Heidenröslein

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Heideröslein)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das „Heidenröslein“ (Originaltitel) oder „Heideröslein“ ist eines der bekanntesten und volkstümlichsten Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Es wird auch als populäres Volkslied gesungen und wurde von vielen Komponisten, darunter Franz Schubert, vertont.

Entstehung[Bearbeiten]

Das Gedicht basiert auf dem Lied Sie gleicht wohl einem Rosenstock,[1] dessen Text 1602 in der Sammlung Weltlicher züchtiger Lieder und Rheymen des Paul von der Aelst erschienen war.[2][3] Goethe verfasste seine Fassung während seines Studienaufenthaltes in Straßburg um 1770. Zu dieser Zeit hatte der 21-jährige Goethe eine kurze, aber heftige Liebschaft mit der elsässischen Pfarrerstochter Friederike Brion, an die auch das Gedicht gerichtet war. Gemeinsam mit anderen an Brion gerichteten Gedichte und Liedern (Mailied u.a.) wird das „Heidenröslein“ zur Gruppe der „Sesenheimer Lieder“ gezählt.

Eine sehr ähnliche Textfassung veröffentlichte Johann Gottfried Herder 1773 in den Blättern von Deutscher Kunst und Art als „kindisches Fabelliedchen“, das er „nur aus dem Gedächtnis“ wiedergebe.[4] Herder nahm das Lied auch 1779 in den zweiten Band seiner Volkslieder (ab der zweiten Ausgabe von 1807 unter dem Titel Stimmen der Völker in Liedern veröffentlicht) auf.[5] Als Quellenhinweis steht im Inhaltsverzeichnis der Vermerk „aus der mündlichen Sage“.[6] Da Goethe sein Gedicht erstmals 1789 veröffentlichte, ist der Bezug zwischen den Fassungen Goethes und Herders nicht ganz klar.

Liedtext (nach der Ausgabe letzter Hand 1827)[Bearbeiten]

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: „Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!“
Röslein sprach: „Ich steche dich,
Dass du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.“
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Musst es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Interpretationsmöglichkeiten[Bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.
Wessen Interpretationen sind das? Sind das nur die Ideen des Autors des Artikels? --77.186.170.69 17:28, 30. Sep. 2012 (CEST)

Das Gedicht Goethes lässt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu:

Unter anderem kann man darin das stürmische Liebesverlangen eines Jünglings zu einem schönen Mädchen erkennen. Er erweckt ihre Gegenliebe, verlässt sie dann jedoch und bricht ihr damit dauerhaft das Herz. Die Zeilen „Röslein sprach: Ich steche dich, dass du ewig denkst an mich.“ und „Röslein wehrte sich und stach“ lassen die Ansicht zu, dass sie sich an ihm gewaltsam für seine Untreue rächt. Ebendiese Zeilen widersprechen auch der einseitigen Deutung einiger Interpreten, die in dem Gedicht nur die verschlüsselte Vergewaltigung[7] eines hilflosen Mädchens durch den Knaben, die jener mit Brachialgewalt („brach“) und gegen ihren Willen vollzieht, zu erkennen meinen.

Eine allgemeinere Interpretation ist eine thematisierte Verführung als Initiation des Weiblichen. Das „Röslein“ steht demnach symbolisch für eine junge Frau (oder ein Mädchen), die sich zunächst gegen die Nachstellung eines jungen Mannes standhaft zur Wehr setzt. Der „wilde Knabe“ bricht jedoch letztendlich die Moral d.h. ihre Jungfräulichkeit. Die junge Frau ist hin- und hergerissen, aber sie ergibt sich schließlich ihrer Leidenschaft – teils mit, teils gegen ihren Willen („Und ich will's nicht leiden“ im Sinne von „es soll mir nicht leid tun“). Sie geht damit den ihr vom Schicksal vorbestimmten Weg vom jungen Mädchen zur Frau.

„Leiden“ kann dabei gemäß altem Sprachgebrauch auch als „lieben“ („ich kann Dich leiden“) gedeutet werden, oder aber als das Leid über den Verlust der eigenen Kindheit, oder gar als das Geburtsleiden im Vorgriff auf ihr eigenes Erwachsenenleben als werdende Mutter (das „Weh“ d.h. die Wehen bei zukünftigen Geburten ihrer Kinder) gesehen werden.

Die sexuelle Metaphorik des Liedes ist bereits in seinem Titel angelegt, der zur Entstehungszeit der Vorlage im 16. Jahrhundert einen Doppelsinn hatte, den Goethe noch herausgehört haben dürfte, auch wenn er modernen Sprechern der deutschen Sprache nicht mehr offensichtlich ist. Das "Heidenröslein" ist nämlich eine frühneuhochdeutsche Umformung des mittelhochdeutschen Wortes "Heidruose", wie es zum Beispiel bei Wolfram von Eschenbach auftaucht. "Heidruose“ aber hat weder mit Heide noch mit Rose zu tun, sondern heißt soviel wie Hegedrüse, sprich Hoden. Der vergiftete Speer, der König Anfortas im Roman Parzival die "Heidruose" verletzt, entmannt ihn, nimmt ihm die Zeugungskraft. Goethe spielt mit diesem Doppelsinn zugleich auch auf die vom Mittelalter bis zu seiner Zeit gebräuchliche Strafe für Vergewaltigung an, nämlich die Kastration. Insofern legt bereits der Titel eine Interpretation des Geschehens als Vergewaltigung nahe, auch wenn die harmlosere Lesart als freiwilliges Schäferstündchen nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird.

Vertonungen[Bearbeiten]

Franz Schuberts Komposition zu Goethes „Heidenröslein“, 1815

Das „Heidenröslein“ hat drei Strophen zu je sieben Versen in vierhebigen Trochäen, wobei sich die letzten beiden Zeilen liedtypisch in jeder Strophe wiederholen. Bei fast allen musikalischen Vertonungen des Gedichts sind Melodie und Begleitung der drei Strophen gleich, weswegen man das vertonte „Heidenröslein“ zu den Strophenliedern zählt.

Der Komponist Franz Schubert komponierte am 19. August 1815 das Kunstlied Heidenröslein D 257.[8] Er hat in seiner Vertonung dieses doppeldeutige Gedicht mit einem kleinen Nachspiel konzipiert; es ist neben dem Lindenbaum das wohl bekannteste Lied von Schubert.

Neben Schuberts Version gibt es sehr viele Melodien anderer Komponisten zu diesem Gedicht. Die populärste und noch heute als Volkslied sehr oft gesungene stammt von Heinrich Werner aus Kirchohmfeld. Am 20. Januar 1829 wurde seine Liedfassung im Konzert der Braunschweiger Liedertafel, die er als Dirigent leitete, zum ersten Mal vorgetragen.

Robert Schumann komponierte in seinem „Liederjahr“ 1840, in dem rund die Hälfte seines gesamten Liedschaffens entstand, eine Fassung für gemischten Chor op. 67,3.[9][10]

Auch Franz Lehár vertonte den Text in seiner Operette Friederike, die Goethes elsässische Jugendliebschaft zum Thema hat.

Weitere Vertonungen des Gedichtes stammen u. a. von Andreas Romberg (1793), Johann Friedrich Reichardt (1794, später bearbeitet von Johannes Brahms, WoO 31 Nr. 6, 1857), Hans Georg Nägeli (1795), Moritz Hauptmann (1840) und Niels Wilhelm Gade (1889).[11]

Adaptionen[Bearbeiten]

Die New Yorker Sängerin Helen Schneider sang das Lied 1978 in der Fernsehsendung „Bios Bahnhof“. Aufmerksamkeit erregte sie neben ihrer besonderes einfühlsamen Interpretation auch, weil sie ein klassisches deutsches Lied vortrug, obwohl Mitglieder ihrer Familie während des Holocaust in Deutschland ermordet wurden.

Die deutsche Rockband Rammstein thematisiert im Lied „Rosenrot“ das Gedicht „Heidenröslein“ und lehnt sich an manchen Stellen eng an dieses an. Im Unterschied zum Original – so lautet eine der möglichen Interpretationen – genießt die Frau die Hingabe und die Bemühungen des Mannes, während dieser beim Scheitern große Schmerzen erleiden muss.

Die japanische Sängerin Shiina Ringo veröffentlichte das Heideröslein – von ihr auf Deutsch gesungen – auf ihrem Album Utaite Myouri aus dem Jahr 2002.

Eine weitere recht eigenwillige Interpretation im Boogie-Woogie-Stil findet sich auf dem Album „ich denke also sing ich – unterwegs“ von Bodo Wartke.

Der Hamburger Musiker Achim Reichel veröffentlichte 2006 auf seinem Album Volxlieder eine Fassung des Liedes unter dem Titel Röslein auf der Heiden, musikalisch angeregt von Heinrich Werners Vertonung.

Die deutsche Sängerin Cristin Claas veröffentlichte das Lied „Röslein“ auf dem Album „In The Shadow Of Your Words“ im Jahr 2007.

Die deutsche Mittelalter-Metal-Band Rabenschrey schrieb das Lied "Röselein", was ebenso an Goethes Gedicht angelehnt ist.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Heidenröslein – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sie gleicht wohl einem Rosenstock bei lieder-archiv.de
  2. Walter Hinck: Stationen der deutschen Lyrik: von Luther bis in die Gegenwart : 100 Gedichte mit Interpretationen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-20810-3, S. 79 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Erich Trunz (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Gedichte. C.H.Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55248-9, S. 508–511 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Johann Gottfried Herder: Von deutscher Art und Kunst: 1. Auszug aus einem Briefwechsel. Bei: Zeno.org.
  5. Johann Gottfried von Herder: Volkslieder. Nebst untermischten andern Stücken. Band 2. Weygand, Leipzig 1779, S. 151 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  6. Johann Gottfried von Herder: Volkslieder. Nebst untermischten andern Stücken. Band 2. Weygand, Leipzig 1779, S. 307 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  7. So aber z.B. Ulrike Lembke, Von Heidenröslein bis Herrenwitz; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 3/2013.
  8. Werner Aderhold et al. (Hrsg.): Franz Schubert: Verzeichnis seiner Werke in chronolog. Folge; [der kleine Deutsch]. Bärenreiter/dtv; Kassel; Basel; Wien/München 1983, ISBN 3-423-03261-8, S. 77.
  9. Dietrich Fischer-Dieskau: Robert Schumann. Das Vokalwerk. dtv, München 1985, ISBN 3-423-10423-6, S. 175.
  10. Robert Schumann: Romanzen und Balladen, op. 67: Noten und Audiodateien im International Music Score Library Project.
  11. Heidenröslein In: The Lied, Art Song, and Choral Texts Archive bei recmusic.org