Homophobie im Fußball

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Homophobie im Fußball ist die Ablehnung und Abwertung von Homosexualität durch Mitspieler, Funktionäre oder Zuschauer. Sie kann dazu führen, dass homosexuelle oder für homosexuell gehaltene Spielerinnen und Spieler ausgegrenzt oder ausgeschlossen werden, oder dass sie ihre Homosexualität verheimlichen oder sich präventiv als heterosexuell ausgeben. Mittlerweile sind eine Reihe von Amateurspielern offen homosexuell, und es gibt homosexuelle Sportvereine mit Fußballmannschaften. Trotz der zugesicherten Unterstützung durch Sportfunktionäre und Politiker geben sich im Herren-Profifußball bisher nur in Einzelfällen Spieler als homosexuell zu erkennen.

Allgemeines[Bearbeiten]

Homophobie gibt es im Sport nur in wenigen Mannschaftssportarten bei Männern. In Individualsportarten wie Tennis, Golf, Leichtathletik, Schwimmen und anderen Individualsportarten ist Homophobie nicht bzw. kaum vorhanden. Zudem fällt im Sport auf, das Homophobie nur in einigen Mannschaftssportarten der Männer vorhanden ist, während dies bei Mannschaftssportarten der Frauen kaum auffällig/vorhanden ist. Bei den wenigen Mannschaftssportarten, wo Homophobie vorhanden ist, fällt insbesondere die Mannschaftssportart Fußball auf. Verschiedene Medien berichteten im vergangenen Jahrzehnt vermehrt über das Thema „Homophobie im Fußball“.

Homophobe Äußerungen[Bearbeiten]

Ein Beispiel für offene Homophobie im Profifußball waren die Äußerungen des früheren Trainers der österreichischen Fußballnationalmannschaft Otto Barić 2004 in einem Interview mit der Schweizer Zeitung „Blick“: „Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen, höchstens gegen mich.“ In einem anderen Gespräch äußerte er sich gegenüber der kroatischen Zeitung Jutarnji list ähnlich: „Ich weiß, dass es in meiner Mannschaft keine Homosexuellen gibt. Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten, und ich möchte sie nicht in meinem Team haben.“[1] 2007 wurde Barić von der UEFA wegen erneuter homophober Äußerungen in Jutarnji List zu einer Geldstrafe von 1825 Euro verurteilt.[2]

Es gibt eine lange Tradition homophober Äußerungen von Fußballspielern. So erklärte der frühere Spieler von Fortuna Düsseldorf Michael Schütz in einem Interview: „Man würde gegen so einen nicht richtig rangehen, weil die gewisse Furcht vor Aids da wäre.“ Der ehemalige Verteidiger des 1. FC Köln, Paul Steiner, erklärte bei einer Fernsehdiskussion zum Thema Homosexualität im Fußball: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schwule Fußball spielen können.“

Der Fußballtrainer Christoph Daum äußerte Ende Mai 2008 in einer Sendung des Deutschen Sportfernsehens, befragt zur Jugendarbeit im Verein, man sei aufgefordert, „gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt sind, vorzugehen“. Er stellte also Homosexualität und Pädophilie in einen Zusammenhang, wofür er sich später öffentlich entschuldigte.[3]

Kurz nach Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2011 wurde bekannt, dass die nigerianische Trainerin Ngozi Uche im Vorfeld der Weltmeisterschaft alle lesbischen Spielerinnen aus der Nationalmannschaft Nigerias verbannt hat. Uche erklärte: „Ja, die Lesben in unserer Mannschaft waren wirklich ein großes Problem. Aber seitdem ich Trainerin der Falcons bin, hat sich das erledigt. Es gibt keine lesbische Spielerin mehr in meinem Team. Wir brauchen göttliche Intervention, um Homosexualität zu kontrollieren und einzuschränken. Bei uns hat es funktioniert. Ich kann diese dreckige Lebensweise nicht tolerieren.“[4]

Mohamadou Idrissou beschwerte sich Ende April 2013 nach der Niederlage seines Klubs 1. FC Kaiserslautern bei Energie Cottbus über Schiedsrichter Wolfgang Stark, dem seine Körpersprache nicht gefallen habe, mit den Worten: „Ich bin nicht schwul. Ich habe eine Männer-Körpersprache und werde auch kein Schwuler sein. Das ist sein Problem.“[5] In einer Stellungnahme entschuldigte sich Idrissou für seine Aussagen und betonte, „schwul sein“ nicht abwertend gemeint zu haben, deutete aber erneut eine Trennung und Gegensätzlichkeit von „schwul sein“ und Männlichkeit an.[6]

Die österreichische Trainerlegende Werner Gregoritsch äußerte sich 2011 dahingehend, dass schwule Fußballer für ihn „undenkbar“ wären, und ergänzte: „Für mich selbst ist es etwas Unnatürliches, mir ist das Wort Macho lieber als das Wort Schwuler. Ich weiß, jetzt kommen Mails von der Schwulen-Kommission, aber ich stehe dazu.“[7] Gregoritsch wurde bald darauf als Trainer der Österreichischen U-21-Fußballnationalmannschaft eingesetzt.

Zuschauer[Bearbeiten]

Fansprechchöre sind vereinzelt homophob aufgeladen, so sie sich an die gegnerische Mannschaften und deren Spieler richten.[8]

Mittlerweile haben mehrere Fußballvereine in Deutschland schwul-lesbische Fanklubs. Als erster offizieller Klub dieser Art gilt der Fanklub „Hertha-Junxx“ von Hertha BSC, der im August 2001 entstand. Weitere Gründungen in anderen Städten mit Bundesligafußball folgten. Mit dem Netzwerk Queer Football Fanclubs (QFF) existiert eine gemeinsame Plattform zum Erfahrungsaustausch.[9] Der Deutsche Fußball Bund sponserte beim Christopher Street Day in Köln 2008 erstmals einen Festwagen der QFF unter dem Motto „Fußball ist alles… auch schwul“.[10] In Österreich gibt es noch keine schwul-lesbischen Fanclubs, aber die Fanclubs des Wiener Sportklubs und der Wiener Vienna sind liberal eingestellt und unterstützen auch Aktionen gegen Homophobie im Sport.

Homosexuelle Spieler[Bearbeiten]

Heinz Bonn, Spieler des HSV, hielt in den 1970er-Jahren seine Homosexualität aus Furcht vor Karriereschäden geheim.

Justin Fashanu, der erste Fußballprofi, der sich 1990 während seiner sportlichen Karriere als homosexuell outete[11], erhängte sich 1998. Kurz zuvor wurde er in den USA wegen sexueller Nötigung angeklagt. Er soll sexuellen Verkehr mit einem 17-jährigen Fußballschüler gehabt haben, der ihn nach eigenen Angaben erpressen wollte.

Ohne dass er sich selbst als homosexuell betrachtet, berichtet der brasilianische Fußballspieler Pelé, dass er als jugendlicher Spieler, wie die meisten seiner damaligen Teamkameraden, seine ersten sexuellen Erfahrungen mit älteren Männern sammelte.[12]

Im nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit stehenden deutschen Frauenfußball leben einige Spielerinnen offen lesbisch. Homophobe Äußerungen sind aber nicht nur deshalb seltener. Martina Voss, eine der Ausnahmespielerinnen im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre, wurde, nach 125 Länderspielen, nicht für die Olympischen Spiele 2000 nominiert, weil sie wegen privater Probleme mit ihrer damaligen Freundin und Mannschaftskameradin Inka Grings die Teilnahme an einem Länderspiel abgesagt hatte. Tina Theune-Meyer ist der Ansicht, der Anteil der lesbischen Spielerinnen im deutschen Nationalteam liege bei 60 bis 70 Prozent.[13] Die Äußerungen und Reaktionen von Spielern, Trainern und Offiziellen zeigt für den von Männern betriebenen Ballsport in dieser Hinsicht ein ganz anderes Bild. Während in anderen Sportarten lesbische, schwule und bisexuelle Spitzensportler wie Martina Navrátilová (Tennis), Mark Tewksbury (Schwimmen), Greg Louganis (Turmspringen) oder Judith Arndt (Radsport) offen zu ihrer Homosexualität stehen, haben sich von den im Moment aktiven Spielern mit Anton Hysén[14] und Marcus Urban[15] bisher nur solche geoutet, die aus dem Profifußball ausgeschieden sind.

Vermutete Anzahl[Bearbeiten]

Folgt man Statistiken zur demografischen Häufigkeit von Homosexualität in der männlichen Bevölkerung, müssten in den Bundesligen mehrere schwule Spieler spielen.[16][17][18][19] Die Fußballzeitschrift Rund ging im Dezember 2006 im Rahmen einer Themenwoche sogar davon aus, dass mindestens drei schwule Teams in den Bundesligen spielen müssten.[20] Im Jahr 2005 berichtete die Financial Times, ein Spieler der Bundesliga und zwei weitere aus unteren Ligen seien bereit, sich zu outen, wenn sich acht weitere Spieler finden, die bereit sind, sich der Öffentlichkeit zu stellen.[21] Im Frühjahr 2006 sorgte in Großbritannien die Ankündigung der Boulevardzeitungen News of the World und The Sun, mehrere homosexuelle Profis zu outen für eine große öffentliche Diskussion.[22]

Das österreichische Wettbüro Gamebookers gab im Juni 2005 bekannt, es sei bei 800 Fußballprofis statistisch unmöglich, dass es keine schwulen Fußballer gebe. Das Unternehmen bot daher an, darauf zu wetten, ob sich homosexuelle Spieler der höchsten europäischen Ligen outen werden. Beim Outing eines schwulen Profi-Fußballerpaares betrug die angebotene Quote 51, beim Outing eines Einzelspielers 1,5, für das Outing mehrerer Fußballprofis schließlich 2,25.

Der Spielerberater Michael Becker bezeichnete die deutsche Fußballnationalmannschaft vor der Fußballweltmeisterschaft 2010 als „Schwulencombo“.[23]

Mögliches Outing[Bearbeiten]

Das Thema Homosexualität wird im Profifußball entweder stark emotionalisiert oder tabuisiert. Hierbei handelt es sich um kein spezifisch deutsches, sondern um ein generelles Phänomen innerhalb dieser Sportart. Eine schriftliche Anfrage des Senders BBC Radio Five Live bei 20 Vereinen der britischen Premier League mit drei Fragen zum Thema „Homophobie im Fußball“ blieb 20 mal unbeantwortet.[24] Reaktionen der Offiziellen zeigen deutlich, wie hoch das Konfliktpotential bei diesem Thema ist. Jürgen Rollmann, Ex-Profi von Werder Bremen, äußerte zu dieser Frage einmal: „Schwule Spieler muss es geben, aber ich weiß nicht, wo“. Bei über 800 aktiven Spielern gibt es im deutschen Profifußball keinen einzigen, der offen geoutet lebt.

Zur Situation in Deutschland äußerte sich Henning Bürger, Profi von FC Rot-Weiß Erfurt: „Wenn sich ein Spieler outen würde, wäre der Rummel groß. Gerade bei Auswärtsspielen müsste ein bekennender Homosexueller einen riesigen Druck aushalten. Irgendwann passiert es, aber noch ist die Angst zu groß.“ Auch Yves Eigenrauch, Ex-Profi von FC Schalke 04, vertritt eine Auffassung, die dies unterstreicht: „Es muss homosexuelle Spieler im Profifußball geben. So konservativ, wie sich der Sport darstellt, erführe die betreffende Person aber sicherlich eine große Ablehnung.“

„Ich habe in der Liga noch nie einen homosexuellen Spieler gesehen. Und bisher hat sich auch noch keiner bei mir geoutet. Aber es gibt bestimmt welche, auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann. Wenn sich einer outen will, soll er das ruhig tun. Das ist doch jedem selbst überlassen.“

Rudi Assauer, Manager von Schalke 04: zit. nach Bödeker 2004[25]

St.-Pauli-Präsident Corny Littmann hat sich wiederholt mit der Aussage geoutet, er habe bereits intime Kontakte zu mehreren Spielern gehabt. Dennoch kommt er im Gegensatz zu Assauer zu dem Schluss:

„Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten. In einem heterosexuellen Mannschaftsgefüge ist man direkt der Außenseiter, wird angreifbar für Mitspieler, Gegenspieler und Medien.“

Corny Littmann, Präsident des FC St. Pauli: zit. nach Bödeker 2004[25]

Günter Netzer bestätigte 2004 in der Fernsehsendung „Menschen bei Maischberger“, dass ein Outing für prominente Spieler durchaus fatal wäre.[26] Beim ersten Outing in der Profiliga ist abzusehen, dass es einen großen Medienrummel verursachen wird. Aus verschiedensten Wortmeldungen geht hervor, dass es am praktikabelsten erscheint, dass das erste Outing durch mehrere Spieler gleichzeitig erfolgen solle, womit die Last aufgeteilt würde. Eine wichtige Voraussetzung, um das ganze unbeschadet zu überstehen, ist auch Rückhalt bei den eigenen Mitspielern, Trainern, den Funktionären vom eigenen Verein bis zum Nationalverband und zur UEFA sowie Rückhalt bei einer relevanten Anzahl von Fans. Es muss nicht nur dem einzelnen persönlich egal sein, sondern bei diskriminierenden Reaktionen sollten aktive Gegenreaktionen erfolgen. Durch verschiedene großteils eigenständige Initiativen wird derzeit vermehrt versucht, aufzuklären. So will man mit offen schwulen Amateurvereinen zeigen, dass Schwule Fußball spielen können, sowie ins Bewusstsein rufen, was Homophobie ist und wo sie vorherrscht. So soll versucht werden, Homophobie abzubauen und in allen Vereinen und Hierarchien Unterstützer gegen Homophobie zu gewinnen. Es wird dabei teilweise nach Zusammenarbeit mit Initiativen gegen Rassismus gesucht. Neben dem allgemeinen gesellschaftlichen Abbau von Homophobie wird dadurch auch ein Umfeld geschaffen, in dem das Vertrauen der einzelnen Spieler in die Fußballgemeinschaft schließlich groß genug ist, um ein Outing zu wagen oder offen schwul in die Profiliga wechseln zu können.

Fußballverbände und gesellschaftliche Diskussion[Bearbeiten]

Bis in die 1990er-Jahre galt Homosexualität bei Fußballspielern auch unter Verbandsfunktionären als nicht existent oder nicht erwünscht. Infolge des gesellschaftlichen Wandels positionierten sich die meisten Fußballverbände offiziell als homosexuellenfreundlich und ermutigen die Spieler zum Outing.

1981 verkündete die FIFA, das in einigen Ländern verbreitete Küssen der Spieler während des Spiels sei „unmännlich, übertrieben gefühlsbetont und deshalb unangebracht“.

2004 produzierte die US-Amerikanerin Sherry Horman die Komödie Männer wie wir, in der sie in dieser Sportart verbreitete homophobe Auffassungen in den Mittelpunkt der Handlung stellte.

Die englische Football Association (FA) veranstaltete im November 2005 einen Gipfel zum Thema Homophobie im Fußball.[21] Im Frühjahr 2006 sorgte in Großbritannien die Ankündigung der Boulevardzeitungen News of the World und The Sun, mehrere homosexuelle Profis zu outen, für eine große öffentliche Diskussion.[27] Im Jahr 2005 kündigte die Football Association an, zukünftig Fans, die gegnerische Fans, Spieler oder Schiedsrichter als „Poofs“ (Schwuchteln) beleidigen, aus dem Stadion zu entfernen. Schließlich wurden Anfang August 2006 zwei englische Fans wegen schwulenfeindlicher Beschimpfungen verurteilt.[28][29]

In der Folge Todesursache Eigentor (S01E03, 26. November 2007) der Serie Elvis und der Kommissar wird ein Fußballstar von seiner Verlobten verlassen und stirbt nach einer Verwechslung in einem Eifersuchtsstreit mit seinem heimlichen Freund.[30]

Diskussion 2011[Bearbeiten]

In der Handlung des am 20. März 2011 ausgestrahlten Tatort: Mord in der ersten Liga wird im Zuge der Ermittlungen nach dem Mord an einem Mannschaftskameraden auch die Homosexualität eines Bundesligaprofis aufgedeckt, der sich am Ende offen outet, was von den Fans begrüßt wird. Die Ausstrahlung der Folge wurde von DFB-Manager Oliver Bierhoff kritisiert: „Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen. Dieser Satz im ,Tatort’ hatte ja keine inhaltliche Relevanz. Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalelf. Und das ärgert mich.“[31] Eine Reihe von Nationalspielern hat daraufhin dementiert, homosexuell zu sein. Der Bundestrainer Joachim Löw sagte, es stimme nicht, dass er homosexuell sei, was seine Frau bestätigen könne.[32] Der Spieler Philipp Lahm verwandte fast ein ganzes Kapitel seines im August 2011 erschienenen Buches Der feine Unterschied. Wie man Spitzenfußballer wird, um darzulegen, nicht schwul zu sein.[23] Die Freundin des Spielers Arne Friedrich teilte in einem offenen Brief an die Bildzeitung mit: "Nein, Arne ist nicht schwul, und ich bin mir sicher, dass er der Letzte wäre, der nicht dazu stehen würde!“[33]

Diskussion 2012[Bearbeiten]

Die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze sagt mit Hinblick auf den Fußballsport in Deutschland, es sei „eine Modernisierung von Männlichkeit denkbar und in manchen Bereichen der Gesellschaft geradezu notwendig. Männlichkeit selbst dagegen darf nicht herausgefordert werden. Aber gerade das bewerkstelligt der Verdacht gleichgeschlechtlicher Affinität. Homosexualität wird als Feminisierung begriffen. Ethnische Differenz dagegen fordert zwar Vorstellungen von Staatsbürgerschaft als Abstammungsgemeinschaft heraus, aber nicht die Männlichkeit.“ Neben den systemischen Gründen für Homophobie sei „allerdings auch ein performativer Selbstwiderspruch zu berücksichtigen, der im Spiel oder vielmehr in den Ritualen, die das Spiel begleiten, liegt.“ [34]

Am 11. September 2012 veröffentlichte das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung Fluter ein anonymes Interview mit einem homosexuellen Spieler der Fußball-Bundesliga, der u.a. von einem „ständigen Druck zwischen dem heterosexuellen Vorzeigespieler und der möglichen Entdeckung“ berichtete.[35] Die Echtheit des Interviews wurde vonseiten der Fußballzeitschrift 11 Freunde bezweifelt.[36] Der Präsident des deutschen Fußballbundes (DFB) Wolfgang Niersbach bot nach dem Interview allen Amateur- und Berufsspielern, die sich als homosexuell outen wollen, „jegliche Hilfe“ des Verbandes an. Auf einer Pressekonferenz, auf der ein von der Stiftung Deutschlandstiftung Integration zum Start ihrer für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland werbenden Aktion „Geh Deinen Weg“ initiierter Integrationsspieltag der Fußball-Bundesliga vorgestellt wurde, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel über den anonymen Spieler: „Er lebt in einem Land, in dem er sich vor einem Outing nicht fürchten muss. Wir können nur das Signal geben, dass er keine Angst haben muss“. Der Präsident des Bundesliga-Vereines FC Bayern München Ulrich Hoeneß sagte, sich outende Spieler brauchten keine Sorge um ihre körperliche Unversehrtheit zu haben. Hoeneß kündigte an, die Fans des FC Bayern hätten damit „keine großen Probleme“ und der Club würde „entsprechend auftreten und denjenigen genau so schützen, wie es notwendig ist“. Dagegen sprach der Präsident der deutschen Fußballliga Reinhard Rauball von einem „ungelösten Problem“, für das ein „gesellschaftlicher Konsens“ gefunden werden müsse, und wies auf unüberschaubare Nachteile für sich outende Fußballspieler hin.[37]

Der vielfache Spieler der deutschen Nationalmannschaft Lothar Matthäus sagte in einem Interview am 26. Oktober 2012, er wisse nicht, ob es homosexuelle Profifußballer gibt. Matthäus hält ein Outing für „falsch, weil die Gehässigkeit der Fans sehr groß ist“.[38]

Eine Gruppe von Fans des russischen Fußballmeisters Zenit Sankt Petersburg veröffentlichte am 17. Dezember 2012 ein Manifest mit der Forderung, keine schwarzen, homosexuellen oder nichteuropäischen Spieler aufzunehmen.[39][40]

Diskussion 2013[Bearbeiten]

Im Jahr 2013 gab der US-Amerikaner Robbie Rogers seine Homosexualität bekannt.

Am 17. Juli 2013 vereinbarten der Deutsche Fußballbund (DFB) und die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld die „Berliner Erklärung“ mit dem Motto „Gemeinsam gegen Homophobie. Für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport“.[41] Zugleich wurde eine Broschüre vorgestellt, die in einer Auflage von 26 000 an Verbände und Vereine verschickt werden soll.[42][43] Darin werden u.a. homosexuelle Amateur- und Profispieler zu einem gut vorbereiteten Coming-Out ermutigt und Unterstützung angeboten. Der Homosexuellen-Aktivist und frühere Präsident des Vereins FC St. Pauli Corny Littmann kritisiert die Broschüre für den Profibereich als verfehlt, da es Probleme in international zusammengesetzten Mannschaften geben könne und er mindestens die Hälfte aller Trainer der Bundesligen für homophob halte.[44]

Diskussion 2014[Bearbeiten]

Im Januar 2014 sprach Thomas Hitzlsperger im Interview mit der Zeitung Die Zeit als einer der ersten Spieler des deutschen Profifußballs über seine Homosexualität.[45] Das Coming-out fand international Beachtung, beispielsweise in France Football.[46]

Während der Fussballweltmeisterschaft 2014 riefen mexikanische und brasilianische Fans den Torwarten gegnerischer Mannschaften „Puto“ (abwertend für „männlicher Prostituierter“) zu. Nach öffentlichen Beschwerden der Gruppe Football Against Racism in Europe (FARE) leitete die FIFA eine Untersuchung gegen Mexiko ein. Der mexikanische Trainer Miguel Herrera verteidigte die Zurufe der Fans[47] und sagte, es gebe „wichtigere Dinge zu lösen als solche Dinge, die schon seit einige Zeit häufig zu Torhütern in Mexiko gesagt worden sind“.[48] Am 23. Juni 2014 entschied die Disziplinarkommission der FIFA, keine Maßnahmen gegen Mexiko und Brasilien zu ergreifen mit der Begründung, dass der „in Frage stehende Vorfall in diesem besonderen Zusammenhang nicht als beleidigend“ erachtet werde.[49] Im November 2014 wurde der von der Kulturstiftung des DFB geförderte Kurzfilm Zwei Gesichter in der Kölner Olympiamuseum uraufgeführt, der Homophobie im Jugendfußball thematisiert.[50]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vergleiche hierzu:
    Lattenknaller oder ist Fußball schwul? Homosexualität ist eines der letzten Tabus im Fußball – doch die Mauern bröckelt unter chilli.cc
    Homophobe Österreicher sorgen europaweit für Schlagzeilen unter hosiwien.at
    „greenpoint“, Nur ein Spiel für echte Männer? unter NEON.
  2. Vorarlberger Nachrichten, 31. Juli 2007
  3. Daniel Theweleit: Traineransichten: Daum-Äußerungen verärgern Homosexuelle auf Spiegel online vom 22. Mai 2008, Zugriff am 9. Januar 2014.
  4. Nigerias Trainerin sorgt für ersten WM-Skandal., Fussball.de, 28. Juni 2011
  5. Idrissou redet sich um Kopf und Kragen – DFB ermittelt, kicker.de, 30. April 2013
  6. Mo Idrissou: "Es tut mir aufrichtig Leid!“, fck.de, 2. Mai 2013
  7. Gregoritsch lieber Machos als Schwule
  8. Homophobie „Schwabenschwuchteln“ und nackte Schalkern, Tafel der Ausstellung Tatort-Stadion, 2001
  9. http://queerfootballfanclubs.com
  10. Schwule Fußballer?, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, 26. Juni 2008
  11. J. Mendrala: Einsame Spitze, TAZ vom 16. Oktober 2008: „Nun ist er [Fashanu] der erste Profifußballer, der sich je offen zu seiner Homosexualität bekannt hat.“ (abgerufen am 7. Oktober 2009)
  12. J. Tobin: Soccer. In: Encyclopedia of Lesbian and Gay Histories and Cultures, 2000
  13. Peter Ahrens: Der DFB taut auf. Spiegel Online, 13. Oktober 2007.
  14. Int. Fußball – Paukenschlag: Fußballer outet sich
  15. Queer: Der erste schwule Fußballer bricht das Schweigen
  16. vgl. Dembowski, Gerd: Von Schwabenschwuchteln und nackten Schalkern. Schwulenfeindlichkeit im Fußballmilieu. In: Ders.; Jürgen Scheidle (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002, S. 140–146.
  17. Patrick Hamm et.al.: Bewegte Männer. Das schwule Buch zum Sport. 1. Auflage. Jackwerth-Verlag, 1996, ISBN 3-932117-23-9.
  18. Oliver Lück, Rainer Schäfer: Warten auf das Coming-out. Spiegel Online, 29. Oktober 2004.
  19. Jan Feddersen: Outing wäre Selbstmord. die tageszeitung, 11. August 2006.
  20. Oliver Lück, Rainer Schäfer: Ein Outing wäre mein Tod. RUND, 17. Dezember 2006, S. 18 (PDF; 17,8 MB).
  21. a b Simon Kuper: Gay players set to break team taboo. Financial Times, 16. Dezember 2005 (englisch).
  22. Tabloids focus on gay footballer claims online unter gay.com
  23. a b Anja Kühne: Die Männlichkeit steht auf dem Spiel, Zeit, 6. Juli 2012
  24. Why are there no openly gay footballers?, BBC News, 11. November 2005
  25. a b Uwe Bödeker, Schwule Profis: Warum sich keiner outet. Der Kino-Film »Männer wie wir« sorgt für Aufsehen in der Fußball-Branche, in: Express, 7. Oktober 2004
  26. Ricarda Schrader (dpa): Homosexualität trifft Fußball: „Männer wie wir“ (Web-Archiv, 3. Februar 2008), Wiesbadener Kurier, 8. Oktober 2004
  27. Tabloids focus on gay footballer claims online unter gay.com
  28. Dennis Klein: England verbietet Homophobie im Stadion. queer.de, 31. Oktober 2005.
  29. Homophobie: Fußballfans bestraft. queer.de, 9. August 2006.
  30. Ein Fotomodell löst die Verlobung mit dem Fußballstar Kurt Schowanitzki wegen dessen heimlicher Homosexualität zwei Wochen vor der Hochzeit. Der ermittelnde Kommissar erahnt dies durch einen aufgeschlagenen Bildband und wird von der Verlobten gebeten, es diskret zu behandeln. Durch eine Verwechslung beginnt der eifersüchtige Freund des Fußballers einen Streit, bei dem der Fußballer stirbt.
  31. Ronny Blaschke: Bierhoff und die ewig gestrigen Schlagzeilen über schwule Fußballer, Zeit Online, 10. April 2011
  32. Dagmar von Taube: Joachim Löw und die letzte Frage nach dem Toupet, Interview, Welt, 26. April 2012
  33. [1]
  34. Gabriele Dietze: Intersektionalität im nationalen Strafraum: Race, Gender und Sexualität und die deutsche Nationalmannschaft, in: Feministische Studien, Heft 1, Mai 2012 (Download, 53 Seiten pdf)
  35. Adrian Bechthold: Ein Mann, den es eigentlich nicht gibt, Interview mit einem homosexuellen Spieler der Fußball-Bundesliga, Fluter, 11. September 2012
  36. Markus Völker: Skeptisch beäugt, Taz, September 2012
  37. Angela Merkel rät schwulen Profis zum Outing, Welt, 13. September 2012
  38. „Armin Veh macht's richtig super“, Radiointerview mit Lothar Matthäus auf Hr1, 26. Oktober 2012
  39. Chris Kvesa: Zenit supporters' group warns against buying black or gay players, 17. Dezember 2012
  40. Alex Feuerherdt: Homophobie: Coming-out im russischen Fußball?, Fußball-gegen-Nazis, 4. Januar 2013
  41. Berliner Erklärung, Berlin, 17. Juli 2013, Fußball für Vielfalt, Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
  42. DFB verstärkt Kampf gegen Homophobie, Zeit, 17. Juli 2013
  43. Fußball und Homophobie. Eine Informationsbroschüre des DFB (28 Seiten pdf; 4,2 MB), Deutscher Fußballbund, 2013
  44. Lutz Wöckener: Littmann findet DFB-Leitfaden „lauwarm und irreal“, Interview mit Cornelius Littmann, Welt, 28. Juli 2013
  45. zeit.de: Thomas Hitzlsperger bekennt sich zu seiner Homosexualität, abgerufen am 8. Januar 2014
  46. siehe den Artikel „Hitzlsperger fait son coming out“ vom 8. Januar 2014 bei francefootball.fr
  47. Thomas Fatheuer: Kulturgut Homophobie, Taz, 25. Juni 2014
  48. „There are more important things to resolve than things that have been said to goalkeepers in Mexico for some time“, zitiert nach AFP: „Homophobic chants not serious“, says Mexico coach, Times of India, 20. Juni 2014
  49. „The disciplinary committee has decided that the incident in question is not considered insulting in this specific context“, zitiert nach Ben Rumsby: World Cup 2014: Fifa say Brazil and Mexico fans' faggot chant is not considered homophobic, Telegraph, 23. Juni 2014
  50. Neues Förderprojekt der Kulturstiftung: "Zwei Gesichter", dfb.de, 21. November 2014