem waren die Tiere durchschnittlich kleiner als heutige Wildtiere.
  • Ali Kosch, Irak, 7500–5500 v. Chr. Hier wird das Überwiegen junger Tiere als Beleg der Domestikation angeführt, zusammen mit Veränderungen im Querschnitt des Hornzapfens. Im vorgeschichtlichen Mitteleuropa ist die Ziege selten.
Ziegenbock einer Herde halbwilder Hausziegen auf Mallorca

Wirtschaftliche Bedeutung[Bearbeiten]

Ziegen liefern Fleisch, Leder, Milch (mehr als Schafe) und mitunter auch Wolle. Sie fressen, wenn alle Pflanzenarten vorkommen, zu 60 % Blätter und Baumbewuchs, zu 20 % Kräuter und nur zu 20 % Gras.[2] Sie sind sehr genügsam, da sie über ein sehr effektives Verdauungssystem verfügen. Sie werden auch als die Kuh des kleinen Mannes bezeichnet, da sie einfacher zu ernähren und zu halten sind, wenn man über wenig Platz und Futter verfügt. Sie wurden und werden heute insbesondere in bergigen Landschaften (z. B. Alpen, Norwegen) gehalten und können aufgrund ihrer Kletterfähigkeiten auch dort gehalten werden, wo die Haltung von Rindern nicht mehr möglich ist.

Ziegen können den Bewuchs ganzer Landschaften zerstören und so zur Wüstenbildung beitragen, da sie fast alle Pflanzen abfressen.

Wirtschaftlich genutzt werden:

Landwirtschaftlich von Bedeutung war die Hausziege schon im antiken Rom; sie ist es bis heute in Kleinasien, Zentralasien und der Mongolei.

Die Nutzung der Ziege als Zugtier war bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Europa weit verbreitet. Die erstaunlich kräftigen, genügsamen und robusten Ziegen wurden vor Kutschen und Wagen gespannt und, falls keine größeren Tiere verfügbar waren, auch zum Pflügen verwendet. In bergigem Gelände dienten Ziegen als Lasttiere.

Ziegenherde zur Landschaftspflege an einem Steilhang der A 59.

In Deutschland werden Ziegen auch in der Landschaftspflege eingesetzt. Hier eignen sie sich insbesondere zur Eindämmung der Verbuschung an Steilhängen, bei denen eine manuelle Gehölzbeseitigung personalintensiv und daher teuer wäre.[3] In Nordrhein-Westfalen werden von der Straßenbauverwaltung im Rahmen von Modellversuchen Ziegen auch zur Pflege von Hanglagen an Autobahnen eingesetzt. Dabei sind sie durch ihre Fähigkeit, sich auf die Hinterbeine zu stellen, in der Lage auch größere Gehölze abzuschälen und so absterben zu lassen.[4] Dies ist häufig bei der Zurückdrängung von Neophyten erwünscht, wie etwa der Robinie. In den abgefressenen Gebieten ist nach Standortwechsel der Tiere meist eine Zunahme seltener bzw. lebensraumtypischer Arten festzustellen.[5]

Im Alpenraum werden (heute nurmehr selten) Ziegen herdenweise zusammen mit Schafen in Transhumanz gehalten. Schaf und Ziege sind keine Nahrungskonkurrenten, denn die Schafe halten sich überwiegend an das stets ausreichend vorhandene Gras.

Zu Pferden, die einzeln im Stall oder auf der Weide gehalten werden, führt man nicht selten eine oder mehrere Ziegen, um Aggression oder Depression beim Herdentier Pferd zu verhindern. Eine Ziege in derartiger Funktion nennt man Beistellziege – früher umfasste das auch den sprichwörtlichen Begriff Sündenbock, das ist eine männliche Beistellziege, die nach Volksglauben die Krankheiten im Stall auf sich zieht.

Verbreitung[Bearbeiten]

Verwilderte Ziegen auf dem An Teallach, Schottland

Hausziegen sind heute außer in extrem kalten Regionen weltweit verbreitet. Darüber hinaus wurden Hausziegen als Proviant für vorbeifahrende Schiffe auf vielen Inseln ausgesetzt, wo sie verwilderten. Sie hatten dort, etwa auf den Galápagos-Inseln, eine verheerende Wirkung auf die einheimische Flora und Fauna. Deshalb hat man Ziegen auf vielen Inseln bewusst ausgerottet. Verwilderte Hausziegen in großer Zahl gibt es auch in Australien.

Hausziegenrassen[Bearbeiten]

Rove-Bock in der Provence
Cabra Serpentinas aus Portugal

Es gibt eine große Anzahl regionaler Rassen von Hausziegen. Je nach Züchtungsziel und Hauptverwertungsart werden sie in Fleischziegen, Milchziegen und Fellziegen unterteilt. Zu diesen zählen unter anderem:

Siehe auch: Liste von Ziegenrassen

Ziege in Pokhara/Nepal

Krankheiten der Hausziege[Bearbeiten]

Die Schaf- und Ziegenbrucellose ist eine Deckseuche von Schafen und Ziegen, die vom Bakterium Brucella melitensis aus der Gattung Brucella verursacht wird.

Kulturgeschichte[Bearbeiten]

In den meisten indoeuropäischen Kulturen galt der Ziegenbock als Sinnbild der Fruchtbarkeit und in diesem Zusammenhang häufig als Verkörperung einer Fruchtbarkeitsgottheit. Ein Beispiel ist der skandinavische Brauch des Julbocks.

Als Gemeine Figur und Wappentier ist die Ziege, sowohl das männliche als auch das weibliche Tier, in der Heraldik anzutreffen.

Literatur[Bearbeiten]

  • D. E. Wilson, D. M. Reeder: Mammal Species of the World. 2. Auflage. Smithsonian, Washington 1993, S. 405.
  • M. A. Zeder, B. Hesse: The Initial Domestication of Goats (Capra hircus) in the Zagros Mountains 10,000 Years Ago. In: Science. 287, März 2000, S. 2254–2257.
  • D. Zohary, E. Tchernov, L. Kolska Horwitz: The role of unconscious selection in the domestication of sheep and goats. 1998.
  • Annette Arnold, René Reibetanz: Alles für die Ziege. Handbuch für die artgerechte Haltung. pala-verlag, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-89566-235-5.
  • C. Naaktgeboren: The Mysterious Goat. Images and Impressions. BBPress, Eindhoven 2006. (Zur Kulturgeschichte der Ziege, international. Illustrationen) (Auszüge im Web: bbpress.nl)
  •  Wolfgang Beck, Jan Ulrich Büttner, Hans Reichstein: Ziege. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Nr. 34, de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-018389-4, S. 526–532.
  • Ch. Hünemörder, D. Hägermann: Ziege. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 9, LexMA-Verlag, München 1998, ISBN 3-89659-909-7, Sp. 598–599.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hausziege – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ziege. In: Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 3. Auflage. 1997.
  2. Jack L. Albright, Clive Wendell Arave: The behaviour of cattle. CAB International, Wallingford (Oxon, UK)/ New York 1997, ISBN 0-85199-196-3.
  3. Eignung zur Landschaftspflege Infodienst Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Abgerufen am 19. Mai 2013.
  4. Management von Offenland-Lebensräumen an pflegeproblematischen Steilhängen durch Ziegenbeweidung Veröffentlichung der Hochschule Anhalt. Abgerufen am 5. Mai 2013.
  5. Landschaftspflege mit Ziegen - 10 jährige Erfahrungen aus Nordrhein Westfalen (PDF; 51 KB) Veröffentlichung des Ziegenhof-Stumpf . Abgerufen am 12. Mai 2013.