Hermann Nitsch

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Hermann Nitsch, 2001, private collection

Hermann Nitsch (* 29. August 1938 in Wien) ist ein österreichischer Künstler und bedeutender Vertreter des Wiener Aktionismus.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Hermann Nitsch wurde am 29. August 1938 in Wien geboren. Nach einem diplomierten Abschluss an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien übernimmt Nitsch 1957 eine Stelle als Gebrauchsgrafiker am Technischen Museum. Einige Jahre später entstehen die ersten Malaktionen und auch die Idee des Orgien-Mysterien-Theaters, welches ihn von da ab unablässig beschäftigt und in welchem sich alle seine Bestrebungen sammeln. Nitschs in Wien in der Öffentlichkeit abgehaltene Aktionsarbeit führt in den frühen sechziger Jahren zu ständigen Konfrontationen mit den Behörden und mehrwöchigen Gefängnisaufenthalten, die den Künstler 1968 veranlassen, nach Deutschland zu übersiedeln.

Nach großen Erfolgen des Orgien-Mysterien-Theaters Ende der sechziger Jahre in den USA und Deutschland führt Nitsch während der siebziger Jahre in vielen europäischen und nordamerikanischen Städten Aktionen durch. 1971 gelingt der Ankauf des niederösterreichischen Schlosses Prinzendorf aus dem Besitz der Kirche, wo Nitsch im Zuge größer angelegter Aktionen auch seine Vorstellungen von der Musik zu seinem Theater verwirklicht. Bei den Aktionen werden Lärmorchester, Schreichöre und elektronisch verstärkte Instrumente eingesetzt. Nitsch deutet das Leben als Passion, den Malprozess als verdichtetes Leben und damit als Inbegriff der Passion.

Der Künstler selbst bleibt durch seine an zentraler Stelle im Bild eingefügten Malhemden, die er während der Arbeit trägt, anwesend und animiert den Betrachter, sich mit dem Malvorgang zu identifizieren und mit ihm ins Bild einzutreten. Nach Gastprofessuren an der Frankfurter Hochschule für bildende Kunst und der Kunstakademie Hamburg unterrichtet Nitsch seit 1989 in Frankfurt am Main eine Klasse für Interdisziplinäre Kunst. 2005 wurde Nitsch die Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien verliehen.

[Bearbeiten] Kunst

Nitsch absolvierte zuerst die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, wandte sich dann aber der Malerei zu. 1961 entstanden seine ersten Schüttbilder, und Nitsch organisierte zusammen mit Otto Muehl und Adolf Frohner zahlreiche Aktionen nach dem Vorbild der Happenings in New York. In diesen Jahren entwickelte er die Hauptgedanken für sein Orgien-Mysterien-Theater: Unter Einbeziehung aller Kunstformen (Malerei, Architektur, Musik, Opferritual, Messliturgie, etc.) sollen die Sinne der Teilnehmer schrittweise bis aufs Äußerste angespannt werden, um auf einem Höhenpunkt die Erkenntnis des Lebensprozesses an sich möglich zu machen: Wiederholung von Freuds 'Totemmahlzeit'. Seit 1971 veranstaltet Nitsch auf dem von ihm erworbenen Areal des Schlosses Prinzendorf regelmäßig seine „Orgien-Mysterien-Spiele“, darunter als Höhepunkt seines Lebenswerks das große „6-Tage-Spiel“ im Sommer 1998 unter der Regie von Alfred Gulden, sowie als seine 120. Aktion das „2-Tages-Spiel“ im Sommer 2004.

Hermann Nitsch war Teilnehmer der Documenta 5 in Kassel im Jahr 1972 in der Abteilung Individuelle Mythologien und auch auf der Documenta 7 im Jahr 1982 als Künstler vertreten.

Am 19. November 2005 fand im Rahmen des Orgien-Mysterien-Theaters seine 122. Aktion erstmals in einem offiziellen Theaterbau, dem Wiener Burgtheater, statt. Bei dieser Aktion im Rahmen der 50-jährigen Jubiläumsfeierlichkeiten zur Wiederöffnung nach dem Krieg wurde ihm erstmals öffentliche Anerkennung von Seiten des offiziellen Theaterbetriebs zuteil.

Hermann Nitschs Weltbild ist stark von mystischen Autoren, aber auch von de Sade, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Antonin Artaud u.a. geprägt. In seinem theoretischen Buch „Orgien-Mysterien-Theater“ (Darmstadt 1969) führt Nitsch aus, dass seine Aktionen und Bilder bei den Zuschauern zunächst Ekel und Abscheu, dann eine Katharsis bewirken sollen. Die Ekel und Abscheu auslösenden Provokationen und die Verknüpfung von realen Tierkadavern und realem Blut mit religiösen Inhalten wie der Kreuzigung und der unbefleckte Empfängnis wird von Nitsch bewusst eingesetzt, um den Betrachter zur Reflexion über im Alltag häufig verdrängten symbolischen Topoi wie Blut und Tod zu bringen, die auch in der christlichen Religion eine zentrale Rolle spielen. Von christlich geprägten Betrachtern und zahlreichen Kritikern wurden und werden seine Aktionen und Werke als Blasphemie wahr genommen.

Im Zusammenhang mit seinem Orgien-Mysterien-Theater ist Hermann Nitsch auch als Komponist und Schriftsteller tätig. Seine Aktionen werden in akribisch notierten Partituren notiert, die neben Handlungsanweisungen und Texten auch grafisch notierte Musikstücke enthalten.

Weil er durch die Einbeziehung und Kombination von Opferritualen und liturgischen Elementen in seine blutigen Aktionen nicht nur Tierschützer, sondern auch Theologen und Vertreter der öffentlichen Moral zu Stellungnahmen reizt, ist sein Werk in der Öffentlichkeit stark umstritten. Umgekehrt distanzieren sich manche Aktions- und Performance-Künstler, auch frühere Mitstreiter, von dem ihrer Meinung nach allzu religiösen, gesamtkunstwerkhaften Einschlag seiner Arbeiten. Dabei kann sein gesamtkunstwerkhaftes Schaffen auf Schloss Prinzendorf inhaltlich durchaus als Versuch eines Gegenkonzepts zu Wagners Bayreuth gedeutet werden. Ob ein solches gelingen kann, ist allerdings nach wie vor äußerst umstritten.

Was bleibt ist der zweifellos große Einfluss Nitschs in der österreichischen insbesondere Wiener Kunst- und Kulturszene. Die Tatsache, dass sein Mysterienspiel nunmehr auch im Wiener Burgtheater gespielt wurde, zeugt von großer persönlicher Durchsetzungskraft. Nitsch erscheint letztlich als Vertreter einer archaischen und provokanten Ästhetik, die von den einen als originell und künstlerisch wertvoll, von den anderen mit Attributen wie primitiv, anmaßend und geschmacklos eingestuft wird.

Am 24. Mai 2007 wurde das „Hermann Nitsch Museum“ im Museumszentrum Mistelbach eröffnet, was bei Teilen der Einwohnerschaft Mistelbachs zu Protesten führte. Die Stadt Neapel ehrt Nitsch mit einem weiteren ausschließlich seinem Werk gewidmeten Museum, dem „Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch“, das in einem ehemaligen Elektrizitätswerk eingerichtet wurde. Die Eröffnung fand am 13. September 2008 statt.[1] [2]

[Bearbeiten] Werke

  • Orgien-Mysterien-Theater. Orgies Mysteries Theatre, Darmstadt, März-Verlag 1969, 342 S.
  • mit Sophie Cieslar: „Wer das Sein liebt, muss dem Tod, dem Tragischen ins Auge schauen“, in: Parnass, 24 (2004), H. 3, S. 128 - 133, farb. Ill.
  • König Oedipus. Eine spielbare Theorie des Dramas, Berlin, Knoblauch/Edition Kalter Schweiss 1986, 165 S. + Beil.
  • Das Orgien-Mysterien-Theater. Manifeste, Aufsätze, Vorträge, Salzburg, Residenz-Verlag 1990, 168 S.
  • Pabellón de las Artes, Sevilla, 1. - 20. September 1992; eine Ausstellung des Österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst als Beitrag zum Programm des Pabellón de las Artes, Sevilla 1992, 120 S., überwiegend Ill.
  • Komposition für Orgel, Verlag Extraplatte, 1 Audio-CD, 74 Min., ISBN 3-221-31294-6.
  • mit Dieter Schrage: Hermann Nitsch, 6-Tage-Spiel in Prinzendorf 1998. Relikte und Reliktinstallationen, Aktionsmalerei, Fotos und Video; Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig im Palais Liechtenstein, 27. März - 16. Mai 1999, 1999, 144 S., zahlr. Ill.
  • mit Michael Hüttler: Hermann Nitsch. Wiener Vorlesungen, Internationale Beiträge zur Theaterwissenschaft an der Universität Wien, Wien, Böhlau 2005, 248 S., ISBN 3-205-77480-9.

[Bearbeiten] Öffentliche Sammlungen

[Bearbeiten] Belgien

  • S.M.A.K. - Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent

[Bearbeiten] Deutschland

[Bearbeiten] Dänemark

[Bearbeiten] Frankreich

[Bearbeiten] Italien

  • MUSEION - Museo d’arte moderna e contemporanea, Bozen
  • MART- Museo d'Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto, Rovereto

[Bearbeiten] Kanada

[Bearbeiten] USA

[Bearbeiten] Vereinigtes Königreich

  • Tate Liverpool, Liverpool (England)
  • recommended institution 99The Saatchi Gallery, London (England)
  • Tate Britain, London (England)

[Bearbeiten] Österreich

[Bearbeiten] Sekundärliteratur

  • Martin, Freya: "Der Nitsch und seine Freunde", Wien, Styria, 2008, 296 Seiten, zahlreiche Farb- und S/W-Abbildungen, ISBN 978-3-222-13246-9
  • Danielle Spera: Hermann Nitsch. Leben und Arbeit, Wien, Brandstätter, 2002 [1999], 262 S., zahlr. Ill., ISBN 3854984340   Inhaltsangabe
  • Gerhard Jaschke: Reizwort Nitsch. Das Orgien Mysterien Theater im Spiegel der Presse, Sonderzahl Verlag 1994, 256 S., 30 Abb., ISBN 3-85449-067-4
  • Thomas Dreher: Performance Art nach 1945. Aktionstheater und Intermedia. München 2001 (Wilhelm Fink Verlag, ISBN 3-7705-3452-2), S.163-192,214-216,243-249,207,269-272,281-298

[Bearbeiten] Filme

[Bearbeiten] Weblinks

Presseberichte

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Neapel ehrt Blutkünstler Nitsch mit Museum, Spiegel Online, 19. August 2008
  2. http://www.art-magazin.de/szene/10505/hermann_nitsch_neapel
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