Herbert Hörz

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Herbert Hörz (2014)

Herbert Hörz (* 12. August 1933 in Stuttgart) ist ein deutscher marxistischer Philosoph und Wissenschaftshistoriker. Hörz hat sich besonders mit dem Verhältnis zwischen marxistischer Philosophie und der modernen Physik befasst.

Leben[Bearbeiten]

Seine Kindheit verbrachte Hörz bei Tante und Onkel in der Familie eines Schlossermeisters in Echterdingen am Stadtrand von Stuttgart, da seine Mutter alleinerziehend war. Hier wurde er 1940 auch eingeschult. Nach der Heirat seiner Mutter zog man um nach Erfurt, und er setzte hier ab 1941 seine Schulbesuche trotz der Kriegswirren kontinuierlich in einer Volksschule, Hauptschule, Grundschule, einem Gymnasium und schließlich von 1948 bis 1952 in der Lessing-Oberschule fort (heute Lessingschule als Realschule), wo er sein Abitur mit gutem Erfolg nach 12 Jahren Schulzeit ablegte. Er zeichnete sich durch großen Lesehunger aus, der ihn zeitlebens nicht verlassen hat. In den letzten Jahren seiner Oberschulzeit beschäftigten ihn auch philosophische Schriften, insbesondere zum dialektischen Materialismus, woraus sich sein Studienwunsch entwickelte.

Hörz wurde 1949 Mitglied der SED und studierte ab 1952 Philosophie und Physik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Als dann 1953 sein Professor Georg Klaus an die Humboldt-Universität nach Berlin umberufen wurde und die Leitung des Instituts für Philosophie übernahm, wechselte er ebenfalls dorthin. Sein Examen bestand er 1956 nach nur 4-jährigem Studium „Mit Auszeichnung“. Im Jahre 1960 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB) mit „summa cum laude“ mit der Schrift Zur philosophischen Bedeutung der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelationen. Die mündliche Prüfung zur Promotion legte er in den Fächern Philosophie und Physik ab. Schon 1962 habilitierte er sich an der HUB mit einer Schrift über Philosophie und Quantenmechanik.

Parallel dazu bekleidete er die entsprechenden Positionen an der Universität: Ab 1956 war er zunächst Assistent, 1957 Aspirant, 1959 wurde er zum Oberassistenten ernannt. Nach seiner Habilitation wurde Hörz 1962 als Hochschuldozent und 1965 zum Professor mit Lehrauftrag für philosophische Probleme der Naturwissenschaften an der Humboldt-Universität berufen. Im Jahr 1968 erfolgte seine Berufung zum ordentlichen Professor.

Hörz war maßgeblich am Aufbau und der Entwicklung des Lehrstuhls „Philosophische Probleme der Naturwissenschaften“ am Philosophischen Institut der HUB beteiligt, der 1959 gegründet wurde und unter der Leitung von Hermann Ley stand, dessen Stellvertreter Hörz war. Als Ley das Amt des Institutsdirektors übernahm, war er auch dort dessen Stellvertreter. Er war zugleich Mitglied der Leitung der Sektion Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR und verantwortlich für die Koordinierung der Forschungsarbeit zu philosophischen Fragen der Wissenschaften. Nach 1972 übernahm diese Aufgabe der Problemrat „Philosophie-Wissenschaften“ im „Rat für marxistisch-leninistische Philosophie“, den er gründete und bis 1990 selbst leitete.

In der Wissenschaftsverwaltung der Humboldt-Universität bekleidete Hörz ebenfalls mehrere Ämter: so war er unter anderem 1966 Prodekan und 1967/68 Dekan der Philosophischen Fakultät, von 1968 bis 1972 war er Gründungsdirektor der Sektion Philosophie.

Hörz wechselte 1972 zur Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) und wirkte hier bis 1989 als Leiter des Bereiches Philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung am Zentralinstitut für Philosophie (Direktor: Manfred Buhr). Im Jahre 1990 wurde er zum Vizepräsidenten für Plenum und Klassen der AdW gewählt. Nachdem die Gelehrtensozietät der AdW, entgegen der Forderung des Einigungsvertrags, ihren öffentlich-rechtlichen Status verlor, führte er mit Akademiemitgliedern die Arbeit als „Mitglieder und Freunde der Leibniz-Akademie“ weiter. Es folgte 1993 der Übergang in einen privatrechtlichen Verein, die heutige Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, begründet durch Leibniz im Jahre 1700 als Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften.

Nach der Wende im Jahre 1990 war Hörz zwischen 1993 und 1995 Mitarbeiter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dort mit der Edition der Schriften Hermann von Helmholtz befasst.

Hörz ist seit 1954 mit der Philosophin und Frauenrechtlerin Helga E. Hörz verheiratet, das Ehepaar hat drei erwachsene Kinder und sieben Enkel.

Werk[Bearbeiten]

Hörz hat sich in seinen wissenschaftsphilosophischen und wissenschaftshistorischen Arbeiten mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Weltanschauung und Philosophie im historischen und aktuellen Kontext befasst. Für die Gegenwart konstatiert er ein situatives und theoretisches Utopie-Defizit, das überwindbar ist, wobei regressive, stagnative und progressive Lösungen auch für globale Probleme existieren, denen er viele Analysen gewidmet hat.

Philosophie ist für Hörz zugleich Welterklärung, Heuristik und weltanschauliche Lebenshilfe. Sie hat einen Doppelcharakter: Als Wissenschaft bedient sie sich wissenschaftlicher Methoden, die sich um die Eckpunkte der mathematisch-logischen, der experimentellen und der historischen Methode gruppieren. Als Weltanschauung beantwortet sie Fragen nach dem Ursprung und der Entwicklung der Welt, nach der Stellung der Menschen in der Welt, nach dem Sinn des Lebens und dem Charakter der gesellschaftlichen Entwicklung. Den Marxismus schätzt er wegen seiner kritischen Methodologie und seiner humanen Vision und sieht ihn als Erbe und Bewahrer fortschrittlichen Gedankenguts der Vergangenheit und Gegenwart. Er tritt für ein Bündnis aller Humanisten ein, unabhängig von Weltanschauung, Religion, Ethnie und Geschlecht.

Humanismus bedeutet für Hörz Programm zur Befreiung der Menschen aus Not, Unterdrückung und Ausbeutung mit der Zielstellung einer Assoziation freier Individuen mit sozialer Gerechtigkeit und ökologisch verträglichem Verhalten, und damit zugleich Anforderungsstrategie und Bewertungskriterium für die humane Zukunftsgestaltung, auch für Wissenschaft und Technik. Dafür formuliert er Humankriterien und Humangebote.

In der Philosophie differenziert Hörz zwischen Grundaussagen als Antwort auf die genannten weltanschaulichen Fragen. Sie sind für einen „Ismus“ gesetzte Axiome, die auf Evidenz, Erfahrungen oder Glauben basieren und in ihrer Allgemeinheit nicht beweis- oder widerlegbar sind. Präzisierte philosophische Auffassungen mit dem Wissen einer Zeit sind nach seiner Ansicht zu korrigieren, wenn sie sich als überholt erweisen. Mit der Aufstellung philosophischer Hypothesen als mögliche zukünftige Beiträge der Wissenschaften zur Präzisierung philosophischer Aussagen und als Hinweis auf zu lösende Probleme mit Vorschlägen zu ihrer Lösung wird Philosophie ihrer heuristischen Rolle als Gedankenprovokation gerecht.

Die materialistische Dialektik sieht Hörz als aktuelles Denkinstrument zur Gestaltung der Zukunft. Als Teiltheorie arbeitete er den dialektischen Determinismus mit der statistischen Gesetzeskonzeption aus, präzisierte die philosophische Entwicklungstheorie und untersuchte Makro-, Meso- und Mikrozyklen. Über seine damit verbundene Philosophie der Zeit als Zyklentheorie hatte er fruchtbare Debatten mit dem Vater der Chronobiologie Franz Halberg.

Als Wissenschaftshistoriker hat er sich vor allem mit seinen Arbeiten zu Physikern des 20. Jahrhunderts, wie Werner Heisenberg, mit dem er einen persönlichen Briefwechsel hatte, und seinen Helmholtz-Studien ausgewiesen. Die Edition bisher unbekannter Briefe von Hermann von Helmholtz (1821- 1894) mit Physiologen, Geisteswissenschaftlern und Künstlern sieht er als Brückenschlag zwischen den zwei Kulturen. Naturphilosophie als Heuristik wird von ihm durch die Zusammenarbeit von Helmholtz und Lord Kelvin belegt. Von Ruprecht von Siemens, Urenkel von Helmholtz, erhielt er dessen Abituraufsatz zu Lessings Nathan der Weise, um ihn publizistisch auszuwerten.

Seine dialektische Theorie der Wissenschaftsentwicklung umfasst den Wandel von Wissenschaftstypen von der Herausbildung der Wissenschaft über den Typ des Zunfthandwerks und der autarken Landwirtschaft und den der industriellen Revolution bis zur dialektischen Negation der Negation im Typ der wissenschaftlich-technischen Revolution. In vielen Arbeiten wird dieser konkret charakterisiert und die Herausforderungen an Philosophie, Wissenschaft und Gesellschaft bestimmt. Wissenschaft als rationale Aneignung der Wirklichkeit bildet dabei ihre Funktionen als Produktiv-, Kultur- und Humankraft aus.

Wichtig ist für Hörz das inter-, multi- und transdisziplinäre Herangehen an die Probleme, das er selbst durch viele Kontakte mit Vertretern sehr verschiedener Disziplinen und mit unterschiedlichen Erfahrungsträgern praktiziert.

Hörz hat zahlreiche Vorträge auf wissenschaftlichen Veranstaltungen im In- und Ausland gehalten, deren Durchführung er teilweise selbst angeregt und mitorganisiert hat. Seine wissenschaftlichen Publikationen spiegeln zugleich seine Teamarbeit wider und umfassen mehr als 700 Arbeiten, davon über 80 in Buchform, darunter mehr als 20 Monografien mit bis zu 5 Auflagen. Er hat Gutachten erarbeitet zu über 75 Dissertationen und Habilitationen, davon für zahlreiche eigene Doktoranden. Aus seinem akademischen Umfeld sind als Professorinnen und Professoren hervorgegangen: Gerhard Banse, John Erpenbeck, Evelyn Dölling, Bernd Eichler, Nina Hager, Siegfried Paul, Ulrich Röseberg u. a.

Als ein Pionier der Wissenschaftsphilosophie sieht er dieses Fachgebiet keineswegs als abgeschlossen an. Daher arbeitet er weiterhin am wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt im Kontakt mit seinen wichtigsten nationalen und internationalen Gesprächspartnern.

Gastprofessuren und Auslandsreisen[Bearbeiten]

Hörz war mehrfach Gastprofessor: so 1972 in Moskau und in den Jahren 1995, 2001 und 2006 in Graz. Einladungen zu Vorträgen führten ihn in die USA, nach China, Japan und in Länder Ost- und Westeuropas.

Wissenschaftliche Ämter[Bearbeiten]

  • Mitglied im Editorial Board von Philosophy and Biology (Kanada, bis 1995)
  • Mitglied im Beirat der Zeitschrift für Wissenschaftsforschung, Graz
  • von 1979 bis 1991 Mitglied des Internationalen Vorbereitungskomitees für die jährlichen Tagungen der Wissenschaftsforscher Europas in Deutschlandsberg (Österreich).
  • Full member der European Academy of science, arts and literature.

Preise, Ehrungen und Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Der dialektische Determinismus in Natur und Gesellschaft. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1962, 2. Aufl. 1966, 3. Aufl. 1969, 4. Aufl. 1971, 5. Aufl. 1974.
  • Atome, Kausalität, Quantensprünge. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1964.
  • Werner Heisenberg und die Philosophie. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1966, 2. Aufl. 1968.
  • Physik und Weltanschauung. Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin 1968, 2. Aufl. 1971; Lizenzausgabe BRD: Verlag Hubert Freistühler, Schwerte/Ruhr 1971; tschechisch: Fyzika a Svêtový Názor, Horizont Verlag, Prag 1973, 3. Aufl. 1975.
  • Materiestruktur. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1971.
  • Marxistische Philosophie und Naturwissenschaften. Akademie-Verlag, Berlin 1974, 2. Aufl. 1976; russisch: Progress Verlag, Moskau 1982; Parallelausgabe: Pahl-Rugenstein, Köln 1974, ISBN 3-7609-0089-5.
  • Mensch contra Materie? Standpunkte des dialektischen Materialismus zur Bedeutung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse für den Menschen. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Weltanschauung heute, Bd. 10, Berlin 1976.
  • Zufall – Eine philosophische Untersuchung. Akademie-Verlag, Berlin 1980.
  • Was kann Philosophie? Gedanken zu ihrer Wirksamkeit. Dietz Verlag, Berlin 1986, ISBN 3-320-00699-1.
  • Wissenschaft als Prozeß. Akademie-Verlag, Berlin 1988, ISBN 3-05-000600-5.
  • Philosophie der Zeit. Zeitverständnis in Geschichte und Gegenwart. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1989, 2. Aufl. 1990, ISBN 3-326-00465-6.
  • Selbstorganisation sozialer Systeme - ein Verhaltensmodell zum Freiheitsgewinn. LIT-Verlag, Münster, Hamburg 1993, ISBN 3-89473-972-X.
  • Physiologie und Kultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Briefe an Hermann von Helmholtz. Basilisken-Presse, Marburg 1994, ISBN 3-925347-30-5.
  • Brückenschlag zwischen zwei Kulturen. Helmholtz in der Korrespondenz mit Geisteswissenschaftlern und Künstlern. Basilisken-Presse, Marburg 1997, ISBN 3-925347-44-5.
  • Naturphilosophie als Heuristik? Korrespondenz zwischen Hermann von Helmholtz und Lord Kelvin (William Thomson). Basilisken-Presse, Marburg 2000, ISBN 3-925347-56-9.
  • Lebenswenden. Vom Werden und Wirken eines Philosophen vor, in und nach der DDR. trafo Wissenschaftsverlag 2005, ISBN 3-89626-313-7.
  • Wahrheit, Glaube und Hoffnung. Philosophie als Brücke zwischen Wissenschaft und Weltanschauung. trafo Wissenschaftsverlag 2007, ISBN 978-3-89626-696-5.
  • Materialistische Dialektik. Aktuelles Denkinstrument zur Zukunftsgestaltung. Berlin: trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-89626-931-7.
  • Sind Kriege gesetzmäßig? Standpunkte, Hoffnungen, Handlungsorientierungen. Forschungsinstitut der Internationalen Wissenschaftlichen Vereinigung Weltwirtschaft und Weltpolitik e.V., Reihe: Europäische Integration. Grundfragen der Theorie und Politik, Nr. 23, Berlin 2010.
  • Problemrat Philosophie-Wissenschaften. Erfahrungen bei der Koordinierung wissenschaftsphilosophischer Forschungen in der DDR. In: Herbert Hörz, Hubert Laitko (Hrsg.): Akademie und Universität in historischer und aktueller Sicht. Arbeitsteilungen, Konkurrenzen, Kooperationen. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2013, S. 159 – 209, ISBN 978-3-86464-005-6.
  • mit Helga E. Hörz: Ist Egoismus unmoralisch? Grundzüge einer neomodernen Ethik. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2013, ISBN 978-3-86464-038-4.

Literatur[Bearbeiten]

  • Reihe Autobiographien im trafo verlag, Band 18. Herbert Hörz: Lebenswenden. Vom Werden und Wirken eines Philosophen vor, in und nach der DDR. trafo Wissenschaftsverlag 2005, ISBN 3-89626-313-7.
  • Gerhard Banse, Siegfried Wollgast (Hrsg.): Philosophie und Wissenschaft in Vergangenheit und Gegenwart. Festschrift zum 70. Geburtstag von Herbert Hörz. Abhandlungen der Leibniz-Sozietät, Band 13. trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2003, ISBN 3-89626-454-0.
  • Wissenschaftsphilosophie als interdisziplinäres Projekt; Kolloquium zum 70. Geburtstag von Herbert Hörz (am 25. September 2003). Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät, Band 64, Berlin 2004.
  • Siegfried Wollgast: Gedankensplitter zu Sinn- und Sachwissenschaften. H. von Helmholtz und H. Hörz. Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät, Band 102, Berlin 2009, S. 69–88.
  • Gerhard Banse: Wissenschaft und Humanismus. Annäherungen. Herbert Hörz zum 75. Geburtstag. Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät, Band 102, Berlin 2009, S.89-110, ISBN 978-3-86153-561-4.

Weblinks[Bearbeiten]