Heinz Kühn

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Heinz Kühn, 1966

Heinz Kühn (* 18. Februar 1912 in Köln; † 12. März 1992 ebenda) war ein deutscher Politiker (SPD) und von 1966 bis 1978 Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen.

Jugend, Schulzeit, Studium[Bearbeiten]

Heinz Kühns Jugend wurde auf der einen Seite von seinem sozialdemokratischen Vater, dem Tischler Hubert Kühn, und auf der anderen Seite von seiner katholischen Mutter Elisabeth, geb. Lauten, geprägt. Dabei setzte seine Mutter die Taufe und eine katholische Erziehung sowie den Besuch einer katholischen Volksschule durch. Die Familie Kühn lebte im rechtsrheinischen Köln-Mülheim und konnte Heinz den Besuch des dortigen Reform-Realgymnasiums in der Adamsstraße ermöglichen, dem nachmaligen Rhein-Gymnasium, das er mit der Mittleren Reife 1928 verließ.

Der Umzug der Familie in eine „rote Siedlung“ in Köln-Mauenheim ließ seit 1926 die weltanschauliche Prägung durch den Vater dominierend werden. 1928 trat Kühn den Roten Falken, einer Jugendorganisation der SPD, bei und stieg schnell zum Leiter einer Falken-Schülergruppe auf. Später gelang es ihm, führender oberrheinischer Funktionär der SAJ zu werden. Nach seinem 18. Geburtstag trat er auch der Mutterpartei SPD bei.

Ostern 1931 legte Kühn die Abiturprüfung an der Oberrealschule in Köln-Kalk ab. Im Sommersemester 1931 begann er ein Studium der Staatswissenschaften und der Nationalökonomie an der Universität Köln. Er gehörte der sozialdemokratischen Vereinigung sozialistischer Studenten an. Aus dieser Gruppe wechselten im Herbst 1931 viele zur Linksabspaltung SAP, darunter Kühns bester Freund. Kühn selbst ging einen anderen Weg und schloss sich dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an, das es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Weimarer Republik vor ihren Feinden von Rechts wie von Links zu schützen. Kühn war als Kreisführer der Jugendorganisation Jungbanner in massive Auseinandersetzungen mit der SA und SS der NSDAP verwickelt und stand im Kontakt mit der Widerstandsgruppe Rote Kämpfer.

Kühns Distanz zur SAP wandelte sich unter dem Eindruck der Machtübergabe an Hitler 1933 in Sympathie. Formell verließ er die SPD aber nicht und wurde auch nicht Mitglied der SAP.

Im Exil[Bearbeiten]

Aufgrund des Verfolgungsdrucks von politischer Polizei, SA und SS verließ er Köln. 1933 lernte er seine Frau Marianne kennen, die er dann 1939 heiratete.[1] Am 5. Mai 1933 ging er mit seiner Frau zunächst ins Saargebiet; weitere Stationen der Emigranten waren Prag, Brüssel und schließlich Gent. Während dieser Zeit arbeitete er an Untergrundzeitschriften mit. Die Kriegszeit verbrachte er in London.

Neuanfang in Köln nach 1945[Bearbeiten]

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er zuerst als Journalist, bald auch als Politiker. Von 1946 bis 1950 war er als Redakteur der Rheinischen Zeitung tätig. Heinz Kühn war Ende der 1950er Jahre Vorsitzender des NWRV, der Fernsehsendeanstalt des Nordwestdeutschen Rundfunks. Kühn lebte mit seiner Familie zuerst in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Köln-Buchforst bis sie 1958 in Köln-Dellbrück am Roteichenweg ein Einfamilienhaus bauen ließen, in dem Marianne 1979 Jahre ihre Naive-Kunst-Malerei eröffnete und bis ins hohe Alter dort auch Ausstellungen organisierte.[2]

Politische Karriere[Bearbeiten]

Kühn begann seine Abgeordnetenkarriere 1948, als er am 27. März für Willi Eichler in den Landtag von Nordrhein-Westfalen, dem er bis 1954 angehörte, nachrückte. Von 1953 bis zum 9. April 1963 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war er von 1953 bis 1957 stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Fragen der Presse, des Rundfunks und des Films und anschließend bis 1961 des Ausschusses für Kulturpolitik und Publizistik.

Zeitweise war Kühn auch Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates und der Versammlung der Westeuropäischen Union, wo er jeweils von 1959 bis 1963 die Sozialistische Fraktion leitete.

Im Juli 1962 kehrte Kühn als Fraktionsvorsitzender der SPD in den nordrhein-westfälischen Landtag zurück, dem er bis 1978 angehörte. Ebenfalls 1962 wurde er Vorsitzender des SPD-Bezirks Mittelrhein, 1970 erster Landesvorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen. Innerhalb der SPD gehörte Kühn zu den Befürwortern des Mehrheitswahlrechts.

Nach der Zeit als Landtagsabgeordneter blieb er als Mitglied des Europaparlaments (1979 bis 1984) politisch aktiv.

Zu seinem 70. Geburtstag machte ihn sein Parteifreund und Amtsnachfolger Johannes Rau zum Namensgeber der 1982 gegründeten Heinz-Kühn-Stiftung, deren Zielsetzung die Förderung begabter Nachwuchsjournalisten aus dem In- und Ausland ist.[3] Kühn selbst war auch Mitglied des Stiftungskuratoriums.

Im Juni 1983 übernahm er nach dem Tod von Alfred Nau den Vorsitz der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), deren stellvertretender Vorsitzender er seit 1970 gewesen war. Am 4. Dezember 1987 musste er den Vorsitz aus gesundheitlichen Gründen niederlegen, behielt jedoch bis zu seinem Tod ein Büro in der Bonner FES-Zentrale.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

Von 1966 bis 1978 amtierte er als Nachfolger von Franz Meyers (CDU) als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Er wurde mit Hilfe der FDP gewählt und begründete damit die zweite sozialliberale Koalition des Landes, diese wirkte auch auf Bundesebene als Vorbild. Meyers hatte nach Bildung der Großen Koalition auf Bundesebene die FDP-Landesminister entlassen und der SPD eine Große Koalition auch auf Landesebene vorgeschlagen. Die Sozialdemokraten entschieden sich jedoch für die Liberalen als Partner. Die Sanierung des Ruhrgebiets, die Schul- und Verwaltungsreform waren Hauptaufgaben, die er sich vorgenommen hatte und bei denen er beträchtliche Erfolge erzielte. Vom 1. November 1971 bis zum 31. Oktober 1972 war er auch Bundesratspräsident.

In den letzten Jahren seiner Amtsführung als Ministerpräsident konstatierten Kritiker immer deutlicher Resignation und Anzeichen von Führungsschwäche. Zu einer schweren Belastung wurden im Frühjahr 1978 die Umstände des Rücktritts des Landesbankchefs Ludwig Poullain, die auch Kühns politische Verantwortung berührten. Kühn wollte zwar ursprünglich bis 1980 im Amt bleiben, trat aber aus gesundheitlichen Gründen zum 20. September 1978 zurück.

Im November 1978 wurde er von der Bundesregierung zum Ausländerbeauftragten berufen und nahm dieses Amt bis Herbst 1980 wahr.

Ehrungen[Bearbeiten]

Heinz-Kühn-Medaille[Bearbeiten]

Die Region Mittelrhein des SPD-Landesverbandes NRW verleiht seit 30. März 1992 in jedem Jahr die Heinz-Kühn-Medaille auf folgender Grundlage:

„Der SPD-Bezirksvorstand stiftet aus Anlass des Todestages von Heinz Kühn jährlich die Heinz-Kühn-Medaille. Mit ihr sollen Einzelpersonen und Gruppen ausgezeichnet werden, die sich besonders für das Miteinander von Deutschen und Ausländern einsetzen. Diese Aktivitäten sollen durch beispielhafte Einzelinitiative gekennzeichnet sein und sich zukunftsweisend aus dem Rahmen der normalen Ausländerarbeit herausheben. Die Heinz-Kühn-Medaille kann auch an Nichtmitglieder verliehen werden.“

Heinz Kühn setzte 1978 in Nordrhein-Westfalen erstmals einen Ausländerbeauftragten ein (Kühn-Memorandum).

Die Heinz-Kühn-Medaille haben im Jahr 2008 Hans-Gerd Ervens, Irene Westphal sowie das Musikforum Wesseling e.V. erhalten.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Widerstand und Emigration. Die Jahre 1928–1945. Hamburg 1980, ISBN 3-455-08842-2.
  • Konrad Adenauer und Kurt Schumacher als politische Redner. In: Bernd Rede, Klaus Lompe, Rudolf von Thadden, Idee und Pragmatik in der politischen Entscheidung. Alfred Kubel zum 75. Geburtstag. Bonn, 1984, Seiten 81 bis 93.
  • Die Kunst der politischen Rede. Düsseldorf, 1985.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Düding: Heinz Kühn 1912–1992, Eine politische Biographie, Essen 2002, ISBN 3-89861-072-1
  • Ders., Heinz Kühn (1912–1992), in: Sven Gösmann (Hrsg.), Unsere Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen. Neun Porträts von Rudolf Amelunxen bis Jürgen Rüttgers, Düsseldorf 2008, S. 126–153, ISBN 978-3-7700-1292-3
  • Die Kabinettsprotokolle der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen 1966 bis 1970 (Sechste Wahlperiode) (Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 8), hrsg. von Christoph Nonn, Wilfried Reininghaus und Wolf-Rüdiger Schleidgen, eingel. u. bearb. von Andreas Pilger, Siegburg 2006, ISBN 3-87710-361-8
  • Die Kabinettsprotokolle der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen 1970 bis 1975 (Siebte Wahlperiode) (Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 27), hrsg. von Frank Michael Bischoff, Christoph Nonn und Wilfried Reininghaus, eingel. u. bearb. von Martin Schlemmer, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-9805419-7-8

Quellen[Bearbeiten]

  1. Pressenotiz zum 88ten der NRW-SPD (Zugriff Juli 2011)
  2. Tobias Christ: Wo Kölner Prominente wohnten, Heinz Kühn in Kölner Stadtanzeiger 23/24. Juli 2011 (Immobilienteil)
  3. zur Gründungsgeschichte der HKS

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heinz Kühn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien