Helikopter-Eltern

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter Helikopter-Eltern (auch: Helicopter Parents bzw. Hubschrauber-Eltern, auch helicopter parents bzw. paranoid parents) versteht man populärsprachlich überfürsorgliche Eltern, die sich (wie ein Beobachtungs-Hubschrauber) ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um diese zu überwachen und zu behüten. Er bezeichnet einen von z.T. paranoider Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes bzw. des Heranwachsenden geprägten Erziehungsstil.

Hinweis der Verwaltung der Uni Duisburg-Essen, ironisch, 2013

Begriffsgeschichte und -etablierung[Bearbeiten]

Bereits 1969 wurde die Metapher vom israelischen Psychologen Haim G. Ginott in seinem Werk Between Parent & Teenager verwendet, der einen Heranwachsenden zitiert: „Mother hovers over me like a helicopter...“.[1]

Entscheidend geprägt habe die US-amerikanische Familientherapeutin Wendy Mogel den Begriff Überbehütung. Sie beschrieb im Jahr 2001, wie sie in ihrer Praxis moderne Eltern von umsorgten Mittelschichtkindern erlebt: „Von außen betrachtet, wirkt ihr Familienleben perfekt. Die Eltern besuchen jede Schulaufführung und jedes Fußballspiel ihrer Kinder. [...] Sie kennen alle Freunde ihrer Kinder und die Berufe der Eltern. Wenn die Schulleistungen abfallen, organisieren sie Nachhilfe.“ Nach Mogel entwickele das sogenannte ‚Over-Parenting‘ Bettnässen, Essstörungen, ADHS oder schwerwiegende Schulprobleme. Zudem üben solche Eltern massiven Bildungsdruck aus. Leistungen in der Schule und im Sport würden als wichtiges Familienerzeugnis interpretiert werden. Als Ausweg beschreibt Mogel die Erziehung zu emotionaler Stabilität, Widerstandsfähigkeit und Selbstständigkeit, orientiert an einem jüdisch-traditionellen Wertekanon. Sie befürwortet hierarchische Familienstrukturen, empfiehlt Eltern aber gleichzeitig mehr Zurückhaltung in der Erziehung.[2]

Wie Mogel ausgeführt hat, liegt die Problematik dieses Verhaltens nicht nur darin, dass betroffene Eltern Risiken, die ihren Kinder drohen, systematisch falsch einschätzen. Mogel kritisiert, dass diese Eltern sich ‒ obwohl sie liebevoll, intelligent, einfühlsam und äußerst engagiert sind ‒ in ihrer Erziehungsarbeit weitgehend auf ein Mikromanagement der wechselnden Stimmungen des Kindes beschränken und darüber das große Ganze der Erziehung aus dem Blick verlieren: dem Kind Werte zu vermitteln und es zu Widerstandsfähigkeit und Selbstständigkeit anzuleiten („Charaktererziehung“).

Diskurs im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum dreht sich ein Großteil des öffentlichen Diskurses über „Helikopter-Eltern“ um das Mikromanagement, das viele Eltern in den Bildungsangelegenheiten ihres Kindes praktizieren und das neben einer Überlastung des Kindes durch dessen Verplanung häufig Konflikte mit Lehrern, Schulwechsel und ähnliches zur Folge habe.[3] Gelegentlich wird in den Medien auch die Überwachung mittels technischer Geräte wie GPS-Sender sowie Mobiltelefonen sogenannten „Hubschraubereltern“ zugeschrieben.[4]

Winterhoff[Bearbeiten]

Zunächst wurde die Diskussion durch den Kinderpsychiater Michael Winterhoff aufgenommen. So schrieb er in seinem Werk Warum unsere Kinder Tyrannen werden, dass sich immer mehr Jugendliche aus bürgerlichen Familien in Behandlung wie Ergotherapie, Logopädie und Psychotherapie befänden. Sie seien Kinder von engagierten, beziehungsfähigen Eltern, die alles für ihren Nachwuchs getan hätten. Den Eltern konstatierte er, dass es ihnen an Orientierung und Anerkennung mangele und sich das Kind zur Kompensation anbiete, stattdessen plädiert er für die Wiederherstellung einer „natürlichen Hierarchie“ zwischen Eltern und Kindern. Der Reformpädagoge Wolfgang Bergmann sieht dagegen „verwöhnte Kinder“ in aller Regel unglücklich, da sie dieselben Verhaltensprobleme wie vernachlässigte Kinder zeigten: „Kinder wollen sich in einem möglichst geordneten Umfeld zurecht finden und diese äußeren Ordnungen verinnerlichen, sie wollen sich in den Eigenarten, Gesten, Blicken, Stimmen ihrer Eltern 'spiegeln'. Das Gefühl jedoch, dass sich die ganze Welt im Wesentlichen um sie dreht, raube ihnen dieses Gegenüber.“ Anders als Winterhoff empfiehlt der Pädagoge aber weniger Disziplin und Gehorsam in der Erziehung, sondern einen „gelassen-liebevollen Kontakt“. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul beschreibt die Folgen von Überbehütung drastisch: „Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse richteten gar weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben.“[2]

Wunsch[Bearbeiten]

Nach Angaben des Erziehungswissenschaftlers Albert Wunsch würden Eltern aus der Mittel- und Oberschicht nicht nur in der Hochschule, sondern auch beim künftigen Arbeitgeber mitmischen: „Eltern haben heute viel mehr Zeit für ihr ,Projekt Einzelkind' als früher, wo sie noch drei oder vier Kinder bekamen [...]. Und wenn Eltern erst mal 18 Jahre lang ihre Verwöhn-Strategie verfestigt haben, können sie nicht plötzlich aufhören, nur weil Sohn oder Tochter nun auf die Uni oder ins Berufsleben gehen.“[5] Der Hirnforscher Ralph Dawirs nannte die Gründe komplex; viele davon lägen in gesellschaftlichen Veränderungen: Es gäbe immer weniger Kinder, auf die sich nun alles konzentrieren würde. Diese sollen in einer Leistungsgesellschaft bestehen können, wodurch die Ansprüche an sie entsprechend hoch seien. Früher dagegen lebte der Nachwuchs häufiger in Großfamilien, die Kinder in einem Stadtviertel spielten zusammen, auch die Nachbarn schauten nach dem Rechten. So gab es eine Art öffentliche Aufsicht, und die Erziehung verteilte sich auf mehrere Erwachsene. „Damit existierte auch ein natürliches Korrektiv“.[6] Der Erziehungswissenschaftler Andrä Wolter warnt vor zu viel Einmischung insbesondere bei erwachsenen Kindern: „Helicopter Parents verlängern die Abhängigkeitsphase und fördern nicht die Selbstständigkeit.“ Der Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut Jost Ackermann nannte als Folgen eines möglichen Ablösungskonfliktes: „Depressionen, Verweigerungshaltungen und der Griff zu Drogen“; natürlich sei es wünschenswert, dass sich Eltern für ihre Kinder interessierten und diese auch förderten. Spätestens mit Beginn eines Studiums sollten sie aber loslassen.[7]

Kraus[Bearbeiten]

Unter dem Titel „Helikopter-Eltern“ publizierte der Schulpädagoge Josef Kraus im August 2013 eine Streitschrift zum Thema. Nach Angaben von Süddeutsche.de sei sie „eine kraftvolle Klage über die Mischung aus verkrampfter Frühförderung und nachgiebiger Verwöhnung, die sich seit einiger Zeit in Mittelschichtsfamilien breitmacht: «Dieselben Kinder, die man durch Förderprogramme gern dressiert, schont man auf der anderen Seite im Übermaß.»“ Kraus schätzt den Anteil auf zehn bis fünfzehn Prozent der Elternschaft und warnte, dass immer mehr Kinder in der „Gluckenfalle“ landen würden, deren Folgen eine zunehmende Unselbstständigkeit und eine „Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen“ seien.[8] Das Deutschlandradio sieht die Argumente dagegen widersprüchlich formuliert. So fordert Kraus beispielsweise „mehr Selbständigkeit der Kinder, zugleich aber auch einen höheren Leistungsdruck.“ Insgesamt sei das Buch „rückwärts gewandt“ und plädiere „kompromisslos für Leistungsdruck, Auslese, Disziplin“.[9]

Kloepfer[Bearbeiten]

Die Journalistin Inge Kloepfer bezeichnet in einem Artikel in der FAZ den Begriff als „Eltern-Bashing“, so habe bereits der britische Soziologe Frank Furedi ein Buch mit dem Titel Die Elternparanoia veröffentlicht und dabei dieses Phänomen gemeint: „Er zog darin allerdings nicht gegen die Eltern zu Felde, sondern gegen eine ganze Armee von selbsternannten Experten, Psychologen und Pädagogen, die nichts anderes als eine große Elternverunsicherung im Sinn und ihr Ziel schon fast erreicht hätten: paranoide Eltern, die ihre Kinder vor jeglichem Ungemach des Lebens abzuschirmen versuchten - und dafür keine Kosten scheuten.“ Studien, die der Frage nach einem Zusammenhang zwischen Erziehungsstil und Charakterbildung nachgingen, lieferten keinesfalls eindeutige Ergebnisse und in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spielten viele Dinge hinein.[10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Haim G. Ginott: Between Parent & Teenager, S. 18
  2. a b Kinder-Psychologie: Zu viel des Guten, Spiegel Online vom 14. August 2013
  3. Die Störer aus der zweiten Reihe Focus, 9. Mai 2005; Überbehütete Bewerber: Wir werden das Kind schon schaukeln! Süddeutsche Zeitung, 29. Januar 2009; Heinz Bude: Die verunsicherte Mitte: Die Signalfunktion des Bildungsthemas, in: Interkultur ‒ Jugendkultur, Teil II, Wiesbaden: VS Verlag, 2010, S. 135‒144
  4. "Hubschraubereltern": Das rundum überwachte Kind, DiePresse.com vom 5. Februar 2011
  5. Überbesorgte Eltern: Erst mal Mama fragen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Januar 2011
  6. Übervorsichtige "Helikopter-Eltern" schaden ihren Kindern, Hamburger Abendblatt vom 6. Februar 2013
  7. "Helikopter-Eltern": Am Rockzipfel in die Uni, Tagesspiegel.de vom 21. März 2012
  8. Verwöhnung, Kontrolle und panische Frühförderung, Süddeutsche.de vom 28. August 2013
  9. Wie Überhütung den Kindern schadet, Deutschlandradio Kultur vom 27. August 2013
  10. Schluss mit dem Eltern-Bashing - Lob der Helikopter-Eltern, FAZ.net vom 19. August 2013