Hermann Schulze-Delitzsch

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Hermann Schulze-Delitzsch
Denkmal für Hermann Schulze-Delitzsch in Berlin-Mitte

Hermann Schulze-Delitzsch, eigentlich Franz Hermann Schulze (* 29. August 1808 in Delitzsch; † 29. April 1883 in Potsdam) war ein deutscher Sozialreformer, Jurist und Politiker.

Schulze-Delitzsch gehört neben Eduard Pfeiffer, Victor Aimé Huber, Karl Korthaus, Wilhelm Haas und Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu den führenden Gründervätern des deutschen Genossenschaftswesens und als wichtigster Protagonist der gewerblichen Genossenschaftsorganisation.

Leben[Bearbeiten]

Hermann Schulze-Delitzsch wurde 1808 als erster Sohn des damaligen Bürgermeisters und Justizrates August Wilhelm Schulze (1779-1861) und seiner Frau Wilhelmine Schulze geb. Schmorl (1784-1866), im Haus Markt 11 in Delitzsch geboren. Er wuchs in einer gutbürgerlichen und von Leistungsstreben bestimmten Familie auf.[1] Von seinen neun Geschwistern erreichten nur drei Brüder das Erwachsenenalter zu denen er aber im späteren Leben kaum näheren Kontakt, aufgrund der weit voneinander entfernt gelegenen Wohnorte hatte.[2]

Von 1814 bis 1821 ist nicht genau überliefert ob Schulze die unweit von seinem Geburtshaus gelegene Bürgerschule besuchte oder Hausunterricht erhielt. Ab Oktober 1821 begann er seine von den Eltern finanzierte Ausbildung in der Alten Nikolaischule in Leipzig, welche er im Frühjahr 1827 abschloss. Gemäß der Familientradition ließ sich Schulze 1827 in der juristischen Fakultät der Universität Leipzig immatrikulieren. Die progressive Reformpolitik und künftigen Berufschanchen im Königreich Preußen brachten ihn womöglich dazu sein Studium der Rechtswissenschaften außerhalb des Königreichs Sachsen an der Universität Halle ab Mai 1829 fortzusetzen.[3] 1827 schloss er sich der Leipziger Burschenschaft an, deren Vorsteherkollegium er angehörte. Da Burschaften unter der Beobachtung von Regierungsvertretern standen, beendete Schulze sein Studium.

1838 wurde er zum Oberlandesgerichtsassessor ernannt und war anschließend in Naumburg (Saale) und beim Berliner Kammergericht angestellt.

1841 bis 1849 war er als Patrimonialrichter über mehrere Rittergutsbezirke in seiner Heimatstadt Delitzsch tätig. Dadurch lernte er die Probleme der kleinen Handwerksbetriebe auf dem Lande kennen, die mit der fortschreitenden Industrialisierung nicht mithalten konnten. Nach einer Missernte 1846 wirkte er bei der Gründung eines Hilfskomitees zur Beschaffung von Getreide und zur Unterhaltung einer Mühle und einer Bäckerei mit. Sein soziales Engagement war wohl nicht ohne Einfluss darauf, dass er 1848 als linksliberaler Abgeordneter der Kreise Delitzsch und Bitterfeld in die Preußische Nationalversammlung gewählt wurde. Er nahm den Doppelnamen Schulze-Delitzsch an. Seinen Lebensmittelpunkt hatte Schulze bis 1861 in Delitzsch, dann bis zu seinem Tod in Potsdam.

In der Preußischen Nationalversammlung wirkte er an Kommissionen mit, die sich mit der Situation der Gewerbetreibenden befassten. Dort kam er zu dem Schluss, dass die Situation der Handwerker nur dadurch zu verbessern war, dass es ihnen ermöglicht wurde, durch genossenschaftliche Zusammenschlüsse zu der sich rasch entwickelnden Industrie aufzuschließen.

Wegen der Reaktion nach der gescheiterten Revolution 1848 war er an jeder politischen Betätigung gehindert. Er verabschiedete sich deshalb vom Staatsdienst, um sich der Verbreitung der Genossenschaftsidee zu widmen. Schulze-Delitzsch stand in dieser Zeit in reger Korrespondenz mit dem Eilenburger Arzt Anton Bernhardi, der ebenfalls konkrete Ideen zum Aufbau von genossenschaftlichen Organisationen entwickelte und umzusetzen begann. Bernhardis Arbeit hatte nicht unwesentlichen Einfluss auf Schulze-Delitzsch. In Delitzsch und in Eilenburg entstanden etwa zeitgleich erste Genossenschaften.[4]

In diesem Haus in der Kreuzgasse 10 in Delitzsch gründete Schulze die erste gewerblichen Genossenschaft Deutschlands

Mit der Gründung der Schuhmachergenossenschaft in Delitzsch 1849 hatte Schulze-Delitzsch die Genossenschaft als unternehmerische Rechtsform begründet. Nun propagierte er Spar- und Konsumvereine zur Gewährleistung der Lebensgrundlagen, Vorschuss- und Kreditvereine (die heutigen Volksbanken) zur Beschaffung von Geld für Investitionen und die Gründung von Distributiv- und Produktionsgenossenschaften. Außer mit der Idee der Produktionsgenossenschaften war er damit so erfolgreich, dass er als Dachverband den „Allgemeinen Verband der auf Selbsthilfe beruhenden Deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ schaffen konnte. Das System seiner Genossenschaften beruhte auf der Solidarhaftung, dem Erwerb von Genossenschaftsanteilen, der Beschränkung aller Leistungen auf die Genossen und der Ablehnung direkter Unterstützung durch den Staat. Diese Idee von Selbsthilfe und Selbstverantwortung verteidigte er in Auseinandersetzungen mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Ferdinand Lassalle.

1859 wurde er in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, 1861 gehörte er zu den Gründern der Deutschen Fortschrittspartei und zog mit seiner Familie nach Potsdam. Als Landtags- und – seit 1867 – Reichstagsabgeordneter setzte er das Genossenschaftsgesetz in Preußen und im Norddeutschen Bund durch, wodurch die Genossenschaften eine gesetzliche Basis bekamen und als juristische Personen die Rechtsfähigkeit erhielten.

1871 wurde er in den Deutschen Reichstag gewählt – das Mandat behielt er bis zu seinem Tod. Im Reichstag setzte er sich mit mehreren - abgelehnten - Gesetzentwürfen für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht ein.[5]1873 wurde ihm von der Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde verliehen. Er war Mitglied der Freimaurerloge Zur Beständigkeit in Berlin, einer Tochterloge der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland.

Schulze-Delitzsch wurde auf dem Alten Friedhof in Potsdam bestattet. Ihm zu Ehren wurde am 13. September 1891 auf dem Marienplatz seiner Heimatstadt in Delitzsch ein vom Bildhauer Edwin Weißenfels geschaffenes Denkmal eingeweiht. In Berlin-Mitte wurde am 4. August 1899 ein vom Bildhauer Hans Arnold geschaffenes Denkmal für ihn errichtet. Der Platz, auf dem das Denkmal steht, hat seit 1910 (mit Unterbrechung) den Namen Schulze-Delitzsch-Platz.[6]

Auszeichnungen und Würdigungen[Bearbeiten]

Deutsche Briefmarke (2008) zum 200. Geburtstag

Anlässlich seines 200. Geburtstags veröffentlichte die Deutsche Post am 7. August 2008 eine 90-Cent-Sonderbriefmarke. Darauf zu sehen war ein Bildnis und Zitat Schulzes („Der Geist der freien Genossenschaft ist der Geist der modernen Gesellschaft.“). Dazu gab es am 7. August 2008 einen Sonderstempel zum Ersttag in Bonn und Berlin und einen Sonderstempel in Delitzsch.

Ihm zu Ehren wird von der Genossenschaftsorganisation die Raiffeisen/Schulze-Delitzsch-Medaille verliehen. Sie darf nicht an mehr als 100 lebende Personen gleichzeitig verliehen werden.[7]

Weiterhin sind verschiedene Gebäude und Einrichtungen nach Hermann Schulze-Delitzsch benannt. Hierzu zählt in erster Linie das Schulze-Delitzsch-Haus, dem Gebäude in welchem Schulze mit 57 Schuhmachern die erste gewerbliche Genossenschaft gründete. Ebenso ist Schulze-Delitzsch Namensgeber, der Berufsschulzentren in Delitzsch und Wiesbaden. Ein weiteres nach ihm benanntes Gebäude ist das gerade in Bau befindliche Schulze-Delitzsch-Carrée in Landau,[8] einem Gebäudeensemble, das in Zusammenhang mit der Landesgartenschau 2014 in Landau entsteht. Die Dr. Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft und die Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft stellten am 29. November 2013 in den Bundesländern Sachsen und Rheinland-Pfalz gemeinsam einen länderübergreifenden Antrag zur Aufnahme der "Genossenschaftsidee" in das "Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes" (Erstellung im Rahmen der nationalen Umsetzung der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes)[9].

Literatur[Bearbeiten]

  • Walter BraeuerCohn, Gustav. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 3, Duncker & Humblot, Berlin 1957, ISBN 3-428-00184-2, S. 315 f. (Digitalisat).
  • Dirk Hainbuch/ Florian Tennstedt (Bearb.): Biographisches Lexikon zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1871 bis 1945. Band 1: Sozialpolitiker im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918. Kassel University Press, Kassel, 2010, S. 145 f; ISBN print 978-3-86219-038-6, ISBN online 978-3-86219-039-3 (Online, PDF; 2,2 MB)
  •  Manfred Wilde: Schulze als Bildungsbürger und Reformpolitiker qua Herkunft? Zur sozialen Prägung und beruflichen Tätigkeit bis zum Beginn seines politischen Wirkens (Schriftenreihe des Förderverein Hermann Schulze-Delitzsch und Gedenkstätte des deutschen Genossenschaftswesens e.V., Heft 14). Delitzsch 2008, S. 66.
  •  Manfred Wilde: Schulze als Patrimonialrichter von 1841 bis 1848. In: Hermann Schulze-Delitzsch. Weg-Werk-Wirkung. Festschrift zum 200. Geburtstag am 29. August 2008. S. 168-183. Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-87151-111-0.
  • Eheberg.: Schulze, Hermann, genannt Schulze-Delitzsch. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 33, Duncker & Humblot, Leipzig 1891, S. 18–29.
  • Acta Borussica Band 5 (1858–1866)
  •  Marvin Brendel: Hermann Schulze-Delitzsch. Ausgewählte Schriften und Reden des Gründervaters der Genossenschaften. In: Gründerzeiten, Band 1. Schaltzeit-Verlag, Berlin 2008, ISBN 3-941362-01-1, S. 258.
  •  Edmund Schreiber: Hermann Schulze-Delitzsch. In: Mitteldeutsche Lebensbilder. 1. Band Lebensbilder des 19. Jahrhunderts, Magdeburg 1926, S. 195–208.
  •  Rita Aldenhoff: Schulze-Delitzsch. Baden-Baden 1984.
  •  Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker, Teilband 5: R-S, Heidelberg 2002, S. 363–365.
  •  Harald Lönnecker: „In Leipzig angekommen, als Füchslein aufgenommen“ – Verbindungen und Vereine an der Universität Leipzig im langen 19. Jahrhundert. In: Jens Blecher, Gerald Wiemers (Hrsg.): Die Matrikel der Universität Leipzig. Teilbd. II: Die Jahre 1833 bis 1863, Weimar 2007, S. 13–48.
  •  Manfred Wilde: Episoden um Hermann Schulze-Delitzsch. Der Nationalökonom und Genossenschaftsgründer. Tauchaer Verlag, Taucha 2008, ISBN 978-3-89772-139-5.
  • Rita Aldenhoff-Hübinger: Schulze-Delitzsch, Franz Hermann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 731 f. (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Hermann Schulze-Delitzsch – Quellen und Volltexte
 Commons: Hermann Schulze-Delitzsch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wilde: Episoden um Hermann Schulze-Delitzsch. 2008, S.43.
  2. Wilde: Episoden um Hermann Schulze-Delitzsch. 2008, S.44/45.
  3. Wilde: Episoden um Hermann Schulze-Delitzsch. 2008, S.8.
  4. Dr. Otto Ruhmer: Genossenschafts- und Sozialbücherei Band 1 – Entstehungsgeschichte des deutschen Genossenschaftswesen, Johs. Krögers Buchdruckerei und Verlag, Hamburg-Blankenese 1937
  5. Vgl. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, I. Abteilung: Von der Reichsgründungszeit bis zur kaiserlichen Sozialbotschaft (1867-1881), 4. Band: Arbeiterrecht, bearbeitet von Wolfgang Ayaß, Karl Heinz Nickel und Heidi Winter, Darmstadt 1997, S. 6, 8, 15, 20, 30-37, 39, 44-47, 68, 85, 91f., 99, 105f., 108, 111, 124, 129-134, 137, 238-241, 243f., 248-253, 256f., 259, 261-263, 267, 277f., 284, 286-288, 292-294, 305, 337, 457, 467, 471-474, 481, 487, 489, 661.
  6. Schulze-Delitzsch-Platz. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  7. Raiffeisen/Schulze-Delitzsch-Medaille in Gold von 2001 abgerufen am 11. Juli 2011
  8. Pressemeldung zur Grundsteinlegung des Schulze-Delitzsch-Carées; abgerufen am 14. Oktober 2012
  9. http://www.unesco.de/5714.html