Heinrich Hoerle

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Heinrich Hoerle (* 1. September 1895 in Köln; † 3. Juli 1936 ebenda) war ein deutscher Maler.

Er hatte seine Anfänge im Rheinischen Expressionismus und war nach dem Ersten Weltkrieg Teil der Kölner Dada-Gruppe um Johannes Baargeld und Max Ernst. Mit seiner Frau, der Malerin Angelika Hoerle,[1] löste er sich von Max Ernsts internationaler Dada-Tendenz und schloss sich Anton Räderscheidts Gruppe stupid an. Ab Mitte der 1920er Jahre gehörten er und sein Freund Franz Wilhelm Seiwert zum Kern der revolutionären Gruppe progressiver Künstler. Es gibt puristisch strenge konstruktivistische Bilder von Hoerle, andere stehen in der Tradition der pittura metafisica de Chiricos (ab 1919) und des Surrealismus. 1931/32 erfolgte der Übergang zur Wachsmalerei, die den Höhe- und Endpunkt in seinem Werk bildet.[2][3]

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Der Arbeiter, 1922/23

Hoerle war als Maler Autodidakt,[4] besuchte 1912 sporadisch die Kunstgewerbeschule in Köln. 1913 richtete er sein erstes Atelier, in der elterlichen Wohnung in Köln ein. Teilnahme am Gereonsklub.[5] 1913 wurde er Mitglied der Künstlergruppe Lunisten, der auch Max Ernst und Otto Freundlich angehörten.[4] 1916–1918 war Hoerle Soldat, Telefonist bei der Feldartillerie.[6] Er veröffentlichte 1917 erste Arbeiten in Franz Pfemferts Aktion und im Simplicissimus.

Am 25. Juni 1919 heiratete Heinrich Hoerle Angelika Fick. Ihr Bruder Wilhelm Fick war ebenfalls Maler. Hoerle lernte Franz Wilhelm Seiwert kennen, mit dem er bis kurz vor dessen Tod eng befreundet blieb, Hans Schmitz-Wiedenbrück und Ret Marut. Mit Alfred Grünwald arbeitete er im Februar und März 1920 an der Dada-Wochenzeitschrift Der Ventilator.[4][7] Teilnahme an der Herbstausstellung der expressionistischen Gesellschaft der Künste im Kölnischen Kunstverein, Hoerle stellte im dadaistischen Raum aus.[8] Es ist nicht sicher, ob Hoerle an der „Ausstellung für das werktätige Volk“ im Kunstgewerbemuseum teilnahm (1919). Seine Krüppelmappe wurde im Lichthof des Kunstgewerbemuseums ausgestellt.[9] Auf der Dada-Ausstellung im Brauhaus Winter (April 1920) waren die Hoerles nicht vertreten.[10] Max Ernst sprach von einer Sezession von Dada Köln (also von Johannes Baargeld, Max Ernst und Hans Arp).[11] Die Hoerles wollten eine politischere und auch weniger nach Frankreich ausgerichtete, auf regionale Maler konzentrierte Kunst. Sie schlossen sich Anton Räderscheidts Gruppe stupid an.[12] Hoerles erste streng konstruktivistische Phase begann 1920 und dauerte bis 1923, eine weitere von 1930 bis 1932.[13]

Zwei Frauen, 1930

Hoerle freundet sich mit Gerd Arntz und Gottfried Brockmann, die in Düsseldorf wohnten, an. Die Hoerles besuchten Seiwert in der Künstlerkolonie Simonskall im Kalltal in der Eifel. Sie blieben immer nur kurz, Hoerle war ein Stadtmensch.[14] Hoerle lernte 1923 August Sander kennen, der viele seiner Bilder photographierte. Sander hat Hoerle auch bei der Arbeit photographiert.[15]

Angelika Hoerle erkrankte an der Schwindsucht (1922) und starb im September 1923. Hoerles Vater und seine Schwester Marie starben ebenfalls an Tbc. Hoerle hatte sie als Kind überlebt, erlag aber am 3. Juli 1936 der Kehlkopftuberkulose.

Hoerle heiratete 1924 Martha Kleinertz geb. Pütz,[16] 1933 die Schauspielerin Trude Alex.

Hoerle war ein erfolgreicher Künstler. 1926 besaßen das Kunstmuseum Düsseldorf, die Museen in Elberfeld und Hagen, das Wallraf-Richartz-Museum, Köln, das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld und die Kunsthalle Mannheim Bilder von Hoerle. Außerdem das Museum in Detroit und die Staatsakademie der Kunstwissenschaft in Moskau.[17] Im „Dritten Reich“ wurden 21 seiner Werke aus deutschen Museen beschlagnahmt und wahrscheinlich vernichtet.[18]

Hoerle hatte zusammen mit Seiwert, Freundlich und anderen die „Gruppe progressiver Künstler“ in Köln gegründet. Von 1924 an stellten sie in Kollektivausstellungen u. a. in Köln, Nürnberg, Berlin, Amsterdam, Paris und Chicago aus. 1929 erfolgte die Gründung der Zeitschrift „a bis z“,[4] als Organ der Gruppe. Hoerle gab die ersten 21 Hefte heraus. Die Hefte 22 bis 30 die Gruppe Köln. 1930 war das erfolgreichste Jahr der Gruppe, mit Ausstellungen in Köln, Hannover, Nürnberg, Berlin, Düsseldorf, Amsterdam, Prag, Chicago und Paris. 1931 stellten sie in New York, Köln, Düsseldorf und Berlin aus. 1932 in Köln, Düsseldorf, Kopenhagen. Außerdem wurde eine große Gruppenausstellung im Kölnischen Kunstverein veranstaltet. 1933 wurde diese Kunst als „entartet“ diffamiert.[4] Hoerle überwarf sich 1932 mit Seiwert, der 1933 starb, Heinrich Hoerle auf den Tag genau drei Jahre später.

Werk[Bearbeiten]

Aus sozialistischen Impulsen heraus wollte er eine Kunst für die Massen in den großen Städten. Die Formen sind von der Neuen Sachlichkeit, von den Konstruktivisten und von Leger geprägt, eine Verbindung von realistischen mit konstruktivistischen Elementen. Der Mensch dient ihm als Symbolgestalt. Er malte ihn als Krüppel, als mechanische Gliederpuppe ohne Gesicht, als Sklaven der Technik. Der Arbeiter wird zum wesenlosen Roboter. Die Maschine hat sein Menschsein verschlungen, seine Individualität vernichtet.

Mit dem Fortschritt der Zeit änderte sich die Einstellung Hoerles. Gegen Ende der 1920er Jahre entstanden unter dem Einfluss von Max Ernst, Giorgio de Chirico und Juan Gris malerisch lockere surreale Bilder.

Der Kölner Maler Heinrich Hoerle gehörte in den 1920er und 1930er Jahren neben Franz Seiwert und Gerd Arntz und den jüngeren Gottfried Brockmann oder Otto Coenen (1907-1971) zu den figürlich-konstruktivistisch arbeitenden Künstlern des Rheinlandes.

Quellen[Bearbeiten]

  • Ruhrberg, Schneckenburger, Fricke, Honnef: Kunst des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Ingo F. Walther, Teil I (Malerei) von Karl Ruhrberg, Köln 2000.
  • Paul Vogt: Geschichte der deutschen Malerei im 20. Jahrhundert. Köln 1989.
  • Kunst des 20. Jahrhunderts. Museum Ludwig Köln, Köln 1996.
  • Horst Richter: Geschichte der Malerei im 20. Jahrhundert, Stile und Künstler, Köln 1998.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Schmitt-Rost: Heinrich Hoerle. Aurel Bongers, Recklinghausen 1965
  • Hoerle und sein Kreis, Kunstverein, Frechen 1970
  • Heinrich Hoerle, 1895–1936, Werke aus dem Nachlaß, Von der Heydt-Museum, Wuppertal, 1974
  • Dirk Backes (Text u. Werkkatalog) mit Beiträgen von Wolfram Hagspiel und Wulf Herzogenrath: Heinrich Hoerle, Leben und Werk, 1895–1936, Rheinland Verlag, Köln, 1981. Zur Ausstellung 16. Oktober 1981 – 10. Januar 1982 im Kölnischen Kunstverein, Köln.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heinrich Hoerle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Angelika Hoerle, geb. Margaretha Angelika Fick, * 20. November 1888 in Köln, † 9. September 1923 in Köln an Tuberkulose. Ihr Bruder Wilhelm Fick war ebenfalls Maler. Siehe Website ihrer kanadischen Großnichte, der Kunsthistorikerin Angelika Littlefield (angielittlefield.com)
  2. Sabine Kimpel-Fehlemann (Bearbeiterin): Städtisches Museum Abteiberg Mönchengladbach. Bestandskatalog I. 1981, S. 211
  3. Hans Schmitt-Rost: Heinrich Hoerle. Recklinghausen 1965, S. 20 („Er verwendete die Wachstifte vornehmlich kalt.“)
  4. a b c d e Deutsches Historisches Museum: Die zweite Schöpfung. In: Website dhm.de. Abgerufen am 27. Juli 2009.
  5. Die Rheinischen Expressionisten, August Macke und seine Malerfreunde Aurel Bongers, Recklinghausen, 1980 (1979er Wanderausstellung), mit einem Auszug aus Franz M. Jansens Autobiographie, als Quelle zum Geronsclub von Olga Oppenheimer, S. 47ff.
  6. Summarische Lebensläufe bei Hans Schmitt-Rost, Heinrich Hoerle, 1965, Lebensdaten, S. 22f. und Dirk Backes, Heinrich Hoerle, 1895-1933, 1981, Heinrich Hoerle, Biographie S. 158 f. In Backes, 1981: Angelika Hoerle, 1888-1923, Biographie, Werkkatalog, S. 289–314
  7. Walter Vitt, Auf der Suche nach der Biographie des Kölner Dadaisten Johannes Theodor Baargeld. Mit zahlreichen Arbeiten und Texten Baargelds sowie einem Reprint der Wochenschrift 'Der Ventilator' von 1919, Keller Verlag, Starnberg, 1977. Zu den Mitarbeitern des Ventilators gehörten Seiwert, Freundlich, Ernst.
  8. Das Bulletin D der Gruppe D wird von den Engländern wegen eines politischen Aufsatzes von Otto Freundlich beschlagnahmt.
  9. Krüppel, 12 Lithographien in Mappe von Heinrich Hoerle, 1920, im Selbstverlage H. H., Köln-Lindenthal, Bachemer Str. 243. Werbeblatt bei Backes, S. 101. Der Verlag nannte sich dann Schloemilch-Verlag und publizierte die schammade und eine Max Ernst Mappe Fiat Modes. Finanziert wurden die Krüppel Mappe und Fiat Modes von der Arbeitsgemeinschaft Kölner Künstler, also der Stadt Köln.
  10. Werner Spies, Max Ernst, Collagen, Dumont, Köln, 1974. Entgegen Schmitt-Rost, S. 22. Die Ausstellung wurde polizeilich geschlossen, aber unter dem Banner „Dada siegt“ wiedereröffnet.
  11. Spies
  12. Im Katalog stupid 1 sind Wilhelm Fick, beide Hoerles, Räderscheidt und seine Frau Marta Hegemann und Seiwert vertreten (Backes, S. 27). Seiwert nannte die Gruppe im Herbst 1919 Neukölnische Malerschule, Hildeboldplatz 9. Brief an Pol Michels (Backes, S. 30). Gottfried Brockmann sprach von der „neuen Kölner Malerschule auf proletarischem Goldgrund“ (Schmitt-Rost, S. 9)
  13. Backes, S. 158
  14. junkerhaus-simonskall
  15. Hoerle zeichnet den Boxer Hein Domgörgen, Backes, S. 48. Bei Backes (S. 89–95) auch Hoerle Atelier Photographien (1930/31) des autodidaktischen Kölner Photographen Hannes Maria Flach
  16. Martha Kleinertz war zuvor mit dem Architekten Willi Kleinertz verheiratet gewesen.
  17. Einladung zur Ausstellung Heinrich Hoerle in der Galerie Dr. Becker-Newman, Köln, Wallraf Platz (Backes, S. 39). Außerdem hatten Museen in Bonn, Essen, Neuß, Saarbrücken, Leningrad und Wien Hoerle-Arbeiten (Schmitt-Rost, 1965, S. 23).
  18. Schmitt-Rost, 1965, S. 23.