Echte Betonie

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Echte Betonie
Echte Betonie (Betonica officinalis)

Echte Betonie (Betonica officinalis)

Systematik
Euasteriden I
Ordnung: Lippenblütlerartige (Lamiales)
Familie: Lippenblütler (Lamiaceae)
Unterfamilie: Lamioideae
Gattung: Betonien (Betonica)
Art: Echte Betonie
Wissenschaftlicher Name
Betonica officinalis
L.

Die Echte Betonie (Betonica officinalis), auch Heil-Ziest, Flohblume, Pfaffenblume, Zahnkraut oder Zehrkraut genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Betonien (Betonica) innerhalb der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae).

Verwendung als Heilpflanze[Bearbeiten]

Als Heilpflanze hatte die Betonie seit Dioskurides 1800 Jahre eine große historische Bedeutung als Phytopharmakon.[1] Die weite Nutzung der Betonie in der Antike und im Mittelalter ist durch die häufige Darstellung in klassischen Kräuterbüchern vielfach belegt.[2] Im 20. Jahrhundert verschwand sie vermutlich durch die zu groß überlieferte Indikationsfülle aus dem Arzneischatz, wie der aktuellen Arzneipraxis.[3][4] Neue Untersuchungen belegen aber die Plausibilität überlieferter Indikationen aufgrund der tatsächlichen Inhaltsstoffe, für die nach aktuellen pharmazeutischen Wissen auch die überlieferte breite historische arzneiliche Nutzung belegbar ist.[5] Darunter fallen insbesondere Indikationen im Zusammenhang der Erkrankungen der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes, der Harnwege sowie als Analgetikum bei Schmerzen.[2] In der Volksmedizin hat die Betonie aber nach wie vor ihren festen Platz behaupten können.

Beschreibung[Bearbeiten]

Die Echte Betonie ist eine sehr variable Art (Sammelart), von der zahlreiche infraspezifische Taxa beschrieben wurden.[6]

Vegetative Merkmale[Bearbeiten]

Die Echte Betonie ist eine ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von zumeist 30 bis 80 (20 bis 120) Zentimetern.[7] Als Hemikryptophyt bildet sie ein unterirdisches, knotiges Rhizom als Überdauerungsorgan aus. Der Stängel ist aufrecht, charakteristisch stumpf vierkantig und fast kahl oder trägt bis zu 1,5 Millimeter lange, anliegende Haare (Indument).[6] Ein Teil der Laubblätter stehen in einer grundständigen Rosette zusammen; sie besitzen 4 bis 12 Zentimeter lange Blattstiele. Zwei bis drei Paare der Laubblätter sind kurz gestielt bis sitzend und kreuzgegenständig am Stängel angeordnet. Die einfachen Blattspreiten sind schmal eiförmig bis oval, gestielt (die unteren bis zu 15 Zentimeter lang) und am Grund herzförmig. Sie besitzen eine deutliche Zähnung, Netznervatur und eine vorwiegend unterseitige Behaarung.

Generative Merkmale[Bearbeiten]

Der Blütenstand ist aus zu locker stehenden Scheinähren zusammengesetzten Scheinquirlen besteht aus jeweils etwa zehn Blüten. Es sind fünf bis zehn sitzende, laubblattähnliche Tragblätter vorhanden.

Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die fünf Kelchblätter sind 5 bis 7 Millimeter lang, behaart und in ihrem oberen Teil oft violett und besitzen unbedeutend hervorgehobene Nerven.[6] Der glockige, fünfzähnige Kelch ist zweilippig mit gezähnter ober- und Unterlippe. Die Unterlippe der Blumenkrone besitzt einen großen zweilappigen Zipfel und zwei kleine zahnförmige, oft fehlende Seitenzipfel. Die Oberlippe ist deutlich helmförmig, zur Spitze hin flacher werdend gewölbt. Die Kelchblattröhre ist um 5 Millimeter lang. Die fünf Kronblätter sind 8 bis 15 Millimeter lang und rosafarben, violett, rot bis dunkelrosa, selten weiß.

Die äußeren violett-braunen Staubblätter sind anfänglich parallel angeordnet und drehen sich spätestens zum Ende der Anthese nach außen. Durch diese Eigenschaft unterscheidet sich die Betonie deutlich von anderen Lippenblütlern. Der zweiblättrige Fruchtknoten trägt an jedem Fruchtblatt nur zwei Samenanlagen und zerfällt längs zu vier glatten, braunen und über 3 Millimeter langen Teilfrüchten, die als Klausen bezeichnet werden.

Die Blütenformel stellt sich folgendermaßen dar: \downarrow K_{(5)} \; [C_{(5)} \; A_{4-2}] \; G_{\underline{(|2)}}

Die Blütezeit reicht von Juni bis September.

Ökologie[Bearbeiten]

Der Rostfarbige Dickkopffalter (Ochlodes sylvanus) nutzt Pflanzen wie den Heilziest als Sitzplatz zur Verteidigung seines Revieres. Dort kann er sich am Nektar des Heilziests stärken.

Die Blüten sind nektarführende, vormännliche Lippenblumen; sie werden durch Bienen (besonders Hummeln), Schmetterlinge und Schwebfliegen bestäubt; gegen Ende der Blütezeit ist auch spontane Selbstbestäubung möglich.[8] Samenausbreitung erfolgt als Windstreuer (auch Tierstreuer).[8] Wechseltrockene Streuwiesen mit der Echten Betonie sind Habitate des Heilziest-Dickkopffalters dessen Wirtspflanze die Echte Betonie ist.[9] Der Heilziest-Dickkopffalter ist in Deutschland nur von drei regionalen Vorkommen in Baden-Württemberg und Bayern bekannt.

Die Ausbreitung erfolgt Endochor, Epizoochor oder Anemochor.[6]

Vorkommen und Pflanzensoziologie[Bearbeiten]

Der Verwandtschaftskreis um die Echte Betonie (unter anderem Betonica alopecuros) entfaltet sich größtenteils in der höheren montanen Stufe der submeridionalen Gebirge vom westlichen Mittelmeergebiet bis zum Tienschan (Betonica betoniciflora) mit einem Zentrum im Kaukasus (Betonica longifolia, Betonica nivea).[10]

Die in verschiedene Rassen aufgegliederte Art Betonica officinalis besiedelt dabei als einzige ein ausgedehntes Areal in der Gemäßigten Zone, das vom Atlantik bis zum Ural reicht (noch in der Cyrenaika in Nordafrika). Einen Vorkommensschwerpunkt findet sie in lockeren Gehölzen und Halbtrockenrasen zusammen mit zahlreichen anderen lichtliebenden Pflanzen.[10] Die Arealdiagnose lautet dabei: (meridional/montan) – submediterran/(montan) - temperat (ozeanisch) in Europa und Westsibirien.[11]

In Europa reicht das geschlossene Verbreitungsgebiet bis 58° nördlicher Breite, weiter nördlich finden sich nur vereinzelte, unbeständige Vorkommen. Im Nordwesten ist sie dabei selten oder fehlt.

Die Betonie nimmt auf ihren Standorten eine breite ökologische Amplitude ein. Zerstreut kommt sie in Moorwiesen, mageren Bergwiesen und Heidegesellschaften vor. Sie bevorzugt feuchte, basenreiche oft kalkarme Böden an etwas wärmeren Standorten. Sie kommt außerdem in verschiedenartigen Waldtypen, Strauchgesellschaften und unterschiedlichen Degradationsstadien von Laubwäldern vor.[6]

Auch in mediterranen Garigues im pflanzensoziologischen Verband Cisto-Ericion wie in Istrien, dem Kvarnergolf, Dalmatien und der Halbinsel Pelješac in Kroatien wird sie beobachtet.[12] In den höheren Regionen submediterraner Karstgebirge der Dinariden zwischen Velebit, Dinara und Orjen ist sie in der unteren Montanstufe (Oro-Mediterrane Höhenstufe) in Gesellschaften mit der Schwarzwurzel (Scorzonera villosa - Scorzonero-Chrysopogonetalia) ein Element der weitverbreiteten wärmeliebenden Felsflockenblumen-Erdseggen-Trockenrasen.[13] Hierin hat sie den Rang eine pflanzensoziologischen Verbands- und Charakterart.[14]

Weiterhin tritt sie in Südosteuropa in xerothermen Orient-Hainbuchenwäldern an der ostadriatischen Mittelmeerküste auf, die oft zu Gebüschen degradiert sind.[15][16]

In montanen Kulturwiesen der Balkanhalbinsel ist sie in mäßig feuchten, nährstoffreichen Fettwiesen der Niederungen (Arrhenatherion),[6][17] wie in Trocken- und Halbtrockenrasen der Balkaneichen-Zone verbreitet.[18] Die letztgenannten Standorte der ostbalkanischen xerophilen Trockenrasen im pflanzensoziologischen Verband Chrysopogoni-Danthonion sind schon durch zahlreiche Steppenelemente gekennzeichnet. In Griechenland, Südbulgarien und Serbien ist die Betonie als stetiges Element der weitverbreiteten Balkaneichen-Zerreichenwälder zu betrachten.[19] Auch im Tataren-Ahorn-Flaumeichen Steppenwald der Donauniederung Ungarns, Bessarabiens und Bulgariens ist die Echte Betonie häufig.[20] Stetig ist sie zudem in wärmeliebenden Kiefernwäldern auf Serpentin und Dolomit in Westserbien.[21]

Im feuchteren Gebirgsklima findet sich die Betonie in mitteleuropäischen Magerrasen der pflanzensoziologischen Assoziation Bromo-Plantaginetum auf basenreichen Substraten ein.[21]

Nach Ellenberg ist er eine Halblichtpflanze, intermediär-kontinental verbreitet, auf stickstoffarmen Standorten wachsend[22] und in Mitteleuropa[23] wie im nördlichen Südosteuropa[24] eine Verbandscharakterart der Pfeifengras-Streuwiesen (Molinion).

Systematik[Bearbeiten]

Betonica officinalis wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum erstveröffentlicht.[25]

Betonica officinalis gehört aktuell zur Gattung Betonien (Betonica) und wurde von manchen Autoren der Gattung der Zieste (Stachys) zugeordnet.

Als Sammelart mit zahlreichen Unterarten und infraspezifischen Taxa mit stark differenzierten morphologischen Merkmalen,[6] war die genaue Beschreibung der Echten Betonie eine taxonomisch schwierige Angelegenheit. In einer Revision der europäischen Arten der Gattung Betonica durch Marianne Jeker bei Elias Landolt am Geobotanischen Institut, Stiftung Rübel, der Universität Zürich wurde im Jahre 1993 die Artengruppe der Echten Betonie an Vergleichsmaterial aus ganz Europa durch multi- und univariate statistische Analysen charakteristischer Merkmale (insbesondere Kelch und Kelchzähne, vegetative Organe, Behaarung, Form, Charakteristik und Größe der Oberlippe der Blumenkrone, Länge der Blütenröhre, sowie Phänologie) in die Arten Betonica officinalis s.str., Betonica haussknechtii, Betonica serotina und Betonica stricta aufgeteilt.[26] Diese bilden mit Betonica alopecuros s.l., Betonica scardica, Betonica hirsuta und Betonica grandiflora einen engen Verwandtschaftskreis, der sich auch durch Kreuzungsversuche bestätigen ließ. Auf phytochemischer Ebene zeigte sich die Gattung uniform, was von Jeker im Jahre 1993 auf eine erst kürzlich staatgefundene Radiation der Sippe zurückgeführt wird. Nach Untersuchungsergebnissen aus dem Jahre 1989 unterscheidet sich die Gattung Betonica phytochemisch dagegen deutlich von Stachys, was deren Ausgliederung daraus weiter bestätigt hat.[27]

Sie gliedert sich in folgende Unterarten, die teilweise unter dem Gattungsnamen Betonica noch keinen gültigen Namen auf Unterartebene besitzen:[28]

  • Betonica officinalis var. algeriensis (de Noé) Ball (Syn.: Stachys officinalis subsp. algeriensis (de Noé) Franco), ist auf der Iberischen Halbinsel und in Nordwestafrika verbreitet.[28]
  • Betonica officinalis subsp. haussknechtii Nyman (Syn.: Betonica haussknechtii (Nyman) Uechter ex Hausskn.,[29] Stachys officinalis subsp. haussknechtii (Nyman) Greuter & Burdet), kommt als weißblühende Unterart in Mittelgriechenland, Südost-Bulgarien und in der Türkei vor.[28]
  • Betonica officinalis L. subsp. officinalis (Syn.: Stachys officinalis (L.) Trev., Stachys betonica Benth., Stachys bulgarica (Degen & Nejceff) Hayek, Betonica glabriflora Borbás, Betonica peraucta Klokov, Betonica brachyodonta Klokov, Betonica fusca Klokov), kommt in Europa bis zum Kaukasus vor.[28]
  • Späte Betonie (Betonica officinalis var. serotina (Host) Nyman; Syn.: Stachys officinalis subsp. serotina (Host) Hayek, Betonica serotina Host), ist in Italien und im Nordwesten der Balkanhalbinsel verbreitet.[28] Hat rosafarbene Blüten mit deutlich schmäleren Blattsegmenten.[30]
  • Stachys officinalis subsp. skipetarum Jáv., ist ein Endemit Albaniens.[28]
  • Betonica officinalis subsp. velebitica (A.Kern.) Nyman (Syn.: Stachys officinalis subsp. velebitica (A.Kern.) Hayek, Betonica velebitica A.Kern.), kommt nur im Nordwesten der Balkanhalbinsel vor.[28]

Neuere Untersuchungen mit molekulargenetischen Untersuchungsmethoden werden in diesem Artikel nicht berücksichtigt.[31] [32]

Etymologie[Bearbeiten]

Für die Art Betonica officinalis werden verschiedene deutsche Trivialnamen verwendet: Echte Betonie, Braune Betonie, Batunge, Zehrkraut, Heil-Ziest oder Flohblume. Der lateinische Artname Betonica lässt sich vom spanischen Volksstamm der Vettonier ableiten, welche die Pflanze nach Plinius zum ersten Mal als Arzneimittel eingesetzt haben.[33] Die volkstümlichen Namen leiten sich oft vom Namen Betonica ab. Althochdeutsch (700-1050) bathenia, pandonia, patönig, mittelhochdeutsch (1050-1350) betonick, bathonien und neuhochdeutsch (1650 bis Gegenwart) Batunge, Batenge.[34]

In den klassischen Quellen variiert die Bezeichnung der Pflanze deutlich. Bethenia, Hildegard von Bingen/ Betonick, Leonhart Fuchs/ Vetonica, Antonius Musa Debreziner Fassung/ Betonig, Antonius Musa Wiener Fassung/ Bathonienkräuter, Hyronimus Bock/ Kestron, Dioskurides/ Betonienkraut, Friedrich Losch/ Betonien, Gart der Gesundheit/ Bethonien, Adamus Lonicerus/ Batunge, Lorscher Arzneibuch/ Betonica, Macer floridus/ Vettonica, Pseudo-Apuleius/ Betonie, Speyerer Kräuterbuch/ Betonien, Tabernaemontanus.[34]

In den slawischen Ländern des Balkans bezieht sich der Volksname der Betonie auf ihre Wundheilkraft: ranilist (serb., kroat. Wundblatt), navadni čistec (slo. Wundheiler) oder ranjenik (Verletzter).[6] In den angelsächsischen Ländern wurde die Echte Betonie im Mittelalter "St. Antony's Tea" (Tee des Hl. Antonius) genannt.[35]

Medizinischer Nutzen[Bearbeiten]

Zehrkraut - Betonica officinalis bei Friedrich Losch; Friedrich Losch, Kräuterbuch unserer Heilpflanzen in Wort und Bild, Tafel 63, 1913

Die Arzneiliche Nutzung der Betonie ist durch Kräuterbücher seit der Antike vielfach belegt. Zahlreich Kapitel zur arzneilichen Nutzung der Betonie lieferten antike Autoren, die durch eine umfangreiche Anwendungsbeschreibung mittelalterlichen Kräuterbücher sowie die pharmakologischen Werke der Renaissance prägten.[36] Dioskurides Materia Medica (Viertes Buch mit der Abhandlung zur Betonie), dessen kritische Arbeit sich auf vorgehende Werke von Herakleides von Tarent, Iollas von Bithynien und Sextius Niger gestützt hatte, blieb bis ins Mittelalter Standardlehrbuch der Pharmakologie, für die das Kapitel mit den Indikationen der Betonie auch in späteren Werken wie im Lorscher Arzneibuch, bei Walahfried Strabo, im Macer floridus des Odo Magudensis, bei Leonhart Fuchs, Matthiolus, Adam Lonitzer oder dem Gart der Gesundheit[37] übernommen wurde.[1] Plinius der Ältere behandelte die Betonie in seinem naturkundlichen Werk Naturalis Historia in den Bänden 26 und 27,[38] Antonius Musa, Leibarzt Kaiser Augustus, gab in der lateinischen Quellfassung eines Briefes an Marcus Agrippa ganze 46 Anwendungen für die Betonie an (Antonio Musae de herba vettoica liber).[39] Auch diese Werke blieben erheblich für die pharmazeutische Indikation mittelalterlicher und neuzeitlicher Autoren.

Bei einigen Autoren des Mittelalters wurde die Echte Betonie wie bei Hildegard von Bingen auch durch hohen Anteil an magischen Indikationsnennungen hervorgehoben. Diese magischen Indikationen bleiben nach aktuellen pharmazeutischen Wissen jedoch ohne belegbare Erklärung.[40] So wurde der Betonie auch nachgesagt das diese als Amulett getragen eine Wirkung zur Abwehr der Pest hätte.[41] Unabhängig von antiken Wissen ist dagegen die Drogenbeschreibungen der Circa instans für die im Heilziest-Kapitel keine direkter oder indirekter Einfluss der historischen Autoren bemerkbar ist. Hier wird die Betonie unter anderem als Analgetikum bei Kopfschmerzen und Magenschmerzen empfohlen was auf pharmakologische Eigenschaften von Bitterstoffen und Gerbstoffen zurückgeführt werden kann.[42]

Das Betonienkraut wird in pharmakologischer Terminologie als Herba Betonicae (Betonicae folium, herba et radix) bezeichnet.

Inhaltsstoffe[Bearbeiten]

Im Bezug des aktuellen pharmazeutischen Kenntnisstandes ist die Bewertung der Inhaltsstoffe und ihre Wirkung auf den menschlichen Körper ausschlaggebend. Betonica officinalis enthält Polyphenole wie Bitter- und Gerbstoffe, sowie vor allem Stachydrin, Betonicin, Turicin, Cholin und andere Alkaloide aus der Familie der Betaine. Der Gehalt an ätherischen Ölen ist gering. Diesem geringen Gehalt an ätherischen Ölen wird daher keine pharmakologische Wirkung zugesprochen.

Die Gesamtheit der pharmazeutisch relevanten Pflanzeninhaltsstoffe sind dabei:

Kulturgeschichte[Bearbeiten]

Heil- und Wunderpflanze[Bearbeiten]

Die Echte Betonie wurde schon in den Pflanzenlisten der kaiserlichen Gärten Karls des Großen 812 erwähnt. Als geschätzte Heilpflanze hatte sie einen Stammplatz in jedem Kloster- und Apothekergarten oder wurde um Kirchen gepflanzt. Die Betonie hatte auch als Amulett-Kraut große Beliebtheit und wurde mit roter Wolle ums Handgelenk oder um den Hals getragen. Diese magische Applikation sollte unter anderen auch vor Hexerei schützen. Auch in der angelsächsischen Kultur hatte die Betonie neben dem Echten Eisenkraut die größte Wertschätzung als Schutzmittel gegen Hexerei.[43] Diese hohe Stellung zeigt auch ein englisches Gedicht des 14. Jahrhunderts (ca. 1400. A treatise in rhyme on the virtues of herbs.), das stilistisch auf älteren lateinischen Vorbildern basierte, wo unter den 24 besungenen Kräutern die Echte Betonie an erster Stelle steht:

“Of erbs xxiiij I woll you tell by and by
Als I fond wryten in a boke at I in boroyng toke
Of a gret ladys preste of gret name she barest
At Betony I wol begyn at many vertuos het within.”

Aroma- und Färberpflanze[Bearbeiten]

Angewandte Nutzungen fanden sich im Würzen von Wein und Guinness ale. Bei Plinius dem Älteren wurde erstmals die Kombination mit Wein beschrieben. John Gerard, ein Elisabethanischer Kräuterkundler, gab Rezepte zum Herstellen von Ale mit Kräutern, daneben der Echten Betonie heraus.[44] Solche Biere die mit Echter Betonie gebraut wurden, hatten auch einen medizinischen Hintergrund und wurden bis ins 18. Jahrhundert unter dem Namen Old Doctor Butler's Head vermarktet, einem Topos, der bis heute für einen historischen Londoner Pub erhalten ist.

In verschiedenen Redewendungen hat sich die kulturgeschichtliche Bedeutung der echten Betonie erhalten. In Italien sagt ein Sprichwort Vende la tunica en compra la Betonia, „Verkaufe deinen Mantel und kaufe Betonien“ weil im modernen Italienisch ein besonderer Mensch He piu virtù che Bettonica (Übersetzt: „Er hat so viele Talente wie die Betonie“), tituliert gesagt wird.

Getrocknetes Betonienblattpulver ein Bestandteil von Schnupftabak wie beispielsweise Rowley's British Herb Snuff, das einst ziemlich bekannt gegen Kopfschmerzen war.[45] In der Alpenregion wird getrocknetes Betonienblatt geraucht, es soll dabei aufbauende Funktion zeigen.[46]

In der Wollfärberei gaben getrocknete Echte Betonien den Textilien eine tiefe dunkle gelbe Farbe.[47] Unter den heutigen Nutzungen ist insbesondere die Bienenweide erhalten. Die Echte Betonie gehört zu den reichtragenden Bienenpflanzen, die reich beflogen wird.[6]

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Marianne Jeker: Taxonomische und phytochemische Untersuchungen in der Gattung Betonica L. (= Diss. ETH. Band 10312). Dissertation, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Zürich 1993.
  • Andreas Kleinsteuber: Lamiaceae, Labiatae. In:  Oskar Sebald, Siegmund Seybold, Georg Philippi, Arno Wörz (Hrsg.): Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. Band 5: Spezieller Teil (Spermatophyta, Unterklasse Asteridae): Buddlejaceae bis Caprifoliaceae, Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 1996, ISBN 3-8001-3342-3, 10. Betonica L. 1753, S. 179.
  • Michael Verhoeven: Stachys officinalis - Eine große Arzneipflanze der traditionellen europäischen Medizin. Ihr historischer Stellenwert und ihre aktuelle Bewertung. Dissertation an der Julius-Maximilians Universität Würzburg, Würzburg 2011, urn:nbn:de:bvb:20-opus-70643.
  • Ivo Horvat, Vjekoslav Glavač, Heinz Ellenberg: Vegetation Südosteuropas (= Geobotanica selecta. Band 4). Gustav Fischer, Stuttgart 1974, ISBN 3-437-30168-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Michael Verhoeven: Stachys officinalis - Eine große Arzneipflanze der traditionellen europäischen Medizin. Ihr historischer Stellenwert und ihre aktuelle Bewertung. Dissertation an der Julius-Maximilians Universität Würzburg. Würzburg 2011.
  2. a b Verhoeven 2011, S. 191
  3. Verhoeven 2011, S. 35
  4. Verhoeven 2011, S. 193
  5. Verhoeven 2011, S. 185
  6. a b c d e f g h i Čedomil Šilić: Šumske zeljaste biljke (= Priroda Jugoslavije. Band 2.) Svjetlost, Sarajevo 1987, ISBN 86-01-00638-8, S. 144.
  7. Karel Dušek, Elena Dušková, Kateřina Smékalová: Variability of Morphological Characteristic and Content of Active Substances in Betonica officinalis L. in the Czech Republic. In: Agriculture (Poľnohospodárstvo). Band 55, Nr. 2, 2009, S. 102–110 (PDF-Datei).
  8. a b  Siegmund Seybold (Hrsg.): Schmeil-Fitschen. Die Flora von Deutschland interaktiv. Sehen – Bestimmen – Wissen. Der Schlüssel zur Pflanzenwelt. CD-ROM, Version 2.0, Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2004, ISBN 3-494-01368-3.
  9. Carcharodus flocciferus (Heilziest-Dickkopffalter) (Zeller, 1847)
  10. a b Hermann Meusel, Eckehart Jäger, Stephan Rauschert, Erich Weinert: Vergleichende Chorologie der zentraleuropäischen Flora. Band 2, Text, Gustav Fischer, Jena 1978, S. 105.
  11. Hermann Meusel, Eckehart Jäger, Stephan Rauschert, Erich Weinert: Vergleichende Chorologie der zentraleuropäischen Flora. Band 2, Text, Gustav Fischer, Jena 1978, S. 222.
  12. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 168
  13. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 483
  14. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 209
  15. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 388
  16. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 167
  17. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 268
  18. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 263
  19. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 235
  20. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 284
  21. a b Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 456
  22.  Heinz Ellenberg: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen in ökologischer, dynamischer und historischer Sicht (= UTB für Wissenschaft. Große Reihe. Band 8104). 5. stark veränderte und verbesserte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 1996, ISBN 3-8252-8104-3.
  23.  Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. Unter Mitarbeit von Angelika Schwabe, Theo Müller. 8., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2001, ISBN 3-8001-3131-5, S. 808 (als Stachys officinalis).
  24. Horvat, Glavač, Ellenberg 1974, S. 402
  25. Carl von Linné: Species Plantarum. Band 2, Lars Salvius, Stockholm 1753, S. 573, Digitalisat
  26. Marianne Jeker 1993: Taxonomische und phytochemische Untersuchungen in der Gattung Betonica L. PDF
  27. Marianne Jeker, Otto Sticher, İhsan Çaliş, Peter Rüedi 1989: Allobetonicoside and 6-O-Acetylmioporoside: Two new iridoid glycosides from Betonica officinalis L. Helvetica Chimica Acta, Volume 72, Issue 8, 1787–1791, 13 December 1989 doi:10.1002/hlca.19890720814
  28. a b c d e f g Rafael Govaerts u. a.: Word Checklist of Lamiaceae. Stachys. Royal Botanic Gardens, Kew, Internet-Veröffentlichung, abgerufen am 8. Februar 2014.
  29. Claus Baden: Stachys. In:  Arne Strid, Kit Tan (Hrsg.): Mountain Flora of Greece. Volume Two. Edinburgh University Press, Edinburgh 1991, ISBN 0-7486-0207-0, S. 99–100 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  30. http://www.biowin.at/all/Pflanzen/bilder/lamiales/lamiaceae/Betonica/Betonica%20officinalis%20serotina/Betonica%20officinalis%20serotina.htm
  31. Yasaman Salmaki, Shahin Zarre, Olof Ryding, Charlotte Lindqvist, Christian Bräuchler, Günther Heubl, Janet Barber, Mika Bendiksby: Molecular phylogeny of tribe Stachydeae (Lamiaceae subfamily Lamioideae). In: Molecular Phylogenetics and Evolution. Band 69, Nr. 3, 2013, 535–551, doi:10.1016/j.ympev.2013.07.024.
  32.  Helmut Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3. Auflage. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-16-7, S. 99 (Nachdruck von 1996, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  33. Verhoeven 2011, S. 16
  34. a b Verhoeven 2011, S. 17
  35. The Cloisters - Mary's U.S. Botanical Garden
  36. Verhoeven 2011, S. 190
  37. Gart der Gesundheit: Bethonien.
  38. Verhoeven 2011, S. 63
  39. Verhoeven 2011, S. 91
  40. Verhoeven 2011, S. 84
  41. Ellen Wulfers: Die Pest in Europa. Heilpflanzen als Mittel gegen die Pest im Mittelalter und in der frühen Neuzeit.
  42. Verhoeven 2011, S. 182
  43. Eleanour Sinclair Rohde: The Old English Herbals. (online).
  44. http://zythophile.wordpress.com/page/2/
  45. William Thomas Fernie: Herbal Simples Approved for Modern Uses of Cure online.
  46. Andrea Lamprecht 2012: „Bergkrauttee und Maiwipferlsirup“ Die Nutzung und Bedeutung von Wildpflanzen in Regionen der steirischen Kalkalpen: eine ethnobotanische Untersuchung. Universität Wien, S. 54 PDF
  47. George Don 1838:A General History of the Dichlamydeous plants, London, S. 824 [1]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Echte Betonie (Betonica officinalis) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien