Helen Suzman

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Helen Suzman, 1959

Helen Suzman (geborene Helen Gavronsky; * 7. November 1917 in Germiston, Südafrika; † 1. Januar 2009 in Johannesburg) war eine südafrikanische Politikerin der liberalen Progressive Federal Party. Sie war über viele Jahre die einzige Frau im Parlament und die einzige Vertreterin der Opposition, die gegen die Politik der Apartheid und für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eintrat.

Leben[Bearbeiten]

Helen Suzman war die Tochter von Frieda (1888–1917) und Samuel (1888–1965) Gavronsky, beide litauische Juden, die im Alter von 17 oder 18 Jahren aus einem Schtetl in Kurkliai nach Südafrika ausgewandert waren. Ihre Mutter starb zwei Wochen nach ihrer Geburt. Ihr Vater, ein Kaufmann, kam in Südafrika als Fleischgroßhändler zu Wohlstand.[1] Nach dem Besuch einer Ordensschule studierte Helen Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witwatersrand. Mit 19 heiratete sie den Arzt Moses Meyer Suzman (1904–1994)[2] und hatte mit ihm zwei Töchter, Frances (* 1939) und Patricia (* 1943). 1940 schloss sie das Studium mit einem Bachelor of Commerce ab, arbeitete von 1941 bis 1944 beim südafrikanischen War Supplies Board und bis 1952 als Dozentin für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Witwatersrand.[3]

Politisches Wirken[Bearbeiten]

Die parlamentarische Fraktion der Progressive Party, 1960

1946 wurde Helen Suzman in die von der Regierung unter Jan Smuts (United Party) eingesetzte Native Laws Commission (auch Fagan Commission[4]) berufen, die die Lebensbedingungen der Schwarzen in den Großstädten untersuchen sollte.[5] Die dabei gemachten Erfahrungen motivierten sie, sich zunehmend politisch zu engagieren. Als die National Party 1948 die Regierung übernahm und mit dem Aufbau des Apartheidstaates begann, schloss sich Helen Suzman der United Party (UP) an. 1953 gewann sie einstimmig den Wahlkreis Houghton Estate, ein Vorort von Johannesburg, und zog erstmals ins südafrikanische Parlament in Kapstadt ein. Sie gehörte zu einem kleinen liberalen Flügel, der sich 1959 von der UP abspalte. Zusammen mit elf anderen liberal eingestellten Abgeordneten gründete sie unter der Leitung von Jan van A. Steytler die Progressive Party (PP).[6]

Von 1961 bis 1974 war sie die einzige Abgeordnete der Progressive Party, später Progressive Federal Party (PFP), im südafrikanischen Parlament und obendrein die einzige Frau unter 164 Männern.[7]

Nach mehreren Fusionen im Parteiwesen gehörte Suzman ab 1977 zu den führenden Köpfen der PFP neben Parteichef Colin Eglin. Obwohl die PFP die repressiven Apartheid-Gesetze nicht verhindern konnte, wurde Suzman zum Symbol der weißen Opposition Südafrikas und zum „Gewissen der Nation“.

Helen Suzman trat für die Abschaffung der Apartheid und das Wahlrecht für Nicht-Weiße ein und kämpfte für den African National Congress (ANC).[8] Sie setzte sich gegen die Todesstrafe ein und gegen die Diskriminierung von Frauen, deren Status im Gewohnheitsrecht der südafrikanischen Gesellschaft der von „ewigen Minderjährigen” („perpetual minors”) war. 1988 war Suzman maßgeblich an dem Erlass eines Ehegesetzes beteiligt, das die rechtliche Stellung von Frauen erheblich verbesserte. Obwohl sie einem wohlhabenden weißen Wahlkreis angehörte, sah sie sich stets als „Ombudsfrau für all jene Menschen, die keine Stimme im Parlament haben.“ Sie versäumte keine Gelegenheit, zu sprechen und Fragen nach den Gefangenen des Regimes zu stellen; die Antworten der Regierung im Parlament waren oft die einzige Informationsquelle in der stark zensierten Öffentlichkeit der Apartheid. Helen Suzman war eine gute Rednerin mit beißendem Witz, die das Parlament als Bühne benutzte, um das Ausmaß der Unmenschlichkeit des Apartheidsystems anzuprangern. Auf den Einwurf eines Parlamentariers, sie stelle nur Fragen, um Südafrika im Ausland in Verlegenheit zu bringen, antwortete sie: „Es sind nicht meine Fragen, die peinlich für Südafrika sind – es sind Ihre Antworten.“[1]

Mehrfach besuchte sie Nelson Mandela im Gefängnis auf Robben Island vor Kapstadt.[9]

„Es war seltsam und wundervoll, diese mutige Frau zu sehen, als sie in unsere Zellen kam und den Gefängnishof abging. Sie war die erste und einzige Frau, die jemals in unsere Zellen kam.“

Nelson Mandela [10]

Der ebenfalls inhaftierte Dichter Breyten Breytenbach beschrieb sie als „Our Lady of the Prisoners.”[1]

Im August 1986 wurde Helen Suzman vorübergehend inhaftiert, als sie sich mit Winnie Mandela in Soweto zu Gesprächen traf, bei denen es um eine Widerstandstaktik gegen die Regierungspolitik ging.

1989 zog sie sich aus der Parlamentspolitik zurück, nachdem sie dem südfrikanischen Parlament insgesamt 36 Jahre angehört hatte, blieb jedoch weiterhin politisch aktiv. Nach der Abschaffung der Apartheid in den frühen 1990er Jahren galt Helen Suzman als „Grande Dame“ der Republik. 1994 gehörte sie der Unabhängigen Kommission an, die die ersten demokratischen Wahlen in Südafrika beaufsichtigte. Auch danach übte sie weiterhin Kritik an der Regierungspolitik, unter anderem an Präsident Thabo Mbekis Aids-Politik und seiner Haltung gegenüber der Regierung in Simbabwe.

Als sie 2009 im Alter von 91 Jahren starb, erklärte die Nelson-Mandela-Stiftung, Südafrika habe eine „große Patriotin und eine furchtlose Kämpferin gegen Apartheid verloren.“[10]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Englischsprachige Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Mit Ellison Kahn: New Lines in Native Policy, 1947
  • Race Classification and Definitions in the Legislation of the Union of South Africa 1910 – 1960, 1960
  • South Africa at the Crossroads: Responding to the winds of change, 1978
  • No Going Back, 1992
  • In no uncertain terms. A South African memoir. Alfred A. Knopf, New York 1993, ISBN 978-0-679-40985-4

Literatur[Bearbeiten]

  • Robin Lee (Hrsg.): Values Alive. A Tribute to Helen Suzman. J. Ball Publishers, Johannesburg 1990, ISBN 978-0-947464-23-3
  • They Shaped Our Century. The Most Influential South Africans of the Twentieth Century. Human & Rousseau, Kapstadt 2001, ISBN 978-0-7981-4008-9

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b c Milton Shain: Biografie von Helen Suzman im Jewish Women's Archive (englisch)
  2. Nachruf auf M. M. Suzman in The Independent, 1994 (englisch), abgerufen am 13. September 2012
  3. Encyclopaedia Britannica
  4. Benannt nach dem Vorsitzenden der Native Laws Commission, dem Richter Henry Allen Fagan. Vergl.: Alistair Boddy-Evans: Fagan Commission and Report, African History
  5. A Digest of the Fagan Report. The Native Laws (Fagan) Commission. Prepared by Helen Suzman. Johannesburg, South African Institute of Race Relations, 1948
  6. Pierre L. Van Den Berghe: South Africa, a Study in Conflict, Praeger 1980, ISBN 978-0-313-22349-5, S. 242
  7. Encyclopedia of World Biography on Helen Suzman
  8. Brigitte Kirste, Susanne Zeller, «Garden Shul» am Kap der Guten Hoffnung, in: Jüdische Zeitung, August 2006 «Garden Shul» am Kap der Guten Hoffnung – Auf Besuch bei jüdischen Gemeinden in der «Regenbogen-Nation» Südafrika (Version vom 21. Februar 2009 im Internet Archive)
  9. a b http://www.guardian.co.uk/world/2009/jan/01/southafrica-race
  10. a b Helen Suzman. Kämpferin gegen die Apartheid ist tot, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatList of previous recipients. United Nations Human Rights, 2. April 2008, abgerufen am 29. Dezember 2008 (PDF; 43 kB, englisch).
  12. Nachruf in der Zeit online