Heckrind

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Das Heckrind, oft unzutreffend als Auerochse (Bos primigenius) bezeichnet, ist eine Hausrinderrasse mit einer fast achtzig Jahre langen Zuchtgeschichte mit dem Ziel, ein diesem Wildrind ähnliches oder ihm gleichendes Rind durch Abbildzüchtung, in einzelnen Fällen auch Dedomestikation, aus verschiedenen Hausrindrassen zu erhalten. Benannt ist es nach den Brüdern Heinz und Lutz Heck, die mit der damals noch als „Rückzüchtung“ bezeichneten Zuchtmethode begannen. Heckrinder werden häufig in Beweidungsprojekten eingesetzt und leben etwa im heutigen Oostvaardersplassen in größeren Beständen unter nahezu wilden Bedingungen. Weitere Rassen, welche eine mehr oder minder große Ähnlichkeit mit dem Ur haben, sind etwa das Spanische Kampfrind, Sayaguesa oder Pajuna.[1]

Heckrinder

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Einstufung

Das Heckrind ist wie die meisten Hausrinder ein Abkömmling des im Jahre 1627 ausgestorbenen Auerochsen. Die aus diesem Wildrind domestizierten Rinder werden mit dem Ur in eine Art gestellt und konnten vermutlich fertile Nachkommen mit diesem zeugen (siehe Artikel Auerochse). Beim Heckrind handelt es sich um kein Wildtier, wie oft fälschlich behauptet, sondern um eine Hausrindrasse, welche durch Kreuzungszucht anderer Hausrinder entstand. So schreibt Poettinger (2011): „Auf Grund der Zuchtgeschichte ist im Heckrind eine Landrasse, d.h. eine Kreuzung mitteleuropäischer Zweinutzungsrassen, in die aus anderen Klimazonen stammende Rinder eingekreuzt wurden, und deren Ansprüche an Klima und Ernährung nicht geringer sind, als bei den üblichen Zweinutzungsrassen, zu sehen“.

[Bearbeiten] Aussehen und Eigenschaften

Dieser Heckrind-Stier aus der fortgeschrittenen, doch stark ingezüchteten Wörth/Steinberg-Zucht steht dem Ur phänotypisch näher als die meisten anderen Heckrinder

Ein typischer Heckbulle weist durchschnittlich etwa 140 cm und eine Kuh etwa 130 cm Widerristhöhe auf bei einem Gewicht von etwa 600 kg. Massige Bullen wiegen bis zu 900 kg. Damit ist das Heckrind nicht wesentlich größer als die meisten anderen Hausrinder. Unter den europäischen Auerochsen im Holozän gab es Größenunterschiede zwischen nördlichen und südlichen Populationen - während die Bullen in Ungarn etwa 150-160 cm Widerristhöhe aufwiesen, erreichten jene in Polen teilweise 180 cm. [2] Bullen von 200 cm Schulterhöhe sind, sofern sie existierten, ausschließlich dem Pleistozän zuzuordnen. In historischer Zeit nahm der Auerochse aufgrund menschlichen Einflusses wie Jagd und Habitatzerschneidung weiter in der Größe ab (Frisch, 2010). In den Körperproportionen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Heckrind und Auerochse. Bei letzterem entsprach die Widerristhöhe in etwa der Rumpflänge, was durch die langen Beine zustande kam. Beim Heckrind sind die Beine meist nur unwesentlich länger als bei den meisten anderen Hausrindern, daher oft um einiges kürzer als beim Auerochsen. Weiters erzeugte stark ausgeprägte Schulter- und Nackenmuskulatur beim Auerochsen eine geschwungene Rückenlinie, das Wildrind Ur hatte eine athletische Statur mit schlanker Taille. Das Heckrind hat allerdings meist einen für Hausrinder typischen tonnigen Rumpf und keine sonderlich ausgeprägte Nacken- und Schulterpartie.[3]

Der Schädel entspricht in relativer Größe und Länge jenem der anderen Hausrinder, der des Auerochsen war jedoch sowohl relativ größer als auch langschnauziger. Aufgrund von u.a. Hochlandrind und Steppenrind als Ausgangsrassen zeigen Heckrinder meist relativ lange Hörner. Die typische Hornform des Auerochsen in Bezug auf Krümmung, Dicke und Länge ist jedoch nur bei wenigen Heckrindern zu sehen (etwa einige auf der Insel Wörth), die allermeisten haben Hörner, welche sich in diesen Aspekten vom Ur deutlich unterscheiden und eher denen der Ausgangsrassen gleichen.

Wie bei anderen annähernd wildfarbenen Rinderrassen werden die Kälber braun geboren und färben sich in den ersten Monaten um. Die Stiere sind schwarz mit hellgelbgrauen Strich auf dem Rücken (Aalstrich) und zeigen mitunter einen heller gefärbten Sattel, welcher beim Auerochsen wahrscheinlich nicht vorkam. Ähnlich gefärbt sind die Kühe, deren Palette von schwarz bis rötlichbraun reicht. Beide verfügen über ein weißbehaartes Maul, das sich je nach Ausprägung stark vom schwarzen Kopfhaar abhebt. Viele Heckrinder weisen blonde Stirnfransen oder –locken auf, doch es ist unklar, ob die Stirnlocken des Auerochsen hell gefärbt oder ebenfalls schwarz waren; so bezeichnet Cis van Vuure die blonde Lockenfarbe als eine bei Hausrindern aufgetretene Verfärbung. Die Tiere schützen sich durch ein dichtes, stumpfes und längeres Winterfell. Das Sommerkleid ist kurz und glänzend. Die Hörner sind, anders als beim Auerochsen, sehr formvariabel und erinnern teilweise noch stark an die der Ausgangsrassen. Sie sind von heller bis weißer Farbe mit dunkler Spitze.

Heckstier im niederländischen Oostvaardersplassen mit abweichender Fellfarbe und nach oben gerichteten Hörnern

Der Geschlechtsdimorphismus ist bei Heckrindern in vielen Merkmalen nur relativ schwach ausgeprägt, während er beim Auerochsen in Bezug auf die Fellfarbe, Größe, Hörnkrümmung und –größe wie bei anderen Wildrindern deutlich erkennbar war.[4] Bullen sind in der Regel größer und meist dunkler gefärbt, doch es können auch hellere Bullen sowie gänzlich schwarze Kühe auftreten. Allerdings sind in der inhomogenen Rasse mitunter auch Linien zu finden, welche durchaus einen Geschlechtsdimorphismus nicht nur bezüglich Größe, sondern auch Fellfarbe zeigen.[5] Dennoch ist der farbliche Geschlechtsdimorphismus bei Heckrindern oft unklar ausgeprägt (siehe van Vuure, 2005).

Schwarze Heckkuh mit Hausrind-typischen Proportionen, großem Euter und nach oben gerichteten Hörnern

Heckrinder sind keineswegs uniform, sondern weisen eine deutliche Heterogenität in ihrem Aussehen auf. Nicht nur sind gewünschte Merkmale wie der Aalstrich bei Bullen oder Geschechtsdimorphismus nicht immer oder oft nicht vorhanden, immer wieder vorkommende Individuen zeigen auch deutliche Ähnlichkeit mit den Ausgangsrassen, aus denen das Heckrind gezüchtet wurde. Merkmale dieser Individuen können etwa eine beige oder graue Fellfarbe, eine Hausrinder-typische Fleckenzeichnung, kurze Hörner, sehr große Euter und andere unerwünschte Charakteristika sein. Da nie ein großer Selektionsprozess, welcher diese Allele aus dem Genpool entfernen hätte sollen, stattfand, weisen Heckrinderherden, bei denen nicht mehr selektiert wird, einen noch höheren Grad an Heterogenität auf, siehe etwa Oostvaardersplassen.

Alles in Allem ist das Heckrind auch nach mehreren Jahrzehnten Zuchtgeschichte ein bezüglich der Körper- und Hornform typisches Hausrind, welches durch Kreuzungszucht mit manchen annähernd wildfarbenen Rassen farbliche Modifikationen und durch Verwendung des Steppenrinds und Hochlandrinds längere (doch nicht unbedingt Auerochsen-artige) Hörner erwarb. Die farblichen Charakteristika, welche das Heckrind mit dem Auerochsen teilt, sind auch bei manch anderen Rassen, wie Sayaguesa, Pajuna, Limia-Rinder, mitunter dem Spanischen Kampfrind, dem korsischen Rind und anderen noch erhalten. Die phänotypischen Merkmale des Heckrinds sind sehr instabil und bislang gibt es keine Bestrebungen, die Rasse als ganze auf einen stabilen Phänotyp mit den gewünschten Merkmalen hin zu züchten.

[Bearbeiten] Robustheit

Wie andere Robustrinder bilden Heckrinder ein Winterfell aus, welches die Tiere gegen Temperaturen bis -25°C schützt. Beobachtungen im Hortobágyi-Nationalpark haben gezeigt, dass Heckrinder weniger gut mit kalten und schneereichen Wintern zurechtkommen als die dort ebenfalls eingesetzten Przewalski-Pferde. Dies wird zum Teil auf die unterschiedlichen Verdauungssysteme von Rindern (Wiederkäuer) und Pferden (Hinterfermentierer) zum Teil auch auf ein unzureichendes Haarkleid und den Wärme- und Energieverlust durch das beim Hausrind Heckrind große Euter zurückgeführt[5]. Aus diesen Gründen wird den Heckrindern in dem ungarischen Schutzgebiet im Winter zugefüttert. Wie andere Robustrinder gelten Heckrinder gegenüber hochgezüchteten Stallhaltungsrassen allerdings als krankheitsresistent, widerstandsfähig und kältetolerant. Sofern die Kälber auch im Freien gesetzt und aufgezogen werden, können Robustrinder in Mitteleuropa ganzjährig im Freien gehalten werden.[5]

Dies ist aber keine spezifische Eigenheit des Heckrinds. Mitunter eignen sich jedoch sogar typische Milch- und Fleischrassen wie das Hinterwälder-Rind oder Murnau-Werdenfelser-Rinder für eine solche Haltungsform. Zu beachten ist, dass Heckrinder auch in den meisten Beweidungsprojekten nicht wild, sondern veterinärmedizinisch betreut sind und ihnen im Winter zugefüttert wird [6]. Völlig ohne Hege und Zufütterung lebten in den ersten drei Jahrzehnten die Heckrinder in Oostvaardersplassen.[7][8] bis die Population sich stark erhöht hatte und in harten Wintern zahlreiche Tiere verendeten. Angesichts des öffentliche Drucks der dadurch entstand, entschied man sich kürzlich dazu hier im Winter zuzufüttern. Was Robustheit und natürliche Instinkte angeht, kommen Heckrinder wie die anderen Robustrassen ohne menschliches Eingreifen in der Natur zurecht, wenn auch mit teilweise hohen Bestandseinbußen in härteren Wintern. Oft wird gehofft, dass natürliche Auslese wilde Heckrinder (z.B. in Oostvaardersplassen) im Erscheinungsbild und Verhalten an den Auerochsen heranführen kann. Dies ist im modernen raubtierarmen Europa jedoch kaum vollständig zu erreichen und nähme einen extrem langen Zeitraum in Anspruch. Derzeit wird versucht, durch Einkreuzung großer, robuster Rassen ein dem Auerochsen optisch gleichendes Rind heranzuzüchten (siehe Taurusrind). Ein dem Auerochsen so weit wie möglich in phänotypischer, genotypischer und ökologischer Hinsicht entsprechendes Rind wird von TaurOs Project angestrebt (siehe TaurOs Project).

Ebenfalls zu beachten ist, dass das Heckrind keineswegs das einzige Hausrind ist, von dem wilde Populationen existieren. So existieren verwilderte Rinder auf etwa auf den Orkney-Inseln, Camargue, im Donana-Nationalpark sowie auf weiteren Inseln (van Vuure, 2005). Wilde, dedomestizierte Rinderrassen, sind etwa die Chillingham-Rinder oder die scheuen Betizuaks und Divjaka-Rinder [9]. Was also die Fähigkeit angeht, in der Natur zu überleben, ist das Heckrind keineswegs ein Unikum - viele Rinderrassen sind noch robust genug, um ohne menschliches Zutun zu in der Wildnis überleben (van Vuure, 2005).

[Bearbeiten] Kritik

Die Vorgehensweise der Heck-Brüder, das Resultat ihrer Versuche und die Tatsache, daß sie dieses als "neuen Auerochsen" präsentierten, wurde bereits früh kritisiert. Das damals zur Verfügung stehende Wissen über den Auerochsen und Züchtung allgemein war viel kleiner, als es heute ist; so hatten die Heck-Brüder nicht nur ein nur vages Bild vom Auerochsen, sondern sie stimmten darin auch nicht überein. Auch sind ihre Annahmen heute teilweise als falsch zu betrachten (siehe van Vuure, 2005). Herre (1953) nannte das Heckrind eine wissenschaftlich wertlose Kreuzungszucht aus Hausrassen, da das Endresultat bei genauer Observation sehr unbefriedigend ausfiel und auch die Wahl der Ursprungsrassen nicht ideal war (siehe van Vuure, 2005). Das Heckrind erfüllt als Robustrasse wie viele andere Rinder zwar die ökologische Rolle des Auerochsen, ist aber an sich noch kein Beitrag zur Restauration dieses Wildrinds. Cis Van Vuure, der in seinem Buch Retracing the Aurochs - History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox, 2005, den Erfolg des Versuchs der Hecks wissenschaftlich evaluiert, spricht von einer "versäumten Gelegenheit", da man, hätte man damals genauer auf die Anatomie des Auerochsen und auf eine geeignete Rassenauswahl geachtet, dem Auerochsen heute bedeutend näher wäre.

Sehr oft wird das Heckrind fälschlich als Auerochse bezeichnet bzw. mit diesem gleichgesetzt. Hierbei handelt es sich um eine grobe Ungenauigkeit.

[Bearbeiten] Vorkommen

Heckrind zwischen Konik-Pferden in Oostvaardersplassen

Im niederländischen Naturentwicklungsgebiet Oostvaardersplassen in Flevoland in der Nähe von Lelystad gibt es eine Herde von etwa 600 Heckrindern. Diese leben mehr oder weniger wild, d.h. es gibt keine Zufütterung und die Bestände dürfen sich unreguliert vermehren. Da die Heckrinder, anders als die dort ebenfalls lebenden Koniks und Rothirsche, im Winter oft größere Bestandseinbußen zu verzeichnen haben, werden die dortigen Herden zwischen Februar und April täglich kontrolliert um stark geschwächte oder abgemagerte Rinder zu töten, um vermeidbares Leid zu verhindern (siehe Bunzel-Drüke u.a. "Wilde Weiden"). Da die Heckrinder in Oostvaardersplassen jedoch nicht mehr nach phänotypischen Eigenschaften selektiert werden, sind sie um einiges heterogener als die aus anderen Standorten.

Ein ähnliches Projekt verfolgt zur Zeit der NABU in Nordrhein-Westfalen. Heckrinder werden zur Beweidung der Emsauen eingesetzt, gemeinsam mit Koniks. In verschiedenen Tierparks und Freigehegen gibt es ebenfalls kleinere Herden von Heckrindern, zum Beispiel im Eiszeitlichen Wildgehege Neandertal sowie im Tierpark Hellabrunn in München, die sich beide besonders um den Erhalt der Heckrinder nach dem Zweiten Weltkrieg verdient gemacht haben, als es nur noch wenige dutzend Exemplare gab.

Dort und im Tierpark Sababurg im nordhessischen Reinhardswald kann man die Tiere ebenfalls beobachten. Darüber hinaus wird es auch auf einigen, meist ökologisch betriebenen landwirtschaftlichen Höfen zur Fleischproduktion gehalten. Kleine Herden beweiden beispielsweise das Alacher Ried westlich von Erfurt und das Großengotternsche Ried. Dort erfüllt die extensive Beweidung mit Heckrindern vor allem Naturschutzziele.

[Bearbeiten] Geschichte und Anstoß zu weiteren Projekten

Ausgehend von der Annahme, dass man so lange noch nicht von Aussterben reden kann, solange Millionen von Nachkommen mit zum Teil noch sehr ursprünglichen Merkmalen existieren, begannen die Brüder Heinz und Lutz Heck (damals Leiter der Tiergärten in Berlin und München) in den 1920er Jahren, von ihnen als ursprünglich erachtete Rinderrassen zu kreuzen, um bald wieder einen richtigen Auerochsen zu erhalten.

Sie verwendeten dabei das Korsische Rind, das Schottische Hochlandrind, das Ungarische Steppenrind, das Spanische Kampfrind, das Angler Rind, das schwarzbunte Niederungsrind sowie einige andere Rinderrassen.[10] Aus heutiger Sicht können nur das annähernd wildfarbene Korsische Rind, das Hochlandrind und das Kampfrind als ursprüngliche, dem Auerochsen nahe Rassen bestätigt werden. Dennoch gelang es, sich dank der Verwendung des korsischen Rindes farblich dem Auerochsen anzunähern - trotzdem war und ist das Heckrind von dem Ziel, dem Auerochsen möglichst zu entsprechen, weit entfernt.

Den Zweiten Weltkrieg überlebten 39 Tiere, die wohl ausschließlich aus der Münchner Linie stammen. Zumeist wurden Heckrinder ausschließlich in Tiergärten und fälschlicherweise als "Auerochsen" präsentiert (diese Fehlbezeichnung der Rinderrasse ist auch heute noch oft zu sehen). Ab den 1980ern begann man, Heckrinder gemeinsam mit anderen großen Weidetieren für die Landschaftspflege einzusetzen, da die wichtige Rolle von Pflanzenfressern in natürlichen Ökosystemen erkannt wurde (siehe Megaherbivorenhypothese). Heute dürfte es wohl zwischen 2000 und 3000 Tiere geben, welche entweder in Extensivbeweidung, landwirtschaftlicher Nutzung oder Tiergärten verwendet werden.

[Bearbeiten] Taurusrind

Um dem Ziel, einen authentischeren Auerochsen-Ersatz zu erhalten, näher zu kommen, hat man in den letzten Jahren die teilweise sehr alten und relativ ursprünglichen Rinderrassen Sayaguesa, Chianina, und Lidia (Spanisches Kampfrind) seit 1996 wird in Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Niedersachsen eingekreuzt. So will man ein wesentlich größeres, hochbeinigeres Rind mit auerochsenähnlicheren Hörnern, geringerer Wamme und größerem Farb- und Größenunterschied zwischen den Geschlechtern züchten. Die Ähnlichkeiten, die man erzielen mag, werden jedoch rein oberflächlicher Natur bleiben. Durch die Vermischung der zur Kreuzungszucht verwendeten Rassen gelang es bei einzelnen Individuen, die Widerristhöhe auf fast 1,70 m gegenüber durchschnittlich nicht mehr als 1,45 m bei Heckrindstieren anzuheben, sowie nach vorne gerichtete Hörner und teilweise die gewünschte Hochbeinigkeit und den farblichen Unterschied zwischen Stier und Kuh zu bekommen. Die Stiere erreichen dann ein Körpergewicht von über 1000 kg im vierten Lebensjahr. Diese nunmehr Taurusrind genannte Rasse weist auch für den Landwirt interessante Perspektiven auf, konnten doch Tagesgewichtszunahmen bei Kälbern auf nichtgedüngten Extensivweiden von über 1000 g festgestellt werden[11].

[Bearbeiten] TaurOs Project

Einen multidisziplinären wissenschaftlichen Ansatz verfolgt das TaurOs Project (www.taurosproject.com) um Henri Kerkdijk-Otten, das mit Hilfe genetischer und historischer Information ein Rind, das dem Auerochsen in genetischer, phänotypischer, ökologischer und ethologischer Hinsicht so weit wie möglich entspricht, durch Kreuzung der (durch DNA-Tests als geeignetste bestätigte) Rassen Sayaguesa, Pajuna, Maremmana primitivo, Tudanca, Hochlandrind und Limanina und Selektionszucht zu schaffen. Dieses Projekt ist nicht mit dem Taurusrind zu verwechseln.

[Bearbeiten] Bedeutung von Robustrindern

Im nacheiszeitlichen Europa spielten, bevor der Mensch durch Jagd und die Ansiedelung von Nutzvieh eingriff, Megaherbivoren eine wichtige Rolle in den europäischen Ökosystemen. Der moderne Naturschutz ist bestrebt, möglichst große Teile der ursprünglichen Fauna auf Teilflächen wieder anzusiedeln und die ursprüngliche Dynamik sich wieder entwickeln zu lassen. Hierfür ist die Auswilderung der entsprechenden Arten notwendig, doch manche, wie der Auerochsen, wurden restlos ausgerottet. Hier muss der Naturschutz auf Hausrinderrassen zurückgreifen, welche die Rolle ihres wilden Vorfahren ausreichend erfüllen können. Dafür kommen verschiedene Robustrassen in Frage - darunter, neben mehr oder weniger phänotypisch authentischen Rassen, das Heckrind. Aufgrund der Behauptungen der Heckbrüder von ihrem Rind als besonders auerochsenartige Rasse, welche von vielen unkritisch und ohne vergleich mit anderen Robustrassen übernommen wurden, ist das Heckrind die wohl am häufigsten in Mitteleuropa zu Naturschutzzwecken verwendete Rinderrasse. Andere Robustrinder, welche mindestens ebenso weit gehende Ähnlichkeit mit dem Ur haben - wie etwa Sayaguesa, Maremmana primitivo, Pajuna, Tudanca und andere - werden u.a. von der ABU im Kreis Soest und der niederländischen Stichting Taurus verwendet[12]. Auch das Schottische Hochlandrind und Galloway-Rinder finden in der Landschaftspflege Anwendung.

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Marleen Felius: Cattle Breeds: An Encyclopedia. 2007.
  2. René Kysely: Aurochs and potential crossbreeding with domestic cattle in Central Europe in the Eneolithic period. A metric analysis of bones from the archaeological site of Kutná Hora-Denemark (Czech Republic). 2008.
  3. Cis van Vuure: History, Morphology and Ecology of the Aurochs (Bos primigenius). 2002.
  4. Cis van Vuure: Retracing the Aurochs - History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox. 2005, ISBN 954-642-235-5.
  5. a b c Julia Poettinger: Vergleichende Studie zur Haltung und zum Verhalten des Wisents und des Heckrinds. 2011.
  6. Bunzel-Drüke, Finck, Kämmer, Luick, Reisinger, Riecken, Riedl, Scharf & Zimball: "Wilde Weiden: Praxisleitfaden für Ganzjahresbeweidung in Naturschutz und Landschaftsentwicklung
  7. Frans W M Vera: Large-scale nature development – the Oostvaardersplassen. June 2009 British Wildlife 35 (PDF)
  8. Vincent Vigbels: Oostvaardersplassen - New nature below sea level. MMI Staatsbosbeheer Felvoland-Overijssel, Zwolle. ISBN 90-805009-3-3
  9. ABU info 06/07: Bunzel-Drüke, Scharf & Vierhaus: Lydias Ende - eine Tragikomödie
  10. Walter Frisch: Der Auerochs - Das europäische Rind. 2010, ISBN 978-3-00-026764-2.
  11. Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, siehe [1]
  12. Stichting Taurus, siehe [2]

[Bearbeiten] Weblinks

 Commons: Heckrind – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • [3] Der Einfluss von Megaherbivoren auf die Naturlandschaft Mitteleuropas, Aufsatz aus einer Naturschutzfachzeitschrift. (PDF-Datei; 308 kB)
  • [4] Artikel Rückkehr der Auerochsen, Informationsseite des Senders 3sat.
  • Weg ist weg. In: Die Zeit. 26. April 2010. (über die Geschichte der Zuchtanstrengungen)
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