Herkunftssage
Eine Herkunftssage oder Ansippung (Anhängen an eine Sippe) bezeichnet den Versuch von Einzelpersonen oder sozialen Gruppen wie Clans und Volksstämmen, sich mittels Erzählungen an (sagenhafte) berühmte Vorfahren oder ganze Völker mit großer Geschichte als deren vermeintliche Nachkommen oder Seitenlinien anzuschließen. Dazu werden Stammbäume entworfen oder übernommen.
Eine Aitiologie oder Ätiologie (griechisch αἰτία aitía „Ursache“, griechisch λόγος lógos „Vernunft, Lehre“: Lehre von den Ursachen) bezeichnet in der Erzählforschung, Religionswissenschaft und Mythologie eine Erzählung, in der gegenwärtige Zustände durch Vorgänge in der (erfundenen) Vergangenheit erklärt oder begründet werden. Eine solche Erklärungssage kann eine Sage, eine Legende, ein Mythos oder ein literarisches Motiv sein. Dabei geht es um zeitgenössische Naturerscheinungen, Bauwerke, Ortsnamen oder andere Gegebenheiten, die auf Handlungen von Helden, Heiligen oder Gottheiten zurückgeführt werden.[1][2]
Bekannte Beispiele sind die Herkunftssage der Römer, sie stammten von den Trojanern ab (laut Vergils Aeneis), im Alten Testament der Bezug auf die „Erzväter“ oder die Gründungsmythen von antiken griechischen Städten wie Athen, das sich stolz von der Göttin Athene herleitete. Ein Beispiel für Einzelpersonen ist Gaius Iulius Caesar, der seine Ahnenliste bis zur Göttin Venus zurückführte. Eine Ätiologie für ein Naturereignis ist die Erzählung von Noach am Ende der biblischen Sintflut: Der Gott JHWH schließt einen Bund mit Noach und setzt den Regenbogen als Bundeszeichen in die Wolken (Gen 9,18–27 EU).[3]
Politische Mythen und Kontinuitätstheorien folgen oft vergleichbaren Mustern, beispielsweise im Nationalismus des 19. Jahrhunderts die Ableitung der „Herkunft“ der Deutschen, der Ungarn, der Griechen und anderer Völker. Solche Ideologien beziehen sich auf stimmige, jedoch nur teilhafte geschichtliche oder sprachwissenschaftliche Erkenntnisse und sind gekennzeichnet durch einen Absolutheitsanspruch bei gleichzeitiger „Immunisierung“ (Karl Popper) gegenüber widersprechenden Forschungsergebnissen.
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Herkunftssagen [Bearbeiten]
- Zahlreiche Origo gentis wurden als Herkunftsgeschichten antiker oder mittelalterlicher Sippen (gens) verfasst. Verschiedene germanische Volksstämme wie die Goten, Langobarden, Angelsachsen und Franken konstruierten eigene Herkunftssagen, die anfangs mündlich überliefert und später schriftlich niedergelegt und mit Elementen antiken Bildungsguts angereichert wurden (siehe Historische Funktion der Origines gentis, Herkunftssagen europäischer Völker und Deutsche Nationalmythen).
- Einige afghanische Stämme konstruierten nach der Islamisierung vermeintlich jüdische oder arabische Stammbäume (siehe Paschtunische Herkunft).
- Die von den Arabern islamisierten Berber der Barka (Kyrenaika) in Libyen legten sich arabische Stammbäume zurecht, um vor den neuen Herrschern besser darzustehen.
Aktuelle politische Beispiele [Bearbeiten]
- Auf dem Balkan mit seinen wechselnden und sehr umstrittenen politischen Grenzen gibt es zahlreiche konkurrierende Behauptungen mit hoher ideologische Sprengkraft. Im heutigen Griechenland wird die eigene Rückführung auf die antiken Hellenen (siehe Fallmerayers These) teilweise mit gegenwärtigen Ansprüchen verbunden und stößt auf Ansprüche konkurrierender Herkunftsbehauptungen. In Mazedonien wird gelegentlich die Legende einer Abstammung von den antiken Makedonen und ihrem berühmten König Alexander der Große gepflegt. In Bulgarien wird gerne eine Abstammung von den Thrakern behauptet. In Rumänien wurde vor 1990 eine kontinuierliche Abstammung von den Dakern konstruiert, eine teilweise bis heute aktuelle Debatte; diese Dako-romanische Kontinuitätstheorie ist die bekannteste Kontinuitätstheorie, die bis heute in Europa vertreten wird.
- Vergleichbare Konflikte bestehen auf Grund einander ausschließender Abstammungssagen von Türken und Kurden. Die türkischen Seldschuken oder Oghusen konstruierten einerseits eine Abstammung des Oghusen-Vaters Oghuz Khan in direkter Linie vom biblischen Noach,[4] während andererseits die jungtürkische Bewegung im Panturanismus gemeintürkische Ansprüche (damals) auf Chiwa und die Bucharei erhoben und die Kurden zu „Bergtürken“ erklärten. Noch heute dehnen Nationalisten den türkischen Siedlungsraum unter Berufung auf die Ergenekon-Legende bis nach Sinkiang aus. Die dadurch vereinnahmten Völker wie Aserbaidschaner oder Usbeken sind aber immerhin verwandt.
- Saddam Hussein, früherer Führer des Irak, ließ 1981 seinen Familienstammbaum auf eine Verwandtschaft sowohl mit den Abbasiden-Kalifen als auch von Imam Ali und Sultan Saladin umschreiben. Unter seiner Herrschaft wurde eine Kontinuität des Irak zum antiken Mesopotamien beschworen, er sah sich als tatsächlicher Nachfolger des Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr., König von Babylon) und des Neubabylonischen Reiches.
Aitiologien [Bearbeiten]
Als Ätiologie (aitiologische Legende, Sage, Mythos) bezeichnet die Erzählforschung eine Geschichte, die erklärt, warum etwas, das man in der Wirklichkeit vorfindet, existiert, beispielsweise ein bestimmter Brauch, ein Ereignis, ein Kreuzstein, eine Salzsäule oder der Name eines Gewässers, Berges oder heiligen Ortes.
In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist das Ausruhen des Gottes JHWH am siebten Tag eine ätiologische Legende für die jüdische Sabbatruhe an Samstagen. Die biblische Erzählung von der Jakobsleiter (Gen 28,10-22 EU) ist eine ätiologische Begründung von Bethel als altem Kultort: Nach dem Erwachen aus seinem Traum nennt Jakob den Platz Bet-El „Haus Gottes“.
Viele Ätiologien gab es in der Antike zur Herkunft von Tieren, Pflanzen, eigentümlichen Gesteinsbildungen, lokalen Kulten und Ortsnamen, beispielsweise Venedig: Venetia aus der lateinischen Losung Veni etiam „Auch ich kam“, in der Lagunenstadt gerne übersetzt als „Komm wieder!“ Derartige Gründungsmythen sammelte um 270 v. Chr. der hellenistische Dichter Kallimachos und stellte sie in seinem Werk Aitia zusammen. Ein weiteres Beispiel aus der antiken Literatur zur Aitia sind um 8 n. Chr. die Metamorphosen des römischen Dichters Ovid (siehe auch die aitiai von Aristoteles).
Siehe auch [Bearbeiten]
- Heldenepos, Erinnerungskultur, Geschichtsmythos, Geschichtspolitik
- Nationalgeschichte, Nationalepos, Nationalgefühl
- Theogonie, Orphische Theogonie, Kosmogonie, Afrikanische Kosmogonie
Literatur [Bearbeiten]
- Erik Hornung: Der ägyptische Mythos von der Himmelskuh. Eine Ätiologie des Unvollkommenen. Orbis Biblicus et Orientalis, Freiburg 1982, Band 46.
Weblinks [Bearbeiten]
- Klaus Graf: Ursprung und Herkommen. Funktionen vormoderner Gründungserzählungen. In: Archiv: Mediaevistik. Referat, 2000 (abgerufen am 16. Mai 2013).
- Andreas Scherer: Ätiologie. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff., Zugriffsdatum: 16. Mai 2013. (Der ausführliche Eintrag stammt vom September 2008).
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Andreas Scherer: Ätiologie. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff., erstellt: September 2008 (abgerufen am 15. Mai 2013).
- ↑ Lexikon der Paranormologie: Aitiologie. In: igw-resch-verlag.at (abgerufen am 16. Mai 2013).
- ↑ Bernhard Kirchmeier: Der Noachbund. Eine umfassende Analyse. Studienarbeit, München 2009, S. 24–26 (eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche, Direktlink zur Seite).
- ↑ Vgl. Jacques Benoist-Méchin, Eric Baschet (Hrsg.): Die Türkei 1908-1938. Das Ende des Osmanischen Reiches. Eine historische Foto-Reportage. Swan Verlag, Kehl am Rhein 1980 [ohne Seitenangabe], ISBN 3894340045 (eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche, leider ohne Voransichten).