Henry Berry Lowry

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Henry Berry Lowry, Anführer der Swamp Bandits

Henry Berry Lowry, andere Schreibweisen Lowrie oder Lowery (* um 1845 in Hopewell Community, Robeson County, verschollen 1872), war der Anführer und die zentrale Figur des sogenannten Lowry-Krieges. Während dieses Aufstandes lehnte sich eine Gruppe indianischer und afroamerikanischer Gesetzloser gegen Ende des Sezessionskrieges gegen die weiße Oberschicht der Südstaaten auf. Im Zuge dieser gewalttätigen Konflikte wurde Lowry zu einer Symbolfigur seines Stammes, der Lumbee, und der Tuscarora, von denen er als Kämpfer für die Selbstbestimmung und gegen die Diskriminierung der Indianer im Südosten verstanden wird. Er sowie seine Frau Rhoda Strong werden bis heute als Helden im Sinne Robin Hoods verstanden und von der ländlichen Bevölkerung North Carolinas verehrt.

Herkunft und Abstammung[Bearbeiten]

Henry Berry Lowry war eines von 12 Kindern der Familie Allen und Mary (Polly) Cumbo Lowry, einer angesehenen indianischen Familie. Sie lebten in dem als „The Settlement“ oder „Scuffletown“ bezeichneten Gebiet in der Umgebung von Pembroke im Robeson County, dem angestammten Gebiet der Lumbee. Die Familie besaß in der Nähe von Hopewell eine Farm von über 800 Hektar, die der Familie zu einigem Wohlstand und Einfluss innerhalb der indianischen Gemeinde verhalf.

Die Abstammung der Lowrys ist nach historischen Quellen unklar, die Familie wird im Allgemeinen als Lumbee[1] bezeichnet. In anderen Aufzeichnungen werden sie als Tuscarora oder Tuscarora-Mischlinge bezeichnet,[2] Henry Berrys Großmutter gehörte zu diesem Stamm. Gelegentlich wird Henry Berry auch als „North Carolina Modoc“ oder „Robeson County Apache[3] beschrieben. Die Lumbee, zu denen die Lowrys nach der überwiegenden heutigen Betrachtung gehörten, waren ein Stamm der sich aus den Nachkommen verschiedener indianischer Stämme, darunter auch den Tuscarora, freier Afroamerikaner und Weißen zusammensetzte. Sie verstanden und verstehen sich selbst als amerikanische Ureinwohner und trotz der zeitgenössischen Zuordnung nicht als „freie Farbige“. Sie kämpften im 19. Jahrhundert um ihre Anerkennung sowohl als Stamm, wie auch um den Erhalt ihrer Stammesgebiete. Es ist anzunehmen, dass sich die Lowrys selbst ebenfalls ausschließlich als Indianer verstanden, unabhängig von der genauen Zuordnung zu einem bestimmten Stamm.[3]

Henry Berry Lowry heiratete zu Beginn des Krieges seine Frau Rhoda Strong. Auf seiner Hochzeit wurde er von der Bürgerwehr gefangen genommen und in das Hochsicherheitsgefängnis in Wilmington gebracht. Er brach nur wenige Stunden später wieder aus und kehrte zu seiner Frau zurück.

Rolle im Lowry-Krieg[Bearbeiten]

Hauptartikel: Lowry-Krieg

Henry Berry Lowry schwor sich als etwa 17-jähriger nach der illegalen Hinrichtung seines Vaters und Bruders am 3. März 1865 durch die konföderierte Bürgerwehr seine Familienangehörigen zu rächen. Er versteckte sich mit einigen seiner Brüder und seiner Cousins aus dem Stamm der Melungeon in den Sümpfen der Gegend. Von dort aus organisierten sie guerilla-ähnliche Überfälle auf die Plantagen der Region. Nachdem die Gruppe durch den Zustrom weiterer Mitglieder, darunter ehemalige Sklaven und Deserteure, anwuchs und die Versorgungslage der armen Bevölkerung gegen Ende des Sezessionskrieges deutlich verschlechterte, gingen die sogenannten „Swamp Bandits“ (engl. für „Sumpf-Banditen“) dazu über, Vorräte zu stehlen und diese an Bedürftige zu verteilen. Weiße Bürger aus der Oberschicht, die sich an der Unterdrückung und Diskriminierung der indianischen und farbigen Bevölkerung beteiligte und deren Situation ausnutzten, wurden von den Aufständischen ermordet. Diese Haltung brachte Henry Berry Lowry den Ruf eines modernen Helden im Stile Rob Roys und Robin Hoods. Dies erklärt, wieso die Lowry-Bande, trotz der sehr hohen Belohnung, nie von den Menschen der Region verraten oder Hinweise an die Behörden gegeben wurden.[4]

Legendenbildung[Bearbeiten]

Die letzte größere durch die Outlaws begangene Straftat fand am 16. Februar 1872 statt, an dem die Bande den Ort Lumberton überfiel und mit rund 28.000 Dollar entkamen.[5] Drei Tage später verschwand Henry Berry Lowry spurlos. Nach seinem mysteriösen Verschwinden nahm seine Geschichte zunehmend mythische Ausmaße an. Zu seinem Verbleib gibt es mehrere Erzählungen, die von den Lumbee in Robeson County durch mündliche Überlieferungen bewahrt und teilweise erst Ende des 20. Jahrhunderts aufgezeichnet wurden. Diese verschiedenen Geschichten reichen von plausiblen Erklärungen bis hin zu märchenhaften Verklärungen. Eine bekannte Sammlung dieser Geschichten wurde von dem Historiker Adolph L. Dial in den Jahren zwischen 1969 und 1971 auf Tonband aufgezeichnet und werden als die „Adolph L. Dial Tapes“ bezeichnet.[6] Dabei gehen die Befragten davon aus, das Lowry sich entweder versehentlich selbst tötete, in einer großen Werkzeugkiste außer Landes gebracht wurde oder aber bei einem geheimen Feuergefecht aufrecht stehend starb. Weitere Geschichten schildern eine vorgetäuschten Flucht oder seine Abreise nach Südamerika oder in den Nordwesten, in dem er den Aufstand der Modoc gegen die Vereinigten Staaten von 1872 bis 1873 angeführt haben soll. Eine weit verbreitete Meinung geht davon aus, dass er die Region nie wirklich verlassen hat. Sein Großneffe behauptete 1937 Henry Berry Lowry sei noch am Leben.[7]

Bedeutung Lowrys für die Lumbee[Bearbeiten]

Für die Bevölkerung North Carolinas ist und war Lowry stets eine umstrittene Persönlichkeit. Die Taten und die Personen des Lowry-Krieges wurden zunächst über Zeitungsberichte auch in der amerikanischen Öffentlichkeit bekannt und widersprüchlich wahrgenommen.[8] Für die Lumbee, und auch die Tuscarora mit denen Lowry ebenfalls verwandt war, hatte Lowry eine zentrale Bedeutung für das sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelnde Selbstverständnis und die Forderungen nach Selbstbestimmung durch die Lumbee. Lowry wird als Quelle des erstarkenden Selbstbewusstseins und der Forderung der Lumbee nach Anerkennung betrachtet, als einer der sich gegen die Unterdrückung und Diskriminierung der Indianer in North Carolina stellt. Die nachhaltige Verehrung, die dem Outlaw entgegengebracht wird, entspringt im Wesentlichen dieser Rolle als Symbolfigur in der Auflehnung der gemischtrassigen Bevölkerungsgruppen gegen das im Süden existierende System der weißen Vorherrschaft.[9][10] Eine ähnliche Rolle für die Melungeon spielen John Dial, William Chavis, Henderson und Calvin Oxendine sowie Shoemaker John, die am Lowry-Krieg beteiligt waren.

Gedenken[Bearbeiten]

Seit 1976 wird der Legende Lowrys jeden Sommer auf der Freilichtbühne in Pembroke mit dem von Randolph Umberger verfassten Theaterstück „Strike at the Wind“ erinnert.[11] Auf dem Gelände des Theaters befindet sich auch ein Informationszentrum des „North Carolina Indian Cultural Center“, dort wird ein Museum für indianische Kunst unterhalten und das wiederaufgebaute Haus Henry Berry Lowries ausgestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  • David Ball: The Swamp Outlaw: The Civil War Story of Henry Berry Lowery and His North Carolina Indian Raiders. 1st Books Library, 1999, ISBN 1-58500-408-1.
  • Karen I. Blu: The Lumbee Problem: The Making of an American Indian People. University of Nebraska Press, 2001, ISBN 0-8032-6197-7.
  • Adolph L. Dial, David K. Eliades: The Only Land I Know: A History of the Lumbee Indians. Syracuse University Press, 1996, ISBN 0-8156-0360-6.
  • William McKee Evans: To Die Game: The Story of the Lowry Band, Indian Guerrillas of Reconstruction. Syracuse University Press, 1995, ISBN 0-8156-0359-2.
  • Tim Hashaw: Children of perdition: Melungeons and the struggle of mixed America. Mercer University Press, 2006, ISBN 0-88146-013-3.
  • Christopher Arris Oakley: Keeping the Circle: American Indian Identity in Eastern North Carolina 1885-2004. University of Nebraska Press, 2005, ISBN 0-8032-3574-7.
  • Lowry Band In: William S. Powell, Jay Mazzocchi (Hrsg.): Encyclopedia of North Carolina, Chapel Hill, University of North Carolina Press, 2006, ISBN 0-8078-3071-2.
  • Gerald M. Sider: Living Indian Histories: Lumbee and Tuscarora People in North Carolina. University of North Carolina Press, 2003, ISBN 0-8078-5506-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frederick E. Hoxie: Encyclopedia of North American Indians: Native American History, Culture, and Life from Paleo-Indians to the Present. Houghton Mifflin Harcourt, 1996, ISBN 0-395-66921-9, S. 350.
  2. Gerald M. Sider: Living Indian Histories: Lumbee and Tuscarora People in North Carolina. UNC Press, 2003, ISBN 0-8078-5506-5, S. 269.
  3. a b Christopher Arris Oakley: Keeping the Circle: American Indian Identity in Eastern North Carolina 1885-2004. University of Nebraska Press, 2005, ISBN 0-8032-3574-7, S. 22.
  4.  Tim Hashaw: Children of perdition: Melungeons and the struggle of mixed America. Mercer University Press, 2006, ISBN 0-88146-013-3, S. 52.
  5.  Jefferson Currie: Henry Berry Lowry Lives Forever. In: North Carolina Museum of History - Office of Archives and History, N.C. Department of Cultural Resources (Hrsg.): Tar Heel Junior Historian Association. Spring, Nr. 39, 2000.
  6. Eine Abschrift der Bänder wird zur Verfügung gestellt vom Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatAdolph L. Dial: Lowry Legends - The Adolph L. Dial Tapes. North Carolina Museum of History, 1969, abgerufen am 12. April 2009 (englisch).
  7. University of North Carolina - Universiy Librarys, North Carolina Collection: March 1865 - Executions Spark the Lowry War
  8. Eine Darstellung und Sammlung relevanter Zeitungsmeldungen und Erwähnungen findet sich unter Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatGlenn Ellen Starr Stilling: Lumbee Indians - Category: 33. The Henry Berry Lowry period. Appalachian State University, abgerufen am 16. April 2009 (englisch).
  9. Vortrag William McKee Evans im Native American Resource Center of The University of North Carolina at Pembroke am 10. November 2005: „Henry Berry Lowry is a source of strength for the Lumbee people, […] They have stood tall because of the legend. The greatest critics of Lowry have given ground, the legend friendly to Lowry has grown.”
  10.  Gerald M. Sider: Living Indian Histories: Lumbee and Tuscarora People in North Carolina. University of North Carolina Press, 2003, ISBN 0-8078-5506-5, S. 164-171.
  11. Webauftritt des Theaterstücks Strike At The Wind

Weblinks[Bearbeiten]