Homo rhodesiensis

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Homo rhodesiensis
Seitlicher Blick auf Kabwe 1 (Original)

Seitlicher Blick auf Kabwe 1 (Original)

Zeitliches Auftreten
Pleistozän
ca. 300.000 bis ca. 200.000.000 Jahre
Fundorte
Systematik
Altweltaffen (Catarrhini)
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Tribus: Hominini
Gattung: Homo
Homo rhodesiensis
Wissenschaftlicher Name
Homo rhodesiensis
Woodward, 1921[1]

Als Homo rhodesiensis wird der fossile Schädel Kabwe 1 (auch: Broken Hill 1) bezeichnet, der am 17. Juni 1921 vom Schweizer Bergmann Tom Zwiglaar in einem Zink- und Bleibergwerk in Broken Hill, Nordrhodesien (heute Kabwe in Sambia) gefunden wurde.[2]

Der sehr gut erhaltene Schädel war – vor dem 1924 entdeckten Kind von Taung – das erste bedeutende, in Afrika entdeckte hominine Fossil. Es wird heute im Natural History Museum in London verwahrt,[3] unter der Archivnummer ist E686. Die Fundstelle in Sambia wurde bereits 1930 im Verlauf bergmännischer Arbeiten zerstört.

Im englischen Sprachraum ist das Fossil als Rhodesian man oder Broken Hill Skull bekannt.

Namensgebung[Bearbeiten]

Die Bezeichnung der Gattung Homo ist abgeleitet von lateinisch hŏmō [ˈhɔmoː] „Mensch”. Das Epitheton rhodesiensis erinnert an den Fundort des Typusexemplars im ehemaligen Nordrhodesien. Homo rhodesiensis bedeutet somit „Rhodesischer Mensch“.

Fundbeschreibung[Bearbeiten]

Zum Fundumfang, der für die Rekonstruktion der Stammesgeschichte des Menschen große Bedeutung hatte, gehören neben dem Schädel mit teilweise bezahntem Oberkiefer noch ein zweiter Oberkiefer, ein linkes Schienbein, ein rechter Oberarmknochen, das Fragment eines Oberschenkelknochens, ein Kreuzbein sowie weitere Bruchstücke von Knochen, die ebenfalls 1921 aus vermutlich der gleichen Bodenschicht wie der Schädel geborgen wurden.[4]

Kabwe 1, Ansicht von vorn (Kopie)

Das Hirnvolumen liegt bei 1300 cm³ und damit an der Untergrenze des Volumens beim anatomisch modernen Menschen, was im Vergleich mit sehr alten homininen Schädeln (die ein deutlich kleineres Gehirnvolumen besitzen) ebenfalls eine ältere Herkunft unwahrscheinlich macht.

Der Schädel wird als breitgesichtig wie der des Neandertalers beschrieben, steht aber in seiner Ausprägung zwischen diesem und dem anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens). Aufgrund des markanten Überaugenwulstes wird der Schädel einem Mann zugeschrieben.

Wegen der stark abgenutzten Zähne des Fundes wird vermutet, „dass dieses Individuum sehr raue Nahrung zu sich nahm. Es könnte sich dabei um Wurzeln, Knollen und Körner gehandelt haben. Ansonsten sah seine Ernährung wahrscheinlich ähnlich aus wie die von Homo heidelbergensis“,[5] dessen Nahrung zu mindestens 80 Prozent aus pflanzlichen Anteilen bestand.[6]

Datierung[Bearbeiten]

Die Datierung der Knochen erwies sich als schwierig und ist bislang recht ungenau. Per Elektronenspinresonanz wurde ermittelt, dass die Obergrenze des Alters „eher bei 300.000 als bei 500.000 Jahren“ liegt und dass die Altersuntergrenze „eher bei 200.000 als bei 300.000 Jahren“ liegt.[7] Reste von kleinen Säugetieren, die zusammen mit den homininen Fossilien geborgen wurden, gleichen ähnlichen Funden aus anderen afrikanischen Grabungen, die 300.000 bis 200.000 Jahre alt sind.[8] Eine frühere Altersbestimmung, die das Fossil in die Zeit zwischen 2,5 und 1,75 Millionen Jahre vor heute datierte, gilt als fehlerhaft.

Taxonomische Einordnung[Bearbeiten]

Stammbaum-Modell, das die Bedeutung von H. heidelbergensis und H. rhodesiensis betont

Die 1921 von Arthur Smith Woodward publizierte Zuordnung des Schädels Kabwe 1 als Holotypus der Art Homo rhodesiensis ist umstritten. Nach vorherrschender Expertenmeinung gehört Kabwe 1 zur Gruppe des archaischen Homo sapiens, so dass auch die Bezeichnung Homo sapiens rhodesiensis vorgeschlagen wurde.

Vorgeschlagen wurde jedoch auch, die als „archaischer Homo sapiens“ bezeichneten Funde als eigenständige Chronospezies Homo rhodesiensis zwischen die Arten Homo sapiens und Homo erectus zu stellen. Von Teilen der US-Paläoanthropologie wird Kabwe 1 hingegen zu Homo heidelbergensis gestellt.[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Matt Cartmill, Fred H. Smith: The Human Lineage. Kapitel 6. Wiley-Blackwell, Hoboken 2009, ISBN 978-0-471-21491-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Homo rhodesiensis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arthur Smith Woodward: A New Cave Man from Rhodesia, South Africa. In: Nature. Band 108, 1921, S. 371–372, doi:10.1038/108371a0.
  2. Smithsonian Institution: Kabwe 1. Nickname: Rhodesian Man.
  3. Chris Stringer: The Origin of Our Species. Penguin / Allen Lane, 2011, ISBN 978-1-84614-140-9, S. 248.
  4. Bernard Wood: Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. Wiley-Blackwell, 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6.
  5. Gary Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Spektrum, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8274-1915-6, S. 147.
  6. G. J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. S. 153.
  7. Chris Stringer, The Origin of Our Species, S. 252.
  8. D. Margaret Avery: Taphonomy of Micromammals from Cave Deposits at Kabwe (Broken Hill) and Twin Rivers in Central Zambia. In: Journal of Archaeological Science. Band 29, Nr. 5, 2002, S. 537–544, doi:10.1006/jasc.2001.0749
  9. australianmuseum.net.au: ‚Kabwe‘ or ‚Broken Hill 1‘ Homo heidelbergensis skull.