Heiligsprechung

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Heiligsprechung von P. Gaetano Errico, Sr. Maria Bernarda Bütler, Sr. Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis und Sr. Narcisa de Jesús Martillo Morán am 12. Oktober 2008 auf dem Petersplatz

Eine Heiligsprechung (Kanonisation, auch Kanonisierung; zu lateinisch canonKanon, verbindliches Verzeichnis‘ [gemeint ist das Martyrologium Romanum] von griechisch κανών kanōn ‚Maßstab, Norm‘) ist in der römisch-katholischen Kirche ein kirchenrechtliches Verfahren, durch das der Papst nach entsprechender Prüfung erklärt, dass ein bestimmter Verstorbener als Heiliger bezeichnet werden darf und als solcher verehrt werden soll. Voraussetzung sind entweder das Erleiden des Martyriums oder der Nachweis eines heroischen Tugendgrads des Betreffenden. Bei Kandidaten, die keine Märtyrer waren, wird zudem der Nachweis eines Wunders gefordert. Mit einer Heilig- oder Seligsprechung bekundet die Kirche das Vertrauen, dass der betreffende Mensch die Vollendung bei Gott bereits erreicht hat. Sie hat somit auch liturgische Bedeutung, sodass nun nicht mehr für den Betreffenden, sondern mit ihm und um seine Fürsprache bei Gott gebetet werden kann.

Als heilig bezeichnet der Apostel Paulus ebenso jeden Getauften – hier nicht aufgrund besonderer Gnade und eines heiligen Lebens, sondern aufgrund der Hineinnahme in das Gottesverhältnis Jesu durch die Taufe. Es handelt sich also um zwei verschiedene Belange von Heiligkeit.

Geschichte des Verfahrens[Bearbeiten]

Ursprünglich war es üblich, am Grab jedes Verstorbenen die Eucharistie zu feiern (vgl. den Bericht des heiligen Augustinus aus dem 5. Jahrhundert über die Bestattung seiner Mutter in den Confessiones). In den Verfolgungszeiten konnte dies am jeweiligen Jahrestag des Todes ungestört wiederholt werden, da Totenmahle an den Gräbern allgemein üblich waren und nicht auffielen. Man musste nur den Todestag eines bestimmten Märtyrers wissen, um sicher zu sein, an diesem Tag andere Christen am Grab anzutreffen. Der Brauch, an den Gräbern der Märtyrer die Eucharistie zu feiern, war schließlich so allgemein eingebürgert, dass man in den Wirren der Völkerwanderungszeit die Gebeine aus den Gräbern vor den Städten in die Kirchen der Innenstädte holte. Schließlich kam die Frage auf, ob auch andere besonders verehrte Gläubige unter dem Altar einer Kirche beigesetzt werden dürften, z. B. der heilige Martin, der nicht als Märtyrer gestorben war. Da die Kirche dies bejahte, mussten Kriterien gefunden werden, die schließlich zur heutigen Form der Heiligsprechung führten, die letztlich nichts anderes bedeutet als die liturgische Verehrung der Reliquien und die liturgische Anrufung zu gestatten. Dies hatte auch eine Änderung des römischen Rechts – nach welchem die sterblichen Überreste von Toten nicht ausgegraben werden durften – zur Folge.

Als erster durch eine Kanonisierung bestätigter Heiliger gilt in vielen Darstellungen Ulrich von Augsburg. Dessen Heiligsprechung soll am 3. Februar 993 von Papst Johannes XV. verkündet worden sein. Die Kanonisationsurkunde ist aber nur in späteren Abschriften überliefert, deren Glaubwürdigkeit von Historikern heute bezweifelt wird.[1]

Gerade in der Übergangszeit zwischen der diözesanen Erhebung, in der ein regionaler Bischof eine Person heiligsprach (bis etwa 1000 n. Chr.), und der bis heute üblichen päpstlichen Erhebung (Kanonisierung, ab etwa 900), in der nur der päpstliche Stuhl dazu berechtigt war, gab es erhebliche Differenzen über die Zuständigkeit. Die von Papst Innozenz IV. und seinen Vorgängern vorangetriebene Heiligsprechung der Hildegard von Bingen wurde immer wieder durch den Mainzer Bischof verschleppt, der die Zuständigkeit der Kanonisierung gerne bei sich behalten hätte. Hildegard wurde vom Papst dadurch erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts ohne offizielle Kanonisierung in das Martyrologium (Verzeichnis der Heiligen) aufgenommen.

Das Verfahren heute[Bearbeiten]

Die Vorstufe zur Heiligsprechung ist die Seligsprechung eines „Dieners Gottes“ (lat. servus dei). Der Ablauf des Verfahrens ist bei der Selig- und der Heiligsprechung weitgehend gleich.

Ausgangspunkt einer Heiligsprechung ist der Antrag einer Diözese oder Ordensgemeinschaft. Der Actor (lat. für den Antragsteller) holt beim Apostolischen Stuhl eine Unbedenklichkeitserklärung (lat. nihil obstat) ein. Steht der Aufnahme eines Verfahrens nichts entgegen, beauftragt der Actor einen Postulator (lat. für „Forderer“), der biographische Informationen, Schriften der Person sowie schriftliche und mündliche Zeugnisse von Zeitgenossen sammelt. Das Resultat (lat. Transumptum) wird seit 1969 bei der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse eingereicht. Diese prüft die Unterlagen und stellt fest, ob die Person bedeutend genug für eine Heiligsprechung ist. Falls es sich um eine historisch bedeutsame Person handelt, werden zusätzlich Historiker konsultiert. Falls die Person kein Märtyrer war, muss zusätzlich ein Wunder vorliegen, meist ein Heilungswunder, welches von Medizinern geprüft wird und für unerklärlich befunden wird.

In einer letzten Instanz muss zusätzlich ein Kirchenanwalt (lat. Promotor Iustitiae, Förderer der Gerechtigkeit; vor 1983: Promotor Fidei, Förderer des Glaubens, umgangssprachlich Advocatus Diaboli, Anwalt des Teufels) die zusammengetragenen Belege und Argumente für die Heiligsprechung anfechten bzw. eigene Argumente gegen die Kanonisation einbringen.[2] Die Fürsprecher (umgangssprachlich Advocatus Dei) müssen ihn widerlegen. Wenn mindestens zwei Drittel der versammelten Theologen für die Heiligsprechung stimmen, liegt die letzte Entscheidung beim Papst. Sind alle Bedingungen erfüllt, steht der Heiligsprechung, dem Kanonisationsakt, durch den Papst im Rahmen einer liturgischen Feier nichts mehr im Wege. Wichtigster offizieller Schritt hierbei ist der Eintrag in das Martyrologium, das „Verzeichnis der Heiligen“. Dieses Verzeichnis wird seit Jahrhunderten weitergeführt und listet alle offiziell Heiliggesprochenen auf. Hierbei spielt es keine Rolle, wie der Kanonisationsakt durchgeführt wurde. Entscheidend ist die Auflistung im Martyrologium. Der Heiligsprechung geht in der Regel die Seligsprechung voraus. Seit Benedikt XVI. wird die Seligsprechung wieder, wie vor 1975 üblich, vom Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse vorgenommen. Die Heiligsprechung obliegt jedoch auch weiterhin allein dem Papst.

„Zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit, zum Ruhm des katholischen Glaubens und zur Förderung des christlichen Lebens entscheiden wir nach reiflicher Überlegung und Anrufung der göttlichen Hilfe, dem Rat vieler unserer Brüder folgend, kraft der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und in der Vollmacht des uns übertragenen Amtes, daß der (die) selige N. ein(e) Heilige(r) ist. Wir nehmen ihn (sie) in das Verzeichnis der Heiligen auf und bestimmen, daß er (sie) in der gesamten Kirche als Heilige(r) verehrt wird. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

– Kanonisationsformel

Zahlen[Bearbeiten]

Während des Pontifikats von Johannes Paul II. (1978–2005) wurden 482 Personen heiliggesprochen.[3] Am 12. Mai 2013 hat Papst Franziskus bei der ersten Heiligsprechung seines Pontifikats Antonio Primaldo und seine Gefährten – die sog. 800 Märtyrer von Otranto – heiliggesprochen.[4]

Die Kosten für das Verfahren müssen von den Antragstellern (Diözesen, Orden oder eigens dafür eingerichtete Spendenfonds) aufgebracht werden. Schätzungen zufolge muss hierfür ein Betrag von mindestens 50.000 Euro angesetzt werden, welcher sich aus Gebühren und Taxen bei der Kongregation, Honoraren für (z. B. medizinische) Gutachter, Bezahlung des Postulators, Kostenersatz für Zeugen, Erstellung der Dokumentation, Übersetzungsarbeiten, Druckkosten, Dekoration während der Feierlichkeiten etc. ergibt.

Im Jahr 1997 wurden etwa 1.500 Selig- und Heiligsprechungsverfahren bearbeitet, wobei pro Verfahren etwa 250.000 Euro an Kosten angefallen sind. Sollte jedoch so viel Geld nicht aufgebracht werden können, ist bei der Kongregation für die Heiligsprechungen ein Fonds eingerichtet, um immer auch Verfahren aus armen Kirchenregionen zu ermöglichen.

Kritik an Selig- und Heiligsprechungen[Bearbeiten]

Die Heiligsprechung Gianna Beretta Mollas, die sich gegen eine Abtreibung gewehrt hatte, führte zu einem Streit zwischen dem Vatikan und den Vereinten Nationen über Familienpolitik. Josemaría Escrivás Heiligsprechung wurde kritisiert, da der Gründer des Opus Dei offen Bewunderung für die Diktatur Francos gezeigt und den Sturz des chilenischen Präsidenten Allende durch Pinochet als „nötiges Blutvergießen“ bezeichnet hatte. Auch die Seligsprechung von Papst Pius IX. (1792-1878), der nach Aussage einiger jüdischer Verbände antisemitische Haltungen an den Tag gelegt habe, wurde von diesen und katholischen Kirchenhistorikern kritisiert.[5]

Heiligsprechungen in der Orthodoxie[Bearbeiten]

Die orthodoxen Kirchen kennen kein einheitliches Verfahren der Heiligsprechung. Dies wird von Teilkirche zu Teilkirche unterschiedlich gehandhabt. Teilweise bildet sich die Verehrung durch das Volk spontan heraus, ohne jemals offiziell anerkannt worden zu sein.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Marcus Sieger: Die Heiligsprechung. Geschichte und heutige Rechtslage. Würzburg 1995, ISBN 3-429-01746-7.
  • Stefan Samerski: „Wie im Himmel, so auf Erden“? Selig- und Heiligsprechung in der Katholischen Kirche 1740 bis 1870. Stuttgart 2002, ISBN 3-17-016977-7.
  • Georg Gresser: Päpstliche Kanonisationspolitik im 11. Jahrhundert, in: Wilhelm Rees, Sabine Demel, Ludger Müller (Hrsg.): Im Dienst von Kirche und Wissenschaft. Festschrift für Alfred E. Hierold zur Vollendung des 65. Lebensjahres. (= Kanonistische Studien und Texte 53), Berlin 2007, S. 97–112, ISBN 978-3-428-12478-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Heiligsprechung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. hierzu Bernhard Schimmelpfennig, Papsttum und Heilige, Neuried 2005, S. 418–422.
  2.  Elmar Güthoff: Kirchenanwalt. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 5, Herder, Freiburg im Breisgau 1996, Sp. 1509.
  3. Statistische Angaben des Vatikans zum Pontifikat von Johannes Paul II. (englisch).
  4. Radio Vatikan, 12. Mai 2013.
  5. Spiegel Online: Johannes Paul II. Turbo-Heiligsprechung für den Rekord-Papst. Abgerufen am 22. April 2014.