Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS

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Traditionsträger „HIAG Ostsachsen“ im Rahmen des Ulrichsbergtreffens am Ulrichsberg 2003
Kurt Meyer beim Gerichtsverfahren im Dezember 1945
Josef „Sepp“ Dietrich in alliierter Haft (um 1946)
Schulze-Kossens (hintere Reihe, aus Betrachtersicht ganz links) als Zeuge bei der Unterzeichnung des „Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags

Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS e. V. (HIAG) wurde 1951 als „Traditionsverband“ in Deutschland begründet. Die Gründer, Funktionäre und Redner waren verschiedene Offiziere der Waffen-SS. Der Bundesverband löste sich 1992 auf, regionale Organisationen existieren aber vereinzelt weiter. Die HIAG wurde zeitweilig als rechtsextremistisch vom Verfassungsschutz beobachtet und war bei der Bevölkerung und in den Medien ab den 1960er-Jahren zunehmend umstritten. Eines der erklärten Ziele der HIAG war die Änderung der gesellschaftlichen und juristischen Wahrnehmung der Angehörigen der SS als normale Soldaten.

Verein[Bearbeiten]

Organisation und Geschichte[Bearbeiten]

Der ehemalige SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Otto Kumm gilt als Gründer der HIAG.

Die HIAG war zunächst dezentral organisiert, doch wurde diese Struktur noch in den 1950er Jahren aufgehoben. Das Ziel der „Hilfsgemeinschaft“ war die rechtliche Gleichstellung der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS mit den Soldaten der Wehrmacht und die Rehabilitierung der Waffen-SS. Die Vereinigung war tragendes Mitglied im „Verband deutscher Soldaten“ und übte einen großen Einfluss im Netzwerk der Soldaten- und Traditionsverbände aus. Bis heute bestehen Verbände aber weiterhin auf Landesebene und regionaler Ebene weiter.

Ab November 1951 erschien der Wiking-Ruf als Sprachrohr der HIAG. Er wurde 1956 von der ebenfalls monatlich erscheinenden Zeitschrift Der Freiwillige abgelöst. Sie erschien in einer Höchstauflage von 12.000 Exemplaren, 1992 waren es noch 8000. Der Herausgeber war Erich Kern. Die Zeitschrift erscheint noch heute im „Munin-Verlag“. Hauptinhalte dieser Publikation sind die Darstellung der Waffen-SS als normale kämpfende Truppe und Militärnostalgie; daneben finden sich auch geschichtsrevisionistische Artikel, die nicht allein die Geschichte der Waffen-SS betreffen.

Die HIAG hatte von ihrer Gründung bis in die 1970er-Jahre nicht nur erheblichen Einfluss im Netzwerk der Soldaten- und Traditionsverbände, sondern pflegte auch intensive Kontakte zu den im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Sie erreichte so für die ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS deren „Rehabilitierung“ und uneingeschränkte Rentenversorgung, während die Parteien im Gegenzug hofften, durch solche Zugeständnisse die Mitglieder und Anhänger der HIAG in die demokratische Gesellschaft zu integrieren und ihre Wählerstimmen zu gewinnen. Erst in den 1980er-Jahren kam es zur Distanzierung: CDU-Bundestagsabgeordnete beendeten ihre Mitarbeit; die SPD beschloss die Unvereinbarkeit, da die HIAG „dazu beiträgt „nationalsozialistisches Gedankengut zu vertreten bzw. zu verharmlosen“.[1]

Bei der Auflösung des HIAG-Bundesdachverbandes 1992 waren diesem zwölf Landesverbände, zwölf Truppen- und zahlreiche Kreiskameradschaften angegliedert. Dem letzten Bundesvorstand gehörten 1992 Hubert Meyer, August Hoffmann und Johann Felde an. Bis zu dieser Zeit war die Bundesführung „Beobachtungsobjekt“ des Bundesamtes für Verfassungsschutz, und es wurden gezielt Informationen im Sinne der §§ 3, 4 des Bundesverfassungsschutzgesetzes gesammelt und ausgewertet.

Einige Landesverbände und regionale Kameradschaften der HIAG sowie die 1993 gegründete „Kriegsgräberstiftung Wenn alle Brüder schweigen“ werden weiter geführt. Diese Stiftung mit Sitz in Stuttgart wird von dem Vorsitzenden August Hoffmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden Heinz Berner und dem Schatzmeister Werner Bitzer geleitet. Ihre Aufgabe ist nach eigenem Bekunden in erster Linie, „Soldatengräber im In- und Ausland -- besonders unserer Truppe -- zu suchen, zu sichern und die Grabanlagen dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mitzuteilen“.

Abgrenzungen gegen Kriegsverbrechen[Bearbeiten]

Die Abgrenzung und Zurückweisung des Vorwurfs von Kriegsverbrechen ist ein durchgehendes Thema der HIAG. Schon der Vereinsname ist eine Positionierung gegen die allgemeine SS, der in der Praxis nicht durchgehalten wurde. Obwohl der Vereinsname sich auf die „ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS“ bezieht und damit die HIAG als militärischer Veteranenverein positioniert, waren in ihr auch Mitglieder der Totenkopfverbände oder des SD organisiert.[2] Eine Ursache hierfür ist sicher die relative Durchlässigkeit der einzelnen SS-Teile.[3] So war etwa Theodor Eicke zunächst als Kommandant des KZ Dachau und Inspekteur der Konzentrationslager maßgeblich am Aufbau der deutschen Konzentrationslager beteiligt. Später war er Kommandeur der SS-Division Totenkopf, die aus den Wachverbänden der Konzentrationslager entstanden war. Ein Traditionstreffen der SS-Division Totenkopf mit der HIAG fand etwa 1979 statt.[4]

Umgang mit Kriegsverbrechern[Bearbeiten]

Kurt Meyer, der 1959 der Sprecher der HIAG wurde,[5] wehrte Kritik, dass die HIAG auch die SS-Totenkopfverbände und den SD vertrete, ab: „Wo das Verbrechen anfängt, hört die Kameradschaft auf.“[6] Gegen diese Selbstdarstellung spricht, dass Meyer selbst wegen der Ermordung kanadischer Kriegsgefangener als Kriegsverbrecher verurteilt worden war. Auch andere Funktionäre der HIAG, wie etwa Otto Kumm, Sepp Dietrich oder Richard Schulze-Kossens waren an Kriegsverbrechen beteiligt und zum Teil rechtskräftig verurteilt worden.

Die HIAG schloss keinen Truppenführer der Waffen-SS wegen begangener Kriegsverbrechen oder anderer Verbrechen aus der Kameradschaft aus.[7] Im April 1975 feierte die HIAG den 80.Geburtstag des SS-Generals Gustav Lombard, der die Bezeichnung „Entjudung“ für die von ihm organisierte Ermordung der jüdischen Bevölkerung in den deutschbesetzten Gebieten Osteuropas geprägt hatte.[8]

Die HIAG setzte sich für inhaftierte Kriegsverbrecher ein. Beispielsweise 1960 bat sie in einer Anzeige in Der Freiwillige um Spenden, Päckchen und Post für drei „Kriegsgefangene in Italien“.[9] Dabei handelte es sich um die beiden SS-Sturmbannführer und verurteilten Kriegsverbrecher Walter Reder[10] und Herbert Kappler,[11] sowie um Josef Feuchtinger gegen den als Täter des Massakers von Bassano ermittelt wurde.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bert-Oliver Manig: Die Politik der Ehre. Die Rehabilitierung der Berufssoldaten in der frühen Bundesrepublik, Wallstein Verlag, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-658-X.
  • Karsten Wilke: Geistige Regeneration der Schutzstaffel in der frühen Bundesrepublik? Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS“ (HIAG). In: Jan Erik Schulte (Hrsg.), Die SS, Himmler und die Wewelsburg, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2009, ISBN 978-3-506-76374-7, S. 433–448.
  • Karsten Wilke: Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) 1950–1990. Veteranen der Waffen-SS in der Bundesrepublik. Schöningh, Paderborn 2011, ISBN 978-3-506-77235-0[13]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Verband der Unbelehrbaren? (PDF; 15 kB) von Karsten Wilke, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie der Universität Bielefeld

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karsten Wilke: Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) 1950–1990. Veteranen der Waffen-SS in der Bundesrepublik. Schöningh, Paderborn 2011, ISBN 978-3-506-77235-0, S. 344 (Zitat) u. S. 421–429.
  2. John M. Steiner/Jochen Fahrenberg: Autoritäre Einstellung und Statusmerkmale von ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS und SS und der Wehrmacht. Eine erweiterte Reanalyse der 1970 publizierten Untersuchung (PDF)
  3. Zum Organisationsaufbau auch: Hans Buchheim: Anatomie des SS-Staats, Bd. 1: Die SS – Das Herrschaftsinstrument. Befehl und Gehorsam, München 1967, S. 179
  4.  Besten Willens. In: Der Spiegel. Nr. 15, 1979 (online).
  5. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 408.
  6. Kurt Meyer 1958 nach: Thomas Kühne: Kameradschaft. S. 245
  7. Thomas Kühne: Kameradschaft. S. 245
  8. Abteilungsbefehl Nr. 36 u. 37 vom 9. u. 11. August 1941, BA-MA, RS 4/441.
  9. Anzeige in: Der Freiwillige August 1960, S. 7.
  10. In einer Beilage von „So sieht es Vocator“ zu Der Freiwillige Heft 3, März 1968 heißt es: „Major Walter Reder wurde für etwas bestraft, was er nicht getan hat. Er ist kein Kriegsverbrecher!“
  11. Der Freiwillige, Heft 2, Feb. 1968, S. 21–23 gibt außerdem umfangreich eine Broschüre von Rudolf Aschenauer, dem Verteidiger Kapplers wieder.
  12. Gegen Feuchtinger wurde 1963 in Wien ein Prozess wegen des Massakers von Bassano geführt. Siehe: Wehrmachtsverbrechen. Verdächtiger nimmt sich das Leben in FR vom 26. September 2008
  13. Rezension von  Rafael Binkowski / Klaus Wiegrefe: Brauner Bluff. In: Der Spiegel. Nr. 42, 2011, S. 44–45 (17. Oktober 2011, online).