Homo sacer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Homo sacer (lat. geheiligter Mensch, heiliges Leben) ist ein Rechtsbegriff im römischen Strafrecht.

Begriff[Bearbeiten]

Ein Mensch mit dem Rechtsstatus des Homo sacer galt einerseits als vogelfrei und durfte straffrei getötet werden. Andererseits galt er auch als heilig. Aufgrund seiner Heiligkeit durfte er nicht geopfert werden, da er einer bestimmten Gottheit gehörte. Diese Rechtsfigur kam nach einem Eidesbruch zum Zuge. Der Eidesbrecher gehörte dadurch der Gottheit, in deren Namen der Eid abgelegt wurde. Wenn er dann getötet wurde, wurde dies als Rache der Gottheit - die ja offensichtlich getäuscht wurde - gesehen.

Nach dem Zwölftafelgesetz (8,21) wird ein Patron, der seine Klienten täuscht, als sacer und damit als vogelfrei und friedlos gebannt. Die damit verbundene Form der willkürlichen Arretierung existierte in ganz Europa bis 1679, als in England die Habeas Corpus Akte eingesetzt wurde, nach der jeder Gefangene innerhalb einer Frist von drei Tagen in personam vor Gericht gestellt werden muss.

Rezeption[Bearbeiten]

In dem Versuch des italienischen Philosophen Giorgio Agamben, das Phänomen totalitärer Ideologien in der Moderne zu entschlüsseln und die Theorie der Biopolitik Michel Foucaults unter dem Aspekt des Ausnahmezustandes weiterzuentwickeln, verwendet er die Figur des Homo sacer als Grundlage für die Betrachtungen seiner rechtsphilosophischen Genealogie. Agamben bezieht sich hier auf das Lexikon von Sextus Pompeius Festus.

Enzo Traverso sieht im Anschluss an Hannah Arendt[1] und mit Bezug auf Agamben in der Gestalt des Recht- und Staatenlosen als eines wiedererstandenen Homo sacer eine emblematische Figur der europäischen Krise, die 1914 ausgebrochen sei und sich zu einem Zweiten dreißigjährigen Krieg ausgeweitet habe.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002. ISBN 3-518-12068-9
  • Giorgio Agamben (1993): Au-delà des droits de l'homme. In: Libération v. 9./10. Juni 1993
  • Giorgio Agamben (2001): Jenseits der Menschenrechte. In: ‚Subtropen‘ Beilage zur Jungle World Nr. 28/01. 21. Juni 2002
  • Carl Schmitt: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. 7. Aufl., Berlin: Duncker & Humblot 1996
  • Eva Geulen: Giorgio Agamben zur Einführung. Hamburg: Junius, 2005.
  • Rainer Maria Kieswo: Ius Sacrum: Giorgio Agamben und das nackte Recht. In: Rechtsgeschichte. Zeitschrift des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte 1 (2002) S. 56-70 Volltext

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, Piper, München 2001, Kapitel „Aporien der Menschenrechte“, S. 601-625.
  2. Enzo Traverso, À feu et à sang. De la guerre civile européenne 1914-1945, Éditions Stock, Paris 2007, S. 156.

Weblinks[Bearbeiten]