Hep-Hep-Unruhen

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Johann Michael Voltz, Grafik der Hep-Hep-Unruhen in Frankfurt am Main, 1819

Die Hep-Hep-Unruhen oder Hepp-Hepp-Krawalle von 1819 waren eine Welle gewalttätiger Ausschreitungen gegen Juden in vielen Städten des Deutschen Bundes, darunter Prag, Graz und Wien, sowie in Amsterdam, Kopenhagen, Helsinki, Krakau und kleineren Orten in Russisch-Polen.[1] Sie gingen von Handwerkern, Händlern und Studenten aus, die sich teils spontan, teils verabredet zu antijüdischen Demonstrationen versammelten, jüdische Bürger beschimpften, bedrohten, misshandelten, ihre Synagogen, Geschäfte und Wohnungen angriffen und teilweise zerstörten.

Die Angriffe verbreiteten sich überregional und dauerten Monate an. Sie richteten sich gegen die jüdische Emanzipation, die seit der Französischen Revolution 1789 auch einige deutsche Gebiete erreicht hatte. Damit waren Juden zu gleichberechtigten Konkurrenten von Christen geworden, die vielfach ehemals privilegierte Zunft-Mitglieder waren.

Die Unruhen gelten daher als Ergebnis und Ausläufer des christlichen Antijudaismus, aber auch als Beginn des Antisemitismus im 19. Jahrhundert, noch ohne rassistische Motive. Sie zeigten die Anfälligkeit von Bevölkerungsteilen für neue Formen des Judenhasses. Daher gelten diese Unruhen als einer von vielen Schritten auf dem Weg zum Holocaust an etwa sechs Millionen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus.[2]

Begriff[Bearbeiten]

Ihren Namen erhielten die Unruhen durch den mehrfachen Hetzruf „Hep“ oder „Hepp“, mit dem die Beteiligten sich sammelten und Juden ihrer Stadt bedrohten. Seine Herkunft ist unklar; er wurde schon im Jahr 1819 verschieden gedeutet, meist als Abkürzung oder Aufforderung.

Eine in Danzig veröffentlichte „Proclamation“ beschuldigte alle Juden im Stil eines Kreuzzug-Aufrufs als „Christusmörder“ und endete mit den Sätzen:[3]

„… noch haben wir Macht über ihnen und die Gewalt ist in unseren Händen, darum laßt uns jetzt ihr sich selbst gefälltes Urtheil an sie vollstrecken laut dem wie sie geschrieen: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Auf! wer getauft ist, es gilt der heiligsten Sache, fürchtet nichts und zögert keine Stunde, den Streit für des Glaubens Ehre zu wagen. Diese Juden, die hier unter uns leben, die sich wie verzehrende Heuschrecken unter uns verbreiten, und die das ganze preußische Christenthum dem Umsturz drohen, das sind Kinder derer die da schrieen: kreutzige, kreutzige. Nun auf zur Rache! Unser Kampfgeschrei sey Hepp! Hepp! Hepp! Aller Juden Tod und Verderben, Ihr müßt fliehen oder sterben!“

Wegen dieses Kontextes deuteten Zeitzeugen wie Rahel Varnhagen und der deutschjüdische Historiker Heinrich Graetz H.E.P. als Abkürzung einer mittelalterlichen Kreuzfahrerparole: Hierosolyma est perdita („Jerusalem ist verloren“). Die Antisemitismusforscher Werner Bergmann und Rainer Erb halten diese Deutung für unwahrscheinlich, da die Kreuzfahrerparole korrekt '„Hierosolyma sunt perdita“' lautete, ihre Tradierung in Handwerkerkreisen nicht bezeugt sei und diese kaum Latein gekannt und benutzt hätten.[4] Lion Feuchtwanger beschreibt den Ursprung des Begriffes in seinem Werk „Der jüdische Krieg“, in dem der Untergang Jerusalems und des Tempels durch die Römer geschildert wird – nach Quellen des jüdisch-römischen Historikers Josephus Flavius. Demnach hätten bereits die Römer nach der Zerstörung bei gleichzeitiger Prägung der Münze „Judaea capta“ den Begriff als Siegesruf angewandt, gemäß dem Satz „Hierosolyma est perdita“. Damalige Zeitungsberichte erklärten Hep auch als Variante von Heb, das Hebräer abkürzen sollte. Philologen und Völkerkundler um 1900 führten das Kurzwort auf einen hebräischen bzw. chaldäischen Wortstamm zurück, der Feind oder Widersacher bedeute. Andere erklärten es als Kombination der Anfangsbuchstaben von drei großen historischen Judenfeinden: Haman, Esau, Pharao.[5]

Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm von 1877 erklärte Hep zum einen als Zuruf an Zugtiere, die Füße zu heben, zum anderen als Lockruf für Ziegen in Franken. Jüdische Männer seien bei den Angriffen häufig an ihren Spitzbärten gezogen worden. Hepp ist auch allgemein eine Aufforderung an Tiere, davonzulaufen (hau ab, lauf weg!) oder zu springen, z. B. bei Dressur und Darbietungen im Zirkus. Im Odenwald riefen Tänzer sich bei der „Judenpolka“ ein rhythmisches Hepp zu.[6]

Rainer Wirtz[7], Detlev Claussen[8] und Stefan Rohrbacher[9] vermuteten daher, zumindest bei den süddeutschen Unruhen sei der Ziegen- oder Tieranruf auf Juden übertragen worden.

Würzburg[Bearbeiten]

Die Ausschreitungen begannen am 2. August 1819 in Würzburg. Die Entstehungsbedingungen des dortigen Judenhasses gelten als Beispiel für die allgemeinen Hintergründe der Unruhen.

Hintergründe[Bearbeiten]

1643 hatte Bischof Johann Philipp von Schönborn alle Würzburger Juden vertrieben und ihnen dort die Niederlassung verboten. 1802 endete die fast tausend Jahre dauernde Herrschaft der katholischen Bischöfe über die Stadt. 1803 erlaubte der Rat der Familie des Bankiers Moses Hirsch als ersten Juden wieder die Ansiedelung. 1813 gewährte der Landtag Bayerns mit dem Bayerischen Judenedikt die rechtliche Gleichstellung der Juden. Ein Jahr darauf fiel Würzburg an Bayern und verlor damit seinen Status als selbstverwaltetes Fürstentum und Provinzhauptstadt. 1816 trat das Bayrische Judenedikt auch hier in Kraft. Bis 1819 wuchs die neue jüdische Gemeinde Würzburgs auf etwa 400 Personen an.

Viele alteingesessene Würzburger betrachteten diese Entwicklungen mit tiefem Misstrauen und stellten einen Zusammenhang zwischen dem Niedergang der mittelalterlichen Kirchenherrschaft und dem Aufstieg der Juden her. Sie sprachen den neuen Mitbürgern ab, sich für soziale Belange der Bürgerschaft einzusetzen. Deren Vermögen galten traditionell als durch Wucher und Betrug, nicht durch eigene harte Arbeit erworben. Hirsch, der seine Geschäfte im Auftrag der Bayrischen Staatskrone zu deren Finanzierung tätigte, war eine besondere Reizfigur: Er hatte 1803 den Ebracher Hof gekauft, bis dahin Wohnsitz der Äbte des Klosters Ebrach. Sein Sohn Jacob Hirsch kaufte im selben Jahr bei Auktionen Juwelen, die aus ehemaligen Kirchengeräten stammten. Dies galt frommen Katholiken als Frevel. Ein antijüdisches Pamphlet von 1813 behauptete, Juden hätten sich bei den Versteigerungen als Bischöfe verkleidet, um die Christen zu verhöhnen.

Juden wurden oft als Profiteure der damaligen Säkularisierung von Kirchengütern gesehen, die mit dem Verkauf an sie als entweiht galten. Man fürchtete – entgegen den Fakten, da nachweislich viele gemeinnützige, nicht konfessionelle Stiftungen von Juden initiiert wurden –, sie würden ihr Geld dem Handelskreislauf entziehen und nur bedürftige Mitjuden unterstützen. Sie galten als Nutznießer und oft auch Drahtzieher der Herrschaft Napoleons. Hinzu kam 1816 und 1817 eine allgemeine Hunger- und Wirtschaftskrise, die die Notlage vieler Deutscher und die Neigung zu verschwörungstheoretischen Erklärungen verstärkte.

Im Frühjahr 1819 beriet die bayrische Ständeversammlung über eine Revision des Edikts von 1813, die der König Anfang August genehmigte. Im Vorfeld wurde in den Zeitungen heftig über das Für und Wider der „bürgerlichen Verbesserung" der Juden debattiert. Seitdem kamen bereits die Hepp-Pöbeleien auf.[10]

Verlauf[Bearbeiten]

Am Abend des 2. August 1819 erwartete eine Menschenmenge aus Studenten und Bürgern den beliebten Landtagsabgeordneten Professor Behr, um ihn für seinen Einsatz gegen das Judenedikt zu feiern. Anwesend war auch der als Fürsprecher der Judenemanzipation bekannte Professor Sebald Brendel. Dies löste die Unruhe aus. Heinrich Graetz schilderte den Hergang wie folgt:[11]

„Plötzlich wurde ein alter Professor Brendel bemerkt, der kurz vorher zugunsten der Juden geschrieben hatte. Es hieß, er habe dafür von ihnen eine Dose voll Dukaten bekommen. Bei seinem Anblicke erscholl aus dem Munde der Studenten der unsinnige Ruf ,Hep-Hep!‘, mit dem pöbelhaften Zusatz ,Jud‘ verreck! […] Brendel wurde verfolgt und mußte sich retten.
Den Tumult benutzten brotneidische Kaufleute, welche erbittert darüber waren, daß jüdische Konkurrenten den Kaffee um einige Kreuzer billiger verkauften, und einige andere, welche etwas gegen einen geadelten jüdischen Kapitalisten Hirsch hatten. Eine leidenschaftliche Wut bemächtigte sich der Bevölkerung. Sie erbrach die Kaufläden der Juden und warf die Waren auf die Straße. Und als die Angegriffenen sich zur Wehr setzten und mit Steinen warfen, steigerte sich die Erbitterung bis zur Raserei. Es entstand eine förmliche Judenschlacht wie im Mittelalter, es kamen Verwundungen vor, mehrere Personen wurden getötet.
Etwa vierzig Bürger hatten sich an diesem Judensturm beteiligt. Militär mußte zur Dämpfung der Erbitterung herbeigeholt werden, sonst wären die Juden niedergemetzelt worden. Tags darauf stellte die Bürgerschaft die Forderung an die städtische Behörde, daß die Juden Würzburg verlassen sollten. Und sie mußte sich fügen. Mit Trauer verließen etwa vierhundert Juden jeden Alters die Stadt und lagerten mehrere Tage in den Dörfern unter Zelten, einer trüben Zukunft entgegensehend.“

Zeitgenössische Regierungsakten, Zeitungsberichte und die Würzburger Chronik des Stadthistorikers Leo Günther von 1925 ergänzen und korrigieren diese Darstellung in einigen Details. Die Angriffe richteten sich vor allem gegen jüdische Geschäftsinhaber. Sie wurden verprügelt, ihre Läden, Warenlager und Wohnhäuser wurden teilweise zerstört. Fensterscheiben wurden eingeworfen, Auslagen geplündert, Fassaden demoliert, Firmenschilder abgerissen. Dabei wurden königliche Wappen meist geschont, um den Eindruck eines staatsfeindlichen Aufruhrs zu vermeiden.

Am Folgetag wurden auch Ordnungskräfte angegriffen. Ein Stadtpolizist, der das Wohnhaus des Bankiers Hirsch schützen sollte, erschoss dabei den judenfeindlichen Würzburger Kaufmann Konrad. Daraufhin eskalierten die Unruhen zu bürgerkriegsartigen Zuständen. Die Bürgerschaft verlangte nun die sofortige Ausweisung aller Juden. Bayrisches Militär wurde dem Rat zur Hilfe entsandt. Ein Schuhmacher erschoss einen Wachsoldaten. Erst nach drei Tagen konnte das Militär die Situation unter Kontrolle bringen. Bis dahin waren fast alle Juden aus der Stadt geflohen – nicht ausgewiesen – und versteckten sich im Umland. Diejenigen, welche kein Quartier fanden, mussten unter freiem Himmel nächtigen. Auch in Heidingsfeld, wo viele Flüchtlinge Schutz durch das Militär suchten, wurden zwei jüdische Familien von einem beurlaubten Soldaten bedroht.

Am 8. August kehrten die meisten Würzburger Juden in die Stadt zurück. Sie wurden aber in den folgenden Jahren weiterhin – besonders in den Sommermonaten – in Würzburg und Umgebung mit Demonstrationen, Steinwürfen, vereinzelten Anschlägen auf ihre Häuser und häufigen Hepp-Hepp-Parolen auf ihren Ladenfassaden angegriffen. 1821 wurden Ritualmordgerüchte gegen sie in Umlauf gebracht. 1826 wurde eine als Jude ausstaffierte Puppe aufgehängt. 1828 kam es zu ähnlichen Unruhen wie 1819 mit dem Ausruf Achhie, dessen Bedeutung unbekannt ist.

Außer der direkten Gewaltanwendung hielt eine Drohbrief-Kampagne die jüdischen Bürger in den Folgemonaten ständig in Atem. Anonyme Autoren, die als Versammlung der Guten und Gerechten unterschrieben, drohten christlichen Hausbesitzern und Vermietern Brandstiftung, ihren jüdischen Mietern Ermordung an, um sie zum Wegzug zu nötigen:[12]

„Der Jude als nächster Verwandter der bayrischen Finanzkammer darf im ganzen Königreich ungehindert seinen strafbaren Wucher mit dem armen gedrückten Bürger treiben, während der Bürger bei einer konstitutionellen Regierung in Friedenszeiten Kriegssteuer zahlen muß… warum dies alles? Antwort: Weil Schurken und Juden verschwistert den Zügel der Regierung führen… Mit Feuer, Dolch und Schwert sind wir fest entschlossen, uns von dem jüdischen Ungeziefer zu reinigen und es würde mir sehr leid tun, wenn Euer Wohlgeboren diesem meinem Warnungsbrief nicht Genüge leisten werden, indem die Ihrige Behausung ohne Rettung in einen Aschehaufen verwandelt werden wird.“

In einer anderen Version hieß es: „Eine Versammlung von mehr als 3000 werden den Tod nicht fürchten, um eine allgemeine gute Sache zu bewirken.“[13] Hunderte Kopien solcher Briefe zirkulierten in den Würzburger Kaffeehäusern und wurden dort unter „größtem Beyfall“ verlesen. Als der Kaufmann Aaron einen Drohbrief erhielt und bei den Behörden meldete, ließ der Stadtrat zwei jüdische Pfandhäuser präventiv schließen, um den angedrohten Pogrom abzuwenden. Andererseits setzte er eine Belohnung für die Entdeckung der Briefautoren aus, und drohte Gastwirten, die die Briefe verbreiteten, antijüdische Schmähreden duldeten und nicht anzeigten, Geld- und Haftstrafen an.

In Heidingsfeld kam es im Oktober 1819 mehrfach zu Feueralarm und Bränden mit unbekannter Ursache. Aus Furcht vor angedrohter Brandstiftung kündigten einige Hausbesitzer jüdischen Mietern die Läden oder die Wohnung. Auch ließen sich einige Dörfer in Würzburgs Umgebung nach dem Abzug der Militärs aus Furcht vor Racheaktionen nicht zur Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden bewegen und verweigerten Juden den Zuzug. Denn gewerblich genutzte Häuser waren oft die einzige Existenzbasis ihrer Besitzer, mit deren Verlust auch sonstige Gewerberechte endeten, was Abstieg und Verarmung auch für die abhängig beschäftigten Gesellen und das Gesinde nach sich zog. Daher war besonders in den Landgemeinden eine Abwehr gegen den Zuzug von Juden verbreitet.

Auch in der Stadt wurden alle Juden öffentlich weiter mit Mord bedroht, oft im Anschluss an aktuelle politische Ereignisse wie den Krieg Österreichs gegen Neapel. Laut Anzeigen hatten auch städtische Angestellte daran teil:[14]

„Für euch Juden ist es auch ein Glück, daß die Neapolitaner geschlagen worden sind, sonst wäret Ihr alle totgeschlagen worden.“

Auch Bürger, die als „Judenfreunde“ galten, waren häufigen Drohungen ausgesetzt. Auf Professor Brendel wurden nach den Unruhen vier Mordanschläge, auf sein Haus ein Brandanschlag verübt. Studentische Flugblätter behaupteten, die Universität habe ihn entlassen, und warnten seine Verlobte, ihn zu heiraten. Auch der als „Judenkönig“ geltende liberale Abgeordnete Brentano wurde bedroht. Ein unter Studenten beliebtes fünfstrophiges Schmählied sammelte alle antijüdischen Ressentiments und rief zur Vertreibung aller Juden Deutschlands auf. Strophe V lautete:[15]

Der Deutsche will euch ferner nicht,
Ihr habt euch schlecht betragen,
Ihr leistet keine Bürgerpflicht,
helft keine Last uns tragen,
Ihr zeiget weder Ehr noch Muth,
kauft gerne das gestohlne Gut
drum ruft des Volkes Stimme laut:
Fort mit dem Juden – ausgehaut!

Die Unruhen von 1819 und 1828 blieben im Würzburger Raum jahrzehntelang Gesprächsthema und wurden etwa von der Heidingsfelder Judengemeinde mit einem jährlichen Fasten erinnert.

Ausbreitung[Bearbeiten]

Tendenziöse Presseberichte machten die Würzburger Unruhen in ganz Deutschland bekannt und wirkten wie ein Aufruf zur Nachahmung. Zwischen dem 9. und 15. August folgten Tumulte und Angriffe auf die Juden in Bamberg, Bayreuth (12. August), Regensburg, Pottenstein, Hollfeld, Ebermannstadt und vielen weiteren oberfränkischen Ortschaften. Deren Polizei griff oft erst spät ein und schützte die Betroffenen nicht ausreichend, so dass diese sich mit Petitionen direkt an die Staatsregierung wandten. Diese machte die Gemeinden kollektiv für etwaige Schäden und Kosten für notwendige Soldatenquartiere haftbar, um so deren Schutz für die Juden zu erzwingen. In Franken ließ sie dies in allen Orten öffentlich bekannt machen.

Dennoch griff die Welle der antijüdischen Empörung ab dem 15. August auf Hessen, die Oberpfalz, Baden und das Rheinland über. In Karlsruhe (16./17. August), Mannheim, Heidelberg und ihrer Umgebung waren die Ausschreitungen besonders heftig und konnten dort ebenfalls nur durch Militäreinsatz beendet werden. Auch im überwiegend protestantischen Preußen folgten in den Folgewochen Krawalle, u. a. in Danzig, Breslau, Grünberg, Königsberg, Lissa, Koblenz, Hamm, Kleve, Dormagen (12. Oktober, hier ausgelöst durch ein Ritualmord-Gerücht).

In Großstädten mit größeren Judengemeinden nahmen die Tumulte teilweise die Form von Revierkämpfen an. In Frankfurt am Main, damals Hauptstadt des Deutschen Bundes, wurden Juden ab dem 10. August angegriffen. Nach einer morgendlichen Prügelei zwischen christlichen und jüdischen Briefabholern am Postamt wurden jüdische Passanten von der öffentlichen Promenade gedrängt. Abends durchzogen Straßenbanden mit Hepp, Hepp-Rufen pöbelnd die Frankfurter Judengasse und warfen Fensterscheiben mit Steinen ein. Obwohl einige Abgeordnete der Bundesversammlung den Stadtrat sofort zum Eingreifen drängten, wurden die Polizeiwachen erst am Folgetag verstärkt. Die Stadtverwaltung erwog vorübergehend, die Zahl der jüdischen Bürger auf 500 zu begrenzen und ihnen ein Ghetto zuzuweisen.

Viele jüdische Familien verließen die Stadt zu ihrem Schutz und siedelten in Nachbarstädte um, wo die Unruhen sie jedoch wenige Tage darauf ebenfalls ereilten. In Darmstadt kam es am 12. und 13. August zu Massenaufläufen, Prügeleien und Sachbeschädigungen; die Bedrohung der örtlichen Juden dauerte wochenlang, so dass die Regierung noch am 4. September Schutzmaßnahmen für sie öffentlich bekannt machte.

Auch in Hamburg (20. August) war eine Prügelei zwischen jüdischen und christlichen Händlergehilfen Auslöser der Ausschreitungen: Diese begannen mit dem Hinauswurf von Juden aus einem Pavillon am Jungfernstieg, am Folgetag aus sämtlichen Kaffeehäusern und Vergnügungsstätten der Stadt. Die Betroffenen wehrten sich; eine Massenschlägerei wurde durch massiven Polizeieinsatz beendet. Auf Flugblättern stand Hepp, hepp, der Jude muß inn Dreck oder … Juden verreck.[16]

Dabei begründeten die Aufrufe die Hetze der Krawallanten mal mehr wirtschaftlich, mal mehr religiös, meist aber beides kombiniert. Sie zielten stets auf die Vertreibung aller örtlichen Juden und drohten ihnen darüber hinaus häufig massiv mit „Tod und Verderben“. In Düsseldorf (22. August) z. B. wurden an jüdischen Wohnhäusern Plakate angeschlagen, auf denen es hieß:[17]

„Schon zu lange hat die Herrschaft der Juden über den Betrieb des Handels gedauert. Mit ruhigen Augen haben die Christen diesem unerlaubten Unwesen zugesehen, die Zeiten haben sich geändert. Sind bis 26ten dieses Monats dem Handel und Moral verderbenden Volke, was kein gesetzmäßiges Oberhaupt anerkennen kann, nicht Schranken gesetzt, so soll ein Blutbad entstehen, das anstatt Bartholomäus-Nacht, Salomoni-Nacht heißen soll.“

In Kreuznach verkündete ein in der Nacht vom 27. auf den 28. September an Straßenlaternen und Häuserecken angeschlagenes Flugblatt:[18]

„Kreuznacher, das Vehmgericht hat beschlossen, daß auf den langen Tag alle Juden aus Teutschland gejagt werden sollen. Es erwartet, daß die Stadt Kreuzenach dabey nicht zurückbleibt.“

Der Landrat hielt die Gendarmerie bereit, doch der Folgetag verlief ohne Unruhen. Daraus zogen die Behörden den Schluss, es handele sich nur um „Bangemachen“ ohne konkrete Verwirklichungsabsicht. Dies führte in manchen Städten und Regionen zum vorzeitigen Abzug der Militärtruppen. Meist aber wurde das Militär sofort eingesetzt, besonders dann, wenn die Aufrufe gegen die Juden mit allgemeineren politischen Forderungen verbunden waren. Dies deuteten die Behörden als revolutionäre Gärung, so dass sie – im eigenen Interesse, nicht nur dem der betroffenen Juden – jeden Massenprotest so rasch wie möglich erstickten.

In Marburg wurden im Oktober Zettel verteilt, auf denen stand:[19]

„den 18ten October wird hep, hep! gegeben, der Schauplatz ist auf allen Strassen. Gewisse Umstände zwingen uns, den HUNDSTATEN der Juden eine Galgenfriste zu gestatten. FURCHTBAR und alles vertilgend wird alsdann der Würgeengel ueber Euch schweben wie an jenem Tage in Jerusalem.“

Hier wurde auf den Ersten Kreuzzug angespielt, der am 15. Juli 1099 mit einem der grausamsten Massaker des Mittelalters in Jerusalem geendet hatte. Der „Würgeengel“ (Ex 12,23 EU: ein biblischer Ausdruck für die Macht, mit der Gott den Israeliten zum Auszug aus Ägypten verhilft) wird hier zum Racheengel an den Juden umgedeutet. Antijüdisch gedeutete Bibelmotive spielten auch sonst auf vielen Flugblättern eine Rolle. Sie dienten dazu, den eigenen Handlungen eine religiöse Rechtfertigung und einen höheren Sinn zu geben. Sie zeigten die Wirkung der jahrhundertelangen kirchlichen Gottesmord-Propaganda und „jahrzehntelang angestaute Hassgefühle“ bei Christen, die bei geringfügigen Anlässen durchbrachen.[20]

Reaktionen[Bearbeiten]

Die Aggressionen richteten sich gegen sozialen Aufstieg, wirtschaftliche Konkurrenz und politische Gleichberechtigung jüdischer Bürger, die anders als in Jahrhunderten zuvor nun vermehrt am öffentlichen Kulturleben teilnahmen und etwa auf den Märkten nicht mehr wie selbstverständlich nachrangig von den Christen behandelt werden konnten.

Damalige Zeitungsberichte beurteilten die Motive der Krawallanten unterschiedlich. Gebildete Beobachter sahen religiöse Begründungen für die Unruhen jedoch als vorgeschoben an. Sie machten „Handelsgeist“ und „Krämerneid“ dafür verantwortlich oder teilten das verbreitete Vorurteil, eine angeblich zu rasche rechtliche Gleichstellung habe das „schnelle Emporkommen“ der Juden bewirkt. Deren gestiegene Konkurrenzfähigkeit wurde also als an sich illegitime Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit beurteilt.

Eine apologetische Schrift des Dramatikers Julius von Voß führte jüdische Gewinne darauf zurück, jüdische Händler seien meist sparsamer und fleißiger und böten höherwertige Waren preisgünstiger an als Christen, was diese wiederum anreize, das Qualitätsniveau ihrer Waren zu steigern, und so allen zugute komme. Doch auf dem Hintergrund eines verbreiteten Krisengefühls erschienen die Juden den christlichen Kleingewerbetreibenden der Städte als geeignetes Aggressionsobjekt. Sie wollten zur mittelalterlichen Ständeordnung zurückkehren und versprachen sich von der brutalen Ausschaltung einer gut 1000 Jahre lang sozialökonomisch diskriminierten Minderheit aus dem Wirtschaftsleben eine rasche Verbesserung der eigenen Lage.

Trotz des Eingreifens der Behörden wurden die Unruhen als praktisches Argument gegen die Judenemanzipation vorgebracht, die die Gefahr gesellschaftlicher Auseinandersetzungen mit sich bringe. Damit wurde die volle Gleichberechtigung der Juden jahrzehntelang verzögert und erst 1871 mit der Gründung des Deutschen Reiches allgemeines Gesetz. Doch auch danach setzte sich die Tradition der antisemitischen Hetze und Bedrohungen fort. Sie erreichte um 1848, 1879–1882 und 1890–1900 reichsweit neue Höhepunkte.

Unter den Juden selbst lösten die Ereignisse ebenfalls ambivalente Reaktionen aus. Während einige für eine rasche und völlige Assimilation an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft eintraten, sprachen sich andere für ein noch engeres Zusammenrücken jüdischer Milieus aus.

Verbreitet ist die Ansicht, dass die Krawalle von Studenten initiiert und hauptsächlich getragen wurden. Demgegenüber vertritt der Historiker Jacob Katz die Position, Haupturheber seien die durch die Judenemanzipation einem neuen Konkurrenzdruck ausgesetzten kleinbürgerlichen Schichten gewesen, die zudem in jener Zeit häufig bei jüdischen Kreditgebern verschuldet waren.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Historischer Kontext
  • Ursula Gehring-Münzel: Vom Schutzjuden zum Staatsbürger: Die gesellschaftliche Integration der Würzburger Juden 1803-1871. Schöningh, Würzburg 1992, ISBN 3-87717-768-9 (S. 121-177, zugleich Dissertation an der Universität Würzburg 1987).
  • Stefan Rohrbacher: Deutsche Revolution und antijüdische Gewalt (1815-1848/49). In: Peter Alter, Claus-Ekkehard Bärsch, Peter Berghoff (Hrsg.): Die Konstruktion der Nation gegen die Juden. Wilhelm Fink, 1999, ISBN 3-7705-3326-7, S. 29-47
  • Eleonore Sterling: Judenhaß. Die Anfänge des politischen Antisemitismus in Deutschland (1815-1850). Europäische Verlagsanstalt, überarbeitete und erweiterte Ausgabe, 1969 (DNB 458231886, früher: Er ist wie du. Aus der Frühgeschichte des Antisemitismus in Deutschland (1815 - 1850), Kaiser, München 1956).
Verlauf
  • Eleonore Sterling: Anti-Jewish Riots in Germany in 1819: A Displacement of Social Protest. Historia Judaica 12/1950, S. 105-142
  • Jacob Katz: Die Hep-Hep-Verfolgungen des Jahres 1819. (1977) Metropol Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-926893-17-6
  • Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780-1860. Metropol, Berlin 1989, ISBN 3-926893-77-X. (S. 218-240: Die Hepp-Hepp-Krawalle von 1819.)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alex Bein: Die Judenfrage, Band 2: Anmerkungen, Exkurse, Register, Deutsche Verlagsanstalt 1980, S. 158
  2. John Weiss: Der lange Weg zum Holocaust: die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und Österreich. Ullstein, 1998, ISBN 3548265448, S. 98 ff.
  3. Stefan Rohrbacher, Michael Schmidt: Judenbilder, Rowohlt TB, Reinbek 1990, ISBN 3499554984, S. 263
  4. Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780–1860. Berlin 1989, S. 218ff.
  5. so Christian Anton Krollmann: Warum gab es 1819 eine „Judenhetze“? Berlin 1899; zitiert in Eleonore Sterling: Anti-Jewish Riots in Germany in 1819: A Displacement of Social Protest, S. 108
  6. Thorsten Muth: Das Judentum: Geschichte und Kultur. Pressel, 2009, ISBN 3937950281, S. 41
  7. Rainer Wirtz: „Widersetzlichkeiten, Excesse, Crawalle, Tumulte und Skandale“. Ullstein (Sozialgeschichtliche Bibliothek), 1981, ISBN 3548351190, S. 289, Fußnote 15
  8. Detlev Claussen: Vom Judenhass zum Antisemitismus: Materialien einer verleugneten Geschichte. Luchterhand, 1988, ISBN 3630616771, S. 74
  9. Stefan Rohrbacher: Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen in Vormärz und Revolution (1815-1848/49). Campus Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3593348861, S. 94ff.
  10. Stefan Rohrbacher: The „Hep Hep“ Riots of 1819. In: Christhard Hoffmann, Helmut Walser Smith, Werner Bergmann (Hrsg.): Exclusionary Violence: Antisemitic Riots in Modern German History. 2. Auflage 2002, ISBN 0472067966, S. 23-42
  11. Heinrich Graetz: Geschichte des Judenthums Band 11, 2. Auflage 1900, S. 334
  12. Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780-1860. Berlin 1989, S. 226
  13. Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780-1860. Berlin 1989, S. 225
  14. Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780-1860. Berlin 1989, S. 225
  15. zitiert nach Ursula Gehring-Münzel: Vom Schutzjuden zum Staatsbürger: Die gesellschaftliche Integration der Würzburger Juden 1803-1871. Würzburg 1992, S. 153
  16. Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780-1860. Berlin 1989, S. 240
  17. zitiert nach Heinrich Linn: Juden an Rhein und Sieg. Siegburg 1984, S. 89
  18. zitiert nach Konrad Schilling, Kurt Hackenberg (Hrsg.): Monumenta Judaica: 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein: Eine Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum Juden in Deutschland. Band 2. Kölnisches Stadtmuseum/Joseph Melzer Verlag, 1964, S. 293
  19. zitiert nach Dorothee Schimpf: Emanzipation und Bildungswesen der Juden im Kurfürstentum Hessen 1807-1866. Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen (Band 13), 1994, ISBN 3921434157, S. 57
  20. Friedrich Battenberg: Das Europäische Zeitalter der Juden: Zur Entwicklung einer Minderheit in der nichtjüdischen Umwelt Europas. Band II: Von 1650 bis 1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2. erweiterte Auflage, Darmstadt 2007, ISBN 3534146204, S. 126