Hemisphärektomie

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Als Hemisphärektomie wird in der Medizin die neurochirurgische Entfernung einer Gehirnhälfte bezeichnet. Es handelt sich dabei um ein selten durchgeführtes Verfahren zur Behandlung schwerster Fälle von Epilepsie.

Voraussetzungen für die Durchführung sind, dass die Erkrankung durch große Bereiche einer einzelnen Hirnhälfte verursacht wird, dass die epileptischen Krampfanfälle durch Medikamente und andere Maßnahmen nicht behandelbar sind, und dass bereits eine schwerwiegende Schädigung der betroffenen Hirnhälfte vorliegt oder im weiteren Krankheitsverlauf absehbar ist. Zu den unerwünschten Folgen einer solchen Operation zählen bei allen Patienten Lähmungen und in den meisten Fällen Sehstörungen auf der Körperseite, die der entfernten Hirnhälfte gegenüber liegt (kontralateral).

Eine experimentelle Hemisphärektomie bei einer Katze wurde erstmals 1888 von Friedrich Goltz durchgeführt. Die erste Anwendung beim Menschen erfolgte 1928 durch Walter Edward Dandy zur Behandlung von im Bereich der nicht-dominanten Hemisphäre gelegenen Gliomen mit diffuser Hirngewebsinfiltration.[1] Zehn Jahre später wurde das Verfahren erstmals und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in verstärktem Maße zur Behandlung von Epilepsien beziehungsweise anderen Erkrankungen mit epileptischen Symptomen eingesetzt. In den folgenden Jahren zeigte sich, dass der Nutzen bei der Behandlung von Hirntumoren im Verhältnis zu Risiken und Langzeitfolgen zu gering und somit nicht gerechtfertigt war. Aus diesem Grund spielt die Hemisphärektomie für diesen Bereich der Neurochirurgie seit den 1960er Jahren keine wesentliche Rolle mehr.[2]

Zur Behandlung von schweren behandlungsresistenten Epilepsien ist diese Methode hingegen bis in die Gegenwart in der Epilepsiechirurgie von Bedeutung.[3] Da die mit schweren Anfällen einhergehende seltene Rasmussen-Enzephalitis strikt auf eine Hirnhemisphäre beschränkt bleibt, wird bei dieser Erkrankung nicht selten eine Hemisphärektomie erwogen, wobei die Möglichkeit schwerster bleibender Funktionsausfälle gegen eine Anfallsfreiheit im Einzelfall abgewogen werden muss.[4] Anstelle einer tatsächlichen vollständigen Entfernung der Hemisphäre (anatomische Hemisphärektomie) werden zunehmend auch weniger eingreifende Verfahren wie die Entfernung einzelner Lappen des Großhirns und die als Callosotomie bezeichnete Durchtrennung des Corpus callosum durchgeführt. Moderne Operationsverfahren, bei denen die Hemisphäre belassen und lediglich funktionell vom übrigen Gehirn abgekoppelt wird, werden als funktionelle Hemisphärektomie bezeichnet.[5]

Auch Patienten mit dem Sturge-Weber-Syndrom leiden an Epilepsie, die sich nicht ursächlich behandeln lässt. Eine Behandlung der Symptome ist auch hier durch Hemisphärektomie denkbar.[6]

Literatur[Bearbeiten]

  • K.N. Fountas, J.R. Smith, J.S. Robinson, G. Tamburrini, D. Pietrini, C. Di Rocco: Anatomical Hemispherectomy. In: Child's Nervous System. 22(8)/2006. Springer, S. 982−991, ISSN 0256-7040

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dandy WE: Removal of right cerebral hemisphere for certain tumors with hemiplegia. J Am Med Assoc 90:823–825, 1928
  2. de Almeida AN, Marino R Jr.: The early years of hemispherectomy. Pediatr Neurosurg. 2005;41(3):137-40 PMID 15995330
  3. Limbrick et al.: Hemispherotomy: efficacy and analysis of seizure recurrence. J Neurosurg Pediatr. 2009;4(4):323-32. PMID 19795963
  4. Bien CG, Schramm J: Treatment of Rasmussen encephalitis half a century after its initial description: Promising prospects and a dilemma. Epilepsy Res. 2009 Jul 15. [Epub ahead of print] PMID 19615863
  5. De Ribaupierre S, Delalande O.: Hemispherotomy and other disconnective techniques. Neurosurg Focus. 2008 Sep;25(3):E14. PMID 18759615 (aktuelle Übersichtsarbeit) Volltext
  6. Hemisphärektomie – Artikel bei flexikon.doccheck.com
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