Hellmut von Gerlach

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Hellmut von Gerlach

Hellmut Georg von Gerlach (* 2. Februar 1866 in Mönchmotschelnitz, Provinz Schlesien, Preußen; † 1. August 1935 in Paris) war ein deutscher Publizist und Politiker.

Leben[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus, Genthiner Straße 48, in Berlin-Tiergarten

Hellmut von Gerlach wurde als Sohn des Gutsbesitzers Max von Gerlach (1832–1909) und dessen Ehefrau Welly geb. Peyer (1837–1899) in Mönchmotschelnitz geboren. Sein Großvater väterlicherseits war Heinrich von Gerlach (1792–1863), Polizeipräsident in Berlin, Regierungspräsident in Köln und Erfurt und ein Urgroßvater mütterlicherseits Johann Gottlieb Koppe (1782–1863). Hellmut von Gerlach besuchte das Gymnasium in Wohlau. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Genf, Straßburg, Leipzig und in Berlin trat Gerlach in den preußischen Staatsdienst ein. Während seines Studiums wurde er bereits Mitglied des VDSt. Erste journalistische Sporen verdiente sich Gerlach als Mitarbeiter des Deutschen Adelsblatts.

Als Referendar wirkte er in Lübben, Berlin, Schleswig und Magdeburg. Dann wurde Regierungsassessor in Ratzeburg. Im Jahr 1892 kehrte Gerlach dem Staatsdienst den Rücken, um sich ausschließlich politischer und journalistischer Arbeit zu widmen. Zunächst stand er dem christlich-sozialen, antisemitischen Flügel der Konservativen um Adolf Stoecker nahe. Von 1892 bis 1896 war er Redakteur der christlich-sozialen Tageszeitung Das Volk. Im Juni 1894 nahm Gerlach brieflichen Kontakt mit Friedrich Engels auf und besuchte ihn London.[1] Unter dem Einfluss Friedrich Naumanns entwickelte Gerlach jedoch bald eine liberale politische Haltung. Mit seinem Bundesbruder Naumann gründete er 1896 den Nationalsozialen Verein.

Von 1898 bis 1901 und erneut von 1906 an war er Chefredakteur der Berliner Wochenzeitung Die Welt am Montag. In seinen Beiträgen fordert er politische Reformen zur Parlamentarisierung des Reichs. Gerlach bearbeitete intensiv zwei Wahlkreise, um für die Nationalsozialen in das Preußische Abgeordnetenhaus und in den Reichstag zu gelangen. Im preußischen Abgeordnetenhauswahlkreis Lingen-Bentheim im äußersten Westen der Provinz Hannover an der niederländischen Grenze gründete er dazu nationalsoziale Arbeitervereine, die in den Textilarbeitergemeinden Nordhorn, Schüttorf und Gildehaus sowie unter den Eisenbahnarbeitern in Lingen an der Ems viel Zulauf erhielten. 1898 gewann er so viele Wahlmänner, dass im Bündnis mit dem Zentrum in diesem Teil des ehemaligen Reichstagswahlkreises Ludwig Windthorsts trotz des Wahldrucks gegen seine Anhänger und die Zentrumspartei die Wahl Gerlachs in das Preußische Abgeordnetenhaus zum Greifen nahe schien. Da boten die nationalliberalen Fabrikanten dem bislang so verhassten Zentrum an, einen Zentrumsmann zu wählen, um einen Sieg von Gerlachs zu verhindern. Da er die bislang duldsame Arbeiterschaft organisierte, wurden hier er und die Nationalsozialen für einige Jahre das Feindbild der Fabrikanten schlechthin. Das Zentrum nahm das Angebot der Nationalliberalen an, so dass es hier zu einem weithin Aufsehen erregenden Stimmverhalten der Nationalliberalen kam. Obwohl von Gerlach mit der angekauften „Schüttorfer Zeitung“ ein höchst aktives Presseorgan zu seiner Unterstützung besaß und er bei den nächsten Wahl 1903 seine Stimmenzahl steigern konnte, blieb seine Bewerbung ebenso erfolglos wie die Kandidaturen im Reichstagswahlkreis „Meppen“ im Januar und Juni 1903.

Seine politische Arbeit im Reichstagswahlkreis Marburg-Frankenberg-Kirchhain war jedoch erfolgreicher. Als einziger Nationalsozialer gehörte von Gerlach vom Juni 1903 bis zum Januar 1907 dem Reichstag an. Dort schloss er sich als Hospitant der linksliberalen Freisinnigen Vereinigung im Reichstag an, da sich der Nationalsoziale Verein nach der Wahlniederlage von 1903 auflöste. Gewählt wurde er mit Hilfe des Zentrums und der SPD. 1907 verlor er den Wahlkreis an einen Angestellten des Deutschen Landbundes. 1908 verließ Gerlach die Freisinnige Vereinigung und wurde Mitbegründer der Demokratischen Vereinigung.

Im Ersten Weltkrieg nahm Gerlach eine pazifistische Haltung ein. Überzeugt von der deutschen Kriegsschuld, forderte er in seiner Zeitung Welt am Montag eine Verständigungspolitik. 1918 gehörte er mit Friedrich Naumann zu den Gründern der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und der Deutschen Friedensgesellschaft. 1918/1919 war Gerlach Unterstaatssekretär im preußischen Innenministerium. In diesem Amt setzte er sich für die deutsch-polnische Aussöhnung ein und war infolgedessen heftigen Anfeindungen ausgesetzt.

1919 trat er dem Rat des Internationalen Friedensbüros bei. Als Journalist kämpfte er gegen politische Umsturzversuche rechtsgerichteter Kreise. So trat er für die Erfüllung des Versailler Vertrags ein und prangerte die illegale Aufrüstung an. In der Welt am Montag setzte er sich besonders für eine deutsch-französische Verständigung ein. 1920 entging Gerlach nur knapp einem Mordanschlag nationalistischer Kreise. 1922 trat er aus der DDP aus und wurde 1926 Vorsitzender der Deutschen Liga für Menschenrechte. In dieser Funktion nahm er an mehreren internationalen Friedenskongressen teil. 1930 wurde Gerlach Gründungsmitglied der politisch einflusslosen Radikaldemokratischen Partei.

Für den inhaftierten Carl von Ossietzky übernahm er 1932 die politische Leitung der Zeitschrift Die Weltbühne. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1933 ging Gerlach ins Exil nach Österreich; er stand auch auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933. Auf Einladung der französischen Liga für Menschenrechte siedelte er nach Paris über, wo er sein journalistisches und pazifistisches Engagement fortsetzte und vor dem nationalsozialistischen Regime warnte.

Er nominierte erfolgreich Carl von Ossietzky für den Nobelpreis.[2]

1948 wurde in Deutschland die Hellmut-von-Gerlach-Gesellschaft gegründet, die sich um die Deutsch-Polnische Verständigung bemühte.

Hellmut von Gerlach heiratete 1904 Hedwig Wiesel (1874–1956), mit der er einen Sohn und eine Tochter hatte.

Schriften[Bearbeiten]

  • Sozialdemokratisch oder nationalsozial. Redekampf zwischen Molkenbuhr und von Gerlach zu Emden am 15. November 1899. Emden 1900.
  • Die freisinnige Vereinigung im Parlament. Berlin 1907.
  • Das Parlament. Rütten und Loenig, Frankfurt am Main 1907.
  • Die Geschichte des preußischen Wahlrechts. Buchverlag Die Hilfe, Berlin-Schöneberg 1908.
  • August Bebel. Ein biographischer Essay. Langen Verlag, München 1909. Digitalisat.
  • Meine Erlebnisse in der Preußischen Verwaltung. Die Welt am Montag, Berlin 1919.
  • Der Zusammenbruch der deutschen Polenpolitik. Neues Vaterland, Berlin 1919.
  • Hrsg.: Briefe und Telegramme Wilhelms II. an Nikolaus II (1894–1914). Wien 1920.
  • Ein Bekenntnis deutscher Schuld: Beiträge zur deutschen Kriegsführung. Hrsg. von Walter Oehme. Mit einem Vorwort von Helmut von Gerlach, Neues Vaterland, Berlin 1920.
  • Die deutsche Mentalität. 1871–1921. Friede durch Recht, Ludwigsburg 1921.
  • Erinnerungen eines Junkers. Welt am Montag, Berlin 1924.
  • Die große Zeit der Lüge. Verlag der Weltbühne, Charlottenburg 1926. Die Kapitel waren alle in der Weltbühne erschienen. Neuausgabe: Hellmut von Gerlach: Die große Zeit der Lüge. Der Erste Weltkrieg und die deutsche Mentalität (1871–1921). Hrsg. von Helmut Donat und Adolf Wild. Mit einem Nachwort von Walter Fabian. Donat, Bremen 1994, ISBN 3-924444-78-1.
  • Von rechts nach links. Hrsg. Emil Ludwig. Europa Verlag, Zürich 1937 (Autobiografie, postum erschienen). Einleitung von Emil Ludwig. 1978 Neuauflage bei Gerstenberg, Hildesheim.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Düding: Der nationalsoziale Verein 1896 bis 1903. Der gescheiterte Versuch einer parteipolitischen Synthese von Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus (= Studien zur Geschichte des 19. Jahrhunderts, Abhandlung der Forschungsabteilung des Historischen Seminars der Universität Köln, Band 6), München und Wien 1972.
  • Joachim Gauger: Geschichte des Nationalsozialen Vereins samt einer Darstellung seiner ideellen und tatsächlichen Herkunft – als Teil einer evangelischen Parteigeschichte, (Diss. Münster) Wuppertal-Elberfeld 1935.
  • Ursula Susanna Gilbert: Hellmut von Gerlach (1866–1935). Stationen eines deutschen Liberalen vom Kaiserreich zum „Dritten Reich“, Frankfurt/Main 1984.
  • Ruth Greuner: Wandlungen eines Aufrechten. Lebensbild Hellmut von Gerlachs, Buchverl. Der Morgen, Berlin 1965.
  • Bernd Haunfelder: Die liberalen Abgeordneten des Deutschen Reichstags 1871–1918. Ein biographisches Handbuch, Münster 2004, S. 153–154.
  • Karl Holl: Artikel Hellmut von Gerlach. In: Helmut Donat und Karl Holl (Hrsg.): Die Friedensbewegung. Organisierter Pazifismus in Deutschland, Österreich und in der Schweiz (= Hermes Handlexikon), Düsseldorf 1983, S. 156–159.
  • Erhard Kiehnbaum: War Engels mit einem Offizier im preußisch-deutschen Generalstab befreundet? In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung 10, Berlin 1981, S. 99-108.
  • Christoph Koch (Hrsg.): Vom Junker zum Bürger. Hellmut von Gerlach – Demokrat und Pazifist in Kaiserreich und Republik. Meidenbauer, München 2009. ISBN 978-3-89975-156-7 (Rezension)
  • Helmut Lensing: Die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus im Wahlkreis Lingen-Bentheim 1867–1913. In: Osnabrücker Mitteilungen. Band 98, Osnabrück 1993, S. 161–204.
  • Helmut Lensing: Die Wahlen zum Reichstag und zum Preußischen Abgeordnetenhaus im Emsland und in der Grafschaft Bentheim 1867 bis 1918. Parteiensystem und politische Auseinandersetzung im Wahlkreis Ludwig Windthorsts während des Kaiserreichs (= Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte, Band 15. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft für die Landkreis Emsland und Grafschaft Bentheim), Sögel 1999.
  • Helmut Lensing: Wahlmanipulationen im Landtagswahlkreis Lingen-Bentheim. In: Osnabrücker Mitteilungen. Band 104, Osnabrück 1999, S. 253–275.
  • Adrien Robinet de Clery: Gerlach, Helmut v.. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 6, Duncker & Humblot, Berlin 1964, ISBN 3-428-00187-7, S. 301 f. (Digitalisat).
  • Carl Schneider: Die Publizistik der national-sozialen Bewegung 1895–1903, Wangen i. A. 1934 (Diss. Berlin).
  • Franz Gerrit Schulte: Der Journalist Hellmut von Gerlach, Saur, München 1988. ISBN 3-598-20549-X
  • Martin Wenck: Die Geschichte der Nationalsozialen von 1895 bis 1903, Berlin 1905.
  • Marc Zirlewagen: Gerlach, Hellmuth (Georg) von. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 24, Bautz, Nordhausen 2005, ISBN 3-88309-247-9, Sp. 685–690.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hellmut von Gerlach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Hellmut von Gerlach – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erinnerungen eines Junkers, S. 97-99.
  2. Nominierung. Insgesamt wurde Ossietzky 93 Mal nominiert, bis ihm 1936 der Friedensnobelpreis für das Jahr 1935 zugesprochen wurde (vgl. nobelprize.org).