Helene Stöcker

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Helene Stöcker
Gedenktafel am Haus Münchowstraße 1, in Berlin-Zehlendorf

Helene Stöcker (* 13. November 1869 in Elberfeld (heute zu Wuppertal); † 24. Februar 1943 in New York) war eine deutsche Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin und Publizistin. Sie gründete 1905 den Bund für Mutterschutz (später ab 1908 Deutscher Bund für Mutterschutz und Sexualreform), der sich für unverheiratete Mütter und ihre Kinder einsetzte.

Leben[Bearbeiten]

Helene Stöcker wuchs als ältestes von acht Kindern in einer bürgerlichen und calvinistischen geprägten Familie in Elberfeld, das heute zu Wuppertal gehört, auf. Ihr Vater, Peter Heinrich Ludwig Stöcker, besaß ein Textilgeschäft, von dessen Einkommen die Familie gut leben konnte. Ihre Mutter, Hulda Stöcker, war für den Haushalt und der Kindererziehung zuständig. Helene Stöcker verließ – kaum volljährig – 1889 ihr Elternhaus und zog nach Berlin, wo sie sich der erstarkenden Frauenbewegung anschloss und sich insbesondere für das Frauenstudium einsetzte. In Berlin begann sie eine Lehrerinnenausbildung. Nach Beendigung der Ausbildung besuchte sie den „ersten Gymnasialkurs für Frauen“ in Berlin.[1] Seit 1890 beschäftigte sie sich mit den Werken von Nietzsche und teilte manche seiner radikalen Ansichten über den Staat, die Kirche und die herrschenden Moralvorstellungen. Bestärkt wurde sie darin von Alexander Tille, einem vehementen Verfechter des Sozialdarwinismus, mit dem sie seit 1897 für einige Jahre eng befreundet war.

1896 nahm Helene Stöcker in Berlin ihr Studium der Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie auf. Zu der Zeit waren Frauen an deutschen Universitäten nur als Gasthörer und auf persönliche Erlaubnis durch den Dozenten zugelassen. Ein Studienabschluss war den studierenden Frauen nicht möglich gewesen. Stöcker hörte Vorlesungen unter anderem bei Erich Schmidt und Wilhelm Dilthey. Von dem Historiker Heinrich von Treitschke erzählt sie später, er habe auf ihre Bitte, seine Vorlesungen hören zu dürfen, geantwortet:

Die deutschen Universitäten sind seit einem halben Jahrtausend für Männer bestimmt, und ich will nicht helfen, sie zu zerstören.

Nach einem Studienaufenthalt in Glasgow promovierte Helene Stöcker schließlich 1901 an der Universität Bern in der Schweiz über die Kunstanschauungen der Romantik zum Dr. phil. Nach ihrer Promotion kehrte Helene Stöcker nach Berlin zurück. In den ersten Jahren arbeitete sie als freie Dozentin und Schriftstellerin um ihre eigene „wirtschaftliche Unabhängigkeit“ zu erlangen.[2]

Sie setzte sich aktiv für die sexuelle Befreiung der Frauen ein. In ihrer Zeitschrift Die neue Generation forderte sie eine neue Ethik, und dass Frauen ihre Sexualität auch außerhalb der Ehe frei leben dürften. Stöcker plädierte des Weiteren für die Straffreiheit der Abtreibung und der männlichen Homosexualität.

In ihrem Bund für Mutterschutz und Sexualreform wurde nicht nur „gefallenen Mädchen“ geholfen, sondern auch aktiv Sexualaufklärung betrieben und Fragen zur Verhütung und Sexualhygiene beantwortet. 1909 initiierten sie und die Bremerin Käthe Stricker eine Initiative gegenüber dem Bremer Senat zur Notwendigkeit des Schutzes vor allem lediger Mütter.

Ihre liberale Einstellung gegenüber der Sexualität und der Homosexualität war vielen Frauenrechtlerinnen der damaligen Zeit zu radikal. Trotzdem schaffte sie es, dass die Forderung nach der Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die eigene Sexualität auf die Tagesordnung der großen Frauenorganisationen kam.

Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges und während der Zeit der Weimarer Republik verschob sich das Interessengebiet Helene Stöckers und sie wurde in der Friedensbewegung aktiv. Helene Stöcker war Mitglied im Bund der Kriegsdienstgegner (BdK).

Gemeinsam mit Kees Boeke und Wilfred Wellock wurde 1921 in Bilthoven die War Resisters’ International (WRI) vorerst unter dem Namen PACO gegründet.

Als die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen, floh sie über die Schweiz und Schweden in die Vereinigten Staaten, wo sie 1943 völlig mittellos an Krebs verstarb.

Bücher und Schriften[Bearbeiten]

  • Zur Kunstanschauung des 18. Jahrhunderts. Dissertation. 1904
  • Die Liebe und die Frauen. Ein Manifest der Emanzipation von Frau und Mann im deutschen Kaiserreich. 1906
  • Krisenmache. Eine Abfertigung. 1910
  • Ehe und Konkubinat. 1912
  • (Hrsg.): Karoline Michaelis. Briefe. 1912
  • Zehn Jahre Mutterschutz. 1915
  • Geschlechterpsychologie und Krieg. 1915
  • Sexualpädagogik, Krieg und Mutterschutz. 1916
  • Moderne Bevölkerungspolitik. 1916
  • Petitionen des Deutschen Bundes für Mutterschutz 1905–1916. 1916
  • Resolutionen des Deutschen Bundes für Mutterschutz 1905–1916. 1916
  • Die Liebe der Zukunft. 1920
  • Das Werden der neuen Moral. 1921
  • Liebe. Roman. Verlag der Neuen Generation, Berlin 1922
  • Erotik und Altruismus. 1924
  • Verkünder und Verwirklicher. Beiträge zum Gewaltproblem. 1928

Zeitschriften:

  • Frauen-Rundschau, 1903–1922
  • Mutterschutz, Organ des Bundes für Mutterschutz, erschienen von 1905 bis ?
  • Die Neue Generation, 1903–1933
  • Stöcker, H. (1914) Geburtenrückgang und Monismus. In. Der Düsseldorfer Monistentag (Wilhelm Blossfeld, Hrsg.) Leipzig, 1914

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wickert (1991):26.
  2. Hamelmann (1992):23.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christl Wickert: Helene Stöcker 1869–1943. Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Dietz Verlag, Bonn, 1991. ISBN 3-8012-0167-8.
  • Gudrun Hamelmann: Helene Stöcker, der „Bund für Mutterschutz“' und „Die Neue Generation“. Haag Verlag, Frankfurt am Main, 1998. ISBN 3-89228-945-X.
  • Rolf von Bockel: Philosophin einer „neuen Ethik“: Helene Stöcker (1869–1943). 1991. ISBN 3-928770-47-0.
  • Annegret Stopczyk-Pfundstein: Philosophin der Liebe. Helene Stöcker. BoD Norderstedt, 2003. ISBN 3-8311-4212-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Helene Stöcker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien