Henri Pirenne

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Portrait von Henri Pirenne.

Henri Pirenne (* 22./23. Dezember 1862 in Verviers; † 24. Oktober 1935 in Uccle) war ein belgischer Historiker.

Pirenne studierte Geschichte und Rechtswissenschaft an der Universität Lüttich, setzte seine Studien in Paris, Leipzig und Berlin fort. Wilhelm Arndt, Harry Breßlau und Gabriel Monod zählten zu seinen Lehrern.[1] Er erhielt bereits im Alter von 24 Jahren die Professur für mittelalterliche Geschichte an der Universität Gent. Dieses Ordinariat bekleidete er, unterbrochen durch die Kriegszeit, bis zum Jahr 1930. Danach lebte er in Uccle bei Brüssel. Er war verheiratet mit Jenny-Laure Vanderhaegen. Mit ihr hatte er vier Söhne, von denen ihn nur sein Sohn Jacques überlebte.

Obwohl er durchaus ein Freund der deutschen Kultur war, lehnte er während des Ersten Weltkriegs jede Zusammenarbeit mit den militärischen und zivilen Besatzungsbehörden konsequent ab. Im März 1916 wurde er deshalb im Deutschen Reich interniert, unter anderem im Internierungslager bei Holzminden. Durch humanitäre Interventionen auch auf diplomatischer Ebene wurden seine Internierungsbedingungen gemildert. Von Januar 1917 bis zum Kriegsende wurde ihm Creuzburg an der Werra als Aufenthaltsort zugewiesen. Um Ablenkung von dem Schmerz über die Trennung von seiner Familie und über den Tod seines neunzehnjährigen Sohnes Pierre zu finden, der als Kriegsfreiwilliger im November 1914 in der Schlacht an der Yser fiel, fasste er die wirtschaftshistorischen Vorlesungen zur Geschichte des europäischen Mittelalters zusammen, die er in Holzminden ohne Vorbereitung und ohne seine Bücher vor russischen Studenten gehalten hatte. Sein Sohn Jacques gab sie 1936 postum als Buch heraus.[1]

Bekannt wurde er durch die sogenannte Pirenne-These, wonach die kulturelle Einheit des Mittelmeerraums nicht durch die Völkerwanderung und die Invasion der germanischen Völker, sondern erst durch die Islamische Expansion zerstört worden sei. In seinem 1937 postum veröffentlichten Hauptwerk Mahomet et Charlemagne formulierte er ebendiese These.

1912 wurde er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Inhaltsverzeichnis

Schriften [Bearbeiten]

  • Les villes du moyen âge. Essai d’histoire économique et sociale, Brüssel 1927.
  • (mit Gustave Cohen und Henri Focillon) La civilisation occidentale au Moyen Âge du XIe au milieu du XVe siècle, Paris 1933 (dt.: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas im Mittelalter, 1946)
  • Histoire de l'Europe des invasions au XVIe siècle, Paris/Brüssel 1936 (dt.: Geschichte Europas. Von der Völkerwanderung bis zur Reformation, Berlin 1956).
  • Mahomet et Charlemagne, Paris/Brüssel 1937 (dt.: Geburt des Abendlandes. Untergang der Antike am Mittelmeer und Aufstieg des germanischen Mittelalters, Amsterdam 1939).

Literatur [Bearbeiten]

  • Erna Patzelt: Die fränkische Kultur und der Islam. Aalen 1978 (Die Autorin stellt Argumente gegen die Thesen von Pirenne dar, mit ausführlichen historischen Beispielen und Zusammenhängen. Eine umfassende Entgegnung.)
  • Peter Schöttler: Henri Pirennes Kritik an der deutschen Geschichtswissenschaft und seine Neubegründung des Komparatismus im Ersten Weltkrieg. In: Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts, 19 (2004), H. 2, S. 53–81.
  • Klaus-Gunther WesselingHenri Pirenne. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 15, Bautz, Herzberg 1999, ISBN 3-88309-077-8, Sp. 1166–1182.

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. a b Geleitwort zu: Europa im Mittelalter - Von der Völkerwanderung bis zur Reformation / Henri Pirenne. Aus dem Franz. von Wolfgang Hirsch ISBN 978-3-86647-402-4

Weblinks [Bearbeiten]