Herbert Ihering

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Herbert Ihering, 1946

Herbert Ihering (* 29. Februar 1888 in Springe; † 15. Januar 1977 in Berlin; auch Herbert Jhering) war ein deutscher Dramaturg, Regisseur, Journalist und Theaterkritiker.

Leben[Bearbeiten]

Iherings Vater war Georg Jhering Assessor am Amtsgericht Springe, seine Mutter dessen Frau Marie geborene Brandes. Herbert Ihering begann 1909 seine Karriere als Mitarbeiter an der von Siegfried Jacobsohn herausgegebenen Wochenzeitschrift Die Schaubühne. 1914 bis 1918 war er Dramaturg an der Wiener Volksbühne. 1918 wurde er freier Mitarbeiter des Berliner Börsen-Couriers, für den er von 1913/14 bereits tätig gewesen war. Von 1918 bis 1920 war er daneben auch als Lektor für den Verlag Felix Bloch Erben tätig. 1919 wurde er Nachfolger von Alfred Kerr als Theaterkritiker der im Scherl Verlag erscheinenden Tageszeitung Der Tag. 1920 gab er die nur in diesem Jahr erschienene illustrierte Wochenschrift Der kleine Roman und 1920/21 als Nachfolger von Otto Zoff die im Verlag Erich Reiß erschienene Buchreihe Der Schauspieler heraus.

Von 1922 bis 1933 entwickelte sich Ihering am Berliner Börsen-Courier, der von Emil Faktor geleitet wurde, zu einem der wichtigsten Theater- und Filmkritiker der Weimarer Republik. Ihering „pflegte einen ganz anderen Stil als die übrigen Großkritiker der Zeit. Viel sachlicher schreibt er, doch mit Mission. In seinen Artikeln, Kritiken und Kampfschriften argumentiert er massiv und sprachlich manchmal recht sperrig. [...] Seine Artikel richteten sich an die Intendanten, von denen er einen konsistenten, vielseitigen und ideell durchdachten Spielplan verlangte, an Regisseure, Dramaturgen, Bühnenbildner und Dramatiker, die er zur inhaltlich und formal – für ihn – sinnhaften Zusammenarbeit bewegen wollte.“[1] 1922 schlug Ihering als Vertrauensmann der Kleist-Stiftung den jungen Bertolt Brecht für den Kleist-Preis vor. Ende 1927 bezog Ihering einen dreigeschossigen Neubau in Berlin-Zehlendorf, den er fünfzig Jahre lang bis zu seinem Tod bewohnen sollte.

1934 wurde Ihering erneut Nachfolger seines Gegenspielers Alfred Kerr, diesmal beim Berliner Tageblatt. 1936 schloss man ihn aus der Reichsschrifttumskammer aus. Er arbeitete nun als Besetzungschef bei der Tobis Filmgesellschaft, wo er vor allem „vorbereitende Arbeit“ für Filme von Emil Jannings leistete. Ab 1941 konnte er in NS-Deutschland mehrere Schauspieler-Biografien publizieren. 1942 berief ihn Lothar Müthel als Dramaturg an das Wiener Burgtheater. Iherings aktives Wirken als Publizist und Dramaturg während der NS-Zeit schadete seinem Ruf erheblich. Als er seinen Tätigkeitsschwerpunkt in den Nachkriegsjahren in die DDR verlagerte, führte dies zu weiterer Schelte; der Theaterkritiker Hans Sahl sprach vom „zweimal gleichgeschalteten Ihering“.[2]

1945 wurde Ihering unter Intendant Gustav von Wangenheim Chefdramaturg des Deutschen Theaters Berlin, das nun in der Sowjetischen Besatzungszone lag. Aufgrund von Differenzen mit von Wangenheims Nachfolger Wolfgang Langhoff musste Ihering diese Tätigkeit 1953 aufgeben. Zu Beginn der 1950er Jahre war er Gründungsmitglied der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste Ost. 1955 starb Iherings langjährige Lebensgefährtin Lisette Königshof. 1956 wurde er zum ständigen Sekretär der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste Ost berufen (bis 1962).[3] Ab den späten 1960er Jahren wurden dem Theater- und Filmkritiker in der DDR und der Bundesrepublik zahlreiche Ehrungen zuteil. Iherings letzte Kritiken erschienen 1974.

Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Zehlendorf. Der Nachlass Iherings befindet sich in der Berliner Akademie der Künste.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

1993 benannte sich die „Gesellschaft für kulturhistorische Studien“ Schöppenstedt, die die Wanderausstellung „Verehrt, verfolgt, vergessen – Schauspieler als Naziopfer“ durchgeführt hatte, in „Herbert Ihering Gesellschaft“ um. Die Herbert Ihering Gesellschaft will im Geist Iherings weiterwirken.

Kritik[Bearbeiten]

Klaus Mann karikierte Ihering 1936 in seinem Roman Mephisto in der Figur des opportunistischen Journalisten und Schwätzers Dr. Ihrig.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Regisseure und Bühnenmaler. Berlin: Goldschmidt-Gabrielli, 1921.
  • Der Kampf ums Theater. Dresden: Sibyllen, 1922.
  • Aktuelle Dramaturgie. Berlin: Schmiede, 1924.
  • Die vereinsamte Theaterkritik. Berlin: Schmiede, 1927.
  • Reinhardt, Jessner, Piscator, oder Klassikertod? Berlin: Rowohlt, 1929.
  • Die getarnte Reaktion. Berlin: Rowohlt, 1930.
  • Emil Jannings – Baumeister seines Lebens und seiner Filme. Heidelberg; Berlin; Leipzig: Hüthig, 1941.
  • Von Josef Kainz bis Paula Wessely. Schauspieler von gestern und heute. Heidelberg; Berlin; Leipzig: Hüthig, 1942.
  • Regie. Berlin: Hans von Hugo, 1943.
  • Käthe Dorsch. München: Zinnen, 1944.
  • Berliner Dramaturgie. Berlin: Aufbau, 1947.
  • Vom Geist und Ungeist der Zeit. Berlin: Aufbau, 1947.
  • Junge Schauspieler. Berlin: Henschel, 1948.
  • Theaterstadt Berlin. Ein Almanach. Berlin: Bruno Henschel, 1948.
  • Die Zwanziger Jahre. Berlin: Aufbau, 1948.
  • Hrsg.: Theater der Welt: ein Almanach. Berlin: Henschel, 1949.
  • Heinrich Mann. Berlin: Aufbau, 1951.
  • Auf der Suche nach Deutschland. Berlin: Aufbau, 1952.
  • Schauspieler in der Entwicklung. Berlin: Aufbau, 1956.
  • Die Weltkunst der Pantomime. Berlin: Aufbau, 1956.
  • Bertolt Brecht und das Theater. Berlin: Rembrandt 1959.
  • Mit Eva Wisten: Eduard von Winterstein. Berlin: Henschel, 1961.
  • Von Reinhardt bis Brecht. Vier Jahrzehnte Theater und Film. 3 Bde. Berlin: Aufbau, 1961.
  • Begegnungen mit Zeit und Menschen. Berlin: Aufbau 1963 (= Bremen: Schünemann Verlag, 1965).
  • Mit Hugo Fetting: Ernst Busch. Berlin: Henschel, 1965.
  • Theater der produktiven Widersprüche, 1945-1949. Berlin, Weimar: Aufbau, 1967.
Posthum erschienen
  • Bert Brecht hat das dichterische Antlitz Deutschlands verändert. Gesammelte Kritiken zum Theater Brechts. Hrsg. von Klaus Völker. München: Kindler, 1980.
  • Theater in Aktion: Kritiken aus 3 Jahrzehnten. 1913-1933. Hrsg. von Edith Krull. Berlin: Henschel, 1986.
  • Werner Krauß. Ein Schauspieler und das neunzehnte Jahrhundert. Hrsg. von Sabine Zolchow und Rudolf Mast. Berlin: Vorwerk 8, 1997, ISBN 3-930916-15-0.
  • Umschlagplätze der Kritik. Texte zu Kultur, Politik und Theater. Hrsg. von Corinna Kirschstein, Sebastian Göschel, Fee Isabelle Lingnau. Berlin: Vorwerk 8, 2010, ISBN 978-3-940384-23-2.

Literatur[Bearbeiten]

  • Sebastian Göschel, Corinna Kirschstein, Fee Isabelle Lingnau: Überleben in Umbruchzeiten. Biographische Essays zu Herbert Ihering. Mit einem Vorwort von Klaus Völker. Leipzig/Berlin: Edition Voss im Horlemann Verlag, 2012.
  • Edith Krull: Herbert Ihering. Berlin: Henschel, 1964.
  • Dieter Mayer: „… gleichsam mit einer unsichtbaren Jakobinermütze?“ Der Theaterkritiker Herbert Ihering und seine Charakteristik in Carl Zuckmayers „Geheimreport“. In: Zuckmayer-Jahrbuch. Bd. 6. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 373-422.
  • Carl Zuckmayer: Geheimreport. Hrsg. von Gunther Nickel und Johanna Schrön. Göttingen: Wallstein, 2002, S. 118-121 und 328 f.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Herbert Ihering – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sebastian Göschel, Corinna Kirschstein, Fee Isabelle Lingnau: Überleben in Umbruchzeiten. Biographische Essays zu Herbert Ihering. Horlemann Verlag, Leipzig und Berlin 2012. S. 63.
  2. Zitiert nach: Brief Felix Gasbarras an Erwin Piscator, 11. Februar 1957, in: Erwin Piscator: Briefe. Band 3.2: Bundesrepublik Deutschland, 1955–1959. Hrsg. von Peter Diezel. Berlin: B&S Siebenhaar 2011. S. 400
  3. Sebastian Göschel, Corinna Kirschstein, Fee Isabelle Lingnau: Überleben in Umbruchzeiten. Horlemann Verlag, Leipzig und Berlin 2012. S. 197f.