Homo antecessor

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Homo antecessor
Nachbildung eines Schädelrests

Nachbildung eines Schädelrests

Zeitliches Auftreten
Pleistozän
900 .000 Jahre
Fundorte
Systematik
Altweltaffen (Catarrhini)
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Tribus: Hominini
Gattung: Homo
Homo antecessor
Wissenschaftlicher Name
Homo antecessor
Bermudez de Castro et al., 1997

Als Homo antecessor werden Fossilien der Gattung Homo bezeichnet, die im nördlichen Spanien in bis zu 900.000 Jahre alten Fundschichten aus dem Pleistozän entdeckt wurden. Ihren Entdeckern zufolge weisen die Gesichtsknochen der Funde relativ „moderne“ Merkmale auf, während die Zahnkronen und Zahnwurzeln noch „primitive“ Merkmale aufweisen, was in dieser Kombination beim annähernd gleich alten Homo heidelbergensis nicht beobachtet worden sei.

Die Einstufung von Homo antecessor als eigenständige Art sowie die Verwandtschaft mit anderen Arten der Gattung Homo ist umstritten.

Namensgebung[Bearbeiten]

Die Bezeichnung der Gattung Homo ist abgeleitet von lateinisch hŏmō [ˈhɔmoː] „Mensch”. Das Epitheton antecessor kommt gleichfalls aus dem Lateinischen und bedeutet ungefähr Vorläufer, Entdecker, Pionier, früher Siedler. Homo antecessor bedeutet somit so viel wie „Vorläufer des anatomisch modernen Menschen“.

Fundort[Bearbeiten]

Die Sierra de Atapuerca, 14 km östlich von Burgos gelegen, ist eine Karstlandschaft, in deren kreidezeitlichem Dolomit sich zahlreiche Höhlen bildeten. Diese Höhlen wurden später allmählich mit pleistozänen Ablagerungen verfüllt und waren seit langem dafür bekannt, dass man in ihnen versteinerte Knochen finden konnte. 1976 entdeckte dort der spanische Paläontologe Trinidad Torres auf der Suche nach fossilen Bären-Knochen das erste Fossil eines Angehörigen der Gattung Homo. Die Karsthügel von Atapuerca entpuppten sich rasch als die weltweit bedeutendste Lagerstätte für Fossilien aus dem Mittelpleistozän und wurden zunächst in die Zeit zwischen 780.000 und 125.000 Jahren vor heute datiert.[1] Allein aus einer dieser Höhlen, der Sima de los Huesos („Knochengrube“), waren bis 1993 mehr als 1300 Fossilien geborgen worden, die der Gattung Homo zugeordnet werden konnten.[2]

Die Fundstücke werden im Museo Nacional de Ciencias Naturales in Madrid und in einer archäologischen Sammlung in Burgos aufbewahrt.

Erstbeschreibung[Bearbeiten]

In der Nähe der Sima de los Huesos wurden um 1900 beim Bau einer inzwischen stillgelegten Bergwerks-Eisenbahnstrecke mehrere Höhlen angeschnitten, in denen seit 1978 ebenfalls gegraben wurde. Dabei wurden 1990 in einer dieser Höhlen – genannt Gran Dolina („Große Doline“) – von Juan Luis Arsuaga Steinwerkzeuge entdeckt, und zwar in Schichten, deren Alter auf nahezu eine Million Jahre datiert wurde. Dies widersprach der bis dahin gültigen Annahme, dass Europa erst vor 500.000 Jahren von Homo besiedelt wurde.[3]

1993 wurde unter Leitung von Eudald Carbonell in der Gran Dolina-Höhle begonnen, eine sechs Quadratmeter messende, 18 Meter dicke Ablagerung systematisch abzutragen. Im Juli 1994 kamen in der als TD6–T36–43 bezeichneten Schicht der Gattung Homo zuschreibbare Knochenfragmente und Zähne sowie rund 100 Steinwerkzeuge zutage. Anhand der Begleitfunde (u. a. diverse Nagetier-Arten), der Form der Steinwerkzeuge sowie paläomagnetischer Messungen wurden die Fossilien der TD6-Schicht zunächst auf ein Alter von mindestens 780.000 Jahren geschätzt, da diese Schicht unter der auf dieses Alter datierbaren Matuyama-Brunhes-Grenze (auch: Brunhes-Matuyama-Magnetumkehr) liegt.[4][5] Zugleich wiesen die Entdecker darauf hin, dass sie die Funde keiner der etablierten Arten der Gattung Homo zugeordnet hatten. Sie erläuterten, man könne die Fossilien für „eine primitive Form des Homo heidelbergensis“ halten, möglicherweise werde man aber auch eine neue Art benennen, wenn weitere Funde dies angemessen erscheinen ließen.

Rekonstruktion eines Homo antecessor-Schädels aus Knochenfragmenten im Museu d'Arqueologia de Catalunya in Barcelona

Tatsächlich wurde im Mai 1997 in der Fachzeitschrift Science die Erstbeschreibung einer neuen Art, von Homo antecessor, veröffentlicht. Darin wurden die mittlerweile fast 80 – meist allerdings recht kleinen – Fundstücke von mindestens sechs Individuen als Überreste des „möglicherweise letzten gemeinsamen Vorfahren von Neandertalern und modernen Menschen“ bezeichnet und nun – deutlich abweichend von der ursprünglichen Datierung – auf ein Alter von „ungefähr 650.000 Jahren“ geschätzt.[6] 1999 wurde dann aber wieder auf die ursprüngliche Altersangabe von „mindestens 780.000 Jahren“ zurückgegriffen.[7] 2008 datierte ein Review-Artikel die Fossilien in die Zeit vor 780.000 bis 500.000 Jahren vor heute.[8] Eine neuerliche Datierung im Jahr 2013 ergab dann sogar ein Alter von rund 900.000 Jahren.[9]

Als Holotypus wurde in der Erstbeschreibung das Fragment von einem rechten Unterkiefer mit den Molaren M1, M2 und M3 (Archivnummer ATD6-5), das Oberkieferfragment ATD6-13 sowie weitere 12 dem gleichen Individuum zugeschriebene Zähne definiert. Aufgrund bestimmter Merkmale der Zähne (u. a. Prämolare mit mehreren Wurzeln) und der gefundenen Fragmente von mehreren Gesichtsschädeln (modern wirkendes Gesicht, aber „primitive“ Kiefer und Überaugenwülste) wurde als Vorfahren der Gran Dolina-Funde Homo ergaster in Erwägung gezogen.

Die spanischen Forscher entschlossen sich somit zu einer – in der Fachwelt umstrittenen – Deutung ihrer Funde als neue Chronospezies: Aus dem afrikanischen Homo ergaster habe sich in Spanien der europäische Homo antecessor entwickelt und aus diesem Homo heidelbergensis.[10] Zahlreiche andere europäische Paläoanthropologen ordnen hingegen die asiatischen homininen Fossilien des Altpleistozäns (rund 1,8 bis 0,8 Millionen Jahre vor heute) mit denen aus Afrika und Europa einheitlich dem Homo erectus zu, so dass – dieser Lesart zufolge – sich Homo erectus aus Afrika kommend auch in Europa ausbreitete und sich hier zu Homo heidelbergensis entwickelte; die spanischen Fossilien gehören aus dieser Sicht daher – wie auch beispielsweise der kaum jüngere südfranzösische Homo erectus tautavelensis – zu einer lokalen Gruppe des Homo erectus.

Weitere Funde[Bearbeiten]

Im März 2008 wurde in Nature ein Unterkiefer vorgestellt (Archivnummer ATE9-1), der im Juni 2007 aus der Sima del Elefante geborgen worden war und ebenfalls – allerdings ausdrücklich „vorläufig“ – Homo antecessor zugeschrieben wurde.[11] Dieser Fund wurde auf ein Alter von 1,2 bis 1,1 Mio. Jahre datiert und wäre, sollte die Datierung korrekt sein, der älteste Fund von Individuen der Hominini in Europa. 2011 wurde die Zuordnung zu Homo antecessor widerrufen und das Fossil zurückhaltender als Homo spec. ausdrücklich keiner bestimmten Art zugeordnet;[12] das Alter wurde nunmehr mit 1,3 Millionen Jahren angegeben.

Möglicherweise können Homo antecessor auch Fossilienfunde aus einem Steinbruch bei Ternifine (Tighenif) in der Nähe von Muaskar, Algerien zugeordnet werden: drei Unterkiefer, ein Schädelfragment und einige Zähne, die dort 1954 vom französischen Paläontologen Camille Arambourg gefunden worden waren. In der Erstpublikation wurden die Funde als Atlanthropus mauritanicus benannt[13], während sie heute meist als Homo erectus mauritanicus bezeichnet werden.

Ähnlich alt wie die als Homo antecessor bezeichneten Funde ist ein als Homo cepranensis bezeichnetes Schädeldach-Fragment, das im März 1994 in Italien geborgen wurde und Homo antecessor „möglicherweise“ nahesteht.[8]

Nahaufnahme der Fußspuren
(mit Objektiv-Deckel einer Kamera als Größenvergleich)

Forscher um Chris Stringer legten im Mai 2013 bei Happisburgh im Osten von England fossile Fußabdrücke frei, die sie auf ein Alter von 800.000 Jahre datierten und aufgrund dieses Alters Homo antecessor zuordneten, da diese Art die einzige bislang in jener Epoche in Europa beschriebene sei.[14]

Kontroverse[Bearbeiten]

Die Einordnung von Homo antecessor als eigene Art, die vor allem von spanischen Paläoanthropologen vertreten wird, war von Beginn an – zwischen sogenannten Lumpern und Splittern – umstritten. Bereits 1997 kritisierte der französische Paläoanthropologe Jean-Jacques Hublin vom Centre national de la recherche scientifique in Science, dass die neue Art vor allem anhand von Gesichtsknochen eines Jugendlichen definiert wurde;[15] auch das Unterkieferfragment ATD6-96 stamme vermutlich von einer jungen Frau. Aus der Zeit zwischen 1,8 Millionen und 500.000 Jahren vor heute kenne man so wenige Homo-Fossilfunde aus Europa, wandten andere Forscher – beispielsweise Philip Rightmire von der State University of New York – ein, dass eine weitere Abstufung von Arten allein schon deshalb nicht zweckmäßig sei; zudem kenne man kaum jugendliche Gesichtsschädel von anderen Fundstätten, so dass Vergleiche mit dem Fossil ATD6-5 kaum möglich seien.

Vielfach werden die Homo antecessor zugeschriebenen Fossilien daher Homo erectus zugeordnet oder als früher Homo heidelbergensis interpretiert. Selbst Eudald Carbonell, der langjährige Grabungsleiter in Atapuerca, räumte 2008 beispielsweise ein, dass der Unterkiefer aus der Sima del Elefante sowohl dem jüngeren Homo heidelbergensis ähnele als auch den Dmanisi-Fossilien. Seiner Hypothese zufolge stammen die Fossilien aus Atapuerca von den Dmanisi-Menschen ab, die sich bis nach Spanien ausgebreitet haben sollen;[16] eine gegenteilige Spekulation besagt, dass die als Homo antecessor beschriebene Population als Kandidat für den letzten gemeinsamen Vorfahren der Dmanisi-Menschen und des Homo heidelbergensis infrage kommen könnte.[17]

In einer Übersichtsarbeit zur Herkunft des Homo sapiens bezweifelten Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall 2010 die These, dass Homo antecessor der letzte gemeinsame Vorfahre von Neandertaler und Mensch gewesen sei mit dem Hinweis, dass die beiden jüngeren Arten zu wenige anatomische Merkmale mit der angeblichen Vorläuferart teilten, als dass diese Hypothese hinreichend plausibel sei.[18] Zugleich verwiesen sie darauf, dass die Bezahnung der Unterkieferfunde aus Spanien und aus Algerien einen sehr ähnlichen Bau („detailed similarities“) aufweise. Sollten beide zur gleichen Art gehören, hätte die ältere Bezeichnung Atlanthropus mauritanicus den Vorrang; statt Homo antecessor müsste dann – den heutigen Konventionen zufolge – der Artname Homo mauritanicus [19] oder Homo erectus mauritanicus verwendet werden.

Möglicherweise sind die als Homo antecessor bezeichneten Fossilien der Beleg für eine frühe Besiedelung der Region von Atapuerca durch eine Population, die später wieder ausgestorben ist.[20]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bermúdez de Castro, J., Arsuaga, J., Carbonell, E. & J. Rodriguez (eds.) (1999), Atapuerca - Nuestros antecesores. León (edition CSIC).
  • Fernández-Jalvo, Y., Díez, J. C., Cáceres, I. & Rosell, J.: Human cannibalism in the Early Pleistocene of Europe (Gran Dolina, Sierra de Atapuerca, Burgos, Spain). Journal of Human Evolution 37 (34), 1999, S. 591–622 doi:10.1006/jhev.1999.0324

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Homo antecessor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ann Gibbons: Into the Pit of Human History. In: Science. Band 276, 1997, S. 1332, doi:10.1126/science.276.5317.1332
  2. Juan-Luis Arsuaga, Ignacio Martínez, Ana Gracia, José-Miguel Carretero und Eudald Carbonell: Three new human skulls from the Sima de los Huesos Middle Pleistocene site in Sierra de Atapuerca, Spain. In: Nature. Band 362, 1993, S. 534–537, doi:10.1038/362534a0
  3. Michael Balter: In Search of the First Europeans. In: Science. Band 291, Nr. 5509, 2001, S. 1722–1725, doi:10.1126/science.291.5509.1722
  4. E. Carbonell et al.:Lower Pleistocene Hominids and Artifacts from Atapuerca-TD6 (Spain). In: Science. Band 269, 1995, S. 826–830, doi:10.1126/science.7638598
  5. J. M. Pares und A. Perez-Gonzalez: Paleomagnetic age for hominid fossils at Atapuerca archaeological site, Spain. In: Science. Band 269, 1995, S. 830–832, doi:10.1126/science.7638599
  6. José María Bermúdez de Castro et al.: A Hominid from the Lower Pleistocene of Atapuerca, Spain: Possible Ancestor to Neanderthals and Modern Humans. In: Science. Band 276, Nr. 5317, 1997, S. 1392–1395, doi:10.1126/science.276.5317.1392
  7. Zum Beispiel: G. Cuenca-Bescos, C. Laplana, J. I. Canudo: Biochronological implications of the Arvicolidae (Rodentia, Mammalia) from the Lower Pleistocene hominid-bearing level of Trinchera Dolina 6 (TD6, Atapuerca, Spain). In: Journal of Human Evolution. Band 37, 1999, S. 353–373; doi:10.1006/jhev.1999.0306
  8. a b Bernard Wood, Nicholas Lonergan: The hominin fossil record: taxa, grades and clades. In: Journal of Anatomy. Band 212, Nr. 4, 2008, S. 362, doi:10.1111/j.1469-7580.2008.00871.x, Volltext (PDF; 292 kB)
  9. Josep M. Parés et al.: Reassessing the age of Atapuerca-TD6 (Spain): new paleomagnetic results. In: Journal of Archaeological Science. Band 40, Nr. 12, 2013, S. 4586–4595, doi:10.1016/j.jas.2013.06.013
    Dating is refined for the Atapuerca site where Homo antecessor appeared. eurekalert.org vom 7. Februar 2014
  10. Ann Gibbons: A New Face for Human Ancestors. In: Science. Band 276, 1997, S. 1331–1333, doi:10.1126/science.276.5317.1331
  11. Eudald Carbonell et al.: The first hominin of Europe. In: Nature. Band 452, 2008, S. 465–469, doi:10.1038/nature06815
  12. J. M. Bermúdez de Castro et al.: Early Pleistocene human mandible from Sima del Elefante (TE) cave site in Sierra de Atapuerca (Spain): a comparative morphological study. In: Journal of Human Evolution. Band 61, Nr. 1, 2011, S. 12–25, doi:10.1016/j.jhevol.2011.03.005
  13. C. Arambourg: Récentes découvertes de paléontologie humaine réalisées en Afrique du Nord française (L'Atlanthropus de Ternifine - L'Hominien de Casablanca). In: Third Panafrican Congress on Prehistory. Livingstone 1955, Clark, J.D. et Cole, S., Eds., London, Chatto & Windus, 1957, S. 186-194
  14. Nick Ashton et al.: Hominin Footprints from Early Pleistocene Deposits at Happisburgh, UK. In: PLoS ONE. 9(2): e88329. doi:10.1371/journal.pone.0088329
  15. Ann Gibbons: A New Face for Human Ancestors. In: Science. Band 276, Nr. 5317, 1997, S. 1331, doi: 10.1126/science.276.5317.1331
  16. Andreas Jahn: Westwärts. Der erste Westeuropäer. wissenschaft-online.de, 27. März 2008
  17. Ewen Callaway: Hominin DNA baffles experts. In: Nature. Band 504, 2013, S. 16 f., doi:10.1038/504016
  18. Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall: Fossil evidence for the origin of Homo sapiens. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 143, Supplement 51 (= Yearbook of Physical Anthropology), 2010, S. 94–121 (hier S. 100 f.), doi:10.1002/ajpa.21443
  19. Chris Stringer: Human evolution: Out of Ethiopia. In: Nature. Band 423, 2003, S.692–695, doi:10.1038/423692a, Volltext (PDF
  20. Katerina Harvati: Neanderthals. In: Evolution: Education and Outreach. Band 3, Nr. 3, 2010, S. 368, doi:10.1007/s12052-010-0250-0