Hochkultur (Geschichtswissenschaft)

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Als Hochkultur wird in der Geschichtswissenschaft eine frühe Gesellschaftsordnung bezeichnet, die komplexer als andere Kulturen war und sich gegenüber ihren Vorgängern und Nachbarn unter anderem durch die folgenden Merkmale auszeichnet:

Welche Kulturen als Hochkulturen eingeordnet werden, ist dabei durchaus strittig. Selten wird ihre Anzahl in der bisherigen Weltgeschichte höher als zwei Dutzend angesetzt. Am bekanntesten dürften ihre Definition und vergleichende Analyse durch Arnold J. Toynbee in dessen Werk A Study of History (in neun Bänden, London 1934–1954) geworden sein. Für das Vorliegen einer Hochkultur müssen nicht immer alle aufgeführten Merkmale gemeinsam in Erscheinung treten.

Entwicklung[Bearbeiten]

Zeichen der Donauschrift auf einer Tontafel, um 5500–5300 v. u. Z

Mit den Hochkulturen wurde die Urgeschichte in die Weltgeschichte überführt.

Die ersten Hochkulturen entwickelten sich an Flüssen. Die früheste Hochkultur Europas, die Donauzivilisation oder Alteuropa, entwickelte sich entlang der Donau[1]. Das mesopotamische Reich entstand am Euphrat und Tigris, das ägyptische Reich am Nil, die Harappa-Kultur am Indus und die chinesischen Reiche am Gelben Fluss[2]. Der Fluss fördert durch Transport und friedlichen Tauschhandel, dezentrale Zivilisation, Kultur- und Warenaustausch. Er liefert Proteine durch Fischfang und Muschelbänke und ausreichend Trink- und Brauchwasser. So wurden nomadisierende Sammler und Wildbeuter zu eher sesshaften Fischern, Viehzüchtern, Ackerbauern, und schliesslich (Hoch-)Kulturschaffenden. Die periodischen Überschwemmungen machten das Land fruchtbar, wodurch intensivere Landwirtschaft betrieben werden konnte. Für den Bau von Bewässerung und Staudämmen ist eine gesellschaftliche Organisation notwendig. Die Verteilung des knappen fruchtbaren Landes und die Zuteilung der Wassernutzung in zentralisierten Kulturen erfordert eine Verwaltung und Rechtsprechung. Eine Bevorratung von Getreide ist für die Jahre schlechterer Ernte erforderlich. Auch die Bevorratung erfordert Organisation und Planung. Zur Berechnung der Flut wird ein Kalender benutzt, der Kenntnisse in Mathematik und Astronomie voraussetzt. Mathematik wurde auch für den Bau der Städte benötigt.

Hochkulturen konnten sich nach Herbert Wilhelmy entwickeln, wenn durch Arbeit regelmäßig Nahrungsüberschüsse produziert wurden, so dass ausreichende Mengen an lagerfähigen Kohlenhydrate haltige Grundnahrungsmitteln verfügbar waren: Weizen im Orient, Reis in Ost-Asien, Mais in Mittelamerika, Kartoffeln in den Anden. Wichtig waren daneben aber auch der organisierte Handel und Transport und die tradierte Überschußproduktion von haltbaren Proteinquellen wie beispielsweise Geräuchertem, Gepökeltem, Käse und allgemein fermentiertem Milcherzeugnis und Wein, sowie Tonwaren, Salz, Feuerstein und Metall.

In den Hochkulturen wurden gesellschaftliche Normen als Gesetze kodifiziert. Parallel zur politischen Organisationsbildung entstand in fast allen staatlich-hierarchisch organisierten (partiarchischen) Gesellschaften eine Kriegerkaste und eine religiöse Hierarchie, die den Herrscher als von den Göttern eingesetzt stützt. Eine Ausnahme ist beispielsweise die alteuropäische Donauzivilisation, welche eine egalitäre, wahrscheinlich matriarchalische oder matrifokale Gesellschaft war, ohne arm-reich-Unterscheidung und herrschaftliche Wahrzeichen.

Karte der europäischen Jungsteinzeit– bzw Mittelsteinzeitkulturen, ca. 4500-4000 v. Chr.:

Inwieweit die Hochkulturen miteinander in Verbindung traten, ist nicht geklärt. Die herausragenden kulturellen Errungenschaften und bahnbrechenden Erfindungen der Alteuropäer, zum Beispiel die ersten Großsiedlungen, die ersten zweigeschossigen Reihenhäuser, das erste Töpferrad (Vorläufer der Töpferscheibe), die ersten Rollsiegel, die ersten Keramikbrennöfen mit regulierter und kontrollierter Brenntemperatur, die erste Metallgusstechnologie (für Kupfer), das erste Zahlen- und Schriftsystem, die erste Herstellung von Wein und Olivenöl und der erste Anbau von Kirschen und Erbsen, dürften sich wahrscheinlich auf natürliche Weise durch Handel und Migration verbreitet haben oder wurden an anderen Orten kongenial erneut erfunden. Zwischen den Mesopotamiern und den Ägyptern gab es verhältnismäßig früh einen Austausch. Auch die Harappa-Kultur trieb wohl mit den Mesopotamiern Handel. Klärungen könnten auch zu neuen Erkenntnissen in Bezug auf die Erfindung der Schrift führen, denn man muss davon ausgehen, dass die Schrift mehrmals erfunden wurde. So ist widerlegt, dass die chinesische Schrift sich aus den sumerischen und ägyptischen Zeichen entwickelt hat.

Hochkulturen[Bearbeiten]

In Europa

In Asien und Afrika

Geographische Verteilung der Hochkulturen

In Amerika

  • Maya um 3000 v. Chr bis etwa 900 n. Chr. in Mexiko und Guatemala
  • Die Stadt Caral in Peru (um 2627 v. Chr.)
  • Olmeken (etwa 1500 v. Chr. bis 400 v. Chr. in Mexiko)
  • Inka 13. Jh. bis Mitte 16. Jh. in Peru, Chile
  • Azteken 14. Jh. bis Mitte 16. Jh. in Mexiko

Nachfolgende Kulturen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul G. Bahn: Der neue Bildatlas der Hochkulturen. Chronik-Verl., Gütersloh 2003, ISBN 3-577-14622-2
  • Rainer Albertz: Frühe Hochkulturen - Ägypter - Sumerer - Assyrer - Babylonier - Hethiter - Minoer - Phöniker - Perser. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1756-4
  • Jürgen Bär: Frühe Hochkulturen an Euphrat und Tigris. Wiss. Buchges., Darmstadt 2009, ISBN 978-3-8062-2139-8
  • Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis - Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56844-2

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Hochkultur – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation - Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas. Verlag C.H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62210-6, S. 50 f.
  2. Flüsse sind aber keine zwingende Voraussetzung, denn die amerikanischen Hochkulturen entwickelten sich, wenn auch wesentlich später, aber unabhängig, ohne Flusssysteme