Herdenimmunität

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Herdenimmunität (vom engl. herd immunity) bezeichnet den Effekt, bei der eine durch Impfungen erzeugte Immunität gegen einen Krankheitserreger innerhalb einer Population (der "Herde") so groß ist, dass in der Population auch nicht-geimpfte Individuen geschützt sind. Der wesentliche Effekt dieses indirekten Schutzes ist, dass die Wahrscheinlichkeit mit einem infektiösen Individuum in Kontakt zu treten stark reduziert ist. Besondere Bedeutung besitzt die Herdenimmunität für Personen, die nicht geimpft werden können, beispielsweise Personen mit Immunsuppression (Erkrankung des Immunsystems; Organtransplantation), oder Neugeborene, die noch nicht geimpft werden konnten. [1] [2]

Herdenimmunität wirkt ähnlich wie eine Brandschneise bei einem Feuer, indem die Infektionskette eines Krankheitserregers mittels Impfungen unterbrochen oder mindestens verlangsamt wird. In der Folge kann sich die Krankheit nicht mehr epidemisch ausbreiten, insofern die Krankheitserreger nur vom Mensch auf Mensch übertragenen werden (Anthroponose). Bei Krankheitserregern mit anderen Rückzugsräumen, beispielsweise das in der Erde vorkommende Bakterium Clostridium tetani als Auslöser von Tetanus oder beim FSME-Virus die Zecke als Wirt, existiert keine Herdenimmunität. Schutz vor diesen Krankheiten kann hier nur durch individuelle Prophylaxe erreicht werden.[3]

Ab einem bestimmten Schwellenwert der Impfrate in einer Bevölkerung bricht die Population des Krankheitserreger mangels Vermehrung zusammen und die Krankheit kann in dieser Bevölkerung nicht mehr zirkulieren. Dieser Schwellenwert ist im Wesentlichen abhängig von der Basisreproduktionsrate des jeweiligen Krankheitserregers. Auch wenn der Krankheitserreger Rückzugsräume in anderen Populationen hat, kann sie sich nicht mehr manifestieren und tritt nur noch sporadisch lokal durch Reimporte auf.

Geschätze Schwellenwerte für die Herdenimmunität bei einer Auswahl von durch Impfung verhinderbaren Krankheiten[2]
Krankheit Übertragungsweg R0 Schwellenwert für Herdenimmunität
Diphtherie Schmierinfektion 6-7 85%
Masern Tröpfcheninfektion 12-18 83 - 94%
Mumps Tröpfcheninfektion 4-7 75 - 86%
Keuchhusten Tröpfcheninfektion 12-17 92 - 94%
Polio fäkal-orale Infektion 5-7 80 - 86%
Röteln Tröpfcheninfektion 5-7 80 - 85%
Pocken Tröpfcheninfektion 6-7 83 - 85%
Die Basisreproduktionsrate R0 gibt an, zu wie vielen Folgefällen eine Infektion führt, falls die betroffene Bevölkerung weder geimpft noch anderweitig vor Infektionen geschützt wird.

Im günstigsten Fall kann eine Krankheit so durch ausreichend hohe Impfraten in einer Bevölkerung sogar ausgerottet werden, d.h. der Krankheitserreger kommt endemisch nicht mehr vor. Bei den Pocken konnte genau dies durch ein konsequentes, weltweites Impf- und Bekämpfungsprogramm erreicht werden, so dass 1980 die Welt von der WHO für pockenfrei erklärt werden konnte.[4] Gleiches wurde global inzwischen für Polio nahezu erreicht - inzwischen gelten nur noch wenige Länder als endemisch für Polioviren (Nigeria, Indien, Pakistan, Afghanistan).[5] Bei nachlassenden Impfbemühungen in den Nachbarländern kommt es jedoch immer wieder zu Ausbrüchen der Poliomyelitis durch Re-Importe, zuletzt 2006 in Namibia.[6] Die globale Eliminierung der Masern, ebenfalls von der WHO als Ziel vorgegeben, konnte jedoch bislang nur auf den Kontinenten Amerika und Australien sowie in Skandinavien erreicht werden, da im Rest der Welt wegen zu geringen Durchimpfungraten mangelnde Herdenimmunität erreicht wird. In der Folge brechen immer wieder lokale Masernepidemien aus, auch beispielsweise in Deutschland die regional begrenzten Masernepidemien in Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen inklusive schwerer Komplikationen und Todesfällen in den Jahren 2005/2006.[7]

Eine Gefahr für mangelnde Herdenimmunität stellt insbesondere die Impfmüdigkeit dar. Impfkampagnen, die die notwendige Herdenimmunität nicht erreichen, können unter Umständen die Häufigkeit von Krankheitskomplikationen bei Nicht-Geimpften erhöhen. Wird ein zu geringer Anteil der Bevölkerung geimpft, senkt dies "nur" die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung bei den Nicht-Geimpften, statt eine Infektion über die Herdenimmunität zu verhindern. Dies bedeutet, dass die Ansteckung, falls sie dann stattfindet, meistens in einem späteren Lebensjahr erfolgt. Einige Krankheiten, wie etwa Mumps, Röteln, Polio, Windpocken, bringen tendenziell stärkere Komplikationen mitsich, wenn die Ansteckung in einem höheren Lebensalter geschieht. Darüber hinaus kann eine solche zeitliche Verschiebung einer Krankheit auch weitere Effekte nachsichziehen, beispielsweise wurde in Griechenland in der Zeit der früher 90er Jahre von einer Zunahme der Fälle von Rötelnembryofetopathie berichtet. Rötelnembryofetopathie tritt auf, wenn die Mutter zwischen der 1. und 16. (maximal 20.) Schwangerschaftswoche mit Röteln angesteckt wird. Die Zunahme rötelnbedingter Geburtsfehler wurde darauf zurückgeführt, dass durch eine ungenügende Durchimpfungsrate der Bevölkerung in den gesamten 1980er Jahren von unter 50 % sich der durchschnittliche Zeitpunkt der Rötelnansteckung sich dem typischen Schwangerschaftsalter der Frauen annäherte.[8]

Aus diesem Grund sollte jede Impfkampagne nicht nur einen Teilschutz der Bevölkerung anstreben, sondern auch die Herdenimmunität sicherstellen. Auch ist es wichtig, dass die Verantwortlichen, welche Impfkampagnen planen, mathematische und epidemiologische Modelle der Medizin verstehen.[9]

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. John TJ, Samuel R. Herd immunity and herd effect: new insights and definitions. Eur. J. Epidemiol. (2000):16; 7. pp. 601–606 PMID 11078115
  2. a b History and Epidemiology of Global Smallpox Eradication From the training course titled "Smallpox: Disease, Prevention, and Intervention". The CDC and the World Health Organization. Slide 16-17.
  3. Fine P. Herd immunity: history, theory, practice. Epidemiol Rev (1993):15;2. pp. 265–302 PMID 8174658
  4. Fenner F. The global eradication of smallpox. Med J Aust. 1980 May 17;1(10):455-5. PMID 7412674
  5. Polio situation worldwide in 2008 - update on the progress towards global eradication. Euro Surveill. 2009 Apr 16;14(15). pii: 19178. PMID 19371512
  6. WHO: Poliomyelitis in Namibia. Disease Outbreak News, 6. Juni 2006
  7. Robert Koch-Institut: Masern im Jahr 2005 und Ausbrüche in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen in der ersten Hälfte des Jahres 2006. Epidemiologisches Bulletin 7. Juli 2006 /Nr. 27 PDF
  8. Takis Panagiotopoulos, Ioanna Antoniadou und Eleni Valassi-Adam (1999): Increase in congenital rubella occurrence after immunisation in Greece: retrospective survey and systematic review. BMJ 319:1462-1467. http://www.bmj.com/cgi/content/full/319/7223/1462
  9. W. John Edmunds (2000): Health professionals do not understand mathematical models. BMJ 320:581
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