Heinz Ritter-Schaumburg

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Heinz Ritter im Jahr 1990

Heinz Ritter-Schaumburg (* 3. Juni 1902 in Greifswald als Heinrich Adolf Ritter; † 22. Juni 1994 in Rinteln OT Schaumburg) war ein deutscher Privatgelehrter, der seit 1975 mit seinen Thesen zur Thidrekssaga und zum Nibelungenlied für Aufsehen gesorgt hatte. Näheres zu dieser These findet sich unter dem Artikel Thidrekssaga als historische Wirklichkeit.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben und Werk

Heinz Ritter studierte Medizin, Germanistik, Spanisch und Biologie, beherrschte sieben Sprachen und promovierte zum Dr. phil.. Nach einer Tätigkeit als Heilpädagoge war er als Lehrer an der Waldorfschule Hannover bis zu deren Schließung 1936 tätig, danach erhielt er eine Veröffentlichungssperre, weil er ein Kinderheim nach damals sehr neuartigen pädagogischen Grundsätzen aufgebaut hatte, die den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen widersprachen.

Heinz Ritter ist Verfasser zahlreicher Bücher, Gesamtauflage über 100 000. Sein bekanntestes Werk Die Nibelungen zogen nordwärts, 1981 erstmals erschienen und zu den „Sieben Büchern des Jahres“ (Süddeutsche Zeitung) gehörend, erschien (inzwischen als Taschenbuch) bereits in 8. Auflage. Hierbei handelt es sich um einen interdisziplinären, frühgeschichtlichen Forschungsbericht, in dem er neuartige Methodologien angewandt hat, die ihm bleibende Beachtung gesichert, aber auch viel Kritik eingetragen haben.

Er stellte die These auf, dass die in skandinavischen Sprachen überlieferte, heidnisch geprägte Didriks-Chronik Thidrekssaga eine sehr späte Übersetzung sehr alter deutscher Lieder sei, die Ereignisse des 6. Jahrhunderts n. Chr. schildern. Darauf bauten seine Rückschlüsse über den Zug der Nibelungen nach Soest sowie die Verortung vieler anderer in dieser Chronik geschilderten Ereignisse auf. Das oberdeutsche, christlich geprägte Nibelungen-Lied ist seiner Meinung nach eine jüngere, literarisch großartige Wiedergabe der alten Maeren, die Didriks-Chronik dagegen aber die Übersetzung des ursprünglichen, verlorengegangenen Werkes, das den geschichtlichen Abläufen noch sehr nahe stand.

Diese Thesen und seine transdisziplinäre Forschungsweise wurden von den Fachdisziplinen der Geschichte, Germanistik und Skandinavistik sehr kritisch kommentiert und zum Großteil zurückgewiesen.

Für seine Forschungen zu diesem Themenkomplex erhielt er 1987 das Bundesverdienstkreuz [1] und 1989 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen [2].

Heinz Ritter galt weiterhin als ein führender Novalis-Kenner, der auch auf dem Gebiet der Novalis-Forschung Grundlegendes veröffentlicht hatte. Neben anderem beantwortete Ritter die Frage nach der Datierung einiger Gedichte, indem er Novalis' Handschrift analysierte und dadurch im Vergleich mit Briefen die Entstehungsfolge der Gedichte angeben konnte.

Ihm selbst lag besonders das 1985 erschienene sprachwissenschaftliche Werk „Die Kraft der Sprache: Über das Wesen der Vokale und Konsonanten“ am Herzen. Darin versuchte er sprachanalytisch bis an die Wurzeln menschlicher Artikulation vorzudringen.

Seine weitere Schaffensbreite war enorm: Lyrik, Kindergedichte, Laienspiele und erzählende Dichtung sowie Arbeiten auf dem Gebiet der bildenden Kunst und nicht zuletzt der Tondichtung (Vertonung von Möricke-, Eichendorff- sowie eigenen Gedichten).

Noch im 92. Lebensjahr brachte Ritter zwei weitere Bücher heraus. Sein ergänzendes Weland-Buch erschien postum im Jahre 1999.

Der Hochschullehrer Hans Martin Ritter (*1936) ist sein Sohn, die deutsche Schauspielerin Ilse Ritter (* 1941) seine Tochter.

[Bearbeiten] Schriften (Auswahl)

Germanistik

Novalis-Forschung:
  • Die Datierung der <Hymnen an die Nacht>, In: Euphorion 52, C. Winter, Heidelberg 1958, S. 114-141 ISSN, 0012-0936
  • Die Geistlichen Lieder des Novalis. Ihre Datierung und Entstehung. In: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft 4, Wallstein, Göttingen 1960, S. 308-342, ISSN 0070-4318
  • Das Azzo-Fragment. Eine unbekannte Novalis-Handschrift. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 34, Metzler, Stuttgart 1960, S. 378-383, ISSN 0012-0936
  • Die Entstehung des Heinrich von Ofterdingen. In: Euphorion 55, C. Winter, Heidelberg 1961, S. 163-195, ISSN 0014-2328
  • Der unbekannte Novalis, Sachse & Pohl, Göttingen 1967
  • Novalis' Hymnen an die Nacht - Ihre Deutung nach Inhalt und Aufbau auf textkritischer Grundlage, 2. wesentlich erweiterte Auflage mit dem Faksimilé der Hymnen-Handschrift, C. Winter, Heidelberg 1974, ISBN 3-533-02348-6 und ISBN 3-533-02349-4
  • Novalis: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Hrsg. von Heinz Ritter und Gerhard Schulz, 3. ergänzte und erweiterte Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 1977, ISBN 978-3-17-001299-8
  • Novalis und seine erste Braut, Urachhaus, Stuttgart 1986, ISBN 3-87838-480-7
  • Novalis vu par ses contemporains Karl von Hardenberg. Trad. de l'allemand par Vincent Choisnel. Préf. de Paul-Henri Bideau. Postface de Heinz Ritter, Ed. Novalis, Montesson 1994, ISBN 2-910112-08-X
Germanistik und Frühgeschichte
  • Dietrich von Bern - König zu Bonn, Herbig, München 1982, ISBN 3-7766-1227-4
  • Die Thidrekssaga oder Didrik von Bern und die Niflungen. In der Übersetzung von Friedrich von der Hagen. Völlig neu bearb. Aufl. der 2. Ausgabe Breslau 1855. Hrsg. und mit geographischen Anmerkungen versehen von Heinz Ritter, Reichl, St. Goar 1990, ISBN 978-3-87667-101-7
  • Sigfrid - ohne Tarnkappe, Herbig, München 1990, ISBN 978-3-7766-1652-1
  • Die Didriks-Chronik oder die Svava. Das Leben König Didriks von Bern und die Niflungen. Erstmals vollständig aus der altschwedischen Handschrift der Thidrekssaga übersetzt und mit geographischen Anmerkungen versehen, 2. unveränderte Auflage, Reichl, St. Goar 1991, ISBN 3-87667-102-7
  • Die Nibelungen zogen nordwärts, 6. unveränderte Auflage, Herbig, München 1992, ISBN 3-7766-1155-3
  • Die Nibelungen zogen nordwärts, Taschenbuchausgabe mit Register, 8. unveränderte Auflage, Reichl, St. Goar 2002, ISBN 3-87667-129-9
  • Der Schmied Weland, Olms, Hildesheim 1999, ISBN 3-487-11015-6
Sprachforschung
  • Die Kraft der Sprache, Von der Bedeutung der Vokale und Konsonanten in der Sprache, München, Herbig, 1985, ISBN 3-7766-1287-8
  • Ursprache lebt, Reichl, 2. unveränderte Auflage, St. Goar 1999, ISBN 3-87667-207-4

Frühgeschichte des 1. Jahrhunderts:

  • Der Cherusker. Arminius im Kampf mit der römischen Weltmacht. Herbig-Verlag, München-Berlin 1988, ISBN 3-7766-1544-3, Inhaltsgleiche Neuauflage unter dem Titel Hermann der Cherusker. Die Schlacht im Teutoburger Wald und ihre Folgen für die Weltgeschichte. VMA-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-928127-99-8

Dichtung

Erzählende Dichtung:
Epische Dichtung:
Erzählende Dichtung für Kinder:
  • Die schönsten Sagen, 2. Auflage, 21. - 28. Tsd., Bertelsmann, Gütersloh o.J (1960)
  • Die goldene Kugel, Singspiel, Möseler, Wolfenbüttel-Zürich 1966
  • Sagen der Völker, 5. unveränderte Auflage, Freies Geistesleben, Stuttgart 1987, ISBN 3-7725-0664-X
Gedichte:
  • Der goldene Wagen, Bösendahl, Rinteln 1953
  • Wachsende Ringe, Gedichte meines Lebens, Reichl, St. Goar 1995, ISBN 3-87667-205-8
  • Sehnen und Streben, Gedichte meiner Wanderzeit, Manufactur, Horn 1984, ISBN 3-88080-061-8
  • Der Pfeiffer von Hameln, mit Illustrationen von Christiane Lesch, Ogham, Stuttgart o.J. (1986), ISBN 3-88455-153-1
  • Eins und Alles, Gedichte für Kindheit und Jugend, 12., unveränderte Auflage, Freies Geistesleben, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-7725-2373-1
  • Liebe Erde, Gedichte und Sprüche, 5. erweiterte Auflage, Ogham, Stuttgart 1982, ISBN 3-88455-006-3
  • Das Maulwurfs-Igelchen, Ogham, Stuttgart 1989-2, ISBN 3-88455-037-3
  • Die Kunterbunte Dichterwerkstatt, edition fischer, Frankfurt a.M. 1993, ISBN 3-89406-809-4

Bibliophile Ausgaben:

  • Die Jahreszeiten in Liedern, Initialmalerei von Adolph B. G. Ritter, Hrsg. von Heinz Ritter, Reichl, St. Goar o.J. (1993), ISBN 978-3-87667-228-1

[Bearbeiten] Literatur

  • Hinrich Jantz: Heinz Ritter, Arbeitskreis für Deutsche Dichtung, Niederems 1963
  • Roswitha Wisnewski, Mittelalterliche Dietrichdichtung, Stuttgart 1986, ISBN 978-3-47610-205-8
  • Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, de Gruyter, Berlin-New York 1988, ISBN 978-3-11010-901-6
  • Hans den Besten: Bemerkungen zu einer Kritik Johannes Jonatas u.a. zu Ritter-Schaumburgs "Die Nibelungen zogen nordwärts". In: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik, Band 33, Amsterdam 1991, S. 117-130
  • Heinrich Beck: Zur Thidrekssaga-Diskussion. In: Zeitschrift für deutsche Philologie, Band 112, Erich-Schmidt-Verlag, Berlin 1993, ISSN 1865-2018
  • Hans Rudolf Hartung: Soest in der Sage, Emil Griebsch-Verlag, Hamm 1994, ISBN 978-3-92496-604-1

[Bearbeiten] Quellen und Anmerkungen

  1. Ansporn für ein neues Werk - Verdienstkreuz für Nibelungenforscher Dr. Heinz Ritter, Schaumburger Zeitung, 23. Februar 1987
  2. Verdienstorden für Dr. Ritter - Als Geschichtsbuch-Autor ausgezeichnet, Schaumburger Zeitung, 14. April 1989
  • Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender, München 1983
  • Hans Rudolf Hartung: Thidreksaga vor Nibelungenlied. In: Soester Anzeiger, 5. März 1991
  • Renate Klink: Was uns die Sagen sagen. In: Feuilleton, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3. Juni 1992
  • Der Streit um die Frühzeit von Soest, Soester-Anzeiger, 25. Mai 1993
  • Heinz Ritter - Querdenker auf den Spuren der Nibelungen, Schaumburger Zeitung, 25. Juni 1994

[Bearbeiten] Weblinks

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen