Heiliger Rock

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Der Heilige Rock im Trierer Dom ausgestellt

Der Heilige Rock ist eine Reliquie, die im Trierer Dom aufbewahrt wird und Fragmente der Tunika Jesu Christi enthalten soll. Die Echtheit des Heiligen Rockes ist umstritten. Seine wechselvolle Geschichte und seine mitunter ungünstigen Aufbewahrungsbedingungen führten dazu, dass eine textilarchäologische Untersuchung 1973/74 Herkunft und Alter nicht genau bestimmen konnte.[1]

Legende[Bearbeiten]

Nach dem Johannesevangelium wurden die Gewänder Jesu nach dessen Kreuzigung in vier Teile geteilt und unter den römischen Soldaten verteilt. Das Untergewand oder der „Leibrock“ (gr. χιτών) jedoch sei nicht geteilt, sondern einem der Soldaten zugelost worden, da es „von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht“ war (Joh 19,23-24 EU). Das Johannesevangelium stellt dies ausdrücklich als alttestamentliches Erfüllungszitat heraus und zitiert dazu den auch sonst in den neutestamentlichen Passionserzählungen wichtigen Ps 22,19 EU.

Der Überlieferung nach soll die hl. Helena, die Mutter Konstantins des Großen, den Heiligen Rock nach Trier gebracht haben.[2] Dies behaupten Quellen des 12. Jahrhunderts, die im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Trierer Kirchenpolitik und den damit verbundenen Herrschafts- und Machtansprüchen stehen.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

Erinnerung an die Wallfahrten 1844 und 1891, Darstellung von 1891

Urkundlich erwähnt wurde der Heilige Rock erstmals am 1. Mai 1196, als Erzbischof Johann I. den Hochaltar im neu errichteten Ostchor des Trierer Domes weihte und die Reliquie darin einschloss. Das Bistum Trier übertrumpfte mit diesem Fund die konkurrierende Abtei Prüm, die im Zusammenhang mit der Pippinschen Schenkung seit 752 im Besitz der Sandalen Christi war.[4] Eine frühe literarische Erwähnung findet sich im Versepos Orendel (um 1190 entstanden).

Als Kaiser Maximilian I. anlässlich des Reichstags 1512 nach Trier kam, verlangte er, den Heiligen Rock zu sehen. Erzbischof Richard von Greiffenklau ließ in Anwesenheit des Kaisers sowie vieler Bischöfe und Prälaten den Altar öffnen. Nach einem Gedächtnisgottesdienst für die verstorbene Gemahlin Kaiser Maximilians I. forderten die Bürger lauthals, dass ihnen der Rock gezeigt werde. Das Domkapitel ließ – so zeigen es zeitgenössische Holzschnitte – an der Westapsis des Domes eine Loggia errichten, von der aus ab dem 30. Juni mehrere sogenannte „Zeigungen“ stattfanden. Bis 1517 fanden dann jährlich Wallfahrten zum "Heiligen Rock" nach Trier statt. Auf Anweisung Papst Leos X. sollten die Wallfahrten danach in Abstimmung mit den Aachener Heiligtumsfahrten erfolgen. So wurden die nächsten Termine im Sieben-Jahres-Rhythmus festgelegt: 1524; 1531; 1538 und 1545. Wegen kriegerischer Auseinandersetzungen und reformationsbedinger Unruhen wurde der Rhythmus zunächst ausgesetzt, dann eingestellt.

Der Heilige Rock wurde von 1628 bis 1794 mit einigen Unterbrechungen für insgesamt mehr als 140 Jahre auf der Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz aufbewahrt. Dort stellte ihn am 4. Mai 1765 Bischof Johann IX. Philipp von Walderdorff feierlich aus und veranlasste eine Wallfahrt.[5] Der letzte Trierer Kurfürst Clemens Wenzeslaus nahm die Reliquie mit nach Augsburg, sie kehrte erst 1810 wieder nach Trier zurück.

Protestantische Kritik[Bearbeiten]

Die Reformation übte massive Kritik an Reliquienverehrung und Wallfahrten, insbesondere auch an den Wallfahrten zum Heiligen Rock in Trier. Martin Luther äußerte sich in seiner Schrift „Warnung an die lieben Deutschen“ aus dem Jahre 1546 im Rückblick auf die Wallfahrt des Jahres 1545: „Wie ist man gelaufen zu den Wallfahrten! […] Was thät allein die neue Bescheißerei zu Trier, mit Christus Rock? Was hat hie der Teufel großen Jahrmarkt gehalten in aller Welt, und so unzählige falsche Wunderzeichen verkauft? […] Und das noch das Allerärgest ist, daß sie die Leute hiemit verführet und von Christo gezogen haben, auf solche Lügen zu trauen und bauen…“ Der Genfer Reformator Johannes Calvin nannte die Reliquienverehrung „Götzendienst“.

Material[Bearbeiten]

Der Zustand der Reliquie ist heute nur schwer zu bestimmen. Das eigentliche Gewebe ist mit verschiedenen Stoffschichten umgeben worden, da man sich anlässlich von Zeigungen zu Ausbesserungen und Schutzmaßnahmen gezwungen sah. Die Stoffe sind unterschiedlichen Alters und teilweise beschädigt, fragmentiert oder zusammengeklebt. Den Kern bildet ein lückenhafter Faserstoff, über dessen Form und Zusammensetzung Unklarheit besteht.

Eine kirchliche Untersuchungskommission, an der als Experten die Kleriker Alexander Schnütgen und Stephan Beißel teilnahmen, hielt 1890 das bräunliche Material für „Linnen oder Baumwolle“.[6]

Das Bistum Trier beschreibt den Zustand der Reliquie unter Berufung auf die Expertise von Mechthild Flury-Lemberg, Textilhistorikerin aus Bern, auf seiner Webseite 2012 wie folgt:

„Die durchgehenden Stofflagen des Vorderteils der Tunika bestehen heute, von innen nach außen gesehen, aus rotbraunem Seidensatin, aus bräunlichem Tüll und aus grünlichem Taft. Dieser Taft verfügt über eine Auflage von alten Stofffragmenten, die durch Gummitragant verbunden sind. Der Rückenteil besteht aus rotbraunem Seidensatin, bräunlichem Tüll, feiner Seidengaze, einer Filzschicht, grünlicher Taftseide, einer weiteren Filzschicht und Seidengaze. Es ist davon auszugehen, daß die Wollfasern, die heute einen teils zusammenhängenden, teils zerbröckelnden Filz bilden, das Kerngewebe darstellen. Dessen Alter kann nicht mehr genau bestimmt werden. Insgesamt hat das Gewand seine textile Oberfläche vollkommen verloren.“[7]

Wallfahrten[Bearbeiten]

Logo der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012
20 Pf-Sondermarke der Deutschen Bundespost (1959) zur Ausstellung 1959

Wallfahrten zum ausgestellten Heiligen Rock fanden bisher in den Jahren 1512, 1513, 1514, 1515, 1516, 1517, 1524, 1531, 1538, 1545, 1655, 1765 (Koblenz), 1810, 1844, 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012 statt.

Im Jahre 1810 wurde der Heilige Rock anlässlich seiner Rückführung aus Augsburg 18 Tage lang ausgestellt und von über 220.000 Pilgern verehrt. Zur Trierer Wallfahrt von 1844 kamen in den sieben Wochen über eine Million Pilger. Diese Zeigung führte zu heftigen öffentlichen Debatten. Sie war Auslöser für Otto von Corvins antiklerikales Buch Pfaffenspiegel und Rudolf Löwensteins Spottgedicht Freifrau von Droste-Vischering zum heil’gen Rock nach Trier ging im Kladderadatsch. Der Priester Johannes Ronge mokierte sich in einem Protestbrief an den Bischof von Trier darüber, dass die meisten Pilger nur einfache Leute seien: „aus den niedern Volksklassen, ohnehin in großer Armut, gedrückt, unwissend, stumpf, abergläubisch und zum Theil entartet“.[8] Die Wallfahrt zu der Reliquie prangerte er als „Götzendienst“ an. Das führte zu seiner Exkommunikation und zur Gründung der Deutschkatholischen Kirche.

Im Jahre 1891 wurde in Pressemeldungen in Rom, Paris, London und Kairo über die Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt, die Bischof Michael Felix Korum ausrief, geschrieben. Die Wallfahrt war zu einem kirchlichen Ereignis internationalen Ranges geworden. Es kamen fast zwei Millionen Pilger.[9]

1933 fand anlässlich des Heiligen Jahres die Ausstellung, die unter der baulichen Leitung des Dombaumeisters Julius Wirtz stand, des Heiligen Rocks unmittelbar nach Abschluss des Reichskonkordats vom 23. Juli bis zum 8. September statt. Über zwei Millionen Pilger sahen die Reliquie. Als vom 19. Juli bis zum 20. September 1959 der Heilige Rock ausgestellt wurde, sahen ihn 1,8 Millionen Pilger. 1996 brachte die Wallfahrt unter dem Motto „Mit Jesus Christus auf dem Weg“ rund 700.000 Pilger nach Trier.

Seit 1996 veranstaltet das Bistum Trier zudem jährlich „Heilig-Rock-Tage“, zehntägige Veranstaltungen in der Art eines regionalen Katholikentags. Der Heilige Rock wird dabei nicht ausgestellt, jedoch können Besucher des Trierer Domes während der Heilig-Rock-Tage die Heiligtumskammer begehen, in deren Mitte sich der Schrein mit der durch mehrere Schichten Glas und Holz gesicherten Reliquie befindet. 2011 entfielen die Heilig-Rock-Tage. Stattdessen begann ab dem 6. Mai 2011 das Jahr der geistlichen Vorbereitung für die Wallfahrt im Jahr 2012.

Anlässlich des 500. Jahrestages der ersten Zeigung des Heiligen Rockes auf dem Reichstag zu Trier 1512 fand vom 13. April bis 13. Mai 2012 die Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 statt, die unter dem Motto „Und führe zusammen, was getrennt ist“ zahlreiche Pilger nach Trier einlud. Das Motto der Wallfahrt war dem „kleinen Pilgergebet“ entnommen, das seit 1959 fester Bestandteil des Gebetsgutes der Trierischen Kirche ist.

Am Nachmittag des 13. April wurde während eines Pontifikalamtes im Hohen Dom zu Trier unter Leitung des päpstlichen Gesandten Kurienkardinal Marc Ouellet, der eine Botschaft Papst Benedikts XVI. überbrachte,[10][11] der Schrein des Heiligen Rocks feierlich enthüllt, der bis zum Abend des 13. Mai öffentlich zugänglich war. Bis zum Ende der Wallfahrt fanden etwa 550.000 Pilger den Weg nach Trier.[12] Wann die nächste Heilig-Rock-Wallfahrt stattfinden wird, ist ungewiss. Spekuliert werden kann über 2033, das 2000. Jahr der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi.

Ökumenische Aspekte seit 1996[Bearbeiten]

Wegen des Mottos der Wallfahrt 2012 lud der Trierer Bischof, Hermann Josef Spital, 1996 den damaligen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, ein, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Präses Beier nahm die Einladung an und dichtete sogar ein Pilgerlied für die Heilig-Rock-Wallfahrt.

Der Bischof von Trier, Stephan Ackermann, verzichtete darauf, in Rom die Genehmigung eines Ablasses zu erbitten, um evangelischen Christen die Teilnahme an der Heilig-Rock-Wallfahrt zu erleichtern. So hat sich auch die Evangelische Kirche im Rheinland auf vielfältige Weise an der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 beteiligt.[13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Der heilige Rock zu Trier und die zwanzig andern heiligen ungenähten Röcke. Eine historische Untersuchung von J. Gildemeister u. H(einrich) von Sybel. Julius Buddeus 1844 Digitalisat (3. Aufl. 1845) Digitalisat.
  • Erich Aretz, Michael Embach, Martin Persch, Franz Ronig (Hrsg.): Der heilige Rock zu Trier. Studien zur Geschichte und Verehrung der Tunika Christi. Trier 1996, ISBN 3-7902-0173-1.
  • Ursula Bartmann: Ein "Reiseführer" zum Heiligen Rock. Paulinus, Trier 2010, ISBN 978-3-7902-1800-8.
  • Georg Bätzing: Jesus Christus, Heiland und Erlöser. Impulse auf dem Weg der Erlösung. Paulinus Verlag, Trier 2011, ISBN 978-3-7902-1807-7.
  • Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts des Evangelischen Bundes, Arbeitswerk der Ev. Kirche in Deutschland, 63. Jahrgang, Ausgabe 02/2012, ISSN 0934-8522.
  • Michael Embach: Dokumentation zur Trierer Heilig-Rock-Verehrung. In: Jahrbuch des Kreises Trier-Saarburg. 1991.
  • Klaus-Peter Dannecker (Hrsg.): Das Gewand Christi. Mit Gott als Mensch unterwegs. Theologische Überlegungen zur Heilig-Rock-Wallfahrt 2012. Paulinus, Trier 2011, ISBN 978-3-7902-0232-8.
  • Stefan Heinz, Andreas Tacke, Andreas Weiner: Trier 1512 – Heiliger Rock 2012. Reisewege durch das historische Trier. Imhof, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-628-2. (=Imhof-Kulturgeschichte)
  • Michael Hesemann: Die stummen Zeugen von Golgatha. Die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi. Hugendubel, München 2000, ISBN 3-7205-2139-7.
  • Bernhard Schneider, Hubert Wachendorf, Markus Nicolay: Der Hl. Rock im Dom zu Trier und auf dem Weg zu Jakobus und Matthias. Verlag Michael Weyand, Trier 2009, ISBN 978-3-935281-67-6.
  • Philipp Thull, Hermann-Josef Scheidgen (Hrsg.): Lasst euch versöhnen mit Gott. Der Heilige Rock als Zeichen der ungeteilten Christenheit. Nordhausen 2012, ISBN 978-3-88309-654-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heiliger Rock – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Heiliger Rock – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ursula Bartmann: Kleiner Reiseführer zum Heiligen Rock. S. 69–75.
  2. H. J. Wetzer, B. WelteKirchenlexikon. Band 9, Herder, 1852, S. 333. (Zur Trierer Tradition des Hl. Rockes)
  3. Bistum Trier: Kleine Geschichte der Tunika Christi
  4. Gottfried Wolmeringer: Jesuslatschen, drei Ärzte und ein Kaiser ohne Reich. Die Geschichte des Abtfürstentums Prüm. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte Südwestdeutschlands. (PDF; 376 kB)
  5. Zur Hl. Rock-Ausstellung bzw. Wallfahrt von 1765
  6. Untersuchungsbericht von 1891
  7. Kleine Geschichte der Tunika Christi, Webseite des Bistums Trier, aufgerufen am 14. April 2012
  8. Veröffentlicht in: Sächsische Vaterlandsblätter. (Leipzig), 15. Oktober 1844, nachgedruckt unter dem Titel Offenes Sendschreiben an den Bischof Arnoldi in Trier, Offenbach 1845.
  9. Meyers Konversationslexikon 1905 auf: zeno.org
  10. Sondergesandter statt Papst
  11. Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier ist eröffnet
  12. Heilig-Rock-Wallfahrt: Ein Fest des Glaubens geht zu Ende
  13. Starke evangelische Beteiligung an der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012