Hohe Nacht der klaren Sterne

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Hohe Nacht der klaren Sterne ist eines der bekanntesten deutschen Weihnachtslieder aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Das von Hans Baumann (1914–1988) im Alter von 22 Jahren gedichtete Lied fand eine schnelle Verbreitung und war unter anderem in den Richtlinien für Weihnachtsfeiern von HJ, NS-Lehrerbund, SA und SS enthalten. Es wurde bereits 1938 titelgebend für ein Weihnachtsliederbuch der Reichsjugendführung, in der Baumann bereits 1933 mit 19 Jahren aufgrund seines als NS-Kampflied berühmt berüchtigten Es zittern die morschen Knochen als Referent aufgenommen worden war. Das einfach zu singende Lied bot im Gegensatz zu eindeutig nationalsozialistisch wie christlich konnotierten Liedern breite Möglichkeiten zur Identifikation und ist auch nach 1945 mehrfach in Liederbuchsammlungen und Vertonungen wiedergegeben worden.

Inhalt und Aufbau[Bearbeiten]

Das Lied verzichtet inhaltlich bewusst auf alle christlichen und weihnachtlichen Begriffe und stellt stattdessen in Abkehr dazu die im Nationalsozialismus forcierten Mythen der Nacht (1. Strophe), des Wintersonnenwendfeuers (2. Strophe) und (entsprechend dem nationalsozialistischen Mütterkult) der Mutter (3. Strophe) in den Mittelpunkt.

Die verwendeten Adjektive wie „hoch, klar, weit, tief, groß“ haben positive Konnotationen und betonen grenzenlose Weite und Größe. In den Substantiven spiegeln sich Naturbezug (Nacht, Sterne, Feuer, Berge, Erde) und Lebensursprung (Herzen, Mütter, Kind, Feuer, Erde). Das Aufgreifen von favorisierten Elementen und der Bildsprache des Nationalsozialismus wie Naturmystik und Mütterkult ist deutlich. Die erzeugte erwartungsvolle Stimmung kann als Parallele zur Erneuerung des Deutschen Reiches verstanden werden.

Anders als anfangs propagierte primitive Umdichtungen oder Parodien christlicher Lieder im Sinne einer neopaganen Mythologie bot das Lied Christen wie säkular, aber nicht antichristlich orientierten breiten Schichten Anschluss- und Identifikationsmöglichkeiten.[1] Es enthält viele Anklänge und Bilder aus Weihnachtsliedern der Vorromantik und bietet den „Schein des Bekannten“[2] Auch wegen seiner als bekannt empfundenen tonalen Muster und einer einfachen rhythmischen Struktur, die nur halbe und Viertelnoten ohne Pausen oder Punktierungen verwendet, war Hohe Nacht das beliebteste der sanktionierten Lieder zur „Volksweihnacht“.[3]

Geschichte und Wirkung[Bearbeiten]

Erstmals veröffentlicht wurde das Lied 1936 in Baumanns Liedsammlung Wir zünden das Feuer als Bestandteil des Chorwerkes Den Müttern. Bereits zwei Jahre nach dem Erstdruck erschien eine von der Reichsjugendführung herausgegebene Weihnachtsliedersammlung, die sogar den Titel Hohe Nacht der klaren Sterne. Ein Weihnachts- und Wiegenliederbuch trug. Sie enthielt das Lied in einem Satz von Georg Blumensaat.[4] Als Quelle wird Baumanns Liedersammlung Horch auf Kamerad, erschienen im Voggenreiter-Verlag, angeführt. Ein Klaviersatz von Paul Winter erschien 1941 im Voggenreiter-Verlag.[5]

Auf den Heimabenden der Hitlerjugend und des BDM gesungen, erlangte es schnell eine hohe Popularität. Die Zeitschrift Reichsrundfunk (Nr. 19, 1942/43) nannte es das „schönste Weihnachtslied aus unserer Zeit“. Alle einschlägigen Liederbücher und wichtige weihnachtliche Veröffentlichungen nach 1936, etwa die Richtlininen für Weihnachtsfeiern von HJ, NS-Lehrerbund, SA und SS enthielten das Lied. Durch seine Verbreitung und Beliebtheit galt es bereits nach vier Jahren als „wahres Volkslied“.[2]

Auch nach dem Ende des Nationalsozialismus 1945 riss die Rezeption des Liedes nicht ab: Es wurde in der Bundesrepublik in verschiedenen Liederbüchern abgedruckt, etwa in einem Liederbuch des Deutschen Gewerkschaftsbundes (1948), in der Sammlung Unser fröhlicher Gesell (1956), dem Liederbuch des DRK von 1958 oder (mit kritischer Kommentierung) in Ingeborg Weber-Kellermanns Buch der Weihnachtslieder (1982). Der Jugendchor Vera Schink (1963), der Berliner Mozart-Chor (1977) und der Mindener Kinderchor (1995) veröffentlichten das Lied auf Tonträgern. Auch Heino veröffentlichte Aufnahmen des Liedes (1969, 2013), ebenso das Schlagerduo Renate und Werner Leismann (2007).

Laut Michael Fischer wird das Lied in der Gegenwart entweder aus Unkenntnis oder bewusst vornehmlich in rechtskonservativen Kreisen verbreitet und rezipiert.[1] Auch verschiedene Rechtsrock-Bands brachten das Lied auf Tonträger heraus, beispielsweise Projekt Aaskereia (V7-Versand/Wotan Records, 2007) und die ukrainische Band Kriegshetzer (Darker Than Black Records, 2011). Der weit verbreiteten Einschätzung, dass es ebenso in der Deutschen Demokratischen Republik verwendet und beliebt war, so als Kindergartenlied[6], wird mit Bezug auf die Wiedergabe in Büchern widersprochen.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Esther Gajek: „Hohe Nacht der klaren Sterne“ und andere „Stille Nacht“ der Nationalsozialisten. In: Richard Faber (Hrsg.): Säkularisierung und Resakralisierung. Zur Geschichte des Kirchenliedes und seiner Rezeption. Königshausen und Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2033-2, S. 145–164 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Hans Baumann: Wir zünden das Feuer. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1936.
  • Hohe Nacht der klaren Sterne. Ein Weihnachts- und Wiegenliederbuch. Zusammengestellt von Katrin Engelmann. Hrsg. von der Reichsjugendführung, Wolfenbüttel und Berlin 1938.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Michael Fischer: Hohe Nacht der klaren Sterne (2007). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliedarchivs
  2. a b Esther Gajek: „Hohe Nacht der klaren Sterne“ und andere „Stille Nacht“ der Nationalsozialisten. In: Richard Faber (Hrsg.): Säkularisierung und Resakralisierung. Zur Geschichte des Kirchenliedes und seiner Rezeption. Königshausen und Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2033-2, S. 148–149.
  3. Günter Hartung: Nationalsozialistische Kampflieder. In: ders.: Deutschfaschistische Literatur und Ästhetik: gesammelte Studien. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2001, ISBN 3-934565-92-1, S. 214 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Hohe Nacht der Klaren Sterne. Ein Weihnachts- und Wiegenliederbuch. Herausgegeben von der Reichsjugendführung, Georg Kallmeyer Verlag, Wolfenbüttel und Berlin 1938.
  5. Hohe Nacht – Vier Weihnachtslieder von Hans Baumann in Sätzen für Gesang und Klavier von Franz Biebl und Paul Winter. Voggenreiter Verlag, Potsdam 1941.
  6.  Dieter A. Binder, Klaus Lüdicke, Hans Paarhammer: Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft. Studien Verlag, 2006, S. 497.