Heimatfront

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die Einbeziehung der Zivilbevölkerung in Kriegshandlungen. Zum gleichnamigen Krimi, siehe Tatort: Heimatfront.
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.
„Heimatfront Hannover, Kriegsalltag 1914 - 1918“, Großplakat zur Ausstellung im Historischen Museum Hannover

Heimatfront bezeichnet die Einbeziehung der Zivilbevölkerung in Kriegshandlungen, auch wenn die eigentliche Front außerhalb der Lebensräume der Bevölkerung liegt. Diese Einbeziehung kann zum Beispiel durch kriegerische Handlungen hinter der Front (wie Bombenangriffe) oder durch Arbeit der Zivilbevölkerung in der Rüstungsindustrie oder militärischen Logistik geschehen.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg[Bearbeiten]

„Vater ist im Kriege“, Lesebuch für Kinder, Erster Weltkrieg

Die Bedeutung von ziviler Produktion und Unterstützungsdiensten im Krieg wurde erstmals während der 25 Jahre dauernden französischen Revolution und in den Napoleonischen Kriegen sichtbar, als Großbritannien fähig war, die verschiedenen Koalitionen, die Frankreich gegenüberstanden, zu unterstützen und teilweise sogar zu bewaffnen. Obwohl Großbritannien eine weitaus kleinere Bevölkerung als Frankreich hatte, glichen Großbritanniens globaler maritimer Handel und seine frühe Industrialisierung Frankreichs zahlenmäßige Überlegenheit durch eine stärkere Wirtschaft aus.

Während des amerikanischen Bürgerkrieges, erwies sich die höhere individuelle Produktivität der nordamerikanischen Fabriken als ein signifikanter Faktor für den Sieg, da die Generäle auf beiden Seiten ungefähr die gleichen militärischen Fähigkeiten besaßen.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sowie im Ersten Weltkrieg 1914–1918 etablierte sich das Schlagwort auch in Deutschland.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Verbreitung fand der Begriff in Deutschland aber vor allem während des Zweiten Weltkriegs. Hier war die deutsche Zivilbevölkerung durch militärische Produktion und Logistik stark beansprucht und wurde über Luftangriffe in Kampfhandlungen einbezogen, lange bevor die eigentliche Front ihre Wohngebiete erreichte. Der Begriff wurde in dieser Zeit propagandistisch genutzt, um dem deutschen Volk zu suggerieren, dass die Kooperation auch von Zivilisten für den Kriegserfolg entscheidend wäre, und um die Anstrengungen der Bevölkerung als militärisch bedeutsam darzustellen. Durch die herausragende Verwendung in der NS-Propaganda wird das Wort „Heimatfront“ fälschlicherweise zur Sprache des Nationalsozialismus gezählt[1] und ist negativ belegt, ist im Grunde aber nicht NS-genuin.

Die Mobilisierung im Deutschen Reich erfasste propagandistisch alle Lebensbereiche. Dies kommt in der von Joseph Goebbels geprägten Bezeichnung des „Totalen Kriegs“ zum Ausdruck. Die Einbeziehung von Frauen in die Rüstung und deren Mobilmachung stieß aber auf ideologische Vorbehalte. Trotzdem war angesichts des großen Mangels an Arbeitskräften die Erwerbsquote der Frauen schon 1939 in Deutschland höher als bis zum Kriegsende in Großbritannien. Nach einer Statistik des Reichsarbeitsministeriums vom Herbst 1943 waren in den USA 25,4 %, in Großbritannien 33,1 % und in Deutschland 34 % der Frauen in der Kriegswirtschaft beschäftigt. Diese Zahl dürfte nach Adam Tooze den tatsächlichen Umfang der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland unterschätzen. Die Frauenerwerbsquote in Deutschland lag während des Zweiten Weltkrieges höher als während des Ersten Weltkrieges.[2] 1939 war ein Drittel der verheirateten Frauen und über die Hälfte der Frauen im Alter zwischen 15 und 60 Jahren in Deutschland erwerbstätig. Die Frauen stellten in Deutschland mehr als ein Drittel der Arbeitskräfte, in Großbritannien nur ein Viertel. Der Unterschied zu Großbritannien erklärt sich zum Teil aus der unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur. So waren nur 2,7 Mio. der 14 Mio. weiblichen Erwerbstätigen in der Industrie beschäftigt. In der Landwirtschaft, die in Deutschland einen größeren Anteil ausmachte als in den stärker industrialisierten USA oder Großbritannien, waren 6 Mio. beschäftigt, insbesondere in den süddeutschen Familienbetrieben – die Männer wurden zunehmend in den Krieg eingezogen. In Großbritannien arbeiteten dagegen nur 100.000 Frauen in der Landwirtschaft. Aber auch in Industriezentren wie Berlin oder Ostsachsen waren 1939 über die Hälfte der Frauen erwerbstätig. In Städten wie Hamburg und Bremen und im Ruhrgebiet waren 40 % der Frauen im erwerbsfähigen Alter erwerbstätig. Weder die Mobilisierung der Frauen noch die Rekrutierung von „Fremdarbeitern“ noch Zwangsarbeit konnten die wirtschaftliche Unterlegenheit Deutschlands gegenüber den Kriegsgegnern ausgleichen.[3]

Während der Invasion der Sowjetunion durch das Deutsche Reich bewegten sowjetische Soldaten und Zivilisten die Standorte ihrer Fabriken weg von der Front (manchmal wurden ganze Fabrikanlagen zerlegt und anderswo wiederaufgebaut) und begannen, systematisch mittelschwere T-34 Panzer und Schlachtflugzeuge des Typs Il-2 in großen Stückzahlen zu produzieren.

Das norwegische Äquivalent, die Hjemmefront, gibt das durchweg positiv besetzte Bild eines norwegischen Widerstands gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg wieder, der alle Lebensbereiche umfasste.[4]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Dietmar Süß: Steuerung durch Information? Joseph Goebbels als „Kommissar der Heimatfront“ und die Reichsinspektion für den zivilen Luftschutz, in: Rüdiger Hachtmann, Winfried Süß (Hg.): Hitlers Kommissare. Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur (= Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Band 22), Göttingen: Wallstein 2006, S. 183-206.
  • Alexander Seyferth: Die Heimatfront 1870/71. Wirtschaft und Gesellschaft im deutsch-französischen Krieg (= Krieg in der Geschichte, Band 35), Paderborn u.a.: Schöningh 2007.
  • Sven Oliver Müller: Deutsche Soldaten und ihre Feinde. Nationalismus an Front und Heimatfront im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt am Main: Fischer 2007.
  • Nicole Kramer: Volksgenossinnen an der Heimatfront. Mobilisierung, Verhalten, Erinnerung (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 82), Göttingen: Wallstein 2011.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Home fronts – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Jürgen Brühns, Norddeutscher Rundfunk, Stand 14. März 2013 „"Heimatfront" – der Krieg der Zivilisten“
  2. Vgl. Adam Tooze, Wages of Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Economy, 2006, Taschenbuchausgabe 2007, S. 513 ff.
  3. Adam Tooze, a.a.O., S. 358 ff.
  4. Zur norwegischen Heimatfront Vgl. Terje Rollem