Helikopter-Eltern

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Unter Helikopter-Eltern, auch Hubschrauber-Eltern oder als Fremdwort Helicopter Parents (engl. helicopter parents oder paranoid parents), versteht man populärsprachlich überfürsorgliche Eltern, die sich (wie ein Beobachtungs-Hubschrauber) ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um diese zu überwachen und zu behüten. Ihr Erziehungsstil sei geprägt von (zum Teil paranoider) Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes bzw. des Heranwachsenden.

Sarkastischer Hinweis der Verwaltung der Uni Duisburg-Essen, 2013

Begriffsgeschichte und -etablierung[Bearbeiten]

Bereits 1969 wurde die Metapher vom israelischen Psychologen Haim G. Ginott in seinem Werk Between Parent & Teenager verwendet, der einen Heranwachsenden zitiert: „Mother hovers over me like a helicopter...“.[1]

Entscheidend geprägt habe die US-amerikanische Familientherapeutin Wendy Mogel den Begriff Überbehütung. Sie beschrieb im Jahr 2001, wie sie in ihrer Praxis moderne Eltern von umsorgten Mittelschichtkindern erlebt: „Von außen betrachtet, wirkt ihr Familienleben perfekt. Die Eltern besuchen jede Schulaufführung und jedes Fußballspiel ihrer Kinder. [...] Sie kennen alle Freunde ihrer Kinder und die Berufe der Eltern. Wenn die Schulleistungen abfallen, organisieren sie Nachhilfe.“ Nach Mogel entwickele das sogenannte ‚Over-Parenting‘ Bettnässen, Essstörungen, ADHS oder schwerwiegende Schulprobleme. Zudem üben solche Eltern massiven Bildungsdruck aus. Leistungen in der Schule und im Sport würden als wichtiges Familienerzeugnis interpretiert werden. Als Ausweg beschreibt Mogel die Erziehung zu emotionaler Stabilität, Widerstandsfähigkeit und Selbstständigkeit, orientiert an einem jüdisch-traditionellen Wertekanon. Sie befürwortet hierarchische Familienstrukturen, empfiehlt Eltern aber gleichzeitig mehr Zurückhaltung in der Erziehung.[2]

Wie Mogel ausgeführt hat, liegt die Problematik dieses Verhaltens nicht nur darin, dass betroffene Eltern Risiken, die ihren Kinder drohen, systematisch falsch einschätzen. Mogel kritisiert, dass diese Eltern sich ‒ obwohl sie liebevoll, intelligent, einfühlsam und äußerst engagiert sind ‒ in ihrer Erziehungsarbeit weitgehend auf ein Mikromanagement der wechselnden Stimmungen des Kindes beschränken und darüber das große Ganze der Erziehung aus dem Blick verlieren: dem Kind Werte zu vermitteln und es zu Widerstandsfähigkeit und Selbstständigkeit anzuleiten („Charaktererziehung“).

Diskurs im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

Psychologische Hintergründe[Bearbeiten]

Zunächst wurde die Diskussion durch den Kinderpsychiater Michael Winterhoff aufgenommen. So schrieb er in seinem Werk Warum unsere Kinder Tyrannen werden, dass sich immer mehr Jugendliche aus bürgerlichen Familien in Psychotherapie befänden. Sie seien Kinder von engagierten, beziehungsfähigen Eltern, die alles für ihren Nachwuchs getan hätten. Winterhoff sieht das Problem darin, dass es den Eltern an Orientierung und Anerkennung mangele, so dass sich ihnen das Kind zur Kompensation anbiete. Winterhoff plädiert für die Wiederherstellung einer „natürlichen Hierarchie“ zwischen Eltern und Kindern.[2]

Der Reformpädagoge Wolfgang Bergmann meint, dass verwöhnte Kinder in aller Regel unglücklich seien und dieselben Verhaltensprobleme wie vernachlässigte Kinder zeigten. Kinder müssen sich laut Bergmann in einem möglichst geordneten Umfeld zurechtfinden und diese äußeren Ordnungen verinnerlichen können. Sie wollen sich in den Eigenarten, Gesten, Blicken, Stimmen ihrer Eltern „spiegeln“. Das Gefühl, dass sich die ganze Welt um sie dreht, raube ihnen dieses Gegenüber. Anders als Winterhoff empfiehlt Bergmann aber nicht mehr Disziplin und Gehorsam in der Erziehung, sondern einen „gelassen-liebevollen Kontakt“.[2]

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hält die Schäden durch Überbehütung sogar für schlimmer als die Folgen von Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse der Eltern. Der Hintergrund von Überbehütung sei ein Narzissmus der Eltern: Sie wollten glückliche und erfolgreiche Kinder haben, um sich selbst als kompetent erleben zu können.[2]

Überbehütung von erwachsenen Kindern[Bearbeiten]

Der Erziehungswissenschaftler Andrä Wolter warnt vor zu viel Einmischung insbesondere bei erwachsenen Kindern: „Helicopter Parents verlängern die Abhängigkeitsphase und fördern nicht die Selbstständigkeit.“ Der Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut Jost Ackermann nannte als Folgen eines möglichen Ablösungskonfliktes: „Depressionen, Verweigerungshaltungen und der Griff zu Drogen“. Natürlich sei es wünschenswert, dass sich Eltern für ihre Kinder interessierten und diese auch förderten; spätestens mit Beginn eines Studiums sollten sie aber loslassen.[3]

Der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch hat die Erfahrung gemacht, dass manche Eltern aus der Mittel- und Oberschicht nicht nur in der Hochschule, sondern auch beim künftigen Arbeitgeber mitmischen: „Eltern haben heute viel mehr Zeit für ihr ,Projekt Einzelkind‘ als früher, wo sie noch drei oder vier Kinder bekamen [...]. Und wenn Eltern erst mal 18 Jahre lang ihre Verwöhn-Strategie verfestigt haben, können sie nicht plötzlich aufhören, nur weil Sohn oder Tochter nun auf die Uni oder ins Berufsleben gehen.“[4]

Soziologische Faktoren[Bearbeiten]

Der Hirnforscher Ralph Dawirs nennt die Gründe komplex; viele davon lägen in gesellschaftlichen Veränderungen: Es gebe immer weniger Kinder, auf die sich nun alles konzentriere. Diese sollen in einer Leistungsgesellschaft bestehen können, die Ansprüche an sie seien entsprechend hoch. Früher dagegen lebte der Nachwuchs häufiger in Großfamilien, die Kinder in einem Stadtviertel spielten zusammen, auch die Nachbarn schauten nach dem Rechten. So gab es eine Art öffentliche Aufsicht, und die Erziehung verteilte sich auf mehrere Erwachsene: „Damit existierte auch ein natürliches Korrektiv“.[5]

Unter dem Titel Helikopter-Eltern publizierte der Schulpädagoge Josef Kraus im August 2013 eine Streitschrift zum Thema. Süddeutsche.de bewertet das Buch als „kraftvolle Klage über die Mischung aus verkrampfter Frühförderung und nachgiebiger Verwöhnung, die sich seit einiger Zeit in Mittelschichtsfamilien breitmacht“, und zitiert Kraus: „Dieselben Kinder, die man durch Förderprogramme gern dressiert, schont man auf der anderen Seite im Übermaß.“ Kraus schätzt den Anteil solcher Eltern auf zehn bis fünfzehn Prozent. Er warnt davor, dass immer mehr Kinder in der „Gluckenfalle“ landen. Die Folgen seien eine zunehmende Unselbstständigkeit und eine „Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen“.[6] Das Deutschlandradio sieht Widersprüche bei Kraus. So fordere Kraus beispielsweise „mehr Selbständigkeit der Kinder, zugleich aber auch einen höheren Leistungsdruck“. Insgesamt sei das Buch „rückwärts gewandt“ und plädiere „kompromisslos für Leistungsdruck, Auslese, Disziplin“.[7]

Im deutschsprachigen Raum dreht sich ein Großteil des öffentlichen Diskurses um das „Mikromanagement“, das viele Eltern in den Bildungsangelegenheiten ihres Kindes praktizieren. Das Ergebnis seien überlastete und regelrecht verplante Kinder. Häufige Folgen seien auch Konflikte mit Lehrern, Schulwechsel und ähnliches.[8] Gelegentlich wird auch das Thema angeschnitten, dass „Hubschraubereltern“ dazu neigen, ihre Kinder mittels technischer Geräte wie GPS-Sender und Mobiltelefon zu überwachen.[9]

Kritik an Psychologen und Pädagogen[Bearbeiten]

Die Journalistin Inge Kloepfer bezieht eine Gegenposition. In der FAZ hat sie ein „Lob der Helikopter-Eltern“ formuliert und gefordert, mit dem „Eltern-Bashing“ aufzuhören. Sie verweist unter anderem auf den britischen Soziologen Frank Furedi. Dieser habe schon 2002 in seinem Buch Die Elternparanoia darauf hingewiesen, dass überbesorgte Eltern das Ergebnis, ja geradezu das Ziel der ständigen Warnungen von „Experten“ vor falscher Erziehung seien. Furedi zog nicht gegen die Eltern zu Felde, „sondern gegen eine ganze Armee von selbsternannten Experten, Psychologen und Pädagogen, die nichts anderes als eine große Elternverunsicherung im Sinn und ihr Ziel schon fast erreicht hätten: paranoide Eltern, die ihre Kinder vor jeglichem Ungemach des Lebens abzuschirmen versuchten – und dafür keine Kosten scheuten“. Die Erziehung sei schon seit der Antike, spätestens seit Rousseau ständig kritisiert worden: „Richtig gut waren die Zeiten für Eltern noch nie.“ Studien, die der Frage nach einem Zusammenhang zwischen Erziehungsstil und Charakterbildung nachgingen, lieferten keinesfalls eindeutige Ergebnisse und bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spielten viele Einflüsse eine Rolle. Tatsache sei, dass es dem Nachwuchs in Deutschland besser als jemals zuvor gehe: „Dafür spricht eine Vielzahl von Kinder- und Jugendstudien.“[10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Haim G. Ginott: Between Parent & Teenager, S. 18
  2. a b c d Kinder-Psychologie: Zu viel des Guten, Spiegel Online vom 14. August 2013
  3. "Helikopter-Eltern": Am Rockzipfel in die Uni, Tagesspiegel.de vom 21. März 2012
  4. Überbesorgte Eltern: Erst mal Mama fragen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Januar 2011
  5. Übervorsichtige "Helikopter-Eltern" schaden ihren Kindern, Hamburger Abendblatt vom 6. Februar 2013
  6. Verwöhnung, Kontrolle und panische Frühförderung Süddeutsche.de, 28. August 2013
  7. Wie Überhütung den Kindern schadet, Deutschlandradio Kultur vom 27. August 2013
  8. Die Störer aus der zweiten Reihe Focus, 9. Mai 2005; Überbehütete Bewerber: Wir werden das Kind schon schaukeln! Süddeutsche Zeitung, 29. Januar 2009; Heinz Bude: Die verunsicherte Mitte: Die Signalfunktion des Bildungsthemas, in: Interkultur ‒ Jugendkultur, Teil II, Wiesbaden: VS Verlag, 2010, S. 135‒144
  9. "Hubschraubereltern": Das rundum überwachte Kind, DiePresse.com vom 5. Februar 2011
  10. Schluss mit dem Eltern-Bashing – Lob der Helikopter-Eltern FAZ.net, 19. August 2013