Heimatroman

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Der Heimatroman ist ein Genre der Trivialliteratur. Er zählt zur Volksliteratur, die sich populären Lesestoffen wie Heftromane oder Erbauungsschriften und traditionellen Erzählung wie Märchen widmet. Als Oberbegriff umfasst er u.a. die Genres Dorfroman, Bauernroman oder Bergroman.

Zum Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff der Heimatliteratur bzw. des Heimatromans entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zu den im Naturalismus beliebten Großstadtdarstellungen und im Zuge politischer Entwicklungen wie der Bauernbefreiung oder der Industrialisierung. Das Bürgertum gewinnt somit nicht nur gesellschaftlich und politisch, sondern durch den Heimatroman nun ebenso kulturell an Bedeutung. So stammte sowohl ein Großteil der Autoren als auch der Leser aus der bürgerlichen Mittelschicht des Bürgertums. Grundmotiv fast aller Heimatliteratur ist die Schaffung einer Gegenwelt zum Städtischen, Zivilisatorischen und die Kritik an Verstädterung, Industrialisierung und Technisierung. So setzte sie dem Modernisierungsprozess des auslaufenden 19.Jahrhunderts die heile Welt des Dorfes und der Natur und den traditionellen, moralischen Menschen gegenüber. Demnach beschreibt das Wort „Heimat“ in diesem Falle fast ausschließlich die ländliche Heimat – wo eine unversehrte und wohlgeordnete Welt noch existierte – jedoch nur in Ausnahmefällen die städtische.

Vorläufer, Geschichte und Autoren[Bearbeiten]

Vorläufer des Heimatromans können in den im Biedermeier entstandenen Dorfgeschichten und Bauernromanen gesehen werden. Dabei gilt als einer der ersten Vertreter des Genres Jeremias Gotthelf („Der Bauernspiegel“ (1837), „Uli der Knecht“ (1840)) oder auch Karl Immermann („Der Oberhof“). So sind als Vorbilder Romane der Schriftsteller des so genannten „poetischen Realismus“ zu betrachten, wie z. B. (neben den bereits oben erwähnten) Theodor Storm, Theodor Fontane oder Klaus Groth, die den Begriff „Heimat“ für das Genre der Heimatliteratur nachhaltig prägten. Ebenso gehört Berthold Auerbach zur ersten Generation der Autoren von Heimatliteratur, der mit seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ und seinen „Barfüßele“- Erzählungen den Geschmack der Leser aufs Vortrefflichste traf und geradezu einen Boom der Heimaterzählungen auslöste. Noch erfolgreicher waren Ludwig Ganghofer, der durch Millionenauflagen seiner Bücher ein häufig nachgeahmtes Modell für den Heimat- und Bergroman lieferte, oder Peter Rosegger, der 1876 die Familienzeitschrift „Heimgarten“ – ganz nach dem 23 Jahre älteren Vorbild „Gartenlaube“ – gründete.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Themen und Charakteristika des Heimatromans und die damit verbundene Weltanschauung von der „Blut-und-Boden-Literatur“ aufgegriffen. Auch wenn diese Literatur vor allem durch die Kulturpolitik des nationalsozialistischen Regimes so populär werden konnte, ist festzuhalten, dass ein Großteil ihrer Gedankengänge bereits in Teilen der vorangegangenen Heimatliteratur vorformuliert wurde und nun ideologisch missbraucht und zum Medium der NS-Propaganda wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten Heimatromane jedoch in Form von Heftchenromanen, Heimattheater, Heimatfilm oder später in Fernsehserien weiterleben und sich zu einer Literatur der Massen weiterentwickeln.

Österreichische Autoren wie Hans Lebert (1960: Die Wolfshaut), Thomas Bernhard (1963: Frost) und Gerhard Fritsch (1967: Fasching) entwickelten die Gattung des „kritischen Heimatromans“ oder „Antiheimatromans“, dessen Protagonisten die ländliche Atmosphäre als dumpf, beängstigend und bedrohlich erfahren. Bei Reinhard P. Gruber (1973: Aus dem Leben Hödlmosers) werden die typischen Elemente des Heimatromans hingegen auf satirische Weise karikiert.

Stilelemente[Bearbeiten]

Als Stilelemente des traditionellen Heimatromans gelten sowohl für den ernst gemeinten Heimatroman vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als auch für den verkitschten, auf den Massengeschmack abzielenden, trivialen Heimatroman:

  • die Störung der dörflichen Ordnung meist durch die Einkehr eines Fremdlings, der Unruhe in das statische Gefüge des Dorfes bringt
  • ein abgeschlossener Schauplatz, isolierte Welt (ein von Bergen umgebenes Dorf); Sehnsuchtslandschaften und Naturschauplätze wie beim „deutschen Wald“ spielen eine große Rolle.
  • der in den ewigen Kreislauf des Jahres eingespannte Mensch, gut dargestellt etwa in "Das Jahr des Herrn" (Waggerl)
  • die göttliche Schöpfungsordnung als fest gefügte zeitliche Ordnung (Jahreszeiten; vgl. Gstrein, Einer - Strukturierung des Jahres nach Tourismus-Saisonen)
  • Schwarz/Weiß-Zeichnung der Charaktere
  • die Dorfgemeinschaft als eine hierarchisch strukturierte, "gottgewollte", daher unveränderliche Ordnung
  • ein "traditionelles" Frauenrollenbild
  • das Happy End: die ursprüngliche Ordnung wird wiederhergestellt (Aufnahme oder Verstoßung/Scheitern des Fremden)

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Domagalski: Trivialliteratur. Geschichte Produktion Rezeption. Herder, Freiburg 1981, ISBN 3-451-17401-4, (studio visuell - Literatur).
  • Michael Wegener: Die Heimat und die Dichtkunst. In: Gerhard Schmidt-Henkel u. a. (Hrsg.): Trivialliteratur. Literarisches Colloquium, Berlin 1964, S. 53–65.
  • Karlheinz Rossbacher: Heimatkunstbewegung und Heimatroman. Zu einer Literatursoziologie der Jahrhundertwende. Klett, Stuttgart 1975, ISBN 3-12-392400-9, (Literaturwissenschaft - Gesellschaftswissenschaft 13).

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]