Heilige Sippe

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Hans Thomann: Heilige Sippe, Memmingen um 1515 (Bode-Museum, Berlin)

Heilige Sippe ist in der Ikonografie ein fester Begriff für die Darstellung der Verwandten Jesu. Es handelt sich hierbei nicht um einen Stammbaum, wie fälschlicherweise oft gesagt wird. Es sind keine Verwandten, die nacheinander gelebt haben, sondern nahezu zur selben Zeit; einige anachronistische Darstellungen um die heilige Anna und ihre Ehemänner sind erlaubt.

Der Annenkult und Familiensinn im späten Mittelalter[Bearbeiten]

Altar der Heiligen Sippe (1508 ), Langenzenn

Mitte des 15. Jahrhunderts breitete sich in Deutschland der Annenkult aus. Zahlreiche Annenbruderschaften und Annenaltäre wurden gegründet. Das Vesperbild der Anna selbdritt wurde sehr beliebt. Das Bürgertum war nach den ersten Pestepidemien wieder erstarkt. Der Zusammenhalt einer Familie wurde hochgeschätzt. So nimmt es nicht Wunder, die heilige Anna, die Mutter Marias und Großmutter Jesu, als Familienpatronin hoch zu ehren.

Darüber hinaus ist im Spätmittelalter aber auch ein grundsätzliches Interesse der Gesellschaft an genealogischen Konstruktionen zu beobachten. Die eigene Identität wurde in dieser Zeit gerne durch den Hinweis auf verwandtschaftliche Zusammenhänge ausgedrückt; Adelshäuser, aber auch die bürgerliche Oberschicht waren bemüht, ihre Abstammung zu erforschen. Auch die allgemeine Durchsetzung des kirchlichen Eherechts seit dem 12. Jahrhundert förderte diese Entwicklung, denn hier wurde viel Wert darauf gelegt, dass Verwandte bis zum vierten Grad nicht heiraten durften.

Hatte Jesus Geschwister?[Bearbeiten]

Tilman Riemenschneider: Die hl. Anna und ihre drei Ehemänner, um 1500/1510 (Bode-Museum, Berlin)

In den Evangelien ist des Öfteren davon die Rede, dass Jesus Geschwister hatte. So steht bei Mt 13,55 EU: „Ist er nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas?“ Einige Personen der Heiligen Sippe sind biblisch festzumachen; andere, so auch die heilige Anna, kommen in den apokryphen Schriften oder in der damals weit verbreiteten Legenda aurea vor. Im katholischen Westen und im orthodoxen Osten hielt man an der unversehrten Jungfräulichkeit Mariens fest.

Um diesem Widerspruch zu begegnen, kam es zur Konstruktion des sogenannten Trinubiums der heiligen Anna: Nach dem Tode ihres ersten Ehemannes, Joachim, heiratete sie ein zweites Mal, den Cleophas, von ihm heißt es, er sei ein Bruder des heiligen Josef; und nach dessen Tod wurde Salomas ihr dritter Ehemann. Aus jeder dieser Ehen hatte sie eine Tochter. Alle drei nannte sie Maria. Zur Unterscheidung hatte die zweite den Beinamen Cleophas und die dritte Salome. Deutlich wird dies auch in einer alten Liedzeile: „Anna war ein selig Weib, drei Marien gebar ihr Leib.“

Der Familienkreis[Bearbeiten]

Dreh- und Angelpunkt dieser Gruppe ist also Anna. Um sie herum werden die Ehemänner, die Töchter und Schwiegersöhne und dann die Enkel gezeigt: Anna, Joachim, Cleophas, Salomas, Maria, Josef, Maria Cleophas, Alphäus, Maria Salome, Zebedäus, Simon Zelotes, Judas Thaddäus, Jakobus der Jüngere, Josef und die Zebedäussöhne Jakobus der Ältere und Johannes. So kommt der engste Familienkreis auf 17 Personen.

Aus dem Neuen Testament wissen wir, dass Maria über das Gebirge ging, um ihre schwangere Base Elisabet zu grüßen. Elisabet war verheiratet mit Zacharias, beide sind Eltern von Johannes dem Täufer. Auch dieser ist also ein Verwandter des Herrn.

So gibt es weitergehende Darstellungen, wie zum Beispiel in der Schedel'schen Weltchronik von 1493, die die Eltern der heiligen Anna mit einbeziehen und in vier Generationen 26 Personen zeigen, allerdings auf zwei Bildern:

I. Urgroßeltern: Ysachar und Susann
II. Großeltern: Anna, Joachim, Cleophas, Salomas, Esmeria, Ephraim
III. Eltern: Maria und Joseph; Maria Cleophas und Alphäus; Maria Salome und Zebedäus; Elisabeth und Zacharias, Eliud und Emerentia
IV. Kinder: Jesus, Judas Thaddäus, Simon Zelotes, Josef der Gerechte, Jacobus minor, Johannes Ev., Jacobus major, Johannes der Täufer

Beispiel: Die Heilige Sippe von Loxstedt[Bearbeiten]

Heilige Sippe, Kalkmalerei, St. Marien, Loxstedt, 15. Jh.

In der St.-Marien-Kirche in Loxstedt im Landkreis Cuxhaven befindet sich eine sehr gut erhaltene Darstellung der Heiligen Sippe. Bei ihrer Gründung im Jahre 1371, nach der sogenannten Kinderpest, war die Kirche zunächst eine Kapelle, Filiale von Beverstedt. So bekam das Gewölbe über dem Altar die dort allgemein üblich anzusiedelnde Darstellung des Jüngsten Gerichts (vor 1451).

Als die Kirche 1451 zur Pfarrkirche erhoben wurde, wurde sie nach Osten um ein Chorquadrat verlängert. Über dem neuen Altar musste nun auch ein repräsentatives Bild entstehen. Schließlich hatten es die Gläubigen während des ganzen Gottesdienstes vor Augen. Mit dem damals einsetzenden Annenkult war man hier mit dem damaligen Zeitgeschmack voll auf der Höhe.

Anna wird hier als Mittelpunktfigur als Anna selbdritt mit Jesus und Maria auf dem Schoß dargestellt. Um sie herum stehen die drei Ehemänner und der Schwiegersohn Josef. Nach rechts schließen sich Maria Salome und Zebedäus mit ihren beiden Söhnen an, links sehen wir Maria Cleophas mit Alphäus und ihren vier Söhnen. Die 17 Personen sind zu drei Gruppen in Familien zusammengefasst, das lässt das Gruppenbild sehr harmonisch wirken.

Heilige Sippe Personenerklärung

Im Einzelnen sind folgende Personen von links nach rechts zu sehen: 1.Simon Zelotes, 2.Judas Thaddäus, 3.Maria Cleophas mit 4.Joseph, dem Gerechten auf dem Arm, 5.Alphäus der Ehemann und Vater mit 6.Jacobus minor; 7.Cleophas, 8.Joachim, 9-11 Annaselbdritt: Anna mit Maria und Jesus auf dem Schoß, 12.Salomas, 13. Joseph; 14 Zebedäus, 15 seine Ehefrau Maria Salome mit 16.Johannes Evangelist auf dem Arm, 17.Jacobus major.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  • Jacobus de Voragine: Die Legenda Aurea, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Auflage, Gütersloh, 1999
  • Hartmann Schedel: Weltchronik 1493, kommentiert von Stephan Füssel. Verlag Taschen, Köln u. a.

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Esser: Die Heilige Sippe. Studien zu einem spätmittelalterlichen Bildthema in Deutschland und den Niederlanden. Dissertation, Universität Bonn 1986

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heilige Sippe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien