Hiat

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt den Hiat (Hiatus) in der Sprachwissenschaft. Zu HIAT siehe Halbinterpretative Arbeitstranskription, zum Hiatus in der Archäologie siehe Hiatus (Archäologie)

Der Hiat oder Hiatus (lat. hiatus „Kluft“, „Vokalzusammenstoß“) bezeichnet in der Linguistik den Fall, dass auf beiden Seiten einer Silbengrenze ein Vokal oder Diphthong steht. Solche Vokalfolgen sind in manchen Sprachen unerwünscht.

Sie können entweder durch Einschieben von Konsonanten oder Lautgruppen verhindert werden oder durch Auslassen eines der Vokale. Man spricht in diesen Fällen von Hiatvermeidung. Laute und Zeichen die zur Hiatvermeidung eingeschoben werden, nennt man Hiat-Tilger[1] oder Hiattrenner.[2]

Hiatvermeidung im Deutschen[Bearbeiten]

Silbenfugen-h[Bearbeiten]

Das wichtigste Hiat-Vermeidungs-Zeichen im Deutschen ist das Silbenfugen-h (auch: Silbengrenzen-h, Verbindungs-h, silbeninitiales, silbenöffnendes oder silbentrennendes <h>). Weil es ausschließlich hinter Langvokalen erscheint und nicht als [h] zu hören ist, wird es häufig mit dem Dehnungs-h verwechselt. Von diesem kann es jedoch klar unterschieden werden:

Dehnungs-h Silbenfugen-h
Beispiele hohl, Ruhm, Huhn, Jahr sehen, roh
Hörbarkeit immer stumm Wenn eine Reduktionssilbe folgt, wird es in einer am Schriftbild orientierten Überlautung (Schreibleselautung; im Gegensatz zu Standard-, Umgangs- und Explizitlautung) sowie in der Bühnensprache des 19./20. Jahrhundert und in einigen Gesangsformen gezielt verlautet.
konsonantischer Kontext (Silbenendrand) ausschließlich vor <l, m, n, r> meist am Wortende oder vor dem Vokal der Reduktionssilbe; aufgrund von Kontraktion vereinzelt auch vor anderen Konsonanten (z. B. Naht).
Ausbreitung rapide Ausbreitung in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, orientiert an einer kleinen Zahl althochdeutscher Vorbilder allmähliche Ausbreitung vom Althochdeutschen bis ins Frühneuhochdeutsche

Wörter wie Naht, Draht und Mahd werden deshalb den Wörtern mit Silbenfugen-h zugeordnet, weil sie von Wörtern mit Silbenfugen-h (nähen, drehen, mähen) abgeleitet sind.[3]

Das Silbenfugen-h wird im Deutschen nicht konsequent geschrieben. Am weitesten verbreitet ist es hinter Monophthongen, fehlt jedoch auch hier vereinzelt (säen). Hinter Diphthongen erscheint es nur in den Stämmen der Erbwörter gedeihen, leihen, Reihe, Reiher, seihen, weihen und zeihen. Das <h> in rauh wurde mit der Rechtschreibreform von 1996 getilgt, weil es das letzte verbliebene Silbenfugen-h hinter <au> war; heute schreibt man rau (vgl. grau, schauen, Mauer).

Ein Teil der Wörter, die heute mit Silbenfugen-h geschrieben werden, besaßen bereits im Althochdeutschen ein <h> (z. B. nâhî [Nähe], rêh [Reh], ziohan [ziehen]). In anderen Fällen ging das <h> aus einem <j>, <g> oder <w> oder aus einem Vokalcluster hervor (drâjan [drehen], fruoji [früh]; rîga [Reihe]; êwa [Ehe]; gluoen [glühen], râuuer [roh]). Im Mittelhochdeutschen besaß etwa die Hälfte der Wörter, die heute mit Silbenfugen-h geschrieben werden, ein <h>. Noch Luther schrieb fro statt froh und Ruge statt Ruhe.

Weitere Hiat-Tilger[Bearbeiten]

Mit dem Prinzip der Hiat-Vermeidung lassen sich etwa im Deutschen auch Fälle wie -n- in amerika-n-isch, -es- in chin-es-isch, -les- in kongo-les-isch, -t- in Tokio-t-er etc. erklären.

Hiatvermeidung ist in Dialekten des Oberdeutschen häufig. So wird etwa schweizerdeutsch in der Satzfolge ich + singe + und + tanze das Wort singe zu singen, also ich singe-n-und tanze. Ein prominentes Beispiel mit einer absichtlichen Häufung von Hiattrennern ist der schweizerdeutsche Satz Stell de Hafe-n-afe-n-ufe-n-Ofe-n-ufe („Stell den Hafen bereits auf den Ofen hinauf“).

Hiattilger können auch rein graphematisch sein, so in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schweizer Kanzleisprache etwa ein fry-g-er mann (zum Adjektiv fry „frei“), gesprochen aber nie anders als ein frîer mann.

Hiatvermeidung im Lateinischen[Bearbeiten]

Auch im Lateinischen spielt das Prinzip der Hiatvermeidung eine besondere Rolle.

Der Binnenhiat, also das Zusammentreffen zweier Vokale im Wortinnern, wird teilweise durch Kontraktion behoben. So wird aus cŏ-ăgō > cōgō. Auch der schwache Hauchlaut des Lateinischen kann der Kontraktion unterliegen, etwa bei nĭhĭl > nīl. Häufiger als die Kontraktion war im Lateinischen jedoch die Synizese, also die sprachliche „Verbindung“ oder „Verschleifung“ zweier Vokale, die keinen Reflex in der Schreibung hat. So ist deindĕ (aus dē-īndĕ) zweisilbig, ĕōdĕm kann zwei- oder dreisilbig sein. Besonders die lateinische Metrik profitiert von dieser Ambivalenz.

Gerade in der Dichtung macht sich auch eine Vermeidung des Hiats am Wortende (bzw. am Wortanfang) bemerkbar. Es gibt drei Möglichkeiten zur Hiatvermeidung am Wortende: Der auslautende Vokal kann mit dem anlautenden Vokal „verschmolzen“, also wie ein Diphthong gelesen werden (Synaloiphe), oder er kann ausgelassen werden (Elision). Teilweise greift diese Regel auch am Versende, wenn die nächste Zeile mit einem vokalisch anlautenden Wort beginnt. Die dritte Möglichkeit besteht nur bei den Formen es und est der Kopula esse: Hier fällt das anlautende e der Formen weg. Dieses Phänomen mit Namen Aphärese lässt sich durch die teilweise überlieferte grafische Fixierung von Formen wie fatendumst (aus fatendum est) belegen.

Nur unter wenigen Umständen unterbleibt die Hiatvermeidung im Lateinischen: Am Versende oder vor einer Zäsur, einem Sinneinschnitt im Vers. Außerdem werden die Interjektionen ā und ō nicht elidiert. Das griechische Phänomen der Hiatkürzung, bei der der auslautende Vokal des vorangehenden Wortes nicht ausgestoßen oder verschmolzen, sondern gekürzt wird, wurde in der Kaiserzeit gelegentlich adaptiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stichwort: „Hiat(us)“.
  2. Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin/ New York 2002, S. XXXIX. ISBN 3-11-017472-3.
  3. Peter Eisenberg (2006): Grundriss der deutschen Grammatik: Das Wort. 3. Auflage. Stuttgart. S. 322 und S. 427.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Hiat – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Hiatus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen