Hohler Fels

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Hohler Fels (Begriffsklärung) aufgeführt.
Hohler Fels
Höhleneingang

Höhleneingang

Lage: Baden-Württemberg, Deutschland
Höhe: 534 m ü. NN
Geographische
Lage:
48° 22′ 45,3″ N, 9° 45′ 19,9″ O48.379259.7555277777778534Koordinaten: 48° 22′ 45,3″ N, 9° 45′ 19,9″ O
Hohler Fels (Baden-Württemberg)
Hohler Fels
Typ: Karsthöhle
Mittlere jährliche Besucherzahl: 4.800 (2006–2010)
Besucher aktuell: 6.252 (2010)

Der Hohle Fels ist eine Karsthöhle der Schwäbischen Alb und zugleich einer der bedeutendsten Fundplätze des Jungpaläolithikums in Mitteleuropa. Seit dem 19. Jahrhundert ist auch die ungebeugte Namensform Hohlefels belegt.[1][2] Neuerdings wird vor allem die Schreibweise Hohle Fels[3] verwendet (vgl. Absatz Namensgeschichte).

Die Höhle liegt etwa einen Kilometer vom Stadtkern von Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) entfernt. Sie besteht aus einem 15 Meter langen Gang und der darauffolgenden Halle. Die Höhlenhalle ist mit 500 m² Grundfläche und einem Rauminhalt von 6000 m³ eine der größten in Süddeutschland. Der Eingang liegt 534 Meter über NN in einem Schwammstotzen des Weißen Jura, am Hangfuß des heutigen Achtals.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

Der „Hohlefels“ (unten rechts), spätes 19. Jahrhundert

1830 stieß der Töpfer Karl Friedrich Rixinger in der Höhle beim Graben nach Lehm und Tonerde auf Knochen von Höhlenbären[4], die er dem Ulmer Kreisforstrat Friedrich von Mandelsloh, einem passionierten Sammler von geo- und paläontologischen Fundstücken der Alb, ohne Fundortangabe verkaufte.

1844 verwertete Georg Reichenbach, Baumwollfabrikant in Urspring, Fledermausguano und andere Ablagerungen aus der Höhle in größerem Umfang als Dünger. Ohne Kenntnis davon ließ Oscar Fraas vom Königlichen Naturalienkabinett 1870 den Höhlenlehm untersuchen. Er fand im Mittel einen Phosphatanteil von rund 19 Prozent. „Dies ist soviel, daß das Material wohl von Düngerfabriken verwendet werden kann.“

Eine Grabung von Oscar Fraas und Pfarrer J. Hartmann erbrachte 1870/71 Reste von Höhlenbär, Ren, Mammut und Wildpferd. Der Anthropologische Verein führte 1872 zusammen mit dem Gründer der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Prof. Rudolf Virchow, am Rande einer Tagung eine Begehung der Höhle durch. Im Vorfeld der Tagung wurde die Höhle durch ein Gittertor versperrt und durch Holztreppen und -stege begehbar gemacht. Die Tagungsteilnehmer durften sich aus den Funden der Grabung von 1870/1871 Souvenirs mitnehmen. Die restlichen Funde, ein ganzer Eisenbahnwaggon voll, wurden ins Königliche Naturalienkabinett nach Stuttgart gebracht.

Später ordnete der Tübinger Prähistoriker Robert Rudolf Schmidt die bei der Grabung von Oscar Fraas gefundenen Werkzeuge dem Aurignacien und Magdalénien (jüngere Altsteinzeit) zu. Im Jahre 1906 untersuchte Schmidt die Höhle nochmals, jedoch ohne auf archäologische Schichten zu treffen.

1958 bis 1960 führten Gerlinde Matschak und Gustav Riek archäologische Grabungen durch. Im Jahre 1966 wurde die Höhle durch Bernhard Mangold, Andreas Pöhler und Helmut Frank vermessen. Ab 1977 erfolgten Ausgrabungen durch das Institut für Urgeschichte der Universität Tübingen unter Leitung von Joachim Hahn († 1997), die vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg und zeitweilig durch den Sonderforschungsbereich 53 der Universität Tübingen getragen wurden.

Seit 1997 werden die jährlichen Grabungen von Nicholas Conard (Universität Tübingen) geleitet.

Archäologische Funde[Bearbeiten]

Haupthalle

Aurignacien[Bearbeiten]

Die jungpaläolithische Kleinkunst aus dem Aurignacien der Schwäbischen Alb ist zugleich die älteste figurative Kunst der Menschheit. Neben dem Hohlen Fels stammen diese sämtlich aus Mammutelfenbein geschnitzten Kunstwerke außerdem aus dem nahe gelegenen Geißenklösterle,[5] sowie aus der Vogelherdhöhle und dem Hohlenstein im Lonetal. In den letzten Jahren gelangen mehrere spektakuläre Funde in den unteren Aurignacien-Schichten des Hohlen Fels, die zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit gehören:

  • im Jahre 1999 ein 3,6 cm großer Pferdekopf aus Mammut-Elfenbein;[6]
  • 2001/02 ein in zwei Teilen gefundener, 4,7 cm großer Wasservogel aus Elfenbein;[6]
  • 2002 eine 2,5 cm große menschliche Gestalt aus Elfenbein. Diese trägt möglicherweise einen Felidenkopf, daher die Bezeichnung „Löwenmenschle“[6] (in Anlehnung an den Löwenmensch vom Hohlensteinstadel);
  • 2008 in der Schicht V (älteres Aurignacien) die 6 cm große „Venus vom Hohlefels“, mit einem Mindestalter von 32.000 BP (entspricht mindestens 35.000 cal BC) neben der Venus vom Galgenberg die älteste Venusfigurine der Menschheit.

Im Jahre 2008 wurde ebenfalls in der Aurignacien-Schicht V eine fast vollständige Knochenflöte aus der Speiche eines Gänsegeiers gefunden. Die Flöte vom Hohlen Fels ist auf einer Länge von 21,8 cm erhalten und hat einen Durchmesser von etwa 0,8 cm. Sie stammt wie die Venusfigur aus der untersten Schicht Va des Aurignacien und ist damit auf mindestens 35.000 cal BC zu datieren.[7][8] Zwei weitere Flötenbruchstücke (Flöte 2 und 3) sind aus Mammutelfenbein hergestellt worden, wahrscheinlich in derselben Technik wie Flöte 3 vom Geißenklösterle.[7]

Gravettien[Bearbeiten]

Der Hohle Fels war während der Würmeiszeit zeitweise Winterruheplatz für Höhlenbären. In Fundschichten des Gravettiens konnte der bislang einzige direkte Beweis der Jagd auf diese Tiere erbracht werden: Eine Projektilspitze aus Feuerstein wurde im Brustwirbel eines Höhlenbären steckend gefunden.[9][10] Der Höhlenbär wurde vermutlich während seiner Winterruhe in der Höhle erlegt. An anderen Höhlenbärenknochen aus den untersuchten Sedimenten wiesen Archäologen charakteristische Schnittspuren nach, die alle Stadien der Zerlegung der Tierkörper dokumentieren.

Im Jahre 2005 wurde in den Gravettien-Fundschichten ein Retuscheur aus Kieselstein gefunden, der Phallus von Schelklingen.[11]

Magdalénien[Bearbeiten]

Auch in jüngeren Fundschichten traten verzierte Objekte aus dem Genre der jungpaläolithischen Kleinkunst zutage. Ein besonders gut erhaltenes Kalksteinfragment mit roter Punktbemalung wurde im Jahre 1998 gefunden. Es stammt aus der Schicht GH 1k und damit aus dem oberen Magdalénien.[12] Das Stück ist 7,6 cm groß und weist auf der gewölbten Oberseite zwei Doppelreihen von aufgemalten roten Punkten auf, die nach Aussage der Autoren aus Ocker (also einem Farbstoff auf Limonit-Basis) bestehen.[12] Bei den Ausgrabungen im Sommer 2009 wurden vier weitere bemalte Steine gefunden, davon einer mit zwei vollständigen Doppelpunktreihen und einer fragmentarisch erhaltenen Punktreihe (Schicht AH Ia), ein anderer Stein (Schicht AH I) wies verschwommene rote Flecken auf.[13] Zusätzlich wurden in den oberen Magdalénien-Schichten auch Farbstücke gefunden: in Schicht AH Ic ein Stück Hämatit, in Schicht AH Ib ein Stück Rötel.[13] Das lässt darauf schließen, dass es sich bei sämtlichen roten Farbaufträgen um Rötel bzw. Hämatit handelt, die als Minerale in Karstspalten der Alb natürlich vorkommen.

Die bemalten Objekte aus dem Hohlen Fels wurden von November 2011 bis Februar 2012 im Museum der Universität Tübingen in einer Ausstellung mit dem Titel „Bemalte Steine – das Ende der Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb“ gezeigt.[14] Gleich alte Funde mit nahezu identischer Punktbemalung gibt es in Süddeutschland aus der Oberen Klausenhöhle im Altmühltal und aus der „Kleinen Scheuer“, der mittleren Halbhöhle des Hohlensteins.[15] Weit ältere Farbaufträge gibt es auf Steinen vom nahe gelegenen Geißenklösterle, zum Beispiel einen dreifarbig (schwarz, rot und gelb) bemalten Stein aus der Aurignacien-Schicht IIb.[16] Im Geißenklösterle bestehen die roten Farbaufträge aus Hämatit, die gelben aus Limonit.

Vor den Funden des Hohle Fels galten die Gagatstatuetten des Petersfels als bedeutendste Objekte des süddeutschen Magdalénien.

Namensgeschichte[Bearbeiten]

Messtischblatt 7624 (Schelklingen), Ausgabe 1912
Wegweiser im Achtal

Die Höhle heißt seit der Oberamtsbeschreibung von Blaubeuren im 19. Jahrhundert Hohler Fels,[17] was bis heute in amtlichen topographischen Karten beibehalten wird.[18][19] Zugleich ist seit dem 19. Jahrhundert die mundartliche Variante Hohlefels in Zusammenschreibung geläufig,[1][2] die von Archäologen des 20. Jahrhunderts wieder aufgegriffen wurde.[20][21] Eine Überlegung dafür war, dass die Bezeichnung Hohler Fels im Gebiet der Schwäbischen Alb und Frankenalb recht häufig ist und hier zum Beispiel Verwechslungsgefahr mit dem Hohlen Fels bei Happurg entsteht, der ebenso als archäologischer Fundplatz bekannt ist. Daher wurde von Archäologen auf die historisch tradierte Schreibweise zurückgegriffen, ähnlich wie auch beim Hohlenstein im Lonetal, der in Publikationen des 19. Jahrhunderts sowohl als „Hohler Stein“[22] als auch „Hohlenstein“[23] geführt worden war.

Statt der Einigung auf den historisch belegten Hohlefels kam in Publikationen des Tübinger Instituts für Ur- und Frühgeschichte zu Beginn der 1990er Jahre die Schreibweise Hohle Fels als undeklinierter Eigenname auf.[3] Mit der Grabungsleitung durch Nicholas J. Conard im Jahre 1997 wurde diese Schreibung für Publikationen des Tübinger Instituts als verbindlich festgelegt.[24] Da nicht historisch tradiert,[25] widerspricht die Auseinanderschreibung von Adjektiv und Substantiv ohne Deklination des Adjektivs allerdings den Regeln des Duden.[26] Seit der Namensgebung für die „Venus vom Hohle Fels“ in der undeklinierten Schreibweise[24] wird dies auch von der Öffentlichkeit als ungewöhnlich wahrgenommen.

Sonstige Nutzung[Bearbeiten]

Schon bald nach der Ausgrabung von 1870/71 fanden die ersten Höhlenfeste statt, seit dem beginnenden 20. Jahrhundert in größeren Zeitabständen auch Beleuchtungen des Höhlenraums. Während des Zweiten Weltkrieges diente die Höhle der Wehrmacht als Bunker und Lager für Feuerwehrspritzen der Firma Klöckner-Humboldt-Deutz.

Von örtlichen Vereinen und der Stadtverwaltung getragene Höhlenfeste werden seit 1950 alljährlich durchgeführt. Seit längerer Zeit finden wegen der guten Akustik gelegentlich Höhlenkonzerte statt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jill Cook: Ice Age Art: the Arrival of the Modern Mind; [... to accompany the exhibition of the British Museum from 7 February to 26 May 2013]. London: British Museum Press, 2013. ISBN 978-0-7141-2333-2

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Gustav Jäger, Wendelin Förster: Encyklopaedie der Naturwissenschaften, Band 9. Verlag E. Trewendt, 1886
  2. a b Oscar Peschel: Völkerkunde. Duncker & Humblot, Leipzig 1897, S. 41
  3. a b vgl. Literaturliste des Grabungsprojekts der Universität Tübingen
  4. Michel Rahnefeld: Die älteste Vogeldarstellung der Welt. Arbeitsgemeinschaft Höhle & Karst Grabenstetten e.V., 16. Dezember 2003, abgerufen am 7. Juli 2013.
  5. Joachim Hahn: Die Geißenklösterle-Höhle im Achtal bei Blaubeuren I. Fundhorizontbildung und Besiedlung im Mittelpaläolithikum und Aurignacien. In: Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 26. Theiss-Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0794-1.
  6. a b c N. J. Conard: Paleolithic ivory sculptures from southwestern Germany and the origins of figurative art. Nature 426, 2003, S. 830–832 doi:10.1038/nature02186
  7. a b Nicholas J. Conard, Maria Malina, Susanne C. Münzel: New flutes document the earliest musical tradition in southwestern Germany. In: Nature, Band 460, 2009, S. 737–740, doi:10.1038/nature08169
  8. idw-online.de vom 24. Juni 2009: „Früheste Musiktradition in Südwestdeutschland nachgewiesen“
  9. Thorwald Ewe: Ausrottungskandidat Höhlenbär – Foto und Bericht des Befundes vom Hohlen Fels, Focus online, 23. März 2008
  10. Susanne C. Münzel, & Nicholas J. Conard: Cave Bear Hunting in the Hohle Fels, a Cave Site in the Ach Valley, Swabian Jura. In: Revue de Paléobiologie 23(2), 2004, S. 877–885.
  11. Harald Floss: Phalliformer Retuscheur aus dem Gravettien des Hohle Fels, Baden-Württemberg (Deutschland). In: Gabriele Uelsberg (Hrsg.), Stefan Lötters (Bearb.): Roots, Wurzeln der Menschheit. Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2006, S. 345.
  12. a b Nicholas J. Conard, Harald Floss: Ein bemalter Stein vom Hohle Fels bei Schelklingen und die Frage nach paläolithischer Höhlenkunst in Mitteleuropa In: Archäologisches Korrespondenzblatt, Band 29, 1999, S. 307–316
  13. a b N.J. Conard, M. Malina: Neue Belege für Malerei aus dem Magdalénien vom Hohle Fels. In: Archäologische Ausgrabungen Baden-Württemberg 2009. Theiss Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2364-4, S. 52–56
  14. Bemalte Steine – die bislang älteste Tradition von Malerei in Mitteleuropa Pressemitteilung der Universität Tübingen (abgerufen am 9. November 2011)
  15. Harald Floss et al: Bemalte Steine: Die Kunst des Azilien. In: Eiszeit: Kunst und Kultur. Thorbecke, 2009, ISBN 978-3-7995-0833-9, S. 307–316.
  16. Harald Floss et al: Lascaux auf der Alb? Hinweise auf Höhlenkunst im deutschen Südwesten. In: Eiszeit: Kunst und Kultur. Thorbecke, 2009, ISBN 978-3-7995-0833-9, S. 303–306.
  17. Beschreibung des Oberamts Blaubeuren (Stuttgart 1830)
  18. Topographische Landkarte 1:25.000. Blatt 7624 Schelklingen. Landesvermessungsamt Baden-Württemberg. Ausgaben von 1949, 1969, 1976 + aktuelle Auflage 2009, ISBN 978-3-89021-181-7.
  19. Topographische Landkarte 1:50.000. Blatt 7624 Schelklingen. Digitale Kartenserie der deutschen Landesvermessung. Landesvermessungsamt Baden-Württemberg 2003
  20. Rainer Blumentritt, Joachim Hahn: Der Hohlefels bei Schelklingen, Alb-Donau-Kreis: eine urgeschichtliche Fundstelle im Achtal. Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, Band 46. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 1978
  21. Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, Band 154, 1998, S. 247–250
  22. Johann Daniel Georg von Memminger: Beschreibung des Oberamts Ulm. Cotta´sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen 1836, S. 17
  23. Oscar Fraas: Vor der Sündfluth! Eine Geschichte der Urwelt. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung, 1866 (Ortsbezeichnung „Hohlenstein“ siehe zum Beispiel S. 402)
  24. a b Nicholas J. Conard: Die Entdeckung und Bedeutung der Venus vom Hohle Fels. In: Nicholas J. Conard, Stefanie Kölbl (Hrsg.): Die Venus vom Hohle Fels. Fundstücke 1 (Museumsheft 9), Urgeschichtliches Museum Blaubeuren 2010, ISSN 1617-2655, S. 7–38 (zur Namensgeschichte bzw. Umbenennung siehe S. 15)
  25. vgl. im Gegensatz dazu zum Beispiel die historisch tradierte Auseinanderschreibung für die Ruine Procha Burg bei Wartau
  26. Duden, Band 4: Grammatik (Mannheim 1984), S. 288 ff.