Heinrich Gross

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Heinrich Gross (Begriffsklärung) aufgeführt.

Heinrich Gross (* 14. November 1915 in Wien; † 15. Dezember 2005 in Hollabrunn) war ein österreichischer Arzt, dessen Tätigkeit im Sommer 1944 als Stationsarzt an der Wiener „Euthanasie“-Klinik Am Spiegelgrund zu zwei Anklagen vor Gericht führte. Strafrechtlich wurde Gross nie belangt. Dennoch sah in einem von Gross angestrengten Verleumdungsprozess das Oberlandesgericht Wien 1981 seine persönliche Beteiligung an der Kinder-„Euthanasie“ als gegeben an.[1]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Biographie

[Bearbeiten] Leben bis 1945

Gross trat bereits 1932 der Hitlerjugend bei, 1933 auch der SA. Dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ließ Gross seinen Beitritt zur NSDAP folgen. Nach Abschluss seines Medizinstudiums trat er Anfang 1940 seinen Dienst als Anstaltsarzt in der Pflegeanstalt Ybbs an und wechselte im November an das Krankenhaus am Wiener Spiegelgrund. Dort soll er sich 1944 an der Ermordung von behinderten Kindern beteiligt haben.

[Bearbeiten] Erstes Gerichtsverfahren und Aufstieg in Nachkriegsösterreich

Bereits 1950 wurde ein erstes Gerichtsverfahren gegen Gross angestrengt. Vorgeworfen wurde ihm die Beteiligung am Totschlag eines Kindes, wofür er zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. 1951 wurde das Urteil jedoch vom Obergericht aufgehoben und das Verfahren in der Folge eingestellt. Gross konnte erneut in den Dienst der Stadt Wien treten und arbeitete in der Folge in der Nervenheilanstalt Rosenhügel. 1953 trat er der SPÖ bei und kehrte 1955 an den Spiegelgrund (heute Baumgartner Höhe) zurück. Es folgte eine steile Karriere, für seine Forschungen an den teilweise aus der NS-Zeit stammenden Kinderhirnen wurde Gross sogar mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet und erhielt das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse, das ihm nach einem Beschluss des Ministerrates vom 25. März 2003 wieder aberkannt wurde.

[Bearbeiten] Zweites Gerichtsverfahren

Erst der Wiener Unfallchirurg Werner Vogt, heute Pflegeombudsmann, rief der Öffentlichkeit den Fall wieder in Erinnerung. Er beschuldigte Gross 1979 der Beteiligung an der Kinder-„Euthanasie“. Wegen dieser Vorwürfe wurde gegen Vogt ein strafrechtliches Gerichtsverfahren wegen Verleumdung eingeleitet, in dem er aber in zweiter Instanz freigesprochen wurde, da er den Wahrheitsbeweis für seine Anschuldigungen erbringen konnte. Die Anschuldigungen, dass Gross neun Morden beteiligt war, wurden dadurch gerichtlich bestätigt.[1] Die Eröffnung eines neuerlichen Gerichtsverfahrens verzögerte sich jedoch. 1981 konnte Gross unbescholten seinen Ruhestand als Arzt des psychiatrischen Krankenhauses antreten. Aus der SPÖ wurde Gross 1981 ausgeschlossen; die Partei konnte - obwohl bis dahin ununterbrochen in der Regierung - bis 1997 aufgrund der Gewaltenteilung die unabhängige Gerichtsbarkeit nicht daran hindern Gross trotz seiner erwiesenen Verwicklung in schwerste Verbrechen zum hochbezahlten und meistbestellten Gerichtsgutachter der zweiten Republik zu machen. Erst im März 2000 wurde das Verfahren eingeleitet, die Verhandlung jedoch bereits nach 30 Minuten wegen der per Gutachten festgestellten fortschreitenden Hirndemenz vertagt und nie wieder aufgenommen. Zweifel über diese Beurteilungen kamen jedoch in der Öffentlichkeit rasch auf, nachdem Gross im Anschluss an das Verfahren in einem Kaffeehaus Interviews gab und über den Zweiten Weltkrieg erzählte. 2005 aufgetauchte Dokumente aus russischen Archiven belasteten Gross in der Folge noch schwerer, da der Arzt Erwin Jekelius, ein mutmaßlicher Hauptverantwortlicher für das NS-Euthanasieprogramm in Österreich, seinen Gehilfen Heinrich Gross schwer belastete. Jekelius soll tausende behinderte Menschen in die Gaskammern der NS-Tötungsanstalt Hartheim deportieren lassen und die Ermordung behinderter Kinder am Spiegelgrund angeordnet haben, die Gross ausgeführt hätte.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur und Film

Bücher

  • Matthias Dahl: Endstation Spiegelgrund. Die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus am Beispiel einer Kinderfachabteilung in Wien 1940 bis 1945, ERASMUS, Wien 2004, ISBN 3-9500624-8-3 (zugl. Dissertation Universität Göttingen 1996)
  • Johann Gross: Spiegelgrund. Leben in NS-Erziehungsanstalten, Ueberreuter, Wien 2000, ISBN 3-8000-3769-6
  • Waltraud Häupl: Die ermordeten Kinder vom Spiegelgrund. Gedenkdokumentation für die Opfer der NS-Kindereuthanasie in Wien, Böhlau, Wien 2006, ISBN 3-205-77473-6
  • Oliver Lehmann, Traudl Schmidt: In den Fängen des Dr. Gross. Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel, Czernin, Wien 2001, ISBN 3-7076-0115-3

Filme

  • Robert Altenburger, Christoph Feurstein: Die Kinder vom Spiegelgrund. Dokumentation, ORF, Wien 1991
  • Angelika Schuster, Tristan Sindelgruber: Spiegelgrund. Dokumentation, 2000 (71 Min.)
  • Elisabeth Scharang (Regie): Mein Mörder. Spielfilm, Wega-Film, Wien 2005 (88 Min.)
  • Elisabeth Scharang mit Florian Klenk: Meine liebe Republik (Dokumentation mit und zu Friedrich Zawrel, welcher zweimal Gross begegnet ist: 1944 Gross als Spiegelgrund-Stationsarzt, und 1974 Gross als Gerichtsgutachter.) Wien 2006. [2]

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b Zum Umgang mit der NS-Euthanasie in Wien nach 1945, Artikel des DÖW von Wolfgang Neugebauer
  2. Onlineauftritt WEGA-FILM Filmdokumentation mit dem Betroffenen Friedrich Zawrel 2006
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