Hexensalbe

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Unter Hexensalbe oder Flugsalbe verstand man zur Zeit der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen eine Salbe, mit der sich die Hexen einrieben, um zum Hexensabbat zu fliegen. Die tatsächliche Existenz einer solchen und zu diesem Zweck angewandten Salbe war bereits im 16. Jahrhundert umstritten.

Antike[Bearbeiten]

Aus der Antike sind zwar keine Salbenrezepte überliefert, aber in der Dichtung finden sich zwei Erwähnungen einer Substanz, die offenbar Flugfähigkeit verlieh und die man eventuell als Vorläufer der spätmittelalterlichen Hexensalben verstehen könnte.

Der Dichter Homer erwähnt in der Ilias (im Kapitel II, XIV), dass die Göttin Hera sich mit Ambrosia einsalbte, um zu Zeus auf den Idaberg zu gelangen. Homer schreibt, dass sie „[…] über die obersten Gipfel und nie die Erde berührend […]“ zu Zeus gekommen sei, und dass dieser sehr verwundert gewesen sei, wie schnell sie die Strecke überwunden habe.

Eine zweite Erwähnung einer Substanz, die ähnliche Fähigkeiten verlieh, findet sich in dem Roman Metamorphosen des römischen Schriftstellers Apuleius: Der Held des Romans – Lucius – berichtet von den magischen Fähigkeiten der Hexen aus Thessalien, die die Fähigkeit besessen hätten, nicht nur Alraunmännchen zu beleben, um sie Schaden anrichten zu lassen, sondern auch ihre eigene Gestalt wandeln und „ausfahren“ (also fliegen) konnten. Im Text heißt es, dass die Hexe Pamphile sich nackt auszog, eine Büchse mit Salbe zur Hand nahm und sich von Kopf bis Fuß damit einrieb.

„Darauf rüttelt sie alle ihre Glieder. Diese sind kaum in wallender Bewegung, als daraus schon weicher Flaum hervortreibt. In einem Augenblick sind auch starke Schwungfedern gewachsen, hornig und krumm ist die Nase; die Füße sind in Krallen zusammengezogen. Da steht Pamphile als Uhu!“

Apuleius: Metamorphosen III, 21

Mittelalter[Bearbeiten]

Abraham von Worms[Bearbeiten]

Abraham von Worms, ein jüdischer Kabbalist, berichtete Ende des 14. Jahrhunderts in seinem Buch Des Juden Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der göttlichen Magie von einer Salbe, die er sowohl selbst ausprobiert wie auch nüchtern bei einer jungen Frau beobachtet hatte und die bewirkte, dass „ich an den Ort hinflöge, den ich mir im Herzen gewünscht hatte, ohne ihr etwas davon zu sagen“[1]. Der Bericht enthält zwar weder Angaben zum Rezept, noch wendet Abraham den Begriff „Hexe“ auf die junge Frau an, dennoch lässt sich das Zeugnis als Beleg für den Glauben an die Existenz von „Flugsalben“ bereits im hohen Mittelalter interpretieren.

Johannes Hartlieb[Bearbeiten]

Der erste Arzt des Spätmittelalters, der ein Hexensalbenrezept niederschrieb, war Johannes Hartlieb (* um 1400; † 1468), der im Dienst des Wittelsbacher Herzogs Albrecht III. stand und ihm als Berater und Leibarzt diente. Johannes schrieb unter anderem um 1440 eines der frühesten deutschen Kräuterbücher und im Jahr 1456 Das Buch aller verbotenen Künste (Originaltitel: Das puch aller verpoten kunst, ungelaubens und der zaubrey). Da es sich um die erste bekannte Aufzeichnung eines Hexensalbenrezeptes handelt, sei hier der vollständige Text aus Hartliebs Buch wiedergegeben:

„Zu sölichem farn nützen auch man [19r] und weib, nemlich die unhulden (Unholde, Hexen), ain salb die hayst unguentum pharelis. Die machen sy uß siben krewtern (Kräutern) und prechen yeglichs krautte an ainem tag, der dann dem selben krautt zugehört. Als am suntag prechen und graben sy Solsequium, am mentag Lunariam (Lunaria), am eretag (Dienstag) Verbenam (Verbena), am mittwochen Mercurialem (Mercurialis), am pfintztag (Donnerstag) Dachhauswurz Barbam jovis, am freytag Capillos Veneris (Capillus Verneris). Daruß machen sy, dann salben mit mischung ettlichs pluotz von vogel (unter Beimischung von Vogelblut), auch schmaltz von tieren; das ich als nit schreib, das yemant darvon sol geergert werden. Wann sy dann wöllen, so bestreichen sy penck (Bänke) oder stül, rechen oder ofengabeln und faren dahin. Das alles ist recht Nigramancia (Nigromantie), und vast groß verboten ist (und ist strengstens verboten).“

Johannes Hartlieb: Das Buch aller verbotenen Künste, 32. Kapitel

Hartlieb nennt die Flugsalbe unguentum pharelis, wobei die Bedeutung des Namens pharelis nicht bekannt ist und unguentum lediglich "Salbe" heißt.

In Hartliebs Rezept wird jede Pflanze einem Wochentag zugeordnet. Seit dem Mittelalter wurden die in Astronomie und Astrologie üblichen Planetensymbole auch für die Wochentage verwendet. In der Alchemie standen diese gleichzeitig für bestimmte Metalle. Die Kräuter wiederum wurden Planeten zugeordnet. Das erlaubt 6 der 7 Kräuter mit Sicherheit zu bestimmen. Das 7. Kraut wurde allerdings ausgelassen "ich als nit schreib, das yemant darvon sol geergert werden" doch kann man getrost annehmen, dass es sich bei diesem Kraut um die Alraune gehandelt haben muss. Da dieser Pflanze die größten "magischen Eigenschaften" zugeschrieben wurden, sie ein Gewächs des Saturns ist (also des fehlenden Samstags), und die halluzinogene Wirkung eine "Flugerfahrung" ermöglicht. So könnte das Rezept wie folgt ausgesehen haben.

Eisenkraut, Mondraute, Einjähriges Bingelkraut, Donnerbart, Alraune, Frauenhaarfarn, Johanniskraut, Vogelblut, Tierschmalz.

Die Kräuter wurden wohl getrocknet, zerstoßen/zerrieben, und mit dem Vogelblut sowie dem Tierschmaltz zu einer Paste verarbeitet.

Dabei ist davon auszugehen, dass weder Ofengabeln noch Besen, sondern Solar Plexus, Halsansatz, Arm-Kniekehlen, Handflächen und Fußsohlen damit bestrichen wurden, um eine optimale Wirkung zu erzielen.

Heinrich Kramer[Bearbeiten]

Heinrich Kramer (Institoris) beschreibt im 2. Teil seines berühmten Hexenhammers, dass sich Hexen behufs einer Salbe in die Luft erheben könnten. Diese werde aus Extremitäten von Kindern hergestellt.

Neuzeit[Bearbeiten]

Prozessakten der Hexenverfolgung[Bearbeiten]

Aus den Prozessakten der Hexenverfolgung sind keine authentischen Rezepte bekannt. Vielmehr kannten die der Hexerei Angeklagten die pflanzlichen Bestandteile der Salbe nur vom Hörensagen, oder sie hätten die „Schmier“ (so wurde die Flugsalbe auch genannt) nicht selbst zubereitet, sondern sie nach eigener Aussage vom Teufel persönlich erhalten. Die überlieferten Rezepte stammen von Ärzten und frühen Wissenschaftlern, was erklären könnte, dass sie in ihrer Zusammensetzung mit den damals gebräuchlichen Arzneien auffällig übereinstimmen.

Giambattista della Porta[Bearbeiten]

Oft wird im Zusammenhang mit der Frage nach den Hexensalben auf die überlieferten Rezepte des Buches Magiae naturalis sive de miraculis rerum naturalium (1558) des italienischen Naturwissenschaftlers Giambattista della Porta (1538–1615) verwiesen. Er berichtet von einer Hexenausfahrt aufgrund einer Salbe. Die von ihm wiedergegebene Rezeptur enthält vor allem die halluzinogenen Wirkstoffe alkaloidhaltiger Pflanzen, besonders aus der Familie der Nachtschattengewächse, sowie eher symbolische Komponenten (Fledermausblut u.ä.). Da allerdings della Portas Quellen nicht bekannt sind, lässt sich sein Bericht nicht als authentisch verifizieren.

Einige wissenschaftliche Selbstversuche, die entlang della Portas Rezeptur Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden, belegen zwar die Wirksamkeit der Salbe, die Charakteristik der berichteten Räusche jedoch gilt allgemein eher als durch die Erwartungshaltung der Forscher induziert.

Johann Weichard Freiherr von Valvasor[Bearbeiten]

Johann Weichard Freiherr von Valvasor berichtet 1689 in seinem Werk Die Ehre dess Hertzogthums Crain von einer Salbe, die verursacht, dass die Hexe „vor lauter Tanzen, Fressen, Sauffen, Musik u. dergl. träumt, also dass sie vermeynet, sie sei geflogen“. Das von ihm überlieferte Rezept enthält als Wirkpflanzen „Schlaff-Nachtschatten“ und „Wolffswurtz“, beide stark giftig und berauschend.

Andere Namen für die Hexensalbe[Bearbeiten]

Die Hexensalbe taucht auch unter folgenden Namen in der alten und neuen Literatur auf: Buhlsalbe, Flugsalbe, Hexenschmiere, Schlafsalbe, Unguenti Sabbati, Unguentum pharelis, Unguentum populi, Unguenta somnifera.

Literatur[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  • Johannes Hartlieb: Das Buch der verbotenen Künste: Aberglauben und Zauberei des Mittelalters, aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt, kommentiert und mit einem Glossar versehen von Falk Eisermann und Eckhard Graf. Erweiterte Neuausgabe. München 1989. ISBN 3-424-01424-9
  • Giambattista della Porta: Magiae naturalis sive de miraculis rerum naturalium, Neapel 1558
  • Johann Weichard Valvasor: Die Ehre des Herzogthums Krain. Laibach-Nürnberg 1689

Forschungsliteratur[Bearbeiten]

  • Patrizia F. Ochsner: Hexensalben und Nachtschattengewächse. Nachtschatten-Verl., Solothurn 2003. ISBN 3-907080-86-6
  • Franz-Josef Kuhlen: Zwischen 'Strafe Gottes' und 'göttlichem Werk'. Historisches zum Thema Schmerz und Schmerztherapie. in: Pharmazie in unserer Zeit Jg. 31 (2002). S. 13-22
  • Wilfried Weutenfeld: Die Rauschdrogen der Hexen und ihre Wirkungen. Bohmeier, Lübeck 2001. ISBN 3-89094-306-3
  • Christian Rätsch / Claudia Müller-Ebeling / Wolf Dieter Storl: Hexenmedizin - die Wiederentdeckung einer verbotenen Heilkunst - schamanische Traditionen in Europa. AT-Verl., Aarau/Schweiz 1998. ISBN 3-85502-601-7
  • Christian Rätsch: Hexensalbe. In: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau 1998. Wiss. Verl.-Ges., Stuttgart 1998. ISBN 3-8047-1599-0
  • Rudolf Schmitz: Usus und Abusus von Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel im Mittelalter. In: Rudolf Schmitz / Franz-Josef Kuhlen: Geschichte der Pharmazie. Bd 1. Eschborn/Ts. 1998. S. 409–416. ISBN 3-7741-0706-8
  • Herman de Vries: Über die sogenannten Hexensalben. In: Integration, Zeitschrift für geistbewegende Pflanzen und Kultur. Heft 1, 1991, S. 31–42. ISSN 0939-4958 (mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis)
  • Christian Rätsch: Das Hexensalbenrezept des Johannes Hartlieb. In: Johannes Hartlieb: Das Buch der verbotenen Künste München 1989. S. 257–268 (s. Quellen)
  • Rudolf Schmitz / Franz-Josef Kuhlen: Schmerz- und Betäubungsmittel vor 1600. Ein fast unbekanntes Kapitel der Arzneimittelgeschichte. In: Pharmazie in unserer Zeit Jg. 18 (1989), S. 10–19
  • Heinrich L. Werneck / Franz Speta: Das Kräuterbuch des Johannes Hartlieb. Graz 1980
  • Franz-Josef Kuhlen: Von Hexen und Drogenträumen. Arzneimittelmißbrauch in Mittelalter und früher Neuzeit. In: Deutsche Apotheker Zeitung Jg. 124 (1984). S. 2195–2202
  • Franz-Josef Kuhlen: Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf-, und Betäubungsmittel in Mittelalter und früher Neuzeit. (Diss. rer. nat. Marburg/L. 1981) Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 19, Deutscher Apothekerverlag, Stuttgart 1983. ISBN 3-7692-0634-7
  • Erwin Richter: Der nacherlebte Hexensabbat - Zu Will-Erich Peuckerts Selbstversuch mit Hexensalben. In: Forschungsfragen unserer Zeit, Jg. 7 (1960), Lief. 3, S. 97–100
  • H. Fühner: Solanazeen als Berauschungsmittel - Eine historisch-ethnologische Studie. In: Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie, Bd. 111 (1925), S. 281–294

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Abraham von Worms: Das Buch der wahren Praktik in der göttlichen Magie, Hg. von Jürg von Ins, München 1988, S. 88