Hildegard Hamm-Brücher

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Hildegard Hamm-Brücher (1976)

Hildegard Hamm-Brücher, geb. Brücher (* 11. Mai 1921 in Essen) ist eine deutsche Politikerin und ehemaliges Mitglied der FDP. Sie war von 1976 bis 1982 Staatsministerin im Auswärtigen Amt und kandidierte 1994 für das Bundespräsidentenamt.

Leben und Beruf[Bearbeiten]

Hildegard Brücher wuchs in Berlin-Dahlem auf. Nach dem frühen Verlust der Eltern – der Vater Paul Brücher, Jurist, verstarb 1931 und die Mutter Lilly, geborene Pick, 1932 – zog sie mit ihren vier Geschwistern zur Großmutter nach Dresden. Ihr Bruder ist der Verleger Ernst Brücher. Dort wurde sie Ostern 1933 in die Quarta des Dresdner Mädchengymnasiums eingeschult.

Ein Jahr lang, von 1937 an, lebte sie in der Zeit des Nationalsozialismus im Internat Salem, musste es dann aber verlassen, da ihre Großmutter Jüdin war. Ihre Schulausbildung konnte sie am Mädchengymnasium Friedrich-Luisen-Schule in Konstanz fortsetzen, wo sie 1939 das Abitur bestand. Anschließend studierte sie in München Chemie und wurde 1945 mit der Arbeit Untersuchungen an den Hefemutterlaugen der technischen Ergosterin-Gewinnung zum Dr. rer. nat. promoviert. Ihr Doktorvater und zugleich Schutzengel vor der Gestapo war Heinrich Wieland.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie 1945 Wissenschaftsredakteurin bei der Neuen Zeitung, da laut Kontrollratsgesetz chemische Grundlagenforschung verboten war. Von 1949 bis 1950 erhielt sie ein Stipendium der Politischen Wissenschaften an der renommierten Harvard-Universität. Hildegard Hamm-Brücher war mit dem CSU-Kommunalpolitiker und Juristen Erwin Hamm (1909–2008) verheiratet, mit dem sie einen Sohn und eine Tochter hat.[1]

Partei[Bearbeiten]

Hildegard Hamm-Brücher wurde über ihre Kandidatur im Mai 1948 für den Münchener Stadtrat auf die Liste der FDP Bayern gewählt. Hier war es Theodor Heuss mit seinen Ansichten und Warnungen zum Aufbau und zum Erhalt der Demokratie, der Verfassung usw., der sie in die Politik brachte.[2]

Am 22. September 2002 trat sie nach 54 Jahren Mitgliedschaft aus der FDP aus. Sie begründete dies mit der „Annäherung der FDP an die antiisraelischen und einseitig propalästinensischen Positionen des Herrn Möllemann[3] im Verlauf des Projekts 18.

Abgeordnete[Bearbeiten]

Die Abgeordnete Hildegard Hamm-Brücher im März 1974 mit Innenminister Genscher und Fraktionsvorsitzendem Mischnick.

Sie gehörte von 1948 bis 1954 dem Stadtrat von München an und war von 1950 bis 1966 sowie von 1970 bis 1976 Mitglied des Bayerischen Landtags. Bei der bayerischen Landtagswahl 1962 hatte man sie, „die den Funktionären oft zu klug und zu aufrichtig und manchen ,zu weit links‘ war, zur Strafe auf den hoffnungslosen Platz 17 der oberbayerischen Liste verbannt„. Durch das in Bayern mögliche Kumulieren von Stimmen kam sie jedoch auf Platz 1. So zog sie, von den Medien stark beachtet, zum drittenmal in den Landtag ein.[4]

Von 1976 bis 1990 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Große Beachtung[5] fand hier ihre Rede vom 1. Oktober 1982 anlässlich des Misstrauensvotums gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt, in der sie sich gegen eine Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler oder, wie sie es formulierte, „eines Machtwechsels ohne Wählervotum“[6] und stattdessen für Neuwahlen aussprach.[7]

Als am 4. Mai 1984, ein halbes Jahr nachdem Eberhard von Brauchitsch und Otto Graf Lambsdorff wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurden, die FDP sich für eine Amnestie für Spender, Spendenvermittler und Spendenempfänger starkmachte, enthielt sie sich – zusammen mit Gerhart Baum und Burkhard Hirsch – der Stimme.[8]

Bei der Bundespräsidentenwahl 1994 war sie die Kandidatin der FDP für das Amt des Bundespräsidenten. Nachdem sie im ersten Wahlgang 132 und im zweiten Wahlgang 126 Stimmen erhalten hatte, trat sie im entscheidenden dritten Wahlgang auf Anraten der Parteiführung nicht mehr an. Die Mehrheit der FDP-Wahlmänner stimmte daraufhin für den CDU-Kandidaten Roman Herzog.

Von den hessischen Grünen wurde Hildegard Hamm-Brücher als Wahlfrau für die 14. Bundesversammlung am 30. Juni 2010 nominiert. Hamm-Brücher hatte zuvor geäußert, dass sie den parteilosen Joachim Gauck wählen würde. Sie gehörte ebenfalls auf Vorschlag der hessischen Grünen der 15. Bundesversammlung an.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

1967 wurde sie als Staatssekretärin in das von Ernst Schütte geleitete Kultusministerium des Landes Hessen berufen. Sie war damit die erste Frau in Hessen, die dieses Amt bekleidete. Am 22. Oktober 1969 wechselte sie als Staatssekretärin in das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft. Dieses Amt hatte sie bis zum 31. Mai 1972 inne. Mehr als vier Jahre später wurde sie am 16. Dezember 1976 als Staatsministerin in das von Hans-Dietrich Genscher geleitete Auswärtige Amt berufen. Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition schied sie am 17. September 1982 aus der Bundesregierung aus.

Gesellschaftliches Engagement[Bearbeiten]

1964 wurde auf ihre und die Initiative von Ernst Ludwig Heuss, dem Sohn von Theodor Heuss, die überparteiliche Theodor-Heuss-Stiftung gegründet, deren Gründungsvorsitzende sie war und deren Vorsitz sie lange Jahre innehatte.[9] Sie ist außerdem Mitglied des Kuratoriums am Jüdischen Zentrum München und gehört dem Vorstand des Fördervereins Demokratisch Handeln e. V. mit Sitz in Jena an. Seit 1970 ist sie Mitglied des Goethe-Instituts. 1974–1988 war sie Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Sie unterstützt den Verein Gesicht Zeigen!. Bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Deutschland zählt sie neben Jutta Limbach, Ian Karan und anderen zu den Ehrenmitgliedern. Sie ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Stiftung eines Förderpreises für Demokratie[Bearbeiten]

Seit 2009 wird der Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren verliehen. Die ersten Preisträger sind Wolfgang Edelstein und Eva Madelung und das Förderprojekt „Bunte Schule – bunte Stadt“ der Integrierten Gesamtschule "Regine Hildebrandt" in Magdeburg. Verliehen wird der Preis jeweils im Juni in Jena gemeinsam mit der Lernstatt Demokratie des Fördervereins Demokratisch Handeln, welche einmal im Jahr einen bundesweiten Wettbewerb für in besonderem Maße demokratische Projekte allgemeinbildender Schulen ausschreibt. Auf diese Weise will Hildegard Hamm-Brücher das Engagement alter und junger Menschen für Bildung und Demokratie würdigen.

Stiftung des Münchner Bürgerpreises gegen Vergessen – für Demokratie[Bearbeiten]

Hamm-Brücher stiftete den „Münchner Bürgerpreis gegen Vergessen – für Demokratie“ zur Erinnerung an die Herrschaft der Nationalsozialisten und zur Stärkung der Demokratie. Der mit insgesamt 5000 Euro dotierte Preis wird in der Regel alle zwei Jahre vergeben,[10] erstmals am 9. Mai 2011 anlässlich ihres 90. Geburtstags.

Ehrungen[Bearbeiten]

1980 verlieh ihr die Katholische Universität in Lima (Peru) die Ehrendoktorwürde. 1989 wurde sie mit der Bayerischen Verfassungsmedaille, 1991 mit der Goldenen Bürgermedaille der Landeshauptstadt München, 1992 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille, 1993 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband ausgezeichnet. 1995 wurde ihr als erster Frau die Ehrenbürgerschaft der Stadt München verliehen.[9] 1996 zeichnete sie die bayerische SPD-Landtagsfraktion mit dem Wilhelm-Hoegner-Preis aus. 2001 erhielt sie in Magdeburg den Lothar-Kreyssig-Friedenspreis dafür, dass sie sich in allen ihren öffentlichen Ämtern um Verständigung, um den Jugendaustausch mit Osteuropa und um den Dialog zwischen Christen und Juden bemüht hat. 2002 kam der Wartburgpreis der Wartburg-Stiftung Eisenach hinzu, den sie für „eine moralisch integre Persönlichkeit“, „die sich durch ihre Tätigkeit in der Theodor-Heuss-Stiftung zur Förderung der politischen Kultur, ihren Kampf um den Erneuerungsprozess der Demokratie, ihr Wirken für die Entspannungspolitik und ihren unermüdlichen Einsatz in der Bildungspolitik zur grundlegenden Verbesserung des Erziehungs- und Schulsystems große Verdienste erworben hat“,[11] empfing. Für ihre Beiträge zur Reform und Modernisierung von Bildung und Erziehung wurde sie im Juni 2005 von der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Ihre Danksagung stand unter dem Thema „Haben wir aus den Irrtümern unserer Geschichte gelernt? – Streifzüge und Reflexionen über Demokratiegeschichte und Demokratiebewusstsein“. 2005 wurde ihr der Heinz-Galinski-Preis verliehen. 2010 erhielt sie den Eugen-Kogon-Preis der Stadt Königstein im Taunus für „gelebte Demokratie“, 2011 den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung für ihr Lebenswerk.

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Demokratie, das sind wir alle. Zeitzeugen berichten. Herausgegeben gemeinsam mit Norbert Schreiber, München, Verlag Zabert Sandmann, 2009.
  • Erinnerungen an einen christlichen, liberalen und süddeutschen Demokraten. Klaus Scholder zum Gedenken. In: Liberal. Jg. 1987, Heft 2, Seiten 97–103.
  • Freiheit ist mehr als ein Wort. Eine Lebensbilanz 1921–1996. Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1996.
  • Thomas Dehler in Bayern. In: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Thomas Dehler und seine Politik. Berlin, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, 1998, ISBN 3-87584-721-0, Seiten 52–57.
  • Mut zur Politik. Gespräch mit Carola Wedel in der Reihe Zeugen des Jahrhunderts , Göttingen, Lamuv Verlag, 1993.
  • Der Politiker und sein Gewissen. Eine Streitschrift für mehr parlamentarische Demokratie. München, Verlag Piper, 1987.
  • Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit. Die 'Weiße Rose' und unsere Zeit von Hildegard Hamm-Brücher, hrsg. von Wilhelm von Sternburg, Berlin, Aufbau Verlag, 1997.
  • In guter Verfassung? Nachdenken über die Demokratie in Deutschland, München, Verlag C. H. Beck, 2006.
  • Erinnern für die Zukunft. Ein zeitgeschichtliches Nachlesebuch 1991 bis 2001, München, dtv, 2001.
  • Nachkriegsjahre: Reportagen von 1945 bis 1959 von Hans J. Vogel, Hildegard Hamm-Brücher, Karl Stankiewitz, Regensburg, edition buntehunde, 2006.
  • Die Zukunft unserer Demokratie von Paul Noack, Hildegard Hamm-Brücher, Norbert Schreiber, München, dtv, 1979.
  • Der freie Volksvertreter – eine Legende? Erfahrungen mit parlamentarischer Macht und Ohnmacht, von Hildegard Hamm-Brücher, Marion Mayer, München, Piper Verlag, 1990.
  • Bildung ist kein Luxus. Plädoyer gegen die Resignation in der Bildungspolitik München, Paul List Verlag, 1976.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hildegard Hamm-Brücher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H. Hamm-Brücher: Freiheit ist mehr als nur ein Wort. 1996
  2. H. Hamm-Brücher: Freiheit ist mehr als nur ein Wort. 1996, S.119
  3. Interview mit Hildegard Hamm-Brücher. In: Süddeutsche Zeitung, 27. Mai 2008, abgerufen 5. Mai 2009
  4. http://www.zeit.de/1966/49/die-abgeordnete-ad
  5. Gerhard Spörl: Die beschwingte Liberale, Der Spiegel 15/1996 (8. April 1996), online abgerufen auf Spiegel Online am 29. März 2011
  6. H. Hamm-Brücher: Freiheit ist mehr als nur ein Wort. 1996, S. 268.
  7. Bundestag-Plenarprotokoll PlPr 09/118 S. 7195 (S. 37 des Plenarvorgangs)
  8. H. Hamm-Brücher: Freiheit ist mehr als nur ein Wort. 1996, S. 273.
  9. a b H. Hamm-Brücher: Freiheit ist mehr als nur ein Wort. 1996, S.567
  10. Bewerbung für den Münchner Bürgerpreis gegen Vergessen – für Demokratie. Stadt München, 22. November 2010, abgerufen am 13. August 2012.
  11. Wartburg-Stiftung, Rainer Beichler: Wartburgpreis an Hildegard Hamm-Brücher. 29. Oktober 2002, abgerufen am 13. August 2012.