Helmut Palmer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Parolen und „Marktordnung“
Verzierungen und Parolen am Haus

Helmut Palmer (* 8. Mai 1930 in Stuttgart-Untertürkheim; † 24. Dezember 2004 in Tübingen) war ein deutscher Pomologe, Bürgerrechtler und Kandidat bei etlichen Bürgermeister-, Landtags- und Bundestagswahlen. Bekannt wurde er als „Remstal-Rebell“.

Helmut Palmer gab in seiner Eigenschaft als Obstbaumkundler Baumschnittkurse für Landwirte und Hobbygärtner. Die von ihm entwickelte Schnittmethode, der Palmer-Oeschbergschnitt, ähnelt dem ursprünglichen Oeschbergschnitt, den Palmer während seiner Lehrzeit in der Schweiz erlernt hatte.

Familie[Bearbeiten]

Palmer war der uneheliche Sohn von Emma Palmer, einer 1909 geborenen christlichen Bauerntochter aus Geradstetten im Remstal, die damals als Verkäuferin in einer Metzgerei arbeitete. Sein Vater war der verheiratete jüdische Metzgermeister Siegfried Kilsheimer aus Pforzheim. Trotz des doppelten Stigmas der unehelichen Geburt und der jüdischen Abstammung, die im pietistisch geprägten Remstal als Schande empfunden wurden, nahm ihn sein Großvater August Palmer (geboren 1876) in seinen Haushalt auf. Auch nachdem Helmut Palmers Mutter 1933 im benachbarten Schnait einen Metzgermeister geheiratet und eine Familie gegründet hatte, wuchs er weiterhin bei seinen Großeltern auf. Sein Großvater August Palmer und dessen Sohn Reinhold, der jüngste Sohn unter den vier Kindern August Palmers, wurden damit zu den wichtigsten Bezugspersonen Helmut Palmers, der in seiner Kindheit und Jugend während der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund seiner Abstammung vielen Anfeindungen ausgesetzt war, gerade in Geradstetten, das örtliche NS-Fanatiker zu einer nationalsozialistischen Mustergemeinde umgestalten wollten, an dessen Ortseingängen 1935 Schilder mit der Aufschrift „Hier sind Juden unerwünscht“ standen und wo die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 69,10 % der gültigen Stimmen erhielt.[1]

1969 heiratete Palmer die gelernte Sekretärin Erika, geborene Kröner, aus Göppingen, die zuvor schon mehrere Jahre seine Freundin gewesen war. Aus der Ehe gingen 1972 der spätere Politiker Boris Palmer und 1974 ein weiterer Sohn hervor. Aus Beziehungen vor dieser Ehe hatte Palmer drei weitere Kinder mit zwei anderen Frauen, einen Sohn und zwei Töchter, darunter die Autorin, Journalistin und Filmemacherin Gudrun Mangold.[2]

Helmut Palmers Sohn Boris Palmer wurde 2001 als grüner Kandidat für den Wahlkreis Tübingen in den Landtag gewählt, kandidierte 2004 erfolglos bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart, wurde dann aber am 22. Oktober 2006 zum Oberbürgermeister der Stadt Tübingen gewählt. Der Stuttgarter CDU-Politiker und Ex-Staatsminister Christoph Palmer ist Helmut Palmers Neffe.

Leben[Bearbeiten]

Allein durch seinen Nonkonformismus und seine sehr direkte Art eckte Palmer immer wieder an. Dabei missfielen ihm bald als unnötig empfundene Vorschriften und insbesondere jegliche Form von Behördenwillkür, welcher er bereits in jungen Jahren ausgesetzt zu sein glaubte. Daraus entwickelte sich eine Aktivität auf lokaler und lokalpolitischer Ebene in Geradstetten, wo er sein Wohnhaus mit Parolen versah. Palmer kämpfte − teils mit heftigen Vorwürfen − gegen eine Bevormundung durch den Staat, Behördenwillkür und Antisemitismus.

Seine politischen Aktivitäten erweiterte der Einzelkämpfer bald auf die vorgesetzten Dienststellen bis hin zur Landeshauptstadt Stuttgart, in der Palmer einmal bei der Oberbürgermeister-Wahl kandidierte. Insgesamt trat er bei über 250 Oberbürgermeisterwahlen in Baden-Württemberg an. In Schwäbisch Hall erreichte Palmer 1974 im ersten Wahlgang 40,74 % der Stimmen, im zweiten Wahlgang 41,43 %.

Mehrmals trat Palmer als unabhängiger Einzelkandidat zu Bundestagswahlen an. Er erreichte für einen Einzelkandidaten bemerkenswert hohe Ergebnisse bis zu 19,8 %, konnte jedoch nie einen Wahlkreis gewinnen:

Jahr Wahlkreis Kennwort Stimmen Anteil
1972 177 Waiblingen Bürgerrechtler 07.104 04,9 %
1983 167 Göppingen Bürgerrechtler 28.456 19,8 %
1987 168 Waiblingen Wählergruppe „Bürgerrecht“ 31.625 19,2 %
1990 193 Reutlingen Partner Palmer 16.148 11,3 %
1994 168 Waiblingen Palmer statt Parteien 13.020 07,8 %
1998 172 Schwäbisch Hall – Hohenlohe Palmer statt Parteien 07.898 04,7 %

Palmer musste sich in zahlreichen Gerichtsverfahren verantworten. Wiederholt saß er Gefängnisstrafen ab.

Helmut Palmer war seit 2002 Mitglied der SPD. Nach eigener Aussage trat er aber nur in die Partei ein, weil er sich von einer Parteimitgliedschaft mehr Schutz vor der Justiz und anderen Institutionen erhoffte, die ihn seiner Meinung nach verfolgten.[3]

Am 24. Dezember 2004 erlag Helmut Palmer einer Krebserkrankung. Ein Jahr nach seinem Tod wurde der Verein zur Pflege des Andenkens an Helmut Palmer e. V. gegründet. Gründungsmitglieder waren neben seiner Witwe Erika und seinem Sohn Boris Palmer auch Hermann Scheer und Rezzo Schlauch.[4]

Schriften[Bearbeiten]

  •  Mein Kampf und Widerstand im Filbingerland. Marva, Genf 1978, ISBN 3-85800-005-1.
  • Mein Kampf und Widerstand. Späth-Lese. Edition Marva, Genf 1979, ISBN 3-85800-007-8.
  •  Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland: Obstbau und Politik aus Passion. Buchdienst Esslingen, Esslingen 1982, DNB 964887436.
  • Der Leitfaden für Streuobst- und Nat-UR-Obstbau. Die totale Kehrtwende vom Krüppel-, Kunstdünger-, Gift- und Chaotenobstbau zum Naturobstbau. Hauser, Metzingen 1988, DNB 900987944.
  • Die natürliche Sprache der Obstbäume. Hauser, Metzingen 1991, OCLC 311780132.
  • Notenschlüssel der Natur 2000 - 50 Jahre Privat-Obstbau-Beratung. Carl Bacher, Schorndorf, 2000, ISBN 3-924431-21-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Absatz zu Familie und Aufwachsen Palmers nach Jan Knauer: Bürgerengagement und Protestpolitik. Das politische Wirken des „Remstalrebellen“ Helmut Palmer und die Reaktionen seiner Mitmenschen. Dissertation. Tübingen 2012; online auf TOBIAS-lib, S. 25–26.
  2. Ehe und Kinder nach Jan Knauer: Bürgerengagement und Protestpolitik. Das politische Wirken des „Remstalrebellen“ Helmut Palmer und die Reaktionen seiner Mitmenschen. Dissertation. Tübingen 2012; online auf TOBIAS-lib, S. 33, 61, 212, 347.
  3. Jan Knauer: Bürgerengagement und Protestpolitik. Das politische Wirken des „Remstalrebellen“ Helmut Palmer und die Reaktionen seiner Mitmenschen. Dissertation. Tübingen 2012; online auf TOBIAS-lib, S. 38.
  4. Jan Knauer: Bürgerengagement und Protestpolitik. Das politische Wirken des „Remstalrebellen“ Helmut Palmer und die Reaktionen seiner Mitmenschen. Dissertation. Tübingen 2012; online auf TOBIAS-lib, S. 342.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jan Knauer: Helmut Palmer: Der Remstal-Rebell. Konrad Theiss, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8062-2899-1.
  • Jan Knauer: Bürgerengagement und Protestpolitik. Das politische Wirken des „Remstalrebellen“ Helmut Palmer und die Reaktionen seiner Mitmenschen. Dissertation. Tübingen 2012; online auf TOBIAS-lib.
  • Gudrun Mangold: Obstbäume schneiden verblüffend einfach mit Helmut Palmer. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2005, ISBN 3-440-10465-6.
  • Michael Ohnewald: Helmut Palmer. Lebensweg eines Rebellen. Hohenheim, Stuttgart 2004, ISBN 3-89850-114-0.
  • Günter Wallraff: Wiederaufnahme einer Verfolgung. In: Günter Wallraff: 13 unerwünschte Reportagen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, ISBN 3-462-03174-0 (erstmals 1969), S. 138–148.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bilder des Palmer-Hauses in Geradstetten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien