Hedwig Dohm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Zu ihrer Tochter Hedwig geb. Dohm siehe Hedwig Pringsheim.
Hedwig Dohm, um 1870

Hedwig Dohm (Marianne Adelaide Hedwig Dohm, geborene Schlesinger; * 20. September 1831 in Berlin; † 1. Juni 1919 ebenda) war eine deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Sie war eine der ersten feministischen Theoretikerinnen, die geschlechtsspezifische Verhaltensweisen auf die kulturelle Prägung zurückführte statt auf biologische Determination.

Leben[Bearbeiten]

Berliner Gedenktafel am Haus Friedrichstraße 235 in Berlin-Kreuzberg

Hedwig Dohm war das dritte von 18 Kindern des Tabakfabrikanten Gustav Adolph Gotthold Schlesinger [1] und dessen Frau Wilhelmine Henriette Jülich.[2] Sie wurde, wie neun ihrer Geschwister, unehelich geboren, denn ihren Eltern war es erst 1838, nach dem Tod des Großvaters väterlicherseits, möglich zu heiraten. Dieser hatte seinem Sohn die Enterbung angedroht, falls er die ebenfalls unehelich geborene Wilhelmine Henriette Jülich heiraten sollte. Hedwig Dohms Vater war jüdischer Abstammung und konvertierte 1817 zum evangelischen Glauben; ab 1851 durfte er den Familiennamen Schleh führen.

Den Töchtern der Familie wurde nur eine eingeschränkte Schulausbildung zugestanden, während die Söhne das Gymnasium besuchen durften. Mit 15 Jahren musste Hedwig Dohm die Schule verlassen und stattdessen im Haushalt der Familie helfen. Drei Jahre später wurde ihr der Besuch eines Lehrerinnenseminars ermöglicht. 1853 heiratete sie Ernst Dohm, den Chefredakteur der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch, mit dem sie zwischen 1854 und 1860 fünf Kinder bekam. Der einzige Sohn Hans Ernst (* 1854) starb bereits mit elf Jahren, ihre vier Töchter Gertrude Hedwig Anna, später Hedwig Pringsheim (1855–1942), Ida Marie Elsbeth (* 1856), Marie Pauline Adelheit (* 1858) und Eva (* 1859, 1. Ehe Max Klein, 2. Ehe Georg Bondi) erhielten eine fundierte Schul- und Berufsausbildung. Hedwig Dohm war die Großmutter von Katia Mann, der Ehefrau von Thomas Mann.

Das Ehepaar Dohm verkehrte in intellektuellen Kreisen Berlins. Hedwig Dohm eignete sich das Wissen für ihre erste Veröffentlichung „Die spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwicklung“ von 1867 autodidaktisch an.

In der ersten Hälfte der 1870er Jahre erschienen die ersten vier feministischen Bücher von Hedwig Dohm, in denen sie die völlige rechtliche, soziale und ökonomische Gleichberechtigung von Frauen und Männern forderte. Auch das Stimmrecht für Frauen forderte sie bereits 1873, als eine der ersten in Deutschland. Diese vier Essays machten sie mit einem Schlag berühmt, stießen aber auch auf heftige Kritik, nicht nur unter den „Herrenrechtlern“, sondern auch in den Reihen der damaligen bürgerlichen Frauenbewegung, der Dohms radikale Thesen zu weit gingen. Die bürgerlichen Frauen konzentrierten sich auf die Forderung einer verbesserten Schulbildung für Mädchen und die Versorgung ledig gebliebener Mütter. Ende der 1870er Jahre veröffentlichte Dohm mehrere Lustspiele, die sämtlich im Berliner Schauspielhaus aufgeführt wurden.

1883 starb ihr Mann Ernst Dohm nach langer Krankheit. Nach seinem Tod begann Hedwig Dohm, Novellen und Romane zu schreiben. Als der radikale Flügel der Frauenbewegung Ende der 1880er Jahre erstarkte, widmete sie sich wieder vermehrt politischen Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften. Außerdem war sie Mitbegründerin mehrerer radikaler Vereine, u. a. des Frauenvereins Reform (später Verein Frauenbildung – Frauenstudium), der sich für eine umfassende Bildungsreform und das Frauenstudium einsetzte. Sie trat Minna Cauers radikalem Verein Frauenwohl bei und als 74-Jährige wurde sie Mitglied der Gründungsversammlung von Helene Stöckers Bund für Mutterschutz und Sexualreform. Bis zu ihrem Tod 1919 veröffentlichte sie mehrere Essaybände und fast hundert Artikel in Zeitungen und Zeitschriften in denen sie sich mit aktuellen Debatten in Literatur und Politik äußerte und positionierte.

Der neue Grabstein für Hedwig Dohm auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin, fotografiert 2009

Im Ersten Weltkrieg gehörte Dohm zu den wenigen Intellektuellen, die sich von Anfang an gegen den Krieg äußerten; dem „Hurra-Patriotismus“ stand sie kritisch gegenüber. In ihren letzten Schriften, die sie zumeist in explizit pazifistischen Medien wie Franz Pfemferts Die Aktion veröffentlichte, gab sie sich als kompromisslose Pazifistin zu erkennen. Die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 in Deutschland erlebte sie noch.

Hedwig Dohm starb am 1. Juni 1919. Sie ist auf dem Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg im Feld G3 begraben. Der Journalistinnenbund hat am 22. September 2007 eine Gedenkstätte errichtet.

Schaffen[Bearbeiten]

Dohm war eine frühe Vordenkerin des Feminismus. Sie forderte gleiche Bildung und Ausbildung für Mädchen wie für Jungen. Sie war überzeugt davon, dass ökonomische Selbständigkeit der einzige Weg für Frauen sei, um nicht mehr zwangsläufig im „Ehegefängnis“ zu landen, sondern sich freiwillig für oder gegen eine – dank der ökonomischen Unabhängigkeit – gleichberechtigte Partnerschaft mit einem Mann entscheiden zu können.

Neben den Forderungen nach gleicher Ausbildung und weiblicher Erwerbstätigkeit sprach sie sich vehement für das Frauenwahlrecht aus.

In Die Antifeministen von 1902 deckt sie in humorvoller Sprache die Ideologien der Vordenker und Meinungsmacher ihrer eigenen Zeit auf und entlarvt deren Widersprüche und Furcht vor dem weiblichen Geschlecht als dümmliche Verteidigung von Machtansprüchen.

In Die Mütter von 1903 thematisiert sie die Mutterliebe, die ihrer Ansicht nach kein natürlicher Trieb sei, sondern anerzogen und – in Ermangelung anderer Betätigungsfelder für Frauen – kultiviert werde. Damit auch Mütter weiter ihrem Beruf nachgehen könnten, schlägt sie vor, Hausarbeit und Kinderziehung durch Institutionen erledigen zu lassen.

Wohnorte von Hedwig Dohm in Berlin[Bearbeiten]

Würdigung[Bearbeiten]

Seit 1991 verleiht der Journalistinnenbund jährlich die Hedwig-Dohm-Urkunde an Frauen für ihre herausragende journalistische (Lebens-) Leistung und ihr frauenpolitisches Engagement. Am 5. Juni 2013 wurde an ihrem ehemaligen Wohnort, Friedrichstraße 235, in Berlin-Kreuzberg, eine Berliner Gedenktafel enthüllt.

Werke[Bearbeiten]

Gesellschaftspolitische Schriften[Bearbeiten]

  • Was die Pastoren von den Frauen denken, 1872
  • Der Jesuitismus im Hausstande. Ein Beitrag zur Frauenfrage. 1873
    • Neuausgabe Falsche Madonnen. Jesuitismus im Hausstande von 1893. Ala, Zürich 1989, ISBN 3-85509-030-0
  • Die wissenschaftliche Emancipation der Frauen, 1874
  • Der Frauen Natur und Recht. Zur Frauenfrage. Zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frauen, 1876
  • Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung, 1902 Online
  • Die Mütter. Ein Beitrag zur Erziehungsfrage, 1903
  • Der Missbrauch des Todes, 1915

Außerdem verfasste Dohm fast 100 Artikel, Rezensionen, Gesellschaftsanalysen und -polemiken für Zeitungen und Zeitschriften.

Prosatexte[Bearbeiten]

  • "Werde, die du bist!" Wie Frauen werden. Zwei Novellen, 1894
  • Sibilla Dalmar. 1896
  • Schicksale einer Seele. 1899
  • Christa Ruland, 1902
  • Erinnerungen (mit Hedda Kosch). Ala, Zürich 1980, ISBN 3-85509-013-0
  • Sommerlieben. Freiluftnovelle. Ebersbach, Berlin 2006, ISBN 3-938740-25-6

Bühnenwerke[Bearbeiten]

  • Der Seelenretter. Lustspiel 1876
  • Vom Stamm der Asra. Lustspiel 1876
  • Ein Schuß ins Schwarze. Lustspiel 1878
  • Die Ritter vom goldenen Kalb. Lustspiel 1879

Edition Hedwig Dohm[Bearbeiten]

Herausgeberinnen Nikola Müller & Isabel Rohner. Trafo, Berlin

  • Ausgewählte Texte. Ein Lesebuch zum Jubiläum des 175. Geburtstages mit Essays und Feuilletons, Novellen und Dialogen, Aphorismen und Briefen, 2006, ISBN 3-89626-559-8
  • Sibilla Dalmar, Kommentierte Neuausgabe mit zeitgenössischen Rezensionen. 2006, ISBN 3-89626-560-1
  • Schicksale einer Seele, Kommentierte Neuausgabe mit den zeitgenössischen Rezensionen. 2007 ISBN 3-89626-561-X
  • Christa Ruland, Kommentierte Neuausgabe mit den zeitgenössischen Rezensionen. 2008
  • Briefe aus dem Krähwinkel, 100 Briefe erstmals veröffentlicht. 2009

Literatur[Bearbeiten]

  • Julian Tietz: Bildungsmotive in Hedwig Dohms Roman Christa Ruland (1902). In: Hempel, Dirk (Hrsg.): Studien zur kritischen Frauenliteratur zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Frankfurt a. M. 2010 (Digitalisat) (PDF-Datei; 976 kB)
  • Isabel Rohner: Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm – eine Biografie. Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach im Taunus 2010, ISBN 3-89741-299-3
  • Isabel Rohner: In litteris veritas. Hedwig Dohm und die Problematik der fiktiven Biografie. Reihe Hochschulschriften, 13. Trafo, Berlin 2008, ISBN 3-89626-715-9
  • Gaby Pailer: Hedwig Dohm. (= Meteore Bd. 7. Hrsg. von Alexander Košenina, Nikola Roßbach und Franziska Schößler). Wehrhahn, Hannover 2011, ISBN 978-3-86525-237-1
  • Gaby Pailer: Schreibe, die du bist. Die Gestaltung weiblicher „Autorschaft“ im erzählerischen Werk Hedwig Dohms. Centaurus, Pfaffenweiler 1994
  • Ludmila Kaloyanova-Slavova: Übergangsgeschöpfe. Gabriele Reuter, Hedwig Dohm, Helene Böhlau und Franziska von Reventlow. Reihe: Women in German Literature, 2. Peter Lang, Bern 1998, ISBN 0-8204-3962-2
  • Nikola Müller: Hedwig Dohm (1831–1919). Eine kommentierte Bibliografie. Trafo, Berlin 2000, ISBN 3-89626-238-6
  • Katrin Komm: Das Kaiserreich in Zeitromanen von Hedwig Dohm und Elizabeth von Arnim. Reihe: Women in German Literature, 8. Peter Lang, Bern 2003, ISBN 3-03910-139-0
  • Cornelia Pechota Vuilleumier: „O Vater, lass uns ziehn!“. Literarische Vater-Töchter um 1900. Gabriele Reuter, Hedwig Dohm, Lou Andreas-Salomé. Reihe: Haskala, 30. Olms, Hildesheim 2005, ISBN 3-487-12873-X
  • Ute Gerhard, Petra Pommerenke, Ulla Wischermann Hgg.: Klassikerinnen feministischer Theorie, 1. Königstein im Taunus 2008, S. 119 ff.
  • Elisabeth Heimpel: Dohm, Hedwig. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 41 f. (Digitalisat)., unter Dohm, Marianne
  • Die kulturelle Gewalt gegen Frauen: Feministische Theorien von Hedwig Dohm. Maricruz López Rangel (Hrsg.); CreateSpace Independent Publishing Platform 2013, ISBN 978-1-48268-178-9

Audio on Demand[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hedwig Dohms Vater wurde als Echanan Cohen Schlesinger geboren und war jüdischer Religion aus Frankfurt am Main. Erst 1817 änderte er in Berlin seinen Namen. Aus: Heike Brandt: Die Menschenrechte haben kein Geschlecht - Die Lebensgeschichte der Hedwig Dohm. Weinheim und Basel 1995, S.7
  2. Hedwig Dohms Mutter entstammte einer armen Familie und wurde 1809 als uneheliches Kind in Berlin geboren. Das Einzige, was über den Großvater bekannt war, ist, dass er französischer Nationalität gewesen sein soll. Aus: Heike Brandt, ebd.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hedwig Dohm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Hedwig Dohm – Quellen und Volltexte