Heliand

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Seite aus der Münchner Handschrift
Berliner Fragment

Der Heliand ist ein frühmittelalterliches altsächsisches Großepos und wichtiges Glied im historischen Kontext der Entstehung der deutschen Sprache und Literatur.[1] In fast sechstausend (5983) stabreimenden Langzeilen wird das Leben Jesu Christi in der Form einer Evangelienharmonie nacherzählt. Das Epos ist nach dem Liber evangeliorum des Otfrid von Weißenburg das umfangreichste volkssprachige literarische Werk der "deutschen" Karolingerzeit.

Um den niederdeutschen Lesern/Hörern der Evangeliendichtung ein intuitives Nachvollziehen und Verstehen des übertragenen Textes zu ermöglichen, reicherte der unbekannte Verfasser verschiedene Handlungselemente mit Bezügen zur frühmittelalterlichen sächsisch-germanischen Lebenswelt an. Der Heliand wird daher oft als Musterbeispiel für Inkulturation angeführt.

Leseprobe[Bearbeiten]

Vers 4537–4549 aus dem Abendmahl (â ê î ô û sind Langvokale, đ ein „weiches“ („englisches“) th (Thorn-Laut), ƀ wie w, uu wie englisches w):

„Themu gi folgon sculun
 an sô huilike gardos, sô gi ina gangan gisehat,
 ia gi than themu hêrron, the thie hoƀos êgi,
 selƀon seggiad, that ik iu sende tharod
 te gigaruuuenne mîna gôma. Than tôgid he iu ên gôdlîc hûs,
 hôhan soleri, the is bihangen al
 fagarun fratahun. Thar gi frummien sculun
 uuerdscepi mînan. Thar bium ik uuiskumo
 selƀo mid mînun gesîđun." Thô uurđun sân aftar thiu
 thar te Hierusalem iungaron Kristes
 forđuuard an ferdi, fundun all sô he sprak
 uuordtêcan uuâr: ni uuas thes giuuand ênig.“

„Diesem sollt ihr folgen
 an die Stätte, zu der er gehen wird.
 Geht dann zu dem Herren, dem der Hof gehört,
 und sagt ihm selbst, dass ich euch sende,
 mein Gastmahl zu richten. Dann wird er euch in ein herrliches Haus bringen,
 eine hohe Halle, die allüber behangen ist
 mit reichen Teppichen. Dort sollt ihr bereitet haben
 meine Bewirtung. Dorthin werde ich wohlweislich selbst kommen
 mit meinen Gefährten." So machten sie sich auf
 nach Jerusalem, die Jünger Christi,
 sofort auf die Reise und fanden alles so vor, wie er es erklärte,
 seine Worte waren wahr: niemals musste gezweifelt werden.“

Entstehung[Bearbeiten]

Otto Behagels Textzusammenstellung

Die Zeit der Niederschrift ist die 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts, einige Forscher datieren sie etwa auf das Jahr 830. Das Werk erhielt seinen Titel Heliand, der als Begriff im Text mehrfach präsent ist (bspw. V 266), als altniederdeutsche Lehnübertragung von lat. salvator gewertet wird, durch J. A. Schmeller, der 1830 die erste wissenschaftliche Textausgabe veröffentlichte. Der altsächsische Text ist in karolingischen Minuskeln wiedergegeben. In der Schreibung mancher Buchstaben zeigen sich jedoch – zwischen den Handschriften unterschiedlich starke – Einflüsse angelsächsischer Schreibtradition.

Zur Lokalisierung des Heliand existieren zwei maßgebliche Theorien: Ein geistesgeschichtlich orientierter Ansatz postuliert die Entstehung im Kloster Fulda, wohingegen gerade sprachwissenschaftliche und paläographische Analysen ergaben, dass es möglich erscheint, eine Entstehung im niederdeutschen Kloster Werden an der Ruhr anzunehmen. Unklar ist ferner die soziale Situierung des Helianddichters. In der älteren Forschungsliteratur, der Zeit bis zu den 1940er Jahren, möchte den Beleg erbringen (bedingt durch die Aussage im lateinischen Vorwort des Heliand), dass ein „sangeskundiger“ Sachse mit der Verfassung belehnt wurde. Der Dichter hätte daher den Rang eines kontinentalgermanischen Skalden (scop). Neuere Forschungsansätze, die den theologischen und kulturhistorischen Gehalt der Evangeliendichtung herauszustellen geneigt sind, können jedoch nicht umhin, den Dichter als einen geschulten Mönch zu bezeichnen. Neben dem Tatian benutzte der Dichter die Vulgata und verschiedene Evangelienkommentare, deren poetisch überformte, selektive Kumulation das Textkonzept bestimmt. Fraglich ist, inwiefern apokryphe Überlieferung Eingang in den Heliand gefunden hat.

Erhalten ist das Werk in zwei fast vollständigen Handschriften und drei kleineren Fragmenten. Im Frühjahr 2006 wurde ein weiteres Fragment aus dem 9. Jahrhundert in der Bibliotheca Albertina in Leipzig entdeckt. Die Handschriften und Fragmente sind wie folgt kodifiziert:

  • M (= Cgm 25) wird in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt und stammt ursprünglich aus dem Bestand der Dombibliothek in Bamberg. Die Handschrift wurde vermutlich von zwei Schreibern um 850 im Kloster Corvey niedergeschrieben. Die dialektale Färbung der Handschrift wird nach Wolfgang Haubrichs als ostwestfälisch gedeutet. Der Text ist mit zahlreichen Initialen, Akzenten und Anmerkungen sowie Neumen aus dem 10. Jahrhundert für freien bzw. musikalischen Vortrag bearbeitet.
  • C aus der British Library in London (Codex Cottonianus Caligula) stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und wurde in Südengland von einem Schreiber mit kontinentaler Herkunft niedergeschrieben. Die Sprache weist niederfränkischen Einfluss auf.
  • Der Aufbewahrungsort von S (= Cgm 8840) ist ebenfalls die Bayrische Staatsbibliothek. Es handelt sich hierbei um ein Textfragment, das an unbekanntem Ort um 850 verfasst worden ist. Die Pergamente fanden sich als Einband einer Schedelschen Weltchronik in der Bibliothek des Johannes-Turmaier-Gymnasiums in Straubing. Die Sprache dieser Textversion weist starke nordseegermanische dialektale Einflüsse auf.
  • V aus der Vatikanischen Bibliothek in Rom (Codex Palatinus) ist ein Fragment aus einer astronomischen Sammelhandschrift des frühen 9. Jahrhunderts aus Mainz. Das Fragment enthält die Verse 1279–1358 (Auszüge aus der Bergpredigt)

Die Handschriften lassen sich zu zwei Gruppen ordnen: MS und CP. Das Fragment V geht wahrscheinlich auf die Urschrift zurück. Das ebenfalls als Einband verwendete, neuerdings wiedergefundene Leipziger Fragment scheint ebenfalls auf den Archetypus zurückzugehen.

Stilistik, Metrik und Lexik[Bearbeiten]

Verskunst und Stil wurden vom Autor aus der angelsächsischen christlichen Epik übernommen und weitergebildet. Nach dem Germanisten A. Heusler war es das Werk eines „begnadeten Stilisten und größten Sprachmeisters unter den schreibenden Stabreimdichtern“. Der Heliand sei nicht der tastende Anfang einer altsächsischen Literatur, sondern der krönende Abschluss und höchste Reife der Kunst.

Versstil und Lexik entsprechen der germanisch-(angel-)sächsischen Dichtungstradition. Stilistische Parallelen finden sich besonders in der angelsächsischen stabreimenden Geistlichenepik, dem Beowulf-Epos und anderer, zeitlich vergleichbarer althochdeutscher Literatur (bspw. ahd. Muspilli). Ähnlichkeiten im Stil des Helianddichters mit der aengl. Dichtung zeigen sich nicht nur in der verwendeten stabreimenden Langzeile, sondern auch in der Verwendung von appositional gefügten Beiwörtern und Syntagmen, den sog. Variationen,

„sende tharod / te gigaruuuenne mîna gôma. Than tôgid he iu ên gôdlîc hûs, / hôhan soleri, the is bihangen al / fagarun fratahun.“

Übersetzung: „..dass ich euch sende, mein Gastmahl zu richten. Dann wird er euch in ein herrliches Haus bringen, eine hohe Halle, die allüber behangen ist mit reichen Teppichen.“

sowie in Versen, die über die Versgrenze hinaus erst in der nächsten enden, dem sog. (Hakenstil). Daraus resultiert, dass der Sinneinschnitt jeweils in die Versmitte zwischen An- und Abvers der Langzeile verlegt wird. Der Stabreim bleibt hierbei jedoch erhalten, verteilt sich damit mitunter im gleichen Vers auf verschiedene Sätze.

„Thô uurđun sân aftar thiu / thar te Hierusalem iungaron Kristes / forđuuard an ferdi, fundun all sô he sprak / uuordtêcan uuâr: ni uuas thes giuuand ênig.“

Übersetzung: „So machten sie sich auf nach Jerusalem, die Jünger Christi, sofort auf die Reise und fanden alles so vor, wie er es erklärte, seine Worte waren wahr: niemals musste gezweifelt werden.“

Ein weiteres Merkmal des altsächsischen Bibeldichtung, das im Heliand kultiviert wird, ist der Schwellvers. D. h., dass innerhalb einer Langzeile, die metrisch grundsätzlich füllungsfrei ist, sehr viele prosodisch unmarkierte Silben akkumuliert werden können, wodurch der, durch den Stab gebundene, Vers „aufschwillt“. Insgesamt zeichnet sich somit der Stil des Helianddichters durch epische Breite aus.

„Thuomas gimâlda – uuas im githungan mann, / diurlîc drohtines thegan –: 'ne sculun uui im thia dâd lahan,' quathie,“

Übersetzung: „Thomas sprach – er war ihm ein trefflicher Mann, ein teurer Diener seines Herrn –: wir sollten ihn nicht wegen dieser Tat tadeln.“

Inwiefern ein direkter Einfluss der aengl. Dichtung anzunehmen ist, bleibt weitgehend unklar. Der Heliand steht nicht in unmittelbarer Abhängigkeit zur angelsächsischen Dichtung und weist klare altsächsische und teilweise althochdeutsche Eigenheiten in der Lexik auf. Die vorhandenen Interrelationen zur aengl. Geistlichenepik können sowohl durch die angelsächsische Mission wie auch durch ein potielles nieder-/angelsächsisches Kulturkontinuum begründet werden. Charakteristisch für die nur bedingten angelsächsischen Ausstrahlungen im Heliand sind das Fehlen von Missionswörtern wie beispielsweise ôstārun für Ostern. Der Verfasser verwendete den in der Kölner Kirchenprovinz – und somit auch das sächsische Gebiet umfassenden – Begriff pāsche, altsächsisch pāske für das Pessachfest.[2] Daneben finden sich Begriffe wie as. herro (Herr) oder das rheinländische Wort aus dem keltischen stammend ley (Fels), die als fränkische Lehnwörter bezeichnet werden können neben altenglischen Begriffen wie (ađal-) ordfrumo (Gott). Schon lexikalische Erwägungen zeigen somit an, dass der "Heliand" als Frucht von innergermanischen Kulturkontakten unter christlich-universalistischen Maßgaben gelten kann.

Analogien zur germanischen Vorstellungswelt[Bearbeiten]

Die Verratsszene im Garten Gethsemane (V. 4824–4838, 4865–4881):

Die Gewappneten eilten, bis zu Christus sie kamen, die grimmen Juden, wo mit den Jüngern stand der mächtige Herr, des Schicksals harrend, der zielenden Zeit. Da trat ihm der untreue Judas entgegen, dem Gotteskinde, das Haupt neigend, dem Herrn grüßend, küßte den Fürsten, mit diesem Kuß ihn den Gewappneten weisend, wie er's gesagt. Das trug in Gedulden der treue Herr, der Walter der Welt; das Wort nur wandt'er und fragte ihn frei:„Was kommst mit dem Volk du und leitest die Leute? Du hast mich den leidigen verkauft mit dem Kusse, dem Volke der Juden, verraten der Rotte“.... ...Da erboste mächtig der schnelle Degen[3] Simon Petrus, wild walt der Mut ihm, kein Wort da sprach er, sovoll Harm ward sein Herz, als sie den Herrn hier zu greifen begehrten. Blitzschnell zog er das Schwert von der Seite und schlug und traf den vordersten Feind mit voller Kraft, dass Malchus ward durch der Schneide Schärfe an der rechten Seite versehrt mit dem Schwerte: am Gehör verhauen, das Haupt ward wund ihm, dass waffenblutig ihm Wangen und Ohr barst im Gebein und Blut entsprang aus der Wunde wallend.

Der Heliand ist keinesfalls als germanisierte Bibeldichtung zu verstehen, sondern ist in seiner Grundintention durchweg christlich-biblisch und zeigt verschiedene Analogien zur karolingischen Exegesetradition. Beispielsweise stehen die Perikope des auf dem Esel in Jerusalem einziehende Jesus Christus, seine Selbstentäußerung, die episch breit gestaltete Tadelung von Ruhmsucht und Anhäufung von Reichtümern, der betonte Verzicht auf das Ausüben von Rache, das Gebot den Feind zu lieben, die Verurteilung von Kampfeslust, dem germanischen Ethos, wie es sich in der frühen Heldendichtung manifestiert, entgegen. Die Verleugnung des Petrus wäre nach germanischem Rechtsempfinden eine Schuld; der Helianddichter versucht dementsprechend dezidiert den Treuebruch Petri zu rechtfertigen. Keine christliche Lehre wird der sächsisch-germanischen Klientel aus Anpassungsgründen unterdrückt, allein die Bergpredigt mit ihren zentralen Aussagen nimmt ein Achtel des Gesamttextes ein. Der Verfasser übertrug daher die biblischen Personen in den Rahmen der sächsischen Gesellschaft analog der Ständeordnung; für Christus und seine Jüngerer wählte er bewusst das Gefolgschaftsverhältnis, und konsequent werden die biblischen Städte zu sächsische Burgen und die Wüste Juda zum niederdeutschen Urwald. Die germanischen Züge des Heliand sind somit Anschauungsformen, die das Neue der christlichen Religion, für den bisher in heidnisch-religiöser und gesellschaftlicher Tradition und in dessen Lebensauffassung stehenden Germanen fassbar und lebbar machte, und akkommodierte.

Wo ein germanischer Tenor angenommen werden darf, bezieht sich dieser insbesondere auf folgende Bereiche:

  • Die vom Helianddichter genutzte „Gefolgschaftsterminologie“

Die germanische Gesellschaft definiert sich durch Gefolgschaft. Ein „dux“ oder „comes“ bindet verschiedene Standespersonen zur Gefolgschaft (comitatus), indem er den Gefolgsmännern Schutz und Entlohnung bietet, diese ihn dafür jedoch militärisch und administrativ unterstützen. Dieser rechtliche Klientelverband bildete die Grundlage einer Stammesorganisation, wie sie die germanischen gentes – so auch die vorkarolingischen Sachsen – besessen hatten. Im "Heliand" spielt Gefolgschaft insofern eine Rolle, wie das Verhältnis von Christus zu den Jüngern als solche gelesen wird. Gerade die verwendeten Personenbezeichnungen scheinen diese Annahme zu untermauern. Christus wird als Himmelskönig und Herr, als Heerführer- und erhabener Fürst bezeichnet, seine Jünger als Gefolgsleute, die mit ihm eine Genossenschaft bilden.[4] Das Gefolgschaft bildende Treue- und Schwurverhältnis (treuva) nach germanischem Verständnis tritt latent hervor, und entgegen den Evangelien sind die meisten Jünger Christi von edler Geburt (adalboran). Nicht nur die sächsische Gesellschaft war durchdrungen im Bewusstsein dieses gentilen und vasallistischen Denkens, sondern gleiches galt für die seit 400 Jahren christianisierten Franken. Die Bindung an die Herkunft, der Sippe, wirkt in der frühmittelalterlichen germanisch geprägten Sphäre, ob noch heidnisch oder schon christianisiert, ungebrochen fort.

„Das ist des Degen Ruhm, dass er seinen Fürsten (Christus) fest zur Seite stehe und standhaft mit ihm sterbe. Stehen wir all bei ihm, folgen seiner Fahrt, lassen Freiheit und Leben uns wenig wert sein; wenn wir im Volk mit ihm erliegen, dem lieben Herrn, dann bleibt uns noch lange bei den Guten guter Nachruhm.“

Apostel Thomas

Im Heliand werden Christus und seine Jünger folgerichtig als thiodan, als Herrscher und als thegana, als Krieger tituliert, weil das Kriegertum und die damit dominierende Gefolgschaftsverhälnisse so tief im Empfinden verwurzelt war.[5]

Daneben bietet das Neue Testament vielfältig eine Bezeichnungstradition, die in Übersetzung auf etwaige Begriffe des Gefolgschaftswesen übertragen wurde (bspw. Κϋριος – dominus – drohtin). Begriffe sind: Für Jesus: folk drohtin, mundboro, landes ward. Für Herodes: folkkuning, thiodkuning, weroldkunig, folctogo, landes hirdi, boggebo (Ringgeber), medgebo (Herrscher). Für Pilatus: heritogo.

  • Rechtsempfinden und Moralvorstellung

Die Bergpredigtszene wirkt mit Christus auf dem Königsstuhl als Richter sitzend, umringt von seinen Jüngern wie ein germanisches Thing. Exemplarisch fehlt dieser bewussten für das germanisch-sächsische Verständnis geschilderten Szene von Jesu Einzug in Jerusalem, dass dieser auf einem Esel reitet; Christus reitet vielmehr, herrschaftlich Einzug haltend, auf einem Pferd. Der Esel war für die noch in alter Tradition stehenden Menschen schlicht nicht vermittelbar. Ebenso signifikant in Bezug auf die adlige Leser- Hörerschaft fehlt die Szene, in der Christus dazu auffordert, bei einem Schlag auf die rechte Wange auch die linke darzubieten. Begriffe von gesellschaftlichen Einrichtungen sind: thing, thinghus, thingstedi, handmahal, heriskepi, manno meginkraft, mundburd. Christus handelt nach dem Sitten, und erweist sich so dem germanischen Empfinden hinsichtlich gesellschaftlicher und rechtlicher Ordnung nach, für den sächsischen Betrachter als integer. Seine innere Haltung zum Tod, zu seinen Verfolgern zeichnet ihn gerade als Gefolgs- und Kriegsherrn aus, und entspricht diesem Typus des germanischen Anführers der beispielsweise so auch in der nordischen Sagaliteratur geschildert wird. Der germanische Mensch, noch in heidnischer Tradition stehend, misst der Sitte in der Gemeinschaft höheren Rang ein als den individuellen Glauben im christlichen Verständnis und wird durch diese Sitten in seinem Leben bestimmt. Der Glaube an sich ist für den Germanen in der christlichen Deutung nicht greifbar und bleibt unverständlich, wird der Begriff ersetzt durch den der Sitte wird er erfassbar.[6]

  • Schicksalsvorstellung

Die Darstellung Christi und dessen Ergebenheit in ein ihn obwaltendes Schicksal, das nicht abwendbar, allenfalls zu gestalten ist, deutet durch einen Bezug der Schicksalsvorstellung auf eine generelle das religiöse Empfinden berührende germanische Weltsicht hin.[7] Das Schicksal, unter anderen altsächsischen Bezeichnungen als wurd wiedergegeben, richtet und webt über Götter und Menschen, es ist die geheimnisvolle, hohe Macht, der selbst die Himmlischen unterworfen sind, also dem Verständnis nach auch die der neuen christlichen Religion.[8] Christus und seine Jünger vermögen es nicht zu bezwingen noch zu entfliehen, ihr sittlicher Wert beruht darin wie sie dem Schicksal begegnen.[9] Problematisch ist hierbei, dass Schicksalsvorstellungen nicht unbedingt einen Glauben im religiösen Sinn einer paganen Tradition voraussetzen oder dergleichen als solches darstellen. Tatsächlich ist über einen spezifisch sächsischen Schicksalsglauben nichts bekannt. Vergleichbare Begrifflichkeiten aus der Lexik der anderen zeitgenössischen germanischen Sprachen lassen nur bedingte Rückschlüsse zu, da in der Regel rein christliche Verwendungsmotive in den Vergleichsquellen zu Grunde liegen.[10] Ebenso ist mit dem Begriff wurd, in Bezug zum vorchristlichen Glauben der Sachsen mit Vorsicht zu walten, da einige Stellen im Heliand nachweislich auf Verschreibungen zurückzuführen sind, oder auch schlicht im Sinne von „Tod“ zu erklären sind. Jedoch scheint im Heliand die Vorstellung eines überwaltenden Schicksals teilweise gegenüber dem Glauben an die Macht Gottes zu überwiegen, oder der christliche Glaube wird dem Schicksalsglauben gleichgesetzt.[11]

Der Name für das wirkende Schicksal, die „wurd“, „wewurt“ „Wehgeschick“, tritt in der frühdeutschen Literatur neben dem Heliand nur noch im Hildebrandlied (Vers 47) entgegen. Weitere Begriffe für das Schicksal im Heliand sind Wortverbindungen wie wurdigiskapu, Schöpfung der Wurd (Vers 197, 512) und reyanogiskapu, Schöpfung ratender Mächte (Vers 2591 f. in Verbindung mit dem Weltende), oder methodogiskapu, Schöpfung der Messenden, Zumessenden (Vers 2190, 4827).

Durch die Benennung der im sächsischen Verständnis höchsten Schicksalsmacht mit wurd führt die Schilderung der Auferweckung des jungen Mann von Naïn in eine bewusste direkte Konfrontation zwischen Christentum und den tradierten paganen Sichtweisen (Vers 2210). Gegenüber der Nacherzählung des Tatian, auf der Episode des Lukasevangeliums basierend, die in Schlichtheit lautet, „es war der einzige Sohn einer Witwe“, wird diese Szene im Heliand mit psychologischen Einfühlungsvermögen, aber mit dem Hinweis auf das mächtige Schicksal (metodogescapu) geschildert. Der Sohn war „Wonne und Wohlsein der Mutter bis ihn Wurd nahm, das mächtige Schicksal“.[12] Der Zwiespalt zwischen germanischer Lebensauffassung und christlicher Weltanschauung verschiebt sich langsam zum weicheren, sanfteren christlich geprägten Wortschatz des dem Heliand folgenden Jahrhunderts. Nach Johannes Rathofer wird in dieser Szene durch die verfasserische Darstellung der einst heidnische Begriff der Wurd terminologisch in ein neues, nun christliches „Koordinatensystem“ eingeordnet, da Christus durch die Auferweckung das alles überwaltende Schicksal besiegt; und somit dem bisherigen heidnischen Verständnis absagt.[13]

  • Begriffe aus der mythologischen Tradition

Altgermanische Begriffe, die wahrscheinlich dem mythologischen Umfeld des sächsischen Niederdeutschlands entspringen, sind beispielsweise die Begriffe: wihti (Dämonen), hellia (Hölle, germ. haljo Unterwelt , Totenreich siehe Hel), idis zu altnordisch dīs(ir) beziehungsweise Dise.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Helmut de Boor: Geschichte der Deutschen Literatur. Band 1.9, überarbeitete Auflage von Herbert Kolb. München 1979, ISBN 3-406-06088-9.
  • Jan de Vries: Heldenlied und Heldensage. Francke, Bern/München 1961, DNB 455325545.
  •  Jan De Vries: Die geistige Welt der Germanen. Darmstadt 1964.
  • Wolfgang HaubrichsHeliand und Altsächsische Genesis. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 14, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-016423-X, S. 297–308.
  • Wolfgang Haubrichs: Geschichte der Deutschen Literatur. Teil 1, (Hrsg.) Joachim Heinzle. Athenäum, Frankfurt/M. 1988 , ISBN 3-610-08911-3.
  • Dieter Kartschoke: Altdeutsche Bibeldichtung von Realien zur Literatur. In: Sammlung Metzler. Band 135. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1975, ISBN 3-476-10135-5.
  • Johannes Rathofer: Der Heliand. Theologischer Sinn als tektonische Form. Vorbereitung und Grundlegung der Interpretation. Köln/ Graz 1962. (= Niederdeutsche Studien 9)
  • Hans Ulrich Schmid: Ein neues 'Heliand'-Fragment aus der Universitätsbibliothek Leipzig. In: ZfdA. 135 (2006), ISSN 0044-2518, S. 309–323.
  • Roswitha Wisniewski: Deutsche Literatur vom achten bis elften Jahrhundert. Berlin 2003, ISBN 3-89693-328-0.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heliand – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Veit Valentin: Geschichte der Deutschen. Kiepenheuer und Witsch, 1979, S. 28.
  2. Haubrichs: (1998) S. 298, 299.
  3. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Stichwort: Degen, „Krieger“ aus peripherem archaischem Wortschatz (8. Jh.), mhd. degen, ahd. degan, thegan, as. thegan. aus g.Þegna – Knabe, Diener, Krieger.
  4. De Vries: (1961) S. 254–256, 341, 342.
  5. Wisniewski: (2003) S. 168. Haubrichs: (1988) S. 25, 26.
  6. De Vries: (1964) S. 193f.
  7. Ake Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. In: Religionen der Menschheit, Bd. 11. Kohlhammer, Stuttgart 1975, S. 249–260.
  8. De Boor: (1978) S. 59 „...Immer bleibt das Schicksal eine große, überschattende Eigenmacht, nicht eine feste Fügung in Gottes Händen.“ S. 60 „...[Der Autor] spricht zu jungbekehrten Hörern, für die das Schicksalsdenken der Kernpunkt ihres religiösen Erlebens war. Und dem Dichter selbst merkt man es an: hat er den alten Göttern auch gründlich abgeschworen, dem Schicksal bleibt auch er noch verhaftet.“
  9. De Vries: (1964) S. 84 ff. De Boor: (1978) S. 66 vergleichend zum Hildebrandlied
  10. Ernst Alfred Philippson: Das Heidentum bei den Angelsachsen. Tauchnitz, Leipzig 1929, S. 227ff. Rudolf Simek: Schicksalsglaube. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.) Bd. 27. de Gruyter, Berlin/ New York 2004, ISBN 3-11-018116-9, S. 8–10.
  11. De Boor: (1978) S. 59, 60, 66; Wisniewski: (2003) S. 167; „Das geschieht in der Dreiheit wrdgiskapu, metod gimarkod endi maht godes (Fite 127/28, vgl. 5394/95)“.
  12. Wisniewski: (2003) S. 166.
  13. Johannes Rathofer: Altsächsische Literatur. In: Kurzer Grundriss der Germanischen Philologie bis 1500 Ludwig Schmitt (Hrsg.): Bd. 2. de Gruyter, Berlin/ New York 1971, ISBN 3-11-006468-5, S. 254f.