Henry Morgenthau senior

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Henry Morgenthau senior

Henry Morgenthau senior (* 26. April 1856 in Mannheim; † 25. November 1946 in New York City) war ein US-amerikanischer Diplomat und Unternehmer deutscher Herkunft.

Leben[Bearbeiten]

Henry Morgenthau wurde in Mannheim geboren, wo sein Vater Lazarus Morgentau eine Zigarrenfabrik besaß. Ab 1864 besuchte er für zwei Jahre das dortige Lyzeum. 1866 wanderte die Familie in die Vereinigten Staaten aus.

Nach Beendigung seiner Schulausbildung studierte Henry Morgenthau an der renommierten Columbia Law School und wurde anschließend in New York im Immobilienhandel tätig. Politisch engagierte sich Morgenthau in der Demokratischen Partei und unterstützte Woodrow Wilson während dessen Wahlkampf um das Präsidentenamt.

Nach Wilsons Wahlsieg wurde Morgenthau als amerikanischer Botschafter nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, gesandt, wo er bis 1916 blieb. Er gilt als wichtiger Zeitzeuge des bis heute von der türkischen Regierung geleugneten Völkermords an den Armeniern. Er ist der Vater des US-Finanzpolitikers Henry Morgenthau, Jr. sowie Großvater des Staatsanwaltes Robert M. Morgenthau und der Historikerin Barbara Tuchman.

Er ist der Verfasser der beiden Berichte „The Tragedy of Armenia“ (London, 1918) und „Ambassador Morgenthau's Story“ (New York, 1918). In diesen Berichten wird im Einzelnen geschildert, was sich im Windschatten des Ersten Weltkriegs ab 1915 in der Türkei zugetragen hat. Laut Morgenthau kam die Idee, dass sich die Türkei der Armenier durch Völkermord entledigen könnte, von deutschen Offizieren, die damals in großer Zahl in der Türkei anwesend waren und halfen, das desolate türkische Heer zu reorganisieren.

Im Sommer 1919 bereiste er im Auftrag Wilsons Ostpolen, um einen Bericht über die Lage der jüdischen Bevölkerung nach dem Pogrom von Lemberg zu erstellen, bei dem 72 Personen ermordet worden waren. Er machte darin polnische Offiziere und Beamte für die Morde verantwortlich. Der Bericht verärgerte die Regierung in Warschau unter Ignacy Jan Paderewski, der bislang von Wilson gefördert worden war.[1]

Im Juli 1922 regte Morgenthau bei den Alliierten einen „Rettungsplan“ zum Wiederaufbau des österreichischen Wirtschaftslebens durch eine mögliche Kooperation von amerikanischen Privatleuten, England und Frankreich an; ein Kernpunkt darin bestand in der Reorganisation des österreichischen Eisenbahnwesens.

Schriften[Bearbeiten]

  • Ambassador Morgenthau's Story. Doubleday, Page, Garden City NY 1918 (Neuauflage: Wayne State University Press, Detroit MI 2003, ISBN 0-8143-3159-9).
  • Ara Sarafian (Hrsg.): United States Official Records On The Armenian Genocide, 1915–1917. Herausgegeben von Ara Sarafian. Gomidas Institute, Princeton NJ u. a. 2004, ISBN 1-903656-39-7.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernd Greiner: Unerwünschter Protest. Henry Morgenthau sen. als Botschafter in der Türkei. In: Mittelweg 36. 4. Jg., Heft 2, April/Mai 1995, S. 24–28.
  • Wolfgang Gust: „Die Anregung zur Unschädlichmachung der Armenier erfolgte von deutscher Seite“. In: Mittelweg 36. 4. Jg., Heft 2, April/Mai 1995, S. 29–36.
  • Heath W. Lowry: Die Hintergrundsgeschichte zu Botschafter Morgenthaus Memoiren. Isis-Verlag, Istanbul 1991, ISBN 975-428-023-1, Online in englisch und französisch im webarchive.
  • Sebastian Parzer: Der Zigarrenfabrikant Lazarus Morgenthau (1815–1897). In: Mannheimer Geschichtsblätter. Bd. 22, 2011, ISSN 0948-2784, S. 11–18, insbesondere S. 16.
  • Tod im Namen Allahs. Die Ausrottung der christlichen Armenier, Augenzeugenberichte. MM Verlag, Aachen 2005, ISBN 3-928272-70-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. http://www.polityka.pl/historia/1553751,1,raport-morgenthaua-o-konfliktach-narodowych-w-odrodzonej-polsce.read Andrzej Krajewski, Świadectwo Morgenthaua, in: Polityka, 4. September 2013, S. 56–59. (Mission of The United States to Poland, Henry Morgenthau, Sr. Report in der englischsprachigen Wikisource)