Heckrind

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Heckrind-Stier der Wörth/Steinberg-Zuchtlinie.
Vergleich des rekonstruierten Aussehens des Auerochsen (oben) mit einem durchschnittlichen Heckrind (unten)

Das Heckrind, oft unzutreffend als "Auerochse" oder als eine "Rückzüchtung" bezeichnet, ist eine in den 1920er-Jahren entstandene Hausrinderrasse. Es ist nach den Brüdern Heinz und Lutz Heck benannt, die den Versuch der Abbildzüchtung aus verschiedenen Hausrindrassen wagten. Zu den wichtigsten Ausgangsrassen des Heckrinds zählen Korsisches Rind, Schottisches Hochlandrind, Ungarisches Steppenrind und Murnau-Werdenfelser, in letzter Zeit auch zunehmend u. a. Sayaguesa.

Heckrinder werden häufig in Zoos, landwirtschaftlichen Betrieben und Beweidungsprojekten eingesetzt. Der größte Bestand lebt im heutigen Oostvaardersplassen unter nahezu wilden Bedingungen. Es ist eines von mehreren auerochsenähnlichen Rindern.[1]

Einstufung[Bearbeiten]

Das Heckrind ist wie die meisten Hausrinder ein Abkömmling des im Jahre 1627 ausgestorbenen Auerochsen. Die aus diesem Wildrind domestizierten Rinder werden mit dem Ur in eine Art gestellt und konnten vermutlich fertile Nachkommen mit diesem zeugen. Beim Heckrind handelt es sich nicht, wie oft fälschlich behauptet, um ein Wildtier, sondern um eine Hausrindrasse (Rasseschlüssel AO 85), die durch Kreuzungszucht anderer Hausrinder entstand. So schreibt Poettinger (2011): „Auf Grund der Zuchtgeschichte ist im Heckrind eine Landrasse, d.h. eine Kreuzung mitteleuropäischer Zweinutzungsrassen, in die aus anderen Klimazonen stammende Rinder eingekreuzt wurden, und deren Ansprüche an Klima und Ernährung nicht geringer sind, als bei den üblichen Zweinutzungsrassen, zu sehen[2].

Aussehen und Eigenschaften[Bearbeiten]

Heckstier im niederländischen Oostvaardersplassen
Ein Vergleich von Heckrindern aus verschiedenen Standorten verdeutlicht die Heterogenität der Rasse

Der Verein zur Förderung des „Auerochsen“ (VFA) e.V. hat zwar Zuchtziele für das Heckrind aufgestellt, die an den morphologischen Charakteristika des Auerochsen ausgerichtet sind,[3] in der Realität jedoch weicht das Heckrind von diesen Zielen und damit vom vermuteten Aussehen des Auerochsen meist mehr oder weniger weit ab.

Größe und Proportionen[Bearbeiten]

Ein typischer Heckbulle weist durchschnittlich etwa 140 cm und eine Kuh etwa 130 cm Widerristhöhe auf, bei einem Gewicht von etwa 600 kg. Massige Bullen wiegen bis zu 900 kg. Damit ist das Heckrind geringfügig kleiner als moderne Milch- und Fleischrassen aus intensiver Landwirtschaft und wesentlich kleiner als der Auerochse, welcher im Mittel eine Widerristhöhe von 160-180 cm bei Bullen und 150 cm bei Kühen aufwies.[4] Auerochsen-Bullen von 200 cm Schulterhöhe sind ausschließlich dem Pleistozän zuzuordnen. Auch in den Körperproportionen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Heckrind und Auerochse. Bei letzterem entsprach die Widerristhöhe in etwa der Rumpflänge, was durch die langen Beine zustande kam. Beim Heckrind sind die Beine meist nur unwesentlich länger als bei den meisten anderen Hausrindern, daher oft um einiges kürzer als beim Auerochsen. Weiters erzeugte stark ausgeprägte Schulter- und Nackenmuskulatur beim Auerochsen eine geschwungene Rückenlinie, das Wildrind Ur hatte eine athletische Statur mit schlanker Taille. Das Heckrind hat allerdings meist einen für Hausrinder typischen tonnigen Rumpf und keine sonderlich ausgeprägte Nacken- und Schulterpartie.[5]

Schädel und Hörner[Bearbeiten]

Der Schädel entspricht in relativer Größe und Länge jenem der anderen Hausrinder, der des Auerochsen war jedoch sowohl relativ größer als auch langschnauziger. Aufgrund von u.a. Hochlandrind und Steppenrind als Ausgangsrassen zeigen Heckrinder oft relativ lange Hörner. Die Hörner sind, anders als beim Auerochsen, sehr formvariabel und erinnern teilweise noch stark an die der Ausgangsrassen. Sie sind meist von heller bis weißer Farbe mit dunkler Spitze. Die typische Hornform des Auerochsen in Bezug auf Krümmung, Dicke und Länge ist jedoch nur bei wenigen Heckrindern zu sehen (etwa einige auf der Insel Wörth), die allermeisten haben Hörner, welche sich in diesen Aspekten vom Ur deutlich unterscheiden und zu weit nach oben und/oder außen zeigen und entweder zu kurz oder zu dünn sind[6].

Fellfarbe[Bearbeiten]

Heckrind mit deutlich ausgeprägtem Aalstrich

Wie bei anderen annähernd wildfarbenen Rinderrassen werden die Kälber braun geboren und färben sich in den ersten Monaten um. Die Stiere sind meist schwarz oder dunkelbraun mit hellem Aalstrich auf dem Rücken (welcher auch abwesend sein kann) und zeigen nicht selten einen heller gefärbten Sattel auf dem Rücken, welcher beim Auerochsen wahrscheinlich nicht vorkam. Auch kommen helle, rötlich-beige bis graue Bullen vor. Ähnlich gefärbt sind die Kühe, deren Palette von schwarz bis rötlichbraun, bei einigen auch beige, reicht. Beide Geschlechter verfügen über ein meist weißbehaartes Maul, das sich je nach Ausprägung vom schwarzen Kopfhaar abhebt. Viele Heckrinder weisen blonde Stirnfransen oder –locken auf, doch es ist unklar, ob die Stirnlocken des Auerochsen hell gefärbt oder ebenfalls schwarz waren. Von einigen wird die blonde Lockenfarbe als eine bei Hausrindern aufgetretene Verfärbung betrachtet. Die Tiere schützen sich im Winter durch ein dichtes, stumpfes Winterfell. Graue oder gräuliche Tiere, welche an Steppenrinder erinnern, treten immer wieder auf. Bei beige gefärbten Kühen oder hellen Bullen kommen oft auch dunkle Augenflecken vor. Das Sommerkleid ist meist kurz und glänzend, bei einigen Exemplaren findet sich jedoch auch ein ganzjährig langer Pelz (etwa im Tierpark Neumünster). Mitunter treten Exemplare mit weißer Fleckenzeichnung auf der Bauchseite oder auf der Stirn auf[7].

Geschlechtsdimorphismus[Bearbeiten]

Dunkle Heckkuh

Der Geschlechtsdimorphismus ist bei Heckrindern wie auch einigen anderen Rindern in Bezug auf die Fellfarbe, Größe, Hornkrümmung und –größe zwar teilweise vorhanden, aber weniger stark ausgeprägt als beim Auerochsen.[7] Bullen sind in der Regel schwerer und meist dunkler gefärbt, doch es können auch hellere Bullen sowie gänzlich schwarze Kühe auftreten. Allerdings sind in der inhomogenen Rasse mitunter auch Exemplare zu finden, welche durchaus einen deutlichen Geschlechtsdimorphismus bezüglich der Fellfarbe zeigen[2], sowie Linien, bei denen farblicher Geschlechtsdimorphismus gänzlich fehlt. Dennoch ist der farbliche Geschlechtsdimorphismus bei Heckrindern oft unklar und der bezüglich der Größe nur schwach ausgeprägt[7][6].

Heterogenität[Bearbeiten]

Heckrinder sind keineswegs uniform, sondern weisen eine deutliche Heterogenität in ihrem Phänotyp auf. Nicht nur sind gewünschte Merkmale wie der Aalstrich bei Bullen oder Geschlechtsdimorphismus nicht immer oder oft nicht vorhanden, immer wieder vorkommende Individuen zeigen auch deutliche Ähnlichkeit mit den Ausgangsrassen, aus denen das Heckrind gezüchtet wurde. Merkmale dieser Individuen können etwa eine beige oder graue Fellfarbe, eine Hausrinder-typische Fleckenzeichnung, kurze Hörner, große Euter und andere unerwünschte Charakteristika sein.[6] Da nie ein großer Selektionsprozess, welcher diese Allele aus dem Genpool entfernen hätte sollen, stattfand, weisen Heckrinderherden, bei denen gar nicht mehr selektiert wird, einen noch höheren Grad an Heterogenität auf, siehe etwa Oostvaardersplassen. [7]

Letztendlich weicht das Heckrind auch nach mehreren Jahrzehnten Zuchtgeschichte vor allem bezüglich der Körper- und Hornform deutlich vom Auerochsen ab und unterscheidet sich wenig von anderen Robustrindern, wie dem Steppenrind. Die farblichen Charakteristika, welche das Heckrind mit dem Auerochsen teilt, sind auch bei verschiedenen anderen Rassen, wie Maronesa, Pajuna, Limia-Rinder, zum Teil dem Spanischen Kampfrind, dem korsischen Rind und anderen vorzufinden. Die phänotypischen Merkmale des Heckrinds sind meist instabil und sehr variabel.[7] Bislang gibt es keine Bestrebungen, die Abbildzüchtung fortzuführen und die Rasse als Ganzes auf einen stabilen Phänotyp mit den gewünschten Merkmalen hin zu züchten.

Robustheit[Bearbeiten]

Heckstier und -kuh in den Rieselfeldern Münster

Wie andere Robustrinder bilden Heckrinder ein Winterfell aus, das die Tiere gegen Temperaturen bis -25 °C schützt. Beobachtungen im Hortobágyi-Nationalpark haben gezeigt, dass Heckrinder weniger gut mit kalten und schneereichen Wintern zurechtkommen als die dort ebenfalls eingesetzten Przewalski-Pferde. Dies wird zum Teil auf die unterschiedlichen Verdauungssysteme von Rindern (Wiederkäuer) und Pferden (Hinterfermentierer), zum Teil auch auf ein unzureichendes Haarkleid und den Wärme- und Energieverlust durch das große Euter zurückgeführt.[2] Aus diesen Gründen sind die Heckrinder in dem ungarischen Schutzgebiet im Winter von Zufütterung abhängig, ohne die wohl nur ein Teil der Rinder überleben würde.[8] Wie andere Robustrinder gelten Heckrinder gegenüber hochgezüchteten Stallhaltungsrassen allerdings als krankheitsresistent, widerstandsfähig und kältetolerant. Sofern die Kälber auch im Freien gesetzt und aufgezogen werden, können Robustrinder in Mitteleuropa ganzjährig im Freien gehalten werden.[2]

Dies ist allerdings keine spezifische Eigenheit des Heckrinds. Mitunter eignen sich sogar typische Milch- und Fleischrassen wie das Hinterwälder-Rind oder Murnau-Werdenfelser-Rinder für eine solche Haltungsform. Zu beachten ist, dass Heckrinder auch in den meisten Beweidungsprojekten nicht wild, sondern veterinärmedizinisch betreut sind und ihnen im Winter zugefüttert wird.[9] Völlig ohne Hege und Zufütterung lebten in den ersten drei Jahrzehnten die Heckrinder in Oostvaardersplassen,[10][11] bis die Population sich stark erhöht hatte und in harten Wintern zahlreiche Tiere verendeten. Angesichts des öffentlichen Drucks, der dadurch entstand, entschied man sich 2010 dazu, im Winter zuzufüttern. Was Robustheit und natürliche Instinkte angeht, kommen Heckrinder wie die anderen Robustrassen ohne menschliches Eingreifen in der Natur zurecht, wenn auch mit teilweise hohen Bestandseinbußen in härteren Wintern. Oft wird gehofft, dass natürliche Auslese wilde Heckrinder (derzeit in Oostvaardersplassen) im Erscheinungsbild und Verhalten an den Auerochsen heranführen kann. Dies ist im modernen raubtierarmen Europa jedoch kaum vollständig zu erreichen und nähme einen extrem langen Zeitraum in Anspruch, darüber hinaus sind derzeit Heckrinder nirgends Raubtierdruck ausgesetzt.[6]

Ebenfalls zu beachten ist, dass das Heckrind keineswegs das einzige Hausrind ist, von dem wilde Populationen existieren. So leben verwilderte Rinder auf etwa auf den Orkney-Inseln, Camargue, im Nationalpark Coto de Doñana sowie auf weiteren Inseln.[7] Wilde, dedomestizierte Rinderrassen sind etwa die Chillingham-Rinder oder die scheuen Betizuaks und Divjaka-Rinder.[12] Was also die Fähigkeit angeht, in der Natur zu überleben, ist das Heckrind keineswegs ein Unikum - viele Rinderrassen sind noch robust genug, um ohne menschliches Zutun in der Wildnis zu überleben.[7]

An einigen Standorten wird versucht, durch Einkreuzung großer, robuster Rassen mit entsprechenden Eigenschaften einige Heckrinder optisch an den Auerochsen anzunähern (siehe Taurusrind). Ein dem Auerochsen so weit wie möglich in phänotypischer, genotypischer und ökologischer Hinsicht entsprechendes Rind wird von TaurOs Project angestrebt (siehe TaurOs Project).

Vorkommen[Bearbeiten]

Heckrinder in Oostvaardersplassen
Kuh in Belgien

Heute dürfte es wohl zwischen 2000 und 3000 Tiere geben, die entweder in Extensivbeweidung, landwirtschaftlicher Nutzung oder Tiergärten verwendet werden. Zumeist wurden Heckrinder ausschließlich in Tiergärten und fälschlicherweise als "Auerochsen" präsentiert - diese Fehlbezeichnung der Rinderrasse ist auch heute noch oft zu sehen. In verschiedenen Tierparks und Freigehegen gibt es kleinere Herden von Heckrindern, zum Beispiel im Eiszeitlichen Wildgehege Neandertal sowie im Tierpark Hellabrunn in München, die beide besonders an der Verbreitung der Rasse nach dem Zweiten Weltkrieg partizipiert haben, als es erst einige dutzend Exemplare gab. In einigen anderen mitteleuropäischen Zoos, die neben Wildtieren auch Nutztiere halten, stehen ebenfalls einige Herden. Darüber hinaus wird das Heckrind auch auf einigen landwirtschaftlichen Höfen zur Fleischproduktion gehalten.

Ab den 1980ern begann man, Heckrinder gemeinsam mit anderen großen Weidetieren für die Landschaftspflege einzusetzen, da die wichtige Rolle von Pflanzenfressern in natürlichen Ökosystemen erkannt wurde (siehe Megaherbivorenhypothese). Der NABU in Nordrhein-Westfalen betreibt einige Beweidungsprojekte mit Heckrindern in extensiver Landwirtschaft. Heckrinder werden zur Beweidung u.a. der Emsauen eingesetzt, gemeinsam mit Koniks. Die Beweidung von Robustrindern wie dem Heckrind, oder auch Hochlandrinder oder Steppenrinder (u.a. im Nationalpark Neusiedler See), erfüllt neben Fleischvermarktung auch Naturschutzziele, da sie offene Flächen erhält, die Lebensraum für viele Kleintierarten sind. Andere auerochsenähnliche Robustrinder - wie etwa Sayaguesa, Maremmana primitivo, Pajuna, Tudanca und andere - werden u.a. von der ABU im Kreis Soest und der niederländischen Stichting Taurus verwendet[13]. Auch das Schottische Hochlandrind und Galloway-Rinder finden in der Landschaftspflege Anwendung.

Im niederländischen Naturentwicklungsgebiet Oostvaardersplassen in Flevoland in der Nähe von Lelystad gibt es Herden von Heckrindern in einer im dreistelligen Bereich schwankenden Bestandszahl. Diese leben mehr oder weniger wild, d.h. es gibt keine Zufütterung, und die Bestände dürfen sich unreguliert vermehren. Da die Heckrinder, anders als die dort ebenfalls lebenden Koniks und Rothirsche, im Winter oft größere Bestandseinbußen zu verzeichnen haben, werden die dortigen Herden zwischen Februar und April täglich kontrolliert, um stark geschwächte oder abgemagerte Rinder zu töten, um vermeidbares Leid zu verhindern[9]. Da die Heckrinder in Oostvaardersplassen jedoch nicht mehr nach phänotypischen Eigenschaften selektiert werden, sind sie um einiges heterogener als die aus anderen Standorten. So kommen vereinzelt sogar schwarzweiß gefleckte Heckrinder vor [7].

Herden aus den Niederlanden wurden inzwischen auch in Schutzgebiete in Lettland verbracht und etwa im Nationalpark Ķemeri oder im Pape-Schutzgebiet angesiedelt. In Lettland ist die Sterblichkeit insbesondere in harten Wintern deutlich Höher als in den Niederlanden. Vor allem Jungtiere überleben den ersten Winter häufig nicht. Dies wird mit dem härteren Klima und den vorhandenen natürlichen Raubfeinden, wie Wölfen, erklärt.[14]

Kritik[Bearbeiten]

Die Vorgehensweise der Heck-Brüder, das Resultat ihrer Versuche und die Tatsache, dass sie dieses als "neuen Auerochsen" präsentierten, wurde bereits früh kritisiert. Das damals zur Verfügung stehende Wissen über den Auerochsen und Züchtung allgemein war viel kleiner, als es heute ist; so hatten die Heck-Brüder nicht nur ein nur vages Bild vom Auerochsen, sondern sie stimmten darin auch nicht überein. Auch sind ihre Annahmen heute teilweise als falsch zu betrachten.[7] Herre (1953) nannte das Heckrind eine wissenschaftlich wertlose Kreuzungszucht aus Hausrassen, da das Endresultat bei genauer Observation sehr unbefriedigend ausfiel und auch die Wahl der Ursprungsrassen nicht ideal war.[7] Das Heckrind erfüllt als Robustrasse wie viele andere Rinder zwar die ökologische Rolle des Auerochsen, sei aber an sich noch kein Beitrag zur Restauration dieses Wildrinds.

Oft wird das Heckrind von Seiten der Züchter oder Tierparks als dem Auerochsen sehr ähnlich beschrieben. Die Authentizität des Heckrinds in Bezug auf den Auerochsen wird in wissenschaftlicher Literatur jedoch angezweifelt oder für zumindest mangelhaft und für geringer als bei einigen ursprünglichen Rassen, wie dem Spanischen Kampfrind, befunden.[7] Vor allem in Iberien existiere demnach noch eine Reihe Auerochsen-artiger Primitivrinder. Cis Van Vuure, der in seinem Buch Retracing the Aurochs - History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox, 2005, den Erfolg des Heckrinds zu evaluieren versucht, befindet: "In Anbetracht des Mangels an deutlicher Ähnlichkeit hinsichtlich Größe, Färbung oder Hörner und anderen Aspekten, kann das Heckrind nicht als dem Auerochsen sehr ähnlich betrachtet werden. Eher sollte es als eine Population von Rindern gesehen werden, in der manche Auerochsenmerkmale gefunden werden können; eine Eigenschaft, die es mit vielen anderen Rinderpopulationen teilt". Es sollte jedoch beachtet werden, dass in der sehr heterogenen Rasse Heckrind einige Exemplare zu finden sind, die dem Wildrind ähnlicher sehen als andere Vertreter dieser Zucht.

Sehr oft wird das Heckrind fälschlich als Auerochse bezeichnet bzw. mit diesem gleichgesetzt. Hierbei handelt es sich um eine grobe Fehlcharakterisierung dieser Hausrindrasse.

Geschichte und Anstoß zu weiteren Projekten[Bearbeiten]

Das Korsische Rind hinterließ eine deutliche Spur im Heckrind.
Die Hecks verwendeten auch hochgezüchtete Zweinutzungsrassen wie das Schwarzbunte Niederungsrind oder Anglerrinder zur Zucht.
Das ungarische Steppenrind vererbte dem Heckrind ebenfalls etliche Merkmale.
Heckrinder mit Watussi-Einfluss in Steinberg.

Die Brüder Heinz und Lutz Heck (damals Leiter der Tiergärten in Berlin und München) kreuzten in den 1920er Jahren mehrere europäische Rinderrassen in der Hoffnung, durch Zuchtwahl ein Abbild des ausgerotteten Auerochsen zu erhalten.

Das Wissen der Hecks über das Aussehen des Auerochsen und ursprüngliche Rinderrassen war, aufgrund ihrer Zeit und auch methodischen Mängeln, begrenzt. Daher belief sich ihr Konzept für die Züchtung ihrer Rinder hauptsächlich auf die Färbung und Hörner, während der Körperbau des Auerochsen (der sich von vielen Hausrindern teilweise drastisch unterscheidet) und auch die Größe grob vernachlässigt wurden. Auch wurde irrtümlich angenommen, der Ur hätte den Hausrind-typischen niedrigen, geraden Rückens statt des geschwungenen, hohen Rücken eines Wildrinds aufgewiesen. Viele Heckrindzüchter sind heute noch dieser Meinung.[15]

Heinz und Lutz Heck verwendeten teilweise verschiedene Ausgangsrassen, und ihre Zuchtresultate waren einander auch nur bedingt ähnlich.[7] Die von Letzterem verwendeten Rassen der Berliner Linie, darunter das Spanische Kampfrind, sind für die heutige Heckrinderpopulation nur von Relevanz, wenn deren Beitrag zur Münchner Linie nennenswert war, da die Berliner Linie den Weltkrieg nicht überlebte.[7] Heinz Heck verwendete, anders als sein Bruder, eher weniger die primitiven Rassen aus Iberien als hochgezüchtete Zweinutzungsrassen, wie das Angler Rind, schwarzbuntes Niederungsrind, Braunvieh und Murnau-Werdenfelser-Rind. Auch wurden Steppenrinder, Schottisches Hochlandrind und Korsisches Rind in großem Umfang verwendet; diese vier letztgenannten Rassen dürften den größten Einfluss auf das Heckrind gehabt haben. Das "erste Heckrind" war ein 1932 geborener Stier Namens "Glachl", welcher zu 75 % Korsisches Rind und 25 % eine Kreuzung von Niederungsbulle, Anglerrind, Steppenrind und Hochlandrind war. Von denselben Eltern wurde daraufhin auch eine Kuh geboren. Diesen beiden Individuen waren, wie auch ihr Großvater (ein Halb-Steppenrind), maßgeblich für die weitere Entwicklung der Heck'schen Zucht.[15] H. Heck kreuzte diese weiter mit Hochlandrindern, Steppenrindern, Braunvieh und Murnau-Werdenfelser, um Masse hinzuzufügen.[7]

Da die Hecks kein genaues Bild vom Auerochsen hatten, hielten sie ihr Rind mit annähernder Wildfarbe und längeren Hörnern bereits für einen "rückgezüchteten Auerochsen“ und proklamierten "Der Urstier lebt wieder!".[7] Jedoch war und ist das Heckrind vom Ziel, dem Auerochsen möglichst zu entsprechen, weit entfernt.

Den Zweiten Weltkrieg überlebten 39 Tiere, die wohl ausschließlich aus der Münchner Linie stammen. Da weder die Hecks noch viele der nachfolgenden Züchter ungeeignete Exemplare rigoros aussortierten und auch keine einheitlichen Zuchtziele festgelegt wurden, traten und treten immer wieder deutlich abweichende Merkmale im Heckrind zutage, die in Beschreibung näher genannt sind. Vereinzelt wurden weitere Rassen eingekreuzt, etwa das Rote Höhenvieh und immer wieder Steppenrinder. Im Zoo Duisburg wurde in den 1950ern ein Watussi-Rind eingekreuzt. Heute haben die Zuchtlinie im Neanderthal und die Wörth/Steinberg-Linie noch Anteile dieser Kreuzung. [16]

Ecoland-Rind[Bearbeiten]

In den Niederlanden werden derzeit von der Organisation Ecoplan Natuurontwikkeling[17] Heckrinder und Hochlandrinder gekreuzt. Ziel ist es, Rinder mit kürzeren Haaren und dunkler Farbe des Heckrinds und die Gelassenheit und Robustheit des Hochlandrinds zu erhalten. Diese entstehende Rasse wird Ecoland-Rind oder Ecolander genannt und soll für öffentlich zugängliche Beweidungsprojekte eingesetzt werden[9].

Taurusrind[Bearbeiten]

Hauptartikel: Taurusrind

Das Taurusrind ist die Weiterzucht des Heckrinds durch Einkreuzung alter und ursprünglicher Rinderrassen, überwiegend aus Südeuropa. Ziel ist ein wesentlich größeres, hochbeinigeres Rind mit nach vorne geschwungenen Hörnern.[18] Mittlerweile zeigen einige Heckrinderzüchter Interesse an diesen Kreuzungsexemplaren, sodass es einen fließenden Übergang zwischen Taurus- und Heckrind gibt.[9]

TaurOs Project[Bearbeiten]

Hauptartikel: TaurOs Project

Das TaurOs Project, oder Tauros-Programm, ist ein Forschungs- und Abbildzüchtungsprogramm, das gänzlich auf das Heckrind verzichtet und stattdessen überwiegend ursprüngliche südeuropäische Rinder und teilweise auch Schottische Hochlandrinder verwendet.[19] Es versucht durch Kreuzungs- und Selektionszucht dem Auerochsen in phänotypischer und auch genotypischer Hinsicht näher zu kommen als bisherige Projekte und ihre Resultate letztendlich europaweit auszuwildern.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Marleen Felius: Cattle Breeds: An Encyclopedia. 2007.
  2. a b c d Julia Poettinger: Vergleichende Studie zur Haltung und zum Verhalten des Wisents und des Heckrinds. 2011.
  3. Verein zur Förderung des „Auerochsen“ e.V.: „Zuchtziele für Heckrinder.“ Letzte Überarbeitung Ende 2000. Abgerufen 14. Februar 2014.
  4. René Kysely: Aurochs and potential crossbreeding with domestic cattle in Central Europe in the Eneolithic period. A metric analysis of bones from the archaeological site of Kutná Hora-Denemark (Czech Republic). 2008.
  5. Cis van Vuure: History, Morphology and Ecology of the Aurochs (Bos primigenius). 2002.
  6. a b c d Cis van Vuure: History, Morphology and Ecology of the Aurochs (Bos primigenius). 2002.
  7. a b c d e f g h i j k l m n o Cis van Vuure: Retracing the Aurochs - History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox. 2005, ISBN 954-642-235-5.
  8. Zeitschrift des Kölner Zoo: Naturschutzprojekt Hortobagy - Jahresbericht 2003. 2004
  9. a b c d Bunzel-Drüke, Finck, Kämmer, Luick, Reisinger, Riecken, Riedl, Scharf & Zimball: "Wilde Weiden: Praxisleitfaden für Ganzjahresbeweidung in Naturschutz und Landschaftsentwicklung
  10. Frans W M Vera: Large-scale nature development – the Oostvaardersplassen. June 2009 British Wildlife 35 (PDF)
  11. Vincent Vigbels: Oostvaardersplassen - New nature below sea level. MMI Staatsbosbeheer Felvoland-Overijssel, Zwolle. ISBN 90-805009-3-3
  12. ABU info 06/07: Bunzel-Drüke, Scharf & Vierhaus: Lydias Ende - eine Tragikomödie
  13. Stichting Taurus, siehe [1]
  14. Rewilded grazers meet Latvian wolves Foundation for Restoring European Ecosystems, 2012
  15. a b Walter Frisch: Der Auerochs - Das europäische Rind. 2010, ISBN 978-3-00-026764-2.
  16. Internationales Zuchtbuch für Heckrinder. 1985.
  17. Ecoplan Natuurontwikkeling
  18. ABU info 06/07: Bunzel-Drüke, Scharf & Vierhaus: Lydias Ende - eine Tragikomödie
  19. Offizielle Seite des Tauros Project

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heckrind – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Verein zur Förderung des „Auerochsen“ e.V. – Internetpräsenz des 1997 gegründeten Vereins zur Förderung des Heckrindes
  • [2] Der Einfluss von Megaherbivoren auf die Naturlandschaft Mitteleuropas, Aufsatz aus einer Naturschutzfachzeitschrift. (PDF-Datei; 308 kB)
  • [3] Artikel Rückkehr der Auerochsen, Informationsseite des Senders 3sat.
  • Weg ist weg. In: Die Zeit. 26. April 2010. (über die Geschichte der Zuchtanstrengungen)