Heidemarie Wieczorek-Zeul

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Heidemarie Wieczorek-Zeul (2013)

Heidemarie Wieczorek-Zeul [ˌviːt͡ʃoʁɛkˈt͡sɔɪ̯l] (* 21. November 1942 in Frankfurt am Main als Heidemarie Zeul) ist eine deutsche Politikerin (SPD). Von 1998 bis 2009 war sie Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Leben und Beruf[Bearbeiten]

Heidemarie Zeul absolvierte nach ihrem Abitur an der Frankfurter Herderschule von 1961 bis 1965 ein Studium für das Lehramt an Haupt- und Realschulen für die Fächer Englisch und Geschichte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1965 bis 1974 war sie als Lehrerin an der Friedrich-Ebert-Schule und von 1977 bis 1978 an der Georg-Büchner-Schule in Rüsselsheim tätig. Von 1965 bis 1979 war sie mit dem SPD-Politiker Norbert Wieczorek verheiratet. Nach der Scheidung behielt sie den Nachnamen Wieczorek-Zeul.

Politische Karriere[Bearbeiten]

Partei[Bearbeiten]

Heidemarie Wieczorek-Zeul, 1976
Wieczorek-Zeul 1988 (mit Erhard Eppler)

Seit 1965 ist Wieczorek-Zeul Mitglied der SPD. Von 1974 bis 1977 war sie Bundesvorsitzende der Jungsozialisten, die erste Frau in dieser Position. In dieser Zeit erwarb sie sich den Ruf als „Rote Heidi“ bzw. „Rote Heide“. Seit 1984 ist sie Mitglied im SPD-Bundesvorstand. Von 1987 bis 1999 war sie Vorsitzende des SPD-Bezirksverbandes Hessen-Süd. Bei der Urabstimmung der Mitglieder 1993 über einen neuen SPD-Bundesvorsitzenden kandidierte sie erfolglos gegen Rudolf Scharping und Gerhard Schröder. Von 1993 bis 2005 war sie stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD.

Abgeordnete[Bearbeiten]

Von 1968 bis 1972 war Wieczorek-Zeul Stadtverordnete in Rüsselsheim und 1972 war sie Mitglied des Kreistages in Groß-Gerau. Von 1977 bis 1979 hatte sie das Amt der Vorsitzenden des „Europäischen Koordinierungsbüro der internationalen Jugendverbände“ inne.

Bei der ersten Direktwahl 1979 wurde sie in das Europäische Parlament gewählt, dem sie bis zu ihrer Wahl in den Deutschen Bundestag 1987 angehörte. Von 1987 bis 2013 war sie Bundestagsabgeordnete. Hier war sie von 1987 bis 1998 europapolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Heidemarie Wieczorek-Zeul gehörte der Parlamentarischen Linken der SPD-Bundestagsfraktion an. Bei der Bundestagswahl 2013 kandidierte sie nicht mehr.[1]

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Sie war Mitglied der Europa-Union Parlamentariergruppe Deutscher Bundestag.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

Am 27. Oktober 1998 wurde sie als Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in die von Bundeskanzler Gerhard Schröder geführte Bundesregierung berufen. Dieses Amt behielt sie auch in der von 2005 bis 2009 von Bundeskanzlerin Angela Merkel geführten Großen Koalition. Als Ministerin setzte sie deutliche Akzente auf die internationale Armutsbekämpfung.[2]

Erst mit der Vereidigung des zweiten Kabinetts Merkels am 28. Oktober 2009 schied sie aus dem Amt. Sie war damit das einzige Regierungsmitglied der Bundesregierungen während der sozialdemokratischen Regierungszeit seit 1998, das die ganze Zeit in der Bundesregierung war. Aus diesem Grund war sie auch laut § 22 der Geschäftsordnung der Bundesregierung die Vertreterin des Vizekanzlers.

Politische Positionen[Bearbeiten]

Wieczorek-Zeul sprach im Sommer 2004 im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg von einem Verbrechen. Nach Angaben ihres Ministeriums hatte Wieczorek-Zeul bei der Eröffnung einer Ausstellung gesagt: „Der Irakkrieg hat entsetzliches menschliches Leid und zahlreiche Opfer bei der Zivilbevölkerung, aber auch bei den Soldaten mit sich gebracht. Das ist ein wirkliches Verbrechen.“[3][4][5]

Wieczorek-Zeul nannte den israelischen Angriff auf den Libanon im Juli 2006 „völkerrechtlich völlig inakzeptabel“ und erntete dafür harte öffentliche Kritik, unter anderem von der Jungen Union, der FDP und den Grünen. Seitens des Zentralrates der Juden in Deutschland wurde daraufhin die Frage gestellt, „ob eine solche Entwicklungshilfeministerin im Namen der Sozialdemokraten noch tragbar“ sei.[6][7]

Im Rahmen der deutschen Beziehungen mit der Palästinensischen Autonomiebehörde bemüht sich Wieczorek-Zeul um eine Anerkennung der Anfang 2007 gewählten Einheitsregierung aus Hamas und Al-Fatah. Darüber hinaus dürften nach ihrer Ansicht Gewaltverzicht und Anerkennung des Existenzrecht Israels (u.a. Teile der sogenannten Roadmap) sowie die Anerkennung der noch von der PLO geschlossenen Verträge nicht Vorbedingungen für Gespräche sein.[8]

Während des Bürgerkriegs in Libyen 2011 kritisierte sie die Enthaltung Deutschlands bei der UN-Resolution für einen internationalen Militäreinsatz scharf und sprach von einem „Verrat am libyschen Volk und an den Menschenrechten“.[9]

Kritik[Bearbeiten]

Heidemarie Wieczorek-Zeul wird maßgeblich mit der Kampagne für Andrea Nahles in Verbindung gebracht, die sich am 31. Oktober 2005 im Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei in einer Kampfabstimmung um die Nominierung zur Generalsekretärin gegen den vom damaligen Parteichef Franz Müntefering vorgeschlagenen Kajo Wasserhövel durchsetzte. Müntefering kündigte daraufhin an, nicht mehr für den Parteivorsitz zu kandidieren. Er löste damit eine große parteiinterne Führungskrise aus, in deren Folge Heidemarie Wieczorek-Zeul teils massiv kritisiert wurde. Sie beugte sich schließlich dem öffentlichen Druck zum Verzicht auf ihr Führungsamt als stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende („SPD-Vize“).[10][11][12]

2006 während des Libanonkrieges warf der Zentralrat der Juden in Deutschland Heidemarie Wieczorek-Zeul vor, antisemitische Positionen zu vertreten, da sie einseitig Israel kritisiere und nicht die Notlage benenne, aus der heraus Israel handele.[13]

Wieczorek-Zeul wurde zudem immer wieder für ihre Personalführung im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kritisiert. So soll sie wichtige Positionen in erster Linie an befreundete SPD-Mitglieder vergeben und Mitarbeiter regelmäßig beleidigt und angeschrien haben.[14]

Ehrenamtliches Engagement[Bearbeiten]

Wieczorek-Zeul ist Mitglied im Beirat der Humanistischen Union und gehörte der Synode der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau an.

Sie ist Schirmherrin von Work for Peace, dem Schüleraktionstag für Afrika, der seit 2005 vom Weltfriedensdienst e.V. durchgeführt wird, und der africa action / Deutschland, die sich seit 1983 für die Bekämpfung von Blindheit in Afrika einsetzt.

Kabinette[Bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heidemarie Wieczorek-Zeul – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.fr-online.de/wiesbaden/wahlkampf-vor-der-kandidatenkuer,1472860,16957550.html
  2. Franz Nuscheler im Interview mit der Tagesschau vom 6. September 2012.
  3. Nach Irak-Äußerungen Union: Kanzler soll Entwicklungsministerin maßregeln FAZ vom 3. September 2004
  4. Elefant im diplomatischen Porzellanladen: Politiker fordert Maulkorb für Bundesministerin NZ Netzeitung vom 3. September 2004
  5. Äußerung zu Israel: Wieczorek-Zeul unter Druck SPIEGEL ONLINE vom 18. Juli 2006.
  6. Presseerklärung: Zentralrat kritisiert Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul (SPD) Zentralrat vom 16. Juli 2006.
  7. Im Kreuzfeuer der Kritik: Wieczorek-Zeul nennt Israels Angriffe „völkerrechtlich völlig inakzeptabel.“ RP Online vom 18. Juli 2006.
  8. Wieczorek-Zeul trifft am Freitag neuen Palästinenser-Minister“, Gespräch mit der Allgemeinen Zeitung vom 21. März 2007.
  9. Andreas Herholz: Der AWACS-Deal der Kanzlerin, Passauer Neue Presse, 19. März 2011
  10. SPD-Vorstand: Die „Königsmörder“ müssen gehen Handelsblatt vom 1. November 2005
  11. SPD-Vize: Wieczorek-Zeul kandidiert nicht mehr SPIEGEL ONLINE vom 1. November 2005
  12. Sozialdemokraten: SPD-Chef will Wasserhövel ZEIT vom 24. Oktober 2005.
  13. http://www.focus.de/politik/deutschland/antisemitismus_aid_114619.html.
  14. Mitarbeiter klagen über die rote Heidi WELT vom 3. Juni 2008.
  15. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)