Herman Greulich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Porträt um 1914
Halbrelief an Greulichs Wohnhaus in Zürich-Hirslanden
Herman Greulich (Mitte) mit seinen Mitarbeitern im Schweizerischen Arbeitersekretariat, ca. 1889
Herman Greulich umgeben von den sechs Nationalräten der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz 1908–1911. Von den bürgerlichen Politikern wurde die Gruppe als «Kapelle Greulich» bezeichnet.

Herman Greulich (* 9. April 1842 in Breslau; † 8. November 1925 in Zürich) war ein Schweizer Politiker. Er gründete die erste Sozialdemokratische Partei der Schweiz und war ein Vorkämpfer für das schweizerische Frauenstimmrecht.

Leben[Bearbeiten]

Herman Greulich stammte aus Schlesien, absolvierte 1857–1862 in Breslau eine Berufslehre als Buchbinder und wanderte 1865 in die Schweiz ein. Hier heiratete er 1867 Johanna Kauffmann.

Beruflich war Greulich zunächst Buchbinder, dann Gehilfe in einem Fotografieatelier (1866–1869), Redaktor der Tagwacht (1869–1880) und Kaffeeröster beim Konsumverein (1880–1884). Ab 1884 arbeitete er beim Statistischen Amt des Kantons Zürichs, dessen Vorsteher er von 1885 bis 1887 war. 1887 trat Greulich seine Stelle als erster vollamtlicher Arbeitersekretär der Schweiz an.

Greulich lebte von 1875 bis zu seinem Tod 1925 an der Klusstrasse 28 in Zürich-Hirslanden, sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Rehalp.[1] Die nach ihm benannte Herman-Greulich-Strasse liegt dagegen in Zürich-Aussersihl, einem durch die Arbeiterschaft geprägten Stadtteil. Im Jahr 1933 wurde in Wien Donaustadt (22. Bezirk) der Hermann-Greulich-Platz nach ihm benannt.

Politische Tätigkeit[Bearbeiten]

Unter dem Einfluss des Zürcher Sozialisten Karl Bürkli engagierte sich Greulich schon bald in der Arbeiterbewegung. Er gründete die ersten Gewerkschaften, die Zürcher Sektion der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) sowie die Arbeiterzeitung Die Tagwacht. Später spielte Friedrich Albert Lange eine wichtige Rolle für Greulichs politisches Engagement. Seine ersten zwei Versuche, eine sozialdemokratische Partei zu bilden, scheiterten nicht zuletzt am Widerstand des Grütlivereins; erst der dritte Versuch 1888 durch Albert Steck war erfolgreich.

Seine politische Tätigkeit wurde Greulich beinahe zum Verhängnis, als er sich 1877 in seiner Wohngemeinde Hirslanden einbürgern lassen wollte: Nur exakt die Hälfte der Stimmberechtigten in der entscheidenden Gemeindeversammlung sprachen sich dafür aus, den «Sozialistenhäuptling» in das Schweizer Bürgerrecht aufzunehmen. Der Stichentscheid des Gemeindepräsidenten gab schliesslich den Ausschlag zugunsten Greulichs.

In der Folge bekleidete Herman Greulich verschiedene parlamentarische Ämter: Er war Zürcher Kantonsrat (1890–1893, 1896–1899 und 1901–1925), Zürcher Stadtrat (heutiger Gemeinderat; 1892–1925) und schliesslich Nationalrat (1902–1905 und 1908–1925), dessen Alterspräsident er 1919 und 1922 war. Dank seiner pragmatischen Politik und seiner Nähe zur bürgerlichen Kultur (er war Sänger im gemischten Chor der Stadt Zürich und pflegte seine Bildung im Bereich der Geschichte und der Sprachen) wurde er zu einer eigentlichen Vaterfigur, was ihm den Übernamen «Papa Greulich» eintrug.

Dafür wurde Greulich verschiedentlich von den radikaleren Kräften innerhalb seiner Partei kritisiert, etwa wegen seiner Zustimmung zum Militärbudget oder seiner Zurückhaltung in der Frage des Generalstreiks 1918.[2] Damals tat er sich als innerparteilicher Gegner des Oltener Aktionskomitees (OAK) hervor und kritisierte Robert Grimm, den Präsidenten des OAK, mehrere Male wegen dessen Ansichten in der Generalstreikfrage.

Bilder[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Der Staat vom sozialdemokratischen Standpunkte aus. Eine Auseinandersetzung mit den „Anarchisten“. Volksbuchhandlung, Zürich 1877
  • Karl Fourier. Ein Vielverkannter. Versuch einer Darlegung seines Ideenganges im Lichte des modernen Sozialismus. Buchhandlung des Schweizerischen Grütlivereins, Zürich 1881 (2. Durchges. Aufl. 1919)
  • Die materialistische Geschichtsauffassung. Leichtfaßlich dargestellt. Vorwärts, Berlin 1897 2. Aufl. 1907 vDigitalisat
  • Die Förderung des Gewerkschaftswesens. Referat vor dem Schweizerischen Arbeitertag am 5. April 1899 in Luzern. Buchdruckerei des „Volkstrecht“, Zürich 1899 Digitalisat (PDF; 1,5 MB)
  • Wo wollen wir hin? Ein ernstes Mahnwort an alle Gewerkschafter der Schweiz. Unionsdruckerei, Bern 1903
  • Krieg und Internationale. Genossenschaftsdruckerei, Zürich 1915 Digitalisat
  • Der Weg zum Sozialismus. Eine sachliche Auseinandersetzung mit den Neukommunisten über körperliche und sittliche Gewalt. W. Trösch, Olten 1921
  • Das grüne Hüsli. Erinnerungen. Hrsg. von Gertrud Medici-Greulich. Genossenschaftsdruckerei, Zürich 1942

Literatur[Bearbeiten]

  • Herman Greulich. Gedenkschrift anlässlich des Hinschiedes des Vorkämpfers der schweizerischen Arbeiterschaft- Hrsg. von der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Zürich. Genossenschaftsdruckerei, Zürich 1925
  • Karl Renner: Greulich, Hermann. In: Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens. Hrsg. von Ludwig Heyde 1 (1931), S. 731-732 Digitalisat
  • Franz Schmidt: Hermann Greulich. Ein kleines Lebensbild. Schweizer Gewerkschaftsbund, Berlin 1934
  • Ernst Nobs: Hermann Greulich 1842-1925. Europa-Verlag, Zürich 1942
  •  Eduard Weckerle: Herman Greulich. Ein Sohn des Volkes. Büchergilde Gutenberg, Zürich 1947.
  • Werner Kuhn: Die Bedeutung Charles Fouriers für die Gedankenwelt Herman Greulichs. Ein Beitrag zur Schweizergeschichte des 19. Jahrhunderts. Juris-Verlag, Zürich 1949 (Zürich, Phil. Diss. v. 1949)
  • Hans Rudolf Schmid: Greulich, Hermann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 7, Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. 53 (Digitalisat).
  • Markus Bürgi: Greulich, Herman im Historischen Lexikon der Schweiz

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Foppa, Daniel. Berühmte und vergessene Tote auf Zürichs Friedhöfen. Zürich, Limmat-Verlag, 2000. S. 52 f.
  2. Widmer, Sigmund. Zürich: Eine Kulturgeschichte. Zürich, Artemis-Verlag, 1983. S. 99 ff.