Hobbychemie

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Hobbychemie bezeichnet das freizeitliche Durchführen chemischer Experimente oder im weiteren Sinne auch die Beschäftigung mit Chemie und chemischen Themen zur Freizeitgestaltung. Eine Möglichkeit zur Durchführung einfacher Experimente, die besonders für Anfänger und Kinder geeignet sind, bieten Chemiebaukästen. Für aufwändigere Versuche werden Heimlabore angelegt, in denen professionelle Laborgeräte Verwendung finden oder Alternativen mit Hilfe von Haushaltsgegenständen realisiert werden.

Naturwissenschaftliche Bildung[Bearbeiten]

Die selbständige Beschäftigung mit der Theorie und Praxis chemischer Versuche ist bei Kindern und Jugendlichen oft der erste Kontakt mit der selbständigen Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden und Denkweisen. Schüler sehen die selbständige Beschäftigung mit Chemie in der Freizeit oft als eine Ergänzung und Vertiefung des Chemieunterrichts an der Schule. Dieses frühe Interesse für die Chemie weckt und stärkt auch das Interesse für die Naturwissenschaften im Allgemeinen. Das dabei erworbene tiefere Verständnis für die stoffliche Zusammensetzung der belebten und unbelebten Natur ist auch eine wichtige Grundlage für andere Naturwissenschaften (zum Beispiel Physik, Elektrotechnik, Medizin) und Technikbereiche. Auch wer sich später einer anderen technischen oder wissenschaftlichen Ausbildung zuwendet, bleibt oft der Chemie als Hobby und Quelle eines vertieften Naturverständnisses treu.

Abgrenzung[Bearbeiten]

Hobbychemiker werden durch ihre Neugier in naturwissenschaftlichen Fragen geleitet, auch wenn der Einstieg in nicht wenigen Fällen über die Pyrotechnik erfolgt aus der sich später ein Interesse an den weitaus komplexeren Zusammenhängen der Chemie entwickelt und letztlich zum Schwerpunkt wird. Trotzdem hat diese Neugier in den Augen der Bevölkerung/der Behörden oft etwas unheimliches, da vor allem im ländlichen Bereich oder bei älteren Personen Hobbychemie vorrangig mit Drogen oder Sprengstoff assoziiert wird. Hobbychemiker verfolgen weder kommerzielle noch politische Ziele, die gesetzeswidrig sind; dennoch ist es keine Besonderheit, dass es zum Handel zwischen Hobbychemikern kommt. Dabei spielen teure Chemikalien (wie Edelmetallverbindungen, seltene Liganden oder meist schwer zu beschaffende Substanzen) eine wichtige Rolle. Da sich viele der nötigen Chemikalien auch zu kriminellen Zwecken (Herstellung von Sprengstoff oder Drogen) verwenden lassen, kommt es oft zu Missverständnissen, die letztendlich ein schlechtes Licht auf die Hobbychemie werfen.

Arbeitsfelder[Bearbeiten]

Zu den Tätigkeiten eines Hobbychemikers gehören:

Bei Anfängern sind besonders Schauversuche beliebt, da sie effektvoll sind und komplizierte chemische Vorgänge, wie etwa Redoxreaktionen veranschaulichen. Chemiebaukästen enthalten unter anderem solche Demonstrationsversuche. Unter Fortgeschrittenen erfreuen sich besonders organische Synthesen großer Beliebtheit. Die Anleitungen und Synthesevorschriften stammen meist aus den Chemiekästen selbst, aus Experimentierbüchern oder aus Fachbüchern, wie dem Römpp, dem Organikum und ähnlichen Quellen. Zunehmend werden auch Anleitungen aus dem Internet eingesetzt, die jedoch meist ursprünglich aus genannten Werken stammen.

Privatforschung[Bearbeiten]

Anders als in Fachgebieten wie zum Beispiel der Astronomie, ist die Privatforschung im Bereich der Chemie oftmals ein schwieriges Unterfangen. Dies liegt vor allem daran, dass die Beschaffung der Materialien zur Forschung (Chemikalien hohen Reinheitsgrades, spezielle, Laborgeräte und Fachliteratur) teuer ist und zunehmend durch rechtliche Verschärfungen erschwert wird. Aufgrund der fehlenden Möglichkeit die entstandenen Substanzen exakt zu bestimmen werden in Heimlaboren viele noch unbekannte Substanzen zufällig synthetisiert, die - falls der Ausführende eine Synthesevorschrift eingehalten hat - als misslungenes Produkt verworfen werden. Diesen Umständen zum Trotz gelingen auch im Privatbereich wichtige Entdeckungen. Als allgemeines Beispiel sei die Stiftung Jugend forscht genannt, die eine Chemiesparte anbietet. Neben der Arbeit in der Schule führen viele Jungforscher ihre Projekte auch im Heimlabor durch. Als besonderes Beispiel kann die Erforschung der Peroxyoxalat-Chemolumineszenz des 9,9′-Bianthryls im Rahmen einer schulischen Jahresarbeit gegeben werden.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Kosmos-Baukasten Chemie, um 1928

Als einer der ersten Hobbychemiker kann der Dichter und Naturliebhaber Johann Wolfgang Goethe angesehen werden; als eines der ersten Hobbylabore das von seinem Freund, dem Jenaer Apotheker Johann Friedrich August Göttling um 1790 geschaffene so genannte Probir-Cabinet (bzw. „Vollständiges chemisches Probir-Cabinet zum Handgebrauche für Scheidekünstler, Aerzte, Mineralogen, Metallurgen, Technologen, Fabrikanten, Oekonomen und Naturliebhaber“). Goethe liebte es, Quarzsteine aus dem Fluss Main in heißem Natriumhydroxid aufzulösen, was auch heute noch ein beliebter Schauversuch ist. Er setzte Göttlings Probierkabinett in seinem Roman Wahlverwandtschaften ein literarisches Denkmal.[2]

In Deutschland wurde im Jahre 1928 durch den Schweizer Realschullehrer Wilhelm Fröhlich der Kosmos-Baukasten Chemie erstmals herausgebracht, gefolgt von einer langen Reihe von Experimentierkästen, bis in die heutige Zeit. Herausgeber waren Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde und die Franckh'sche Verlangshandlung, Stuttgart. Die Chemiebaukästen der Firma Kosmos (ab ca. 1930 als „All-Chemist“ zusätzlich in einer kleineren Version vertrieben) wurden u. a. in der Sowjetunion, Lettland, Firma REAHIM, „Jaunais ķīmiķis“, der DDR (REAHIM, „Der Junge Chemiker“) und Frankreich (Firma GéGé, „Le Petit Chimiste“) lizenziert.

Literatur[Bearbeiten]

Hobbychemikern steht zur Ausübung ihrer Freizeitbeschäftigung eine breite Literaturauswahl zur Verfügung, beginnend bei den Anleitungsheften der genannten Chemiebaukästen bis hin zu chemischer Fachliteratur. Klassiker sind die Experimentierbücher von Hermann Römpp z.B.

  • Chemische Zaubertränke
  • Chemische Experimente, die gelingen (1. Aufl. 1939, ab 1969 weitergeführt von Prof. Dr. Hermann Raaf, 22. Aufl. 1987)
  • Chemische Fundgrube
  • Organische Chemie im Probierglas (Hermann Raaf, Hermann Römpp, 1941)
  • Mein Spiel- und Experimentierbuch, Axel Rex, Südwest Verlag, München 1970.
  • Chemie selbst erlebt (Erich Grosse, Christian Weißmantel) Anmerkung: Dieses sehr beliebte Buch gab es in unterschiedlichen Ausgaben für die BRD und für die DDR. In der BRD waren mehr Experimente enthalten, in der DDR Ausgabe gab es zusätzlich ideologisches Beiwerk.
  • Das große Experimentierbuch, H. P. Wetzstein et al., Kinderbuchverlag, Berlin 1976, 6. Aufl.
  • Chemische Schulexperimente (Bd. 1 bis 5), G. Meyendorf, R. Kuhnert (Hrsg.), Volk und Wissen, Berlin 1986, 3. Aufl.
  • Experimente mit Supermarktprodukten (Georg Schwedt)
  • Trickkiste Chemie (Herbert Brandl)
  • Feuer und Flamme, Schall und Rauch: Schauexperimente und Chemiehistorisches (F.R.Kreißl, Otto Krätz)

Auch in der Belletristik wurde die Hobbychemie thematisiert, u.a. in den Romanen "Onkel Wolfram" von Oliver Sacks und “Die Abenteuer des Werner Holt” von Dieter Noll. Die Geschichte der Chemiebaukästen, und damit auch der Hobbychemie, war 2010 Gegenstand einer Doktorarbeit von Florian K. Öxler.[3]

Organisation[Bearbeiten]

In Deutschland sind Hobbychemiker vor allem über Internetforen organisiert. Eine "Interessenvereinigung Naturwissenschaft und Technik" wurde von Hobbychemikern in Deutschland am 9. August 2008 gegründet.

Problematik[Bearbeiten]

Da Hobbychemiker rechtlich als Privatpersonen gelten, ist der Bezug von Chemikalien häufig recht schwierig. Durch verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und strengere Abgabenreglungen werden Hobbychemiker deshalb immer öfter mit der Polizei konfrontiert.[4] Ebenso können selbst einfachste Grundstoffe wie Salpetersäure, Salzsäure oder Wasserstoffperoxid als Zutaten für Sprengstoff – oder Drogensynthesen genutzt werden, weshalb Hobbychemiker häufig in der Rasterfahndung erfasst werden. Da Beteuerungen des reinen chemischen Interesses häufig als Ausreden verstanden werden, kann die Konfrontation mit der Polizei letztendlich zur Schließung der Labors und Konfiszierung aller Chemikalien führen.[5]

Beim Umgang mit Chemikalien ist eine sorgfältige und sichere Arbeitsweise notwendig. Dazu ist es nicht nur wichtig, den Umgang mit allen eingesetzten Apparaturen zu beherrschen und die Gefahren der Edukte und gewünschten Produkte zu kennen. Es ist auch dringend erforderlich, sich mit dem Wesen häufig auftretender gefährlicher Nebenprodukte (z.B. Knallsilber beim Tollensreagenz) und unkontrollierbarer Reaktionen auseinanderzusetzen, um Gefahren besser abschätzen zu können und Versuche so zu planen, dass das Auftreten gefährlichen Nebenprodukte minimiert oder sogar ausgeschlossen werden kann. Daher ist ein Umgang mit diesem Thema erforderlich, der auch Anfängern eine hinreichend eindringliche Vorstellung davon gibt, wie sie mit dem Hobby verantwortungsbewusst umgehen müssen. Das intensive Studium gefährlicher Reaktionen und Stoffe kann jedoch leicht missverstanden werden, z.B. als Versuch, schädliche Stoffe vorsätzlich und in zerstörerischer Absicht herzustellen, was zu den oben genannten Konsequenzen führen kann.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chemolumineszenz der Oxalsäureester unter besonderer Berücksichtigung substituierter kondensierter benzoider Aromaten und ihre Wirkung als Luminophore (PDF; 1,5 MB), Jahresarbeit im Fach Chemie
  2. Georg Schwedt: Chemische Probierkabinette, HisChymia Buchverlag, 2001
  3. Florian K. Öxler: Vom tragbaren Labor zum Chemiebaukasten, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, 2010.
  4. Bettina Winsemann: Terrorfahndung in Kinderzimmern, Telepolis
  5. Bettina Winsemann: Von Chemikalien, Aquarianern, Sprengstoffen und Drogen, Telepolis.