Himmel (Religion)

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Himmel ist in vielen Religionen ein Bereich, der alternativ zur empirischen Wirklich übernatürliche Wesen, Erscheinungen oder Götter beheimatet. Außerdem kann dies ein Ort sein, an dem das jenseitige Leben gelebt wird und an dem die Götter oder der Gott ihre Heimat haben.

Allgemein[Bearbeiten]

Der Himmel ist als Heimat der göttlichen Wesen und als erhoffter Ort der Fortdauer nach dem irdischen Leben ein häufiger Topos in Religionen. Unterschieden werden kann zwischen einem genau lokalisierbaren Aufenthaltsort der Götter wie beispielsweise in der griechischen Antike mit dem Götterberg Olymp oder Gottes und der Engel und Heiligen wie in den abrahamitischen Religionen.

Als Gegenstück des Himmels wird die Hölle gesehen. Der Himmel gilt dann als der Ort der größtmöglichen Nähe zu Gott, die Hölle als Ort der größtmöglichen Gottferne; allerdings muss hier unterschieden werden zwischen einer übertragenen und mitunter auch schon zu Lebzeiten erreichbaren Verbindung oder einer tatsächlichen Hoffnung auf eine Begegnung mit Gott.[1]

Judentum[Bearbeiten]

Hauptartikel: Judentum

Die Vorstellung der zweigeteilten Welt, die aus dem Himmel einerseits und aus der Erde andererseits besteht, spielt in der Erzählung der Genesis eine entscheidende Rolle, nach der der Schöpfergott JHWH in dem Sechstagewerk aus dem „Wüsten und Leeren“ aus dem „Tohu wawohu“ Himmel und Erde geschaffen hat. In diesem Sinne steht der Begriff Himmel und Erde aber mehr für alle sichtbaren Dinge (Erde) und alle unsichtbaren Dinge außer Gott. Schamajim („Himmel“) bezeichnet dabei den Himmel. In diesem Himmel sind neben JHWH auch die himmlischen Heerscharen und die Engel beheimatet. Darüber hinaus ist dies der Ort, von dem aus sich göttliche Theophanien ereignen (s. Dtn 33,26; Ri 5,4f.; Ps 18, 10-18).

Der Himmel als Heimat JWHWs wird darüber hinaus als unerreichbar charakterisiert, sodass der Versuch diesen zu erreichen mit göttlicher Strafe quittiert wird (s. Dtn 30,12; Gen 11, 1-9).

Als Ort des Jenseits gibt es im Judentum unterschiedliche Vorstellungen über das direkte Leben nach dem Tod. Einigkeit herrscht in dem Punkt, dass vor einer Entscheidung über das weitere Schicksal jeder Tote gerichtet wird, allerdings ist umstritten, ob dies sofort nach seinem Tod oder erst zum Zeitpunkt des jüngsten Tag geschieht.[2]

Christentum[Bearbeiten]

Hauptartikel: Christentum

Die Frage, wie, ob und in welcher Form ein Leben nach dem Tod gedacht werden kann, war die gesamte Geschichte des Christentums hindurch Thema der Diskussion der Theologen. Festzuhalten ist zunächst, dass bis in das 18. Jahrhundert keine nennenswerte Diskussion über das ob geführt wurde.[3] Debatten gab es insbesondere um die Frage, ob der Himmel, wie im Neuen Testament angedeutet, der Platz sei, an dem die Menschen Gott begegnen, also eine theozentrische Jenseitsdeutung oder ob dies der Ort sei, an dem für die Menschen das in Gen 2-3 geschaffene Paradies wieder hergestellt wird.[4] Ab 1900 gab es im Protestantismus eine Ernüchterung in Bezug auf die bis dahin gängigen Spekulationen. So stellt Ernst Troeltsch fest, dass "wir über das Schicksal des Individuums heute weniger spekulieren dürfen als früher."[5] Mit Rudolf Bultmann und der Debatte über die Entmythologisierung der Bibel wurde diese Sicht gestützt und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod im Himmel als menschliche Anmaßung zurückgewiesen.[6]

Auf Seiten der katholischen Kirche verlief die Debatte so, dass die Sicht auf den Himmel bis heute dogmatisch mit den Beschlüssen der Päpste des Mittelalters in Einklang gebracht ist: Hauptmotiv für die katholische Lehre vom Himmel ist demnach die Schau Gottes (die Visio beatifica), deren beseligende Erfahrung dem Menschen bereits zu Lebzeiten zukommen kann.[7] Grundlegendes Moment ist die Gemeinschaft mit der göttlichen Dreifaltigkeit.

Islam[Bearbeiten]

Hauptartikel: Islam

Im Islam ist der Himmel Djanna (arab. „Garten“) das Paradies und der Aufenthaltsort der Auserwählten und der Guten nach dem letzten Gericht. Die islamische Vorstellung vom Himmel ist eine körperliche. Der Himmel ist danach ein Garten, der von Bächen durchzogen ist, in denen Wasser, Milch und Honig fließen. Er ist mit Teppichen und kostbaren Sesseln ausgestattet, schöne Frauen Huris und junge Knaben servieren erlesene Früchte und Geflügel. Der Himmel Djanna wird durch die Scheidewand Barzach von der Hölle Djahannam abgetrennt. Ein weiterer Aspekt wird durch die Himmelfahrt beleuchtet. Demnach ist ihm, genau wie den Propheten des Alten Testaments, die Ehre zuteil geworden schon vor seinem Tod in den Himmel entrückt zu werden.

Spiritismus[Bearbeiten]

Hauptartikel: Spiritismus

Grundlegend ist die Überzeugung, dass die menschliche Seele nach dem Tod weiter existiere und dass es mit Hilfe von Medien möglich sei, mit den Seelen Verstorbener zu kommunizieren. Die Verstorbenen unterscheiden sich demnach nur wenig von ihrer früheren irdischen Existenz, behalten ihre Eigenheiten, und auch die „andere Welt“, in der sie leben, ähnelt dem Diesseits, ist allerdings in mancherlei Hinsicht „besser“. Damit verbunden war ursprünglich die Überzeugung, dass die Existenz der Seelen oder Geister mittels wissenschaftlicher Experimente nachgewiesen werden könne.

Der Spiritismus geht davon aus, dass die Seelen der Verstorbenen in verschiedenen Stadien aufsteigen und schließlich "in das Licht" gehen werden.[8]

Bahai[Bearbeiten]

Hauptartikel: Bahaitum

Nach dem Glauben der Bahai steht der Mensch von allen Schöpfungswerken Gott am nächsten, da er mit einem freien Willen, mit Vernunft, einer unsterblichen Seele und der Fähigkeit ausgestattet wurde, Gott zu erkennen und einen Bund mit ihm einzugehen. Das Leben im Diesseits wie im Jenseits wird als eine kontinuierliche mystische Reise zu Gott betrachtet. Himmel und Hölle sind für die Bahai Symbole für die Nähe oder Ferne zu Gott. Eine gewisse „Einheit“ mit Gott kann der Mensch bereits zu Lebzeiten erlangen.[9] Das Leben in dieser Welt ist dazu bestimmt, geistige Fähigkeiten zu entwickeln, die für das Leben im Jenseits benötigt werden. Als geistige Fähigkeiten gelten Tugenden wie die Nächstenliebe, Dankbarkeit, Vertrauenswürdigkeit, Gottvertrauen, Demut und Geduld.[10] Selbstkasteiung, „Einsiedelei und harte Askese[11] werden ebenso abgelehnt wie ein hedonistisches Leben im Überfluss. Baha'ullah empfiehlt, das „rechte Maß“ zu halten, und sieht im „Dienst am ganzen Menschengeschlecht“ das Kriterium wahren Menschseins.[12] Gesellschaftliches Engagement und soziale Verantwortung, die aktive Gestaltung der Welt, werden als natürliche Folge individueller Spiritualität betrachtet und sind von dieser nicht zu trennen. Bettelei[13] und Beichte[14] sind den Bahai verboten; beides gilt als Erniedrigung des Menschen vor anderen Menschen.[15]

Zeugen Jehovas[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zeugen Jehovas

Menschen besitzen nach Auffassung der Zeugen Jehovas keine „unsterbliche Seele“. Sie vertreten einen annihilationistischen Standpunkt und negieren daher ein ewiges Leben aller Menschen und die Existenz einer Hölle. Die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe gilt den Zeugen Jehovas als heilsnotwendig,[16] sie sehen sich als Substitution Israels als „Heilsvolk Gottes“.[17] Die Zeugen Jehovas vertreten eine doppelte Erlösungslehre: Sie glauben, dass ein Teil der von Gott als „treu“ befundenen Menschen nach dem Tod unsterbliches Leben im Himmel erhalten wird, die anderen würden nach Harmagedon auf der Erde zu ewigem Leben wiedererweckt. Dabei wird die Zahl der „144.000, versiegelt aus jedem Stamm der Söhne Israels“ (Offb 7,4-8 Elb), als die der Zeugen Jehovas gedeutet, die im Himmel leben werden. Die „große Volksmenge“ aus Offb 7,9 Elb sei die Gesamtheit derer, die ewiges Leben auf der Erde erhalten.[18]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernhard Lang, Colleen McDannell: Der Himmel: eine Kulturgeschichte; edition suhrkamp 1586: Neue folge 586; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990; Orig.: Heaven: a History; London, New Haven: Yale University Press, 1988
  • Bernhard Lang: Himmel und Hölle. Jenseitsglaube von der Antike bis heute; München: C. H. Beck, 2. Auflage. 2009, ISBN 978-3-406-48003-4.
  • Marius Reiser: Die Letzten Dinge im Licht des Neuen Testaments. Patrimonium-Verl., Heimbach/Eifel 2013. ISBN 3-86417-018-4
  • Meinolf Schumacher: Gemalte Himmelsfreuden im Weltgericht. Zur Intermedialität der Letzten Dinge bei Heinrich von Neustadt; in: Michael Scheffel u.a. (Hrsg.): Ästhetische Transgressionen. Festschrift für Ulrich Ernst; Schriftenreihe Literaturwissenschaft 69; Trier 2006, ISBN 3-88476-792-5, S. 55–80.
  • Walter Simonis: Auferstehung und ewiges Leben? Die wirkliche Entstehung des Osterglaubens; Düsseldorf: Patmos, 2002, ISBN 3-491-70345-X.
  • Ludwig Ott: Grundriss der Katholischen Dogmatik; Freiburg i.Br.: Herder, 198110, ISBN 3-451-13541-8.
  • Knaurs Lexikon der Mythologie; München, 1989, ISBN 3-8289-4155-9.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie; Stuttgart: Kröner, 20063, ISBN 3-520-36803-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. zitiert nach Ulrich Kuder, Art. „Himmel“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Band 3, Sp. 1739.
  2. http://www.rbb-online.de/schulstunde-tod/das_danach/was_kommt_nach_dem.file.html/schluss_aus_und_vorbei_Mach_dich_schlau_Jenseitsvorstellungen_der_Weltreligionen.pdf, Abgerufen am 13.04.204
  3. Ulrich Kuder, Art. „Himmel“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Band 3, Sp. 1742.
  4. Vgl. dazu Ulrich Kuder, Art. „Himmel“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Band 3, Sp. 1742.
  5. zitiert nach Ulrich Kuder, Art. „Himmel“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Band 3, Sp. 1742
  6. Ulrich Kuder, Art. „Himmel“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Band 3, Sp. 1743
  7. Ulrich Kuder, Art. „Himmel“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Band 3, Sp. 1743
  8. Spiritualism in: Encyclopedia of Occultism and Parapsychology 5th Edition, S. 1470
  9.  Manfred Hutter: Die Weltreligionen. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-50865-3, S. 110.
  10. Theologische Realenzyklopädie, Studienausgabe Teil 1, Band. V. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1993, ISBN 3-11-013898-0, S. 122. Siehe auch:  Michael Paul Gollmer: Dein Name ist meine Heilung. Beim Sterben eines Bahai. In: Angelika Daiker, Anton Seeberger (Hrsg.): Zum Paradies mögen Engel dich geleiten. Rituale zum Abschiednehmen. Schwabenverlag, Ostfildern 2007, ISBN 978-3-7966-1321-0, S. 169 f.
  11.  Baha’u’llah: Kitab-i-Aqdas. Das heiligste Buch. Bahá’í-Verlag, Hofheim 2000, ISBN 3-87037-379-2 (Online). Erläuterung 61
  12.  Baha’u’llah, Shoghi Effendi: Ährenlese. Eine Auswahl aus den Schriften Baha’u’llahs, zusammengestellt und ins Englische übertragen von Shoghi Effendi. 5. Auflage. Bahá’í-Verlag, Hofheim 2003, ISBN 3-87037-379-2 (Online). Vers 117
  13.  Baha’u’llah: Kitab-i-Aqdas. Das heiligste Buch. Bahá’í-Verlag, Hofheim 2000, ISBN 3-87037-379-2 (Online). Kapitel 147
  14.  Baha’u’llah: Kitab-i-Aqdas. Das heiligste Buch. Bahá’í-Verlag, Hofheim 2000, ISBN 3-87037-379-2 (Online). Kapitel 34
  15.  Baha’u’llah: Kitab-i-Aqdas. Das heiligste Buch. Bahá’í-Verlag, Hofheim 2000, ISBN 3-87037-379-2 (Online). Erläuterung 34
  16. Robert Schmidt: Zeugen Jehovas. In: Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2000, S. 710.
  17. Merit Petersen: „Der schmale Grat zwischen Duldung und Verfolgung. Zeugen Jehovas und Mormonen im Dritten Reich.“ In: Manfred Gailus, Armin Nolzen (Hg.): Zerstrittene «Volksgemeinschaft». Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 127
  18. Joseph F. Zygmunt: Prophetic Failure and Chiliastic Identity. The Case of Jehovah’s Witnesses. In: American Journal of Sociology 75, Heft 6 (1970), S. 929.